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Moden, die nicht „ziehen".
Wer alljährlich in den Zeiten des Modenwechsels die endlose Fülle neuer Erscheinungen beobachtet, imt denen die Pariser Modeschöpfer die aushorchende Welt buchenden, mag leicht zu dem Eindruck versührt werden, daß jede Neu- heit, auch die wunderlichste, bei der allzeit modefreudigen Frauenwelt sofort ihre mehr oder minder begeisterten An-, Hängerinnen findet und sich schnell durchsetzt. Wer der Schein trügt, und groß, viel größer als man denkt, ist die Summe der Arbeit und Mühe, die in den führenden Pariser Modewerkstätten umsonst geleistet wird. Denn mit de« Phantasie des ,,Modedichters" allein ist es nicht getan, das wichtigste bleibt, eine der tonangebenden Damen der Gesellschaft zu gewinnen, die die neue Meldung „lanciert", Paquin, Worth und alle eleganten Pariser „Ateliers" hasten
Also warten wir ast, sagte sich Fritz. Gr sprang sröhi- lich auf und öffnete das Fenster. lieber der Straße lag lachender Sonnenschein: die Autofahrt konnte wundervoll werden. Er sah nach der Uhr: Herrgott, gleich dreivrertek auf neun! Hastig kleidete er sich an und machte sich nach der Villa Hoche auf den Weg Schon von wertem sah er, daß das Automobil bereits auf der Straße hrelt — und da stand auch die Komteß schon reisefertig
Sie begann die Unterhaltung mit einer erfreulichen Mitteilung. Madame Bailloud hatte ein wenig Migräne; außerdem haßte die alte Dame die Kraftwagen, und, was die Hauptsache war: sie setzte ein so unbedingtes Vertrauen in Herrn Ferice (das hieß Fritz) Friedöel, daß es ihr nicht notwendig erschien, als Chaperonne an dem Ausflug teil, zunehmen. So blieb sie denn lieber zu Hause.
„Sie haben ihr Herz im Sturm gewonnen, sagte
„Ich habe mir die größtmöglichste Mühe, gegeben«, merkte es. Es war auch ein listiges Streben dabei.
„Diplomatie, Komteß. Ich wollte ihr Vertrauen eüv* lullen, um sie von dem Zwang zu befreien, ständig den Engel des Paradieses mit dem flammenden Schwert spielen
Andröe lachte. „Das ist Ihnen ,a auch glücklich gelungen!" rief sie heiter. „Nun steigen Sie ein! Sonst lenke ich meist selber, aber heut mag der Chauffeur seines Amtes walten — wir können dann besser plaudern.
Sie winkte zurück, dem int Portal wartenden Diener, der mit einem Staubmantel über dem Wm und eine Brillen- maste in der Haiid näher trat. Fritz mußte in den Mantel schlüpfen und sich die Maske anlegen; der weiße Staub auf der Chaussee sei wenig erfreulich, erklärte die Komteß;
Und dann ging es los, mitten hinein in die grüne Welt der Weinberge. Ay ließ man seitwärts liegen; man fuhr geradeswegs auf Reims zu. Die ganze Landschaft war wie ein einziger schöner, sorgsam gepflegter Garten. Andröe wies auf die Steine am Wegrande, die hier die Grenzpfähle der heimischen Gelände vertraten; r-der totem trug das Namenszeichen der Besitzer. Zwischen aststeruhm- ten Firmen sah Fritz mich eine Anzahl völlig nnbe- hannter Namen. Die Miquelons hatten unter deut Grafen Mfred ihren Befitz erheblich vergrößert; dann war em Stillstand eingetreten. Andröe sprach sich offenherzig darüber aus. Ihr Vater hatte gar kein Interesse fair das Geschäft gezeigt. Er war ein reger Geist gewesen, aber sein« sozialpolitischen Studien hatten ihn mehr beschäftigt als der Handel, dem er eine kühle Gleichgültigkeit entgegen- brachte. Vielleicht hatten auch die gehässigen Angriffe de« nationalistischen Blätter dazu beigetragen, ihm das schäft zu verleiden. Sie dauerten nach seinem Tode übrigens ununterbrochen fort. Andrste erzählte, daß sie zuweilen auf unerhörte Weise mit Schmutz beworfen werde. Und das war um so unerklärlicher, als sich außer der Firma Miquelon noch eine ganze Anzahl von Champagnerhausern in deutschen Händen besand. Viele der Herren hatten ihr Deutschtum freilich längst als unnützeii Ballast beiseite geworfen. Aber es waren doch auch manche da, die es verschinähten, sich von heute zu morgeit in einen franzcsl- schen Chauvinisten zu verwandeln; nur wareii sie, das gast Andröe zu, vorsichtiger in der Betonung ihrer Ueberzeu- gung, als es ihr Vater geweseii und als sie selbst es war.
(Fortsetzung folgt.) _
Verlängerung der Zahlungstermine m der Schwebe sei. Auf eine Ueberwinduug der Krise ser also imt Sicherheit zu rechnet,, wmn auch zweifellos unter großen Schwierigkeiten Er schrieb ferner Näheres über den Tod Helldorfs. £0 er Selbstmord verübt habe oder vielleicht in der Trim- kenheit auf die Schienen geraten sei, habe sich nicht feststellen lassen; seine materiellen Verhältnisse seren so Unglaublich verworren, daß seine Witlve wahrscheinlich das Konkursverfahren über den Nachlaß beantragen werde. Der Rest des Briefes galt der anliegenden .Kopie des Protokolls über die Zeugenvernehmung des Herzogs von Abee- iken. Sie war in Rewyork erfolgt, da der Herzog sich aus unbekannten Gründen kurzerhand entschlossen hatte, auf halbem Wege umzukehren; daher kam es auch, daß ihn die Kabeldepeschen aus Deutschland erst so spat erreicht hatten. Die Vernehmung war vor dem Notar Herrn Jt G. Sanderson, Rotary Public County os kings certificate m Rewyork County, erfolgt und vor ihm eidlich bekräftigt worden. Der Herzog hatte sich auch bereit erklärt, dasselbe Zeugnis vor einem deutschen Gericht^zu wiederholen, Und Kesselholz wies darauf hin, daß gerade dieser Passus für die Verhandlungen mit der Firma Miquelon von Wichtigkeit fein werde.
In dem Protokoll selbst gab der Herzog an: daß er bereits Anfang Mai des Jahres Herrn Fritz Friedel von der Firma K. A. Friedel in Schrattstein (Rheni) zugefagt, zu der Tause seines Luftschiffes Excelsior Wein der gen nannten Firma zu verwenden; daß er späterhin, als das Haus Friedel sich entschlossen, ihrer neuen Schaumwem- marke den Namen des Luftschiffes zu geben, seine Zusage dahin betätigt habe, diese Marke Excelsior bei dem Tauf- «kt zu benützen; daß er feinem Chefkonstrukteur Lefson ausdrücklich beit Auftrag erteilt habe, genannte Marke zu diestem Zwecke wie als Bankettwein in Empfang zu nehmen. Auf Vorhalt führt er weiter aus: daß er als Präsident der Deutsch-niederländischen Lnstschiffer-Gesellschast durchaus berecht gt gewesen sei, derartige Bestimmungen zu treten, Und daß es ihm ausgeschlossen erscheine. Herr Lesfon konnte mißverständlich gemeint haben, es handle sich um den Ex- eelsior benannten Champagner der Firma Miquelon. Aus ferneren Vorhalt: beim Taufakt selbst habe er die ihm von Herrn Lefson überreichte Flasche Champagner tn Empfang genommen, ohne darauf zu achten, ob es wirklich Friedelsches Produkt sei; jedenfalls habe er ,,e dafür gehalten, ebenso, wie er überzeugt gewesen sei, bei dem Festbankett sei als Champagner die Fricdelsche Marke Excelsior verschenkt worden. Wenn Herr Lefson trotz alledem Champagner der Firma Miquelon zu beiden Zwecken vorgezogen habe, fo sei dies gegen seinen ausdrückliche,r Willen geschehen, und aiich er könne diese Tatsache nur als eine „Unterschiebung" bezeichneir, gegen die er, wenn sie shm rechtzeitig bekannt geworden wäre, zum welligsten energischen Protest erhoben hätte.
Das Aktenstück war von großer Bedeutung. Es war so wichtig, daß Fritz nicht mehr daran zweifelte, das Gericht würde auf der Grundlage dieser Aussagen die Mage der Firma Miquelon kostenpflichtig abweisen. Denn nun handelte es sich nicht mehr um die Frage, welcher Champagner bei dem Taufakt Verweiidung gefunden, fondern Um den Dolus, der die Benütziing der Miquelonschen Marke ^ermöglicht hatte.
Fritz überlegte: damit WM im Grunde genommen feine Mission in Epernay erledigt. Das Blatt hatte sich zu feinen Gunsten gewandt; er konnte wieder abreisen, ohne in eine Verhandlung eintreten zu brauchen, und das Weitere in Ruhe abwarten.
Wer das ging nicht au; nein, das war unmöglich. Der Kavalier trat ivieder vor den Kaufmann. Die Komteß Hoche hatte ihm Gastfreundschaft gewährt und war, augenscheinlich noch in dem Bewußtsein, daß das gute Recht ihrem Hause zustehe, zu einer gütlichen Einigung bereit: da konnte er nicht saus adieu abreisen und das Ende des Streits den Gerichten überlassen. Aber vielleicht wäre es das Richtige gewesen, heute schon mit dem Newyorker Protokoll zu der Komteß zu gehen und ihr den Sach- Verhalt vorzulegen. Auch das verwarf Fritz. Die Verhandlung sollte in Gegenwart des Geschäftsführers des Hauses Miquelon stattfinden, und kam es daun doch noch zu einer Einigung, so mußte das Ergebnis notariell festgelegt werden.


