761
Unter ihrer Kundschaft bestimmte Set vornehmen Gesellschaft, denen zuerst die ersonnenen Neuheiten vorgelegt werden; findet sich eine von ihnen bereit, die „Premiere" zu übernehmen, dann ist der Triumph der Neuheit sicher, und in wenigen Wochen wird das Gebilde seinen Meislauf durch die Salons Europas vollendet haben. Aber oft, sehr oft kommt es vor, daß die tonangebenden Damen es adle hn en, der neuen Mode zu dienen, und gelingt es dann nicht, wenigstens eine der berühmteren Pariser Schauspielerinnen dazu zu bewegen, dann ist das Schicksal der neuen Schöpfung besiegelt und alle Arbeit verloren.
Der berühmte „Humpelrock", der im vergangenen Jahre auskam und nun bereits von den Pariserinnen abgelegt tft, war keineswegs eine neue Schöpfung: er lag mehrere Jahre lang im Schrank, und keine Modedame wollte sich finden, die bereit war, dieses Erzeugnis einer bizarren Phantasie zu „lancieren", bis endlich im Borjahr eine bekannte Pariser Dame sich dazu herberließ. Diese Zensur, die die Pariser Modefübrerinnen heimlich ausüben, hat die Frauenwelt Europas in den letzten fünf Jahren vor manchen unsinnigen „Neuheiten" beschützt, die in Pariser Werkstätten ausgeheckt worden waren. Im Strand Magazine plaudert ein Eingeweihter allerlei Geheimnisse aus über diese Moden, die nie in die Oesfentlichkeit kamen und in den Schränken der Pariser Modehäuser unbenutzt hängen geblieben sind — bis sie vielleicht doch einmal das Licht der Oesfentlichkeit erblicken. Bor drei Jahren etiva hatte man in Paris den Plan, die Menschheit mit einer seltsamen Frauenmode zu beglücken: mit den „Ballon- Hüften". In dieser wunderlichen Schöpfung klingt auch das Prinzip des Humpelrockes an: der untere Teil des Nockes war bei dieser Toilette ziemlich eng geplant. Etwa Von der Kniegegend an aber erweiterte sich der Rock plötzlich zur Ballonform, um schließlich in der Taille wieder zur Körperlinie zurückzukehren. Eine ganze Reihe solcher Toiletten wurden hergestellt, auch Abendroben, 6ct denen der Ballon eine etwas länglichere Form annahm. Dazu hatte man eine ,^lrian gu l ar-Frisur" erfunden, eine Haartracht, die in mächtigen, weit ausladenden Flügeln zu den Seiten strebte und im ganzen mehr als dreimal so breit hmr wie das Gesicht selbst. Nach oben baute sich dann dieses Haargebilde in Form einer stumpfen Pyramide auf lind sollte von einer großen Straußenfeder gekrönt werden. Mer die Pariser Damen streikten; Ballonhüften und die neue Frisur wurden abgelehnt und nie getragen. Schon mehrfach ivar in den letzten Jahren von einer Wiederkehr der Krinoline die Rede. In der Tat war eine Reihe von Krinolinengewändern gemacht worden, die in der Zeichnung sogar geivisse Reize der Linie verrieten, aber es blieb immer nur bei den frommen Wünschen der Schneider: man fand keine Dame, die diese Mode einführen wollte. Als die Aufregung über Rostands „Chanteeler" in Paris das Tagesgespräch war, herrschte in den Pariser Schneiderwerkstätten eine fieberhafte Tätigkeit. Man zerbrach sich den Kopf, loie man die „Sensation" für die Mode ausnützen könnte, und einige Chanteclerhüte, -Hutnadeln und bergt kamen auch ans Tageslicht. Aber die meisten und die kühnsten Marten des Themas Chanteeler „versagten". Man hatte eine Toilette entworfen, bei der über einen zart- plissiersten Rock eine phantastisch drapierte Tunika geworfen war, die etwa, eine Handbrest unterhalb der Kniee abschloß. Diese Tunika war so geschnitten, daß sie sich in graziösem Faltenwurf nach hinten ein wenig aufrrch- tete und so in oer Silhouette tatsächlich! an die Fasanin gemahnte. Dazu sollte eine Frisur getragen werden, bei der über seitlichen Locken ein massives Häargebilde in Form eines kleinen Bienenkorbes sich auftürmte; als Schmuck zierten dann Federn diese Coiffure. Immer wieder legte man diese Kreation den Führerinnen der Pariser Mode vor, aber die schüttelten den Kopf, und die Chantecler- Robe harrt noch heute ihrer „Uraufführung". Zahllos sind die Versuche, die mit großen, konisch geformten Hüten gemacht worden sind, teils Stroh-, teils Filzhüten. Mer diese Gebilde, bei denen man unwillkürlich an Koreaner und Siamesen denkt, sind von den Pariserinnen lächelnd beiseite geschoben worden, obgleich manche dieser Schöpfungen sogar" einen gewissen Charme in der Linienführung nicht verleugnen. Auch Damenhüte, die eine freie Variation über das Thema „Zylinder" waren, teilten dies Schicksal. Bei diesen Hüten war die Krempe abwärts gebogen und eine Frisur in Aussicht genommen, die man „Rubinstein-Frisur"
taufte: die Haare kamen in wellig en Linien unter dem' Hute hervor, bedeckten die Ohren und legten sich wie ein bauschiges Kissen um den Hinterkopf, der Hals jedoch war ganz frei gedacht. Doch auch diese Schöpfung konnte nicht durchdringen, ebensowenig wie ein sehr praktischer Herbsb mantel, der vor etwa drei Jahren komponiert wurde und immer noch einer Liebhaberin harrt. Das war ein ganzer Mantel, weite Aerinel, überall lose und weit gearbeitet; um die Taille schmiegte sich ein breiter Samtgürtel, der untere Teil des Rockes lief weit und bauschig aus. Er mutete wie eine Variante des männlichen Automobilmantels an, bot aber eine entzückende Farbenabstufung von hellem und dunklem Grün. Aber die graziöse Pariserin fürchtete wohl, daß in diesem höchst praktischen Kleidungsstück die zarte Anmut ihrer Gestalt zu sehr verhüllt würde, und die Neuheit wurde nie „modern".
Sainte-Catherine.
W. Paris, Ende November, s '
Sainte-Catherine ist das Fest der Mädchen wie Saint-Nicolas das Fest der Jungens ist. Während man aber von Saint-Nicolas nicht viel Aufhebens macht, feiert alle Welt Sainte-Catherine.! Am Nicolastag schickt man höchstens einem alten Junggesellen! der Beiänntschast beziehungsvolle Ansichtspostkarten, um ihn zu! verhöhnen; am Katharinentage schenkt man den kleinen Mädchen in kurzen Kleidchen Zuckerwerk und den anderen kleinen Mädchen in langen Kleidern — die aber auch nicht zu lang sind — Blumen oder sonstige schöne Sachen. Und wir finden das alles durchaus in der Ordnung, denn die Mädchen sind dazu da, verwöhnt zN werden, während die kleinen Rüpel uns nieift nur ärgern und während man bei den alten Gareons überhaupt nicht weiß, was sie eigentlich für einen Daseinszweck haben. Das Merkwürdige ist nuir aber, daß man hier Sainte-Catherine ganz überflüssigerwcisck mit einem einigermaßen schwermütigen Nebengedanken belastet hat. Die Pariserin, die das fünsundzwanzigste Lebensjahr erreicht hat, ohne einen Lebensgefährten vom Herrn Maire zugesprochen erhalten zu haben, gilt als „sitzen geblieben", als „alte Jungfer" und wie die freundlichen Redensarten sonst bei uns im alten! Deutschland heißen. Am Catherinentage hat die Unglückliche bk1 altüberlieferte Haube aufzusetzen mrd das nennt man coisser Sainte- Catherine. Nie war eine Sitte ungerechter, denn die Pariserinnen! werden doch mit jedem Jahre hübscher, auch nach den Fünsnnd- zwanzig — ihre Aussicht, einen Mann zn bekommen, müßte danach also eigentlich nach Sainte-Catherine noch znnehmen. Glücklicher- weise lassen sich auch die jungen Tarnen durch die große Haube keineswegs zu schwarzen Gedanken veranlassen, zuin mindesten! zeigen sie das nicht. Bor allem die Midinettes verlieren ihr« gute Lamee nicht. .
Und Sainte-Catherine, das Fest aller Mädchen, tft ut allererster Linie das große Fest aller Pariser Midinettes. Am 25. November wird in allen Pariser Arbeitswerkstätten die Catherinck gekrönt. Im Viertel zwischen Avenue de l'Opsra, Rue de Rivoli, Rue Rohale wird das Fest natürlich mit allein Glanz gestiert» denn hier Hausen die Aristokratinnen unter deir Midinettes, dick in den Putzniacher- und Schiieideratcliers in ihren hübsches Köpfchen die Wunderwerke ausdenken und mit ihren kleinen! Handelt scrtigftelleu, die Hinterher den Ruhnt der Pariser Be- kleidnngskunst in aller Welt verkünden und die Arbeitgeber reich machen. Ach, die kleineit Midinettes werden nicht reich! Aber sie sind fröhlich und lebenslustig, wenn ihnen das Schicksal nicht tiefe- Wunden schlägt oder häusliches Elend sie nicht aufreibt. Sind sie schon sonst die Lieblinge des Volkes von Paris, so sind sie es am Catherinentage noch zehnmal mehr. Die Mittagspause wirt etwas verlängert und die Zeit benutzt man, um die Cathe-i ritten in der Rue de la Paix int Triumph herumznführen. Jedes Atelier ist stolz auf seine Catherine oder Catherincit. Dick Hauben sittd nicht alltägliche Hauben. Tie Phantasie und die Erfindungsgabe der Midinettes ist unersckSpslich im Ausdenstst vott neuen Haubenarten. Im vergangenen Jahr« gaben z. B. die Aeroplane den Ton an. Da sahen ivir niedlich« Monoplana und Biplane aller Konstruktionen, in allen Farben und in allem denkbaren Putzmaterial. Was wird in diesem Jahre Mode sein? Wir wissen es noch nicht. Die Midittettes liebelt es, mit ibra* Catherimnhanben die Pariser zu überraschen. Tie Hauptsache sind ja auch die Catherinen selbst, itttb ihre jungen, frisch eil undj von Daseinsfreude strahlenden Gesichtchen sind immer reizend, welche Haubcnart auch die blonden, braunen und schwarzen Haara zieren mag. Wer irgend kann, geht an diesem Tage Mchdey Rue de 'la Paix, dm Catherinen gebührend zu huldigen. Weit ans dem Quartier latin kommen die Studenten herbei UM veranstatten den Midinettes zu Ehren einm Aufmarsch durch die Rue de la Paix. Auch an braven Soldaten fehlt es utcht und schließlich stellm sich alle Verehrer des schönett Geschlechts ein — junge und alte Sünder. Die emftcn Polizeibpamtew lassen das der Straßenordimng widersprechende Treiben wohl-, wollend zu und die Midinettes mit ihrm Catherinen, zu merav fünfen untergefaßt, manchmal auch in ganzm Rudeln, beherrschest die Straße. Nachmittags trinkt man in den ?ttetters hier und


