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In Kölln Diner. 'Zuerst beteiligten sich Von den Machbar» nicht viele. Man wollte hören und sehen, wie es ablief. Als man nun aber erfuhr, daß die Ulanen dagewesen und die Artillerie, waren bald alle Fremdenzimmer besetzt, und in allen Boxen standen die Pferde.
Man erwartete, Ludwig würde selbst Master sein, die Hunds zu führen. Zu allgemeinem Staunen bat jedoch Herr Droesigl Oberstleutnant von Herrnwerth, die Jagden zu leiten. Die Ulanen freuten sich über die Ehre, die ihrem Kommandeur zuteil wurde, die Gutsnachbarn rühmten des neuen Kölln er Herrn Bescheidenheit. Ludwig Droesigl fand aber bei seiner Entsagung die Rechnung. Immer mehr Offiziere kamen. Immer größer wurde das Jagds Id. Eine Menge Herren, die Ludwig aus Berlin nur oberflächlich kannte, bemühten sich um eine Einladung, ja solche, die früher von ihm keinen Gebrauch gemacht, schrieben ihm wie einem alten Freunde. Doch Ludwig lud nicht jeden ein, von dem er einen Brief bekam, denn Agathe hatte dringend verlangt, jeder, den sie zu empfangen habe, müsse durch einen Freund des Hauses persönlich eingeführt werden. Da ließ Graf Regnier feine Minen springen. Er brachte Herren mit, gleichsam wie eigene Gäste. Dann bat er Ludwig um Verzeihung, aber es sei ein „scharmanter Mensch", und er hg.be ihm keinen Korb geben wollen. In Wirklichkeit jedoch hatte Seine Exzellenz nach Tisch ein wenig mit den Jagden geprunkt, als ob es seine eigenen wären.
Es gab ja auch fein schöneres Jagdgelände in ganz Deutschland. In der Reiterweit war Kölln seit langen Jahren so bekannt, daß es nur der Nachricht bedurfte, „die Hunde gehen tvieder laut", um alle Reiterherzen schlagen zu lassen. Und wie einst beim alten Grafen Kölln, so war «s auch jetzt, daß, wer zur Jagd ausgefordert wurde, damit auch zu Tisch geladen war und im Schloß ein Zimmer erhielt, sich umzukleiden.
Ludwig vergrößerte sein Personal. Aber nur für die Zeit der Jagden nahm er Leute an, die dann vier Wochen lang in die dunkle Livree mit schwarzen Knöpfen gesteckt wurden. Ludwig war der erste auf, der legte zu Bett. Menn Agathe längst schlief, hatte er noch eine Besprechung mit dem Küchenchef, morgens war er zeitig in der Kanzlei. Er kannte die Löhne aller Leute, setzte die Rationen für die Pferde fest, gab an, woher alles, was in Kölln gebraucht mürbe, bezogen werden sollte. Bon feinem Vater harte er die Arbeitskraft, die eisernen Nerven, die es erlaubten, mit wenig Schlaf sich M begnügen. Von feinem Vater auch jenes Ange, das mit einem Ueberfliegen den geringsten Fehler in den Büchern entdeckte. Er wußte alle Preise, fein Blumenkohl konnte höher angefegt werden als das Jahr vorher, ohne daß es ihm auffiel. Im großen Gemeinwesen dieses Schlosses war peinlichste Ordnung.
Da gab es kein nächtliches Stelldichein auf verschwiegenen Korridoren, in Wäsche- und Vorratskammern. Ueber- all schien das Auge des Herrn zu wachen. Agathe brauchte sich um solche Dinge nicht zu kümmern. Sie begrüßte die Herren, fie saß bei den Damen, inzwischen sah sie einmal -- sie nährte nicht mehr — nach ihrem Sohn. Sie erschien bei Tisch, und doch brachte^ sie den Kleinen noch §u Bett. Wie war überall, als habe.sie schon von Ludwig gelernt.
In dieser Zeit, wo die Gatten sich fast nie anders als in Gegenwart eines Dritten trafen, hatte fie fein trauriges Wort darüber-, daß ihr Mann ihr beinahe nicht mehr zu gehören schien. Sie begnügte sich mit einem Kuß am Abend und der leisen Frage ins Ohr, tveiin er ein ernstes Gesicht zeigte:
— Bist du gut?
Immer mar er gut gegen fie, immer ritterlich, immer gleichmäßig.
Der Ruf der Parforce-Jagden in dem altberühmten Gelände, auf den vorzüglichen, englischen Pferden, hatte sich weit verbreitet. In den Sportzeitungen standen Ar- rifel — ein Teilnehmer mußte fie verfaßt haben — über den Verlauf der Jagden, das Wetter, das gute Arbeiten der Hunde. Mn Schluß wurden bann meist die Teilnehmer genannt.
Der Oberstleutnant gab Ludwig ein solches Blatt. Er steckte es ein, denn er hatte noch eine Besprechung mit dem Haushofmeister. Leise betrat er sein Schlafzimmer, öffnete, wie jeden Wend, die Tür zum Kinderzimmer, Ku lauschen, ob der .Weine schliefe. In dem dämmerigen Gemach, in dem nur das Nachtlicht brannte, hörte man den ruhigen Atem des Kindes.
Ludwig trat an die Tür zum Schlafzimmer seiner Frau. Auch da mar alles still. Er zog leise die Lackschuhe aus. Wie er sich dann des Frackes entledigte, dachte er an den Zeitungsausschnitt, den ihm der Oberstleutnant gegeben. Er streckte sich ans, nahm gähnend das Papier. Ihm fielen! fast die Augen zu, als er feinen Namen las. Nun wurde er aufmerksam. Mit Wohlgefallen blieben seine Blicke auf den Sätzen ruhen:
„Mer wir motten es alle dem Münire danken, der bie; Tradition aufrecht erhält des alten Schlosses Kölln mit feinem unvergleichlichen Jagdgelände. Dieser Mann, einer der besten Reiter im Felde, ber in feiner Bescheidenheit die eigene Menke nicht selbst führt, fonbern unter feinen Gästen reitet, als wäre er eingeladen wie fie.’ Solche Jagden haben einen nicht zu unterschätzenden Wert für die Armee. Sie sind wichtiger als Rennen, die, wie es in der Natur! der Sache liegt, doch nur der Reitfähigkeit von ein paar einzelnen zugute kommen können. Sie sind berufen, ein ganzes Offizierkorps in der Feldtauglichkeit zu fördern, und Oberstleutnant von Herrnwerth, der Kömntandeur de« Liebstatter Ulanen, dem der Schloßherr von Kölln die Masterschaft übertragen hat, wird es für feine Herren nicht hoch genug anzuschlagen miffen, was ihnen da geboten wird. Wer in dem schwierigen, aber doch fairen Jagdgelände jede Woche zweimal bis zum Hallali hinter den Hunden bleibt, von dem können wir auch annehmen, daß er an den Feind kommt und seine Meldung zuriick- bringt."
Ludwig Droesigl lächelte leise vor sich hin. Wie bann davon die Rede war, daß Agathe die Honneurs mache, liebreizend und zu aller Zufriedenheit da näherte' er das Blatt der Glühbirne auf dem Nachttisch. Als er aber dann las, auch Prinz und Prinzessin Hohengart, Schwager und Schwägerin des Schloßherrn feien anwesend, setzte er sich beinahe aufrecht int Bett und überflog noch einmal von Anfang bis zu Ende all die Namen der Prinzen, Grafen und Herren. Jagd- und Hausgäste von ihm — Ludwig Droesigl.
Es kam bald heraus, wer die Berichte verfaßte, die jetzt täglich nach Tisch von Hand zu Hand gingen: niemand anders als Seine Exzellenz der Kaiserliche Gesandte zur Disposition Graf Rögnier.
Die kleine, schriftstellerische Leistung machte ihm viel zu großen Spaß, als daß er imstande gewesen märe, es lange zu verbergen. Graf Regnier war die Seele der Unterhaltung. Bei jedem Jagbdiner hielt er eine Rede auf die Damen: Agathe, Prinzessin Hohengart, ein- ober zweimal auch die alte Gräfin Lindenbach, seine Tochter, nun schon junge Frau, Frau von Eysz, Fran von Liegen, Gräfin Tiefenau und die geborene Honig. Jedesmal schmunzelten die Gesichter, wenn ans Glas geklopft wurde und das fröhliche, gerötete Antlitz mit dem weißen Haar anftanchte. Darüber vergaß man sogar das Spiel.
Es schien eigentlich zum Schloß ztt gehören. Anfangs machten einstige Teilnehmer der alten .Köttner Jagden erstaunte Gesichter, als keine Anstalten getroffen wurden, in das Spielzimmer hinüber zu gehen. Sie meinten, jetzt müsse die Dienerschaft verschwunden und der alte Elßmann allein mit der Flasche um den Tisch gehen. Doch die Dienerschaft blieb, und nach Tisch wurde nichts anderes an- geboten als Schnaps und Kaffee. Die Damen wurden nicht mehr hinausgegrault, damit das Spiel beginnen, könne: Die Hausfrau hatte ihr Recht.
Trotz bem nahm wohl einer den andern beiseite:
— Wird denn heute nicht ein kleines Kuchen gemacht?
Es wurde keines gemacht. Als jemand Ludwig lächelnd darnach fragte, sagte er mit höflicher Entschiedenheit: ' "
— Pardon, einmal sind Damen da, und dann die jungen Offiziere.
Oberstleutnant von Herrnwerth wußte ihm Dank. Ein trinkfester Mann, im Sättel der erste, nicht umzubriiigen und nicht müde zu bekommen, duldete er doch kein Spiel. Da hieß es wohl aus erstauntem Munde:
„Aber Droesigl hat früher gejeut wie ’ne Statte i" nnbj es ging die Legende: „Seitdem er verheiratet ist, rührt er keine Karte mehr an. Er hat es ihr versprochen."
(Fortsetzung folgt.)


