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Unablässig trollt der Hund im Rade vdrwärts, wodurch der MafS- balg, verbunden mit dem Rad, sich "hebt und senkt, die Flammä ans der Esse in stetem Zischen zu erhalten; damit das Eisen, das von allen ©eiten nun der Glut anvertraut wird, stets für des Meisters Griff bereit zum Schmieden liegt. Rings um di« Esse flehen die Schmiede int Kreis, jeder vor seinem Schmiedestock, ans welchem Ambos, Abhieb unb Nageleisen befestigt stich. M« . das nun hämmert. Geschäftig greift eilt jeder nach dem Eisen; «bald von einem Zain ein Nagel abgeschmiedet, wird der andere! Zain, der inzwischen wieder heiß geworden ist, genommen, und so geht es sort. Wer in der Nachbarschaft wohnt und itoch schlafest tomte, der müßte schon schwerhörig oder taub sein; doch auch an dieses Getriebe gewohnt man sich mit der Zeit. Zu meiner Zeit als kleiner Junge habe ich, wenn ich int Bette lag und frühmorgens das GekloPf der Schmiede hörte, nach dem Gehör gelernt, von wem die einzelnen Schläge ansgingen, denn jeder Schmied hatte immerhin kleine Eigenheiten in der Handhabung des Hammers. Ich habe weiter nach dem Gehör gewußt, welche, Sorte Nägel .jeder der Schmiede machte, denn mit der Zeit hatte ich gelernt, WUttnel Schläge zur Fertigstellung eines Nagels nötig wären; so etwa, wie man beim Zusammenläuten der Kirchenglocken, oder b« Must- kanten, wann man darauf hört, jede einzelne Stimme für sich verfolgen kann. _ .
Es wurden Nagel verschiedener, Lorten gemacht: Rad- mu» Speschennägel, Hufnägel, Lattnagel, in der Hauptsache aber Schals nägel; diese wieder 'in 5 Sorten. — Sobald der Tag anbricht und der Hunger Lei Mensch und Tier sich bemerkbar macht, machen die Schmiede Pause und gehen heim zum Kaffeetrinken Bis manch' anderer die Augen aufmacht, hat der Nagelschmied scho>t fest gearbeitet, er nimmt, wurfweise gezählt (Wurf — o etiler), btt) Nägel mit nach Hause. Im Ofen sind Kartoffeln gebraten worden, dazu frischer Schmierkäse uttb Kaffee, lver wollte mehr?
Wenn ein Nagelschmied etwa 14 Tage gearbeitet hat, daiM geht er „weg mit Nä'l", d. h. er besucht seine Kunden, die Lchuch- macher, Dachdecker nsw., um seine Ware abzusetzen. Jede Lvrts für sich in einem Beutel, wird die ganze Last auf ein Ress 9^ Hunden und mit diesem auf dem Rücken schreitet der dragelMn-t« fürbaß. Der große Umkreis der Wetterau, bis in die Taunusbbr>«v hinein, ferner alles übernt Vogelsberg, die Rhön und dre Fuldaer Gegend ' bildeten das Absatzgebiet der Rainröder NagelsckMiede. In 4—5 Tagen kehrt der Schmied zurück, müde zwar, doch leer die Beutel auf dein Reff, dafür aber gefüllt der Beutel m der Tasche. Und die Neuigkeiten, die es gab da drangen in der Welt, am Schniiedflvck wurden sie von Men Seiten besprochen uns gewürdigt.
Zieht der Frühling ein ins Land, dann verringert sich des Zahl der Schmiede in dem Kreis, denn manch einer hat em Feld, das er beginnt mit Fruchten zu bestellen. Dann ist s nicht mehr so schön in der Schmiede, wie es im Winter war. Zivar wrt« die freie Zeit im Sommer iwch in der Schmiede ausgenutzt; dich gehts dem Herbste zn, dann hinaus in den grünen Wald. Jetzt gilfg. die Köhlermeiler aufzubauen und Kohlen nsteder für den Bedarf des Jahres zn brennen. Wenn damals ivvhl leinand ans imwegsamem Pfad im Walde sich verirrt und zu den Metterst kam (denn der Touristen und Wege, wie es heute sind, gabs juft noch nicht zu dieser Zeit), der mußte, wenn er ne nickst kannte, sich flirchten vor den Köhlern rabenschwarz. Gleich einer Wildnis Ivars; die Hütte nebenan mit Moos, Geäst und Raten wohl bedmt. Darin, auf Stroh gebettet, schläft wohl einer, zwei, indessen draußen an den Meilern einer auf der Mackst ist mit der Lchippe, nm etwa da, ivo die Flamme auszubrecheii droht, dieselbe mit Erde wieder gut zn bedecken. Wie hat man sich gefreut als Junge, wenn man hinaus durfte zn den Köhlern, um Eisen oder sonst was hinzutragen. Man iännt sie ja, doch nur beim Namen, wie man int Dorf sie nannte: Der „Oelchamies", der „Schottes , das „Preußi" usw. In 14 Tagen etwa ist der Kohlenbrand geschehen.
Der „BrückebürgermcisterS Hannes" soll der beste Schmied gewesen fein, er machte die meisten und schönsten Nagel- — Und heute? Noch ein Schmied ist da, der Schuhnagcl inacht, das „Wölfchen" (Friedrich Bechtold II.). Nur noch dieses Jahr will er die Himdesteuer bezahlen, dann wird auch er c-as Handwerk Niederlegen und mit ihm stirbt eine Industrie, b;e mehr als hundert Jahre gute und schlechte Zeiten überdauert, gänzlich an».
Schon in den 30 er Jahren ließ das Handwerk nach, baust Konkurrenz entstand in tzdassau, auch machten die Fabriken schon Trahtnägel. Als aber später noch schuhnagel fabtttmaßm gemacht wurden, da gingS rapid abwärts mit den Rage schrmeden. Tic gute alte Zeit, fie war vorbei. Biele hatün sich beiztest gesorgt für Geld und wandten sich tn den 40 er Zähren, als das Land noch billiger war, zum Ackerbarn Legten ^alecr an, dick bputc flut hPrTU'Ttct WClbf-H. 'SkC OCfytDndjCtCH btt
leicht in Sorglosigkeit sich der Zukunft anvertraut, sie kamen ste^ rurück der Allol'l tat ncch das leine, ;te völlig dem Elend Mels- zngeben. Die letzten der ehemals noch Zünftigen wurde» spater) *m' Mißjahre stader Landwirtschaft, dabei der Mangel an Halen später dem Torfe Rainrvd wieder harte Minden Äg Namentlich war es iti den 50 er Jahren die narioffelkrmllM, welche den Bauern sHveren Schaden znfiigtL^lugristetrm wurden die grünen Stengel! jchwarz, da» Kraut ichrumpfte zu-
Hundert Jahre Dorfgeschichte.
Bon August Konrad, Hungen.
(Bei unserem Preisausschreiben lobend erwähnt))
Wenn schon die Kriegsjahre gegen Ende beS 18. Jahrhunderts ist allen deutschen Landeii schwere Rot und Entbehrungen brachten. Und der Bevölkerung schwere Opser auserlegten, so geschah dies erst reckst zur Zeit der französischen RedvAtion. Tie verbündeteit -Oestreicher durchzogen Teutschland, um mit dem deutschen Heer die französische Revolution zu unterdrücken. Turchmärsche und Eingnartieruugeu der Oesterreicher verursachten mannigfache Opfer Mi Geld, Vieh und Naturalien, wovon der Vogelsberg' nicht verschont blieb. — Tie Erhebung Preußens (nach dem zweiten und Mitten ungüiistigen Kriegszug der verbündeten Oesterreicher, Riilsen und Engländer gegen Frankreich) gegen die Napoleonische Herrschaft, hatte der Verlust der Hälfte der preußischen Länder zur Folge und das französische Heer, vorweg seine Generale, bereicherten sich an deutschen Gütern. Und da finden mir wieder, wie auch Unsere Gegend, die Wetterau und der Vogelsberg, unter der Rücksichtslosigkeit der ftanzösischen Blutegel zn leiden hatte. Was Ihnen mit dünkte und was sie erreichen konnten, mußte hergegebest fyerden. Widerstand war nicht möglich, beim brutale Gewalttaten bet Franzosen stanchn ihm entgegen, jede persönliche Freiheit war so gut wie aufgehoben. Handel und Wandel lagen, überall tu Teutschland darnieder, die Franzosen führten Krieg mit deutschem' Geld, Gut und Blut. Wie konnte es da anderstem, als daß Mich in unserer Gegend unter der Last dieser großen Opfer, bei der Unmöglichkeit jeder freien Erwerbstätigkeit, Schulden zu schulden sich häuften, bereu Tragung kaum noch möglich war. — Lrst der deutsche Befteiungskrieg (1813—15) und der völlige smg Über die französischen Eroberer iit der Entscheidungschlacht bei Leipzig, mit der Verfolgung nach Paris, brachte beni beut;men Volk Befreiung vom französischen J'vch Wenn zwar die Einheit der deutschen Lande nicht bestand, so konnten sich doch tut inneren Wettbewerb Landwirtschaft, Handel und Industrie erholen. Und so komme ich, nach kurzer Vorausschickung obiger bekannten weit- 'geschichtlichen Begebenheit zu meiner „Dorfgeschichte".
Zivar lasteten noch die Folgen der Kriege auf der Gegend; hie schweren Schulden, die gemacht werden mutzten, und die fvusttge Zerfahrenheit, die unter den ftanzösischen Kriegsscharen überall, eingetreten war, sollten ansgcmerzt werden. Das konnte nur langsam geschehen, beuit die Kraft der Bürger war, icettn nicht erschöpft, so doch auf harte Proben gestellt worden. Dte Gv- meinden waren vielfach nicht mehr in der Lage, ihre Armei« zu ernähren und so legten sich letztere, mit fog. Patenten (Bettel- briefciti versehen, auf den Bettel. Es waren dies aber ntckst etwa sog. Landstreicher im heutigen Sinn, sondern es mußten mitunter ftühcr hochgestellte Personen, die unter den Kriegen irm Hab und Gut gekommen waren, auf diese Weite für dca Erhaltung des eigenen JchS sorgen. Man findet unter den alten Gemeinde-Akten die Anweisungen, wo „dem 9t. N., w anher ge- «ouiimen, 3 Ke. aus der Gemeinde zn bezahlen find' Schullehrer Und sonstige Gcmeindebedienstcten,*) denen ein Gehalt nicht bezahlt tvewdeu konnte, gingen auf der Reihe heruue, d. h. sse min tcn reden Tag in einem anderen Hanse essen.
Das Torf Rainrvd bei Schotten überwand dw schweren Folgen bet Kriege verhältnismäßig bald, da cs gewißermaßenl ein Jndnstrieort Ivar, der von der Kriegen noch etwas profitieren konnte. Ums Iaht 1800, und später noch starker, würbe daselbst als lohnendes Handwerk die Na g elfchmtede-Pro feil lv-n betrieben Aehnlick wie an andereit Plätzen fast aiisfchttetzlich andere Professionen betrieben wurden: in Eichelsachsen dleSpiNM räderfabrikativu, in Schotteil die Tuchmachere,, tm hohen,BogAv« berg die Rechen- und Sensenfabrikation. Zu danialiger Zett hatten die emzelnen Prosessionsplätze einen Ruf, -welcher noch erhöht lourbe durch den Zusammenschluß der Fabrikanten zn, Zünften. Das Svlidaritätsbewnßtsein erfüllte bte einzelnen Glieder befl Zunft mit Stolz und verschaffte nach außen beit gehörigen Respekt.
Zn dieser Zeit bet guten Konjunktur im Nagelschmiedegewerbe haben sich in Rainrvd Wohlstand und Besitztum gebildet und zum Teil lange erhalten. Ans den Familien waren Vater unb söhne beim Schmiedegeschäst, die Frauen besorgten das Hauswesen und die Töchter spannen das Garn zum Linnen, die Wolle zu «trumpfen unt? Kleidern, und in Scheune und Stall mußten die Kinderl helfen: cs waltete Fleiß und Sparsamkeit und dre Erfolge spornten an — Ungefähr 12 bis 15 Schmieden mögen in Ramrvd,. das damals wohl 500 Einwohner zählte, bestanden haben, m denen jeber einzelnen 6 bis 8 Mann beschäftigr waren. Früh des Atorgens, Wenns galt um 3 Uhr im Winter, Mirde angefangen. Einer weckt den anderen und das Tork kommt in Bewegung. Müde Hunde bellen auf und in Holzschuhen tappt der -schmiede schar über den krächzenden, gefrorenen Schnee, jeder hat tm 'Schurzfell fein £etl Holzkohlen, die er zur Speisung des Feuers zu stellen hat. Wohl Mopst ein junger Fant am Fenster lein dem schätz, bei dem,er, Ms der Wächter die Nacht zehnmal ins Kirschbanmhvrn gcbla>cn, Nebedürstig noch gestynden. DM« zum Geschäft rüst fttzt dw Pflicht. Der SchmWhnnd, der Ijcutejnt der Reih ist, das Rad zi, drehen, springt pflichtbewußt zur Stätt« seines Wirkens hm.
*) Ans ZattgesiW gegen die Lehret nicht genauer angegeben.


