Nr. 68
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Ihres Vaters Tochter.
Roman von Sulu von Strauß und Torney.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
München, 23. Februar 1901. Siebet Freund!
Heilte muß ich einmal schelten.
Sie wissen, wie ich mich über Ihre Briefe freue — oder nein. Sie wissen's nicht! Mit wahrem Hunger reiße ich den Ilmschlag arif. Ich verstehe Ihre Hieroglyphen so gewandt zu entziffern, wie ein Aegyptologe die Tempel- wände von Phtlä herunterliest. Und doch — jedesmal, wenn ich den Brief hinlege, die gleiche Enttäuschung!
Sie schreiben taufend gute, liebe Dinge — aber doch M Wenig. Ich bin glücklich, daß Sie mich in Ihr geistiges Sehen hereinschauen lassen; aber ich will mehr hören, Persönlicheres, Greifbares, irgend etwas, an dem sich mein Heimweh in dieser fremdeir Stadt festhalten kann. Mich interessiert ja alles und jedes! Von Villa höre ich zwar selbst durch ihre allerdings sehr eiligen Briefe mit modern seitenfressender Handschrift. Aber sonst? Was macht Baby, mein Siebling? Wie bringen Sie Ihre Tage hin? Was tun Sie abends, zu unserer Zeit, Georg?
Werden Sie mich auslachen mit meinem kleinlichen Wunsch? Ich schäme mich oft meiner Briefe voll kleiner Erlebnisse, wenn ich die Ihren lese!
Es ging ja ähnlich, wenn wir zusammen sprachen. Sie ruhten nicht, bis Sie aus unserm jeweiligen Thema die allgemeine Wahrheit, das Objektive, herausgeholt hatten. Und ich mußte mir jeden allgemeinen Satz erst durch meine eigene kleine Sebenserfahrung bunt illustrieren, ehe ich ihn begriff!
„Dafür sind Sie ein Frauenzimmerchen!" würde der Professor in seinem behaglichen Baß sagen!
Ich kann Ihnen nicht helfen, Georg, Sie bekommen auch heute nichts anderes zu hören als sonst: einen kleinen Ausschnitt voin Seben, angeschaut mit Fräulein Agnes Weddigens Augen! Und dieses anspruchslose Geschöpf selbst mitten im Vordergrund!
Ich war also doch wieder in dem Sankt Georgen- haus int Dal, und nicht nur einmal. Seppl und ich sind sehr gute Freunde geworden. Sind Sie nicht eifersüchtig, Georg?
Ich bin ganz zu Hause in dem Hellen, kleinen Wintergarten, wo sein Fahrstuhl mitten in der Sonne steht. Sein mageres Gesicht strahlt, wenn er seine Aga sieht. Das „Tante" habe ich ihm abgewöhnt; ich will für den Jungen etwas Persönlicheres sein, nicht nur die zufällige Ver- tretertn dieser Gattung Sebewesen, die ein Kind unter dem Sammelnamen „Tante" zusammenfaßt!
Was wir miteinander anfangen? Ach, vieles!
Ich erzähle Geschichten, aber nicht nur Heiligenlegendeir ivie die Zcnz, und freue mich au den großen, wunderhung-« rigen Augen, mit bcneit Seppl zuhört. Oder ich lehre ihn ein bißchen lesen und schreiben — die Zenz kann jq nur statt ihres Namens drei Kreuze malen — oder ich horche auch nur auf die Grübeleien, die dieser Kinderkops sich in den langen/ einsamen Stunden im Fahrstuhl ausheckt; Fragen voll tiefsinniger Einfalt, bei denen uns Großen das Antworten vergeht!
„Gelt, Aga, es gibt doch wirklich böse Menschen? Gan^ böse? Die tun mir aber arg leid."
„Warum denn, Seppl?"
„Ja, sie sind doch gewiß net gern bös. Sie könnest nur net anders, weil der liebe Gott sie so gemacht hak. Aber ganz zuletzt, gelt, da nimmt er die auch in beit Himmel?"
Er seufzt etwas.
„Wenn ich der liebe Gott wär, und ich wüßt g'wiß, daß einer bös wird, tat ich ihn gar net schöpfen."
Er hat das Vorn Vater, diese Herzensgüte, die lv<e die Sonne über Böse und Gute scheint. Den Professor habe ich rasch kennen gelernt in der kurzen Zeit.
Er schaut Meistens ein paar Minuten herein, wenn ich bei Seppl bin. Unser grünes, gläsernes Haus ist dann plötzlich bis in alle Ecken Voll Von der kräftigen, gutmütigen Stimme; et muß die breiten Schultern und die blondrote, graudurchschossene Haarmähne ducken, damit ihm die breiten; schönen Daturafächer nicht ins Gesicht schlafen.
Ich bin für ihn ganz einfach „Aga" wie für den Jungest auch.
Das Thema Von neulich hat er mit keinem Wort wieder berührt, meines Vaters Namen niemals genannt. Es ist, als ob das, was uns doch zusammenführte, für ihn nicht mehr existierte.
Wenn das Takt und Rücksicht ist, kann ich ihm ja nur dankbar sein. Eine besondere Anstrengung scheint es ihn allerdings nicht zu kosten!
?rber ich muß gerecht sein.
Mein Vater war sein Freund, ja. Wer Freundschaft ist nicht Blutsverwandtschaft. Paßt sie einem nicht mehr, so bricht man sie eben ab. Die Sache ist einfach!
Und das andere? Anna Dibelius?
Das ist lange her. Der Bernhard Bernhardi Von drei- nndzwanzig Jahren war ein anderer als der Professor Bernhardi mit bald fünfzig. Was kann sie ihm anders sein als eine blasse Erinnerung? Er hat ja eine andere an ihre Stelle setzen können!
Ich Vergesse übrigens immer, daß er der berühmte Professor Bernhardt ist. Er trägt's auch nicht auf.
Neulich nahm er den Seppl auf dem Arm mit, als er mir im Atelier sein neues Bild, den Bergsee, zeigen wollte. . ;
„Ich mag nicht theoretisieren. Wenn ich reden könnte, wär ich Bücherschreiber und nicht Maler. Was ich zu


