Ausgabe 
1.9.1910
 
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beuchten ihn plötzlich die Berliner Versicherungen, die ihn gestern noch mit solcher Ermutigung erfüllt hatten; nichtige Redensarten schienen sie hier auf dem Platz, an dem rechts der Dom empor ragte, links das Palais des Kirchenfürsten Und dicht dabei das Priesterseminar in all ihrer massiven Stattlichkeit lagen.

Ganz ohnmächtig kam er sich auf einmal vor.

Hier, hier an der Ecke der Gasse, die ihn nun ddy Wagen, in den er am Domplatz gestiegen war, hinabfuhr, stand in großer Schrift der Straßenname auf polnisch und ganz klein darunter die deutsche Bezeichnung. Herrgott, Herrgott! Er fuhr sich über die Augen, als müsse er's fortwischen, das Trugbild, hier war ja noch ganz, ganz polnisches Land!

In einer Betrübnis, die auch die Aussicht,, bald sein Deutschem wiederzusehen, bald Helene, bald die Knaben ans Herz drücken zu können, nicht lindern konnte, fuhr er dahin. I

Regen und Schnee, die gegen die Eisenbahnfenster ge­prasselt, hatten nachgelassen; aber er saß noch in eine Ecke des Wagens gedrückt, den Kragen hochgeschlagen, die Reisedecke, die er gar nicht mehr zu gebrauchen gedacht hatte, bis zur Brust hinausgezogen. Er fühlte nicht, daß ihn jetzt wieder eine lindere Luft umwehte. Aprilschauer waren vorübergerauscht, nun lachte Aprilsonne. Im blankdn Sonnenschein wogten grüne Saaten. Er sah das all'es nicht. Das Kinn auf die Brust gedrückt, die Augen nieder­geschlagen, verharrte er unbeweglich. Er grüßte nicht, als in oer Nähe des ersten Dorfes, das mau passierte, ein Sämann anr Ackerland den Hut bis zur Erde zog:Dobry wieczor!" Er erwiderte auch den Gruß des Mädchens nicht, das, hübsch und leichtfüßig, trotz einer schweren Last,, die seinen Rücken beugte, eine Weile neben dem Wagen her­schritt. Er sah alles nicht, nicht das Wachsen der Saaten, nicht den Fleiß der Leute, auch nicht die helle Sonne; er fühlte nicht den erdigen Duft, der von der Scholle auf­stieg und mit belebendem Hauch um seine Stirn strich. Um ihn her war es finster.

Er Hörte auch nicht das leise Trillern einer Lerche am benähten Grabenrain. Aber er hörte jetzt das Läuten der Glocke von Pociecha-Dorf. Das Sechsuhrlänteu. Weit­hin über die Felder wehte der Klang. Die Leute, die ver­einzelt da und dort arbeiteten, verneigten sich; er sah, wie sie sich bekreuzten und dann schleunigst, ihr Arbeits­gerät zusammenraffend, sich zum Heimweg anschickten. Sie hatten genug geschafft, die Feierabendglocke rief sie. Ach, wann, wann würde sie ihn rufen?! Würde auch er bald Feierabend machen können nach vollendeten! Tagewerk? Rein aber vielleicht bald Feierabend machen müssen nach nicht vollendetem, nach fruchtlosem Ringen!

Schwermütig nickte er vor sich hin: Feierabend nach fruchtlosen! Ringen. Und dann durchfuhr es ihn jäh mit einem Schrecken: um Gottes willen, das war ja schon fast Melancholie!

Sich einen Ruck gebend- richtete er sich aus seiner Ecke aus; die Hände zusammenballend, biß er die Zähne aufeinander nein, sich nicht unterkriegen lassen, den schwarzen Bogel schenchen, der die Flügel senken wollte!

Da fühlte er den Hauch der Scholle. Gott sei Dank! Und er riß den Paletot voneinander und atmete tief. Gott sei gedankt für diesen Duft der Felder!

Den Hut von der Stirn zurückschiebend, sah er freier Um sich. In seinem zerquälten Herzen wachte die Liebe aus; so groß auch die Oinal war, die Liebe war doch noch größer. Rein, diese Felder hier waren schön, schöner als alle anderen in der Welt! Wie hatten sie ihm nur monoton dünken können? Und! ihre Dankbarkeit mußte versöhnen für vieles, was sonst verstimmte.

Doleschals Stirn glättete sich: war hier nicht Tau Und Sonnenschein, nicht Wachsen und Gedeihen? Ja, ja und dreimal ja!

Sein Landmannsherz tat sich auf, als er jetzt die Saaten betrachtete so frisch, so dicht, so regennaß, so sonnen­beschienen standen sie int Feld! So weit das Auge reichte, bis dorthin, dort zum Lysa Gora nichts als grüne, grüne Breiten. Ein ganzes Heer von junger Saat, eine Welt von Hoffnungen. Und da wollte er verzagen?! Rein! Er atmete tote befreit auf. Seine müden Züge belebten -sich, Jein blasses Gesicht rötete sich. Und jetzt, siehe da! Ein freudiges Aufleuchten kam in seine Augen: sieh, das schönste Wunder der Ebene!

Ueber die große Fläche spannte sich der Regenbogen. Er stand auf hinter der schwarzen Holzkirche von Pociechaj- Dorf, wölbte sich über Ansiedlung Augenweide und über Chawliborczyce, über den Lysa Gora und Deutschau und stellte dort jenseits sein anderes Ende auf Przyborowoeu Grund. Unter dem Bogen des Friedens lagen sie alle mit­einander. Und dort, ganz im GeflimMer der sich neigen­den Sonne, Hinterm Lysa Gora sich zeigend wie ein Traums strahlte ein Abglanz wider der siebenfarbenen Herrlichkeit,

Die Weite war still, wie erschauernd in Bewunderung. Rur die Glocke schwieg nicht, sie läutete dazu: Friede, Friede!

Dobry wieczor! Verehrtester Nachbar, guten Wend!" Doleschal fuhr zusammen; eine Stimme, die ihm Weh tat, hatte ihn geweckt. Mit einem Ruck hielt sein Miets­wagen, ein bequemer Landauer war dicht neben ihm. Wie schon einmal hier unweit der Kolonie, war der Deutschauer mit den Chwaliborczycern zusammengestoßen. Geschwind! waren sie dahergekommen und leise auf dem! noch regens feuchten, heute sammetweichen Grund. Blaß wurde Dole­schal bis tn die Lippen, so erschreckte ihn diese Begegnung in seiner Versunkenheit.

Herr Nachbar, außerordentlich erfreut! Ich bin ent­zückt, Ihnen noch Adieu sagen zu können," rief Garczynski. Ich bedauerte unendlich, Sie gestern nicht augetroffen zu haben. Wir verreisen!"

So?" Doleschal wußte weiter nichts ZU tun, als sich zu verneigen.Empfehle mich der gnädigen Frau!"

Leben Sie wohl!" Lässig nickte die Garczynska, und dann sandte sie ihm einen raschen Blick zu, so voll von Zorn, Anklage, Haß, Borwurf, Wut und Verachtung, daß er ihn sich nicht zu erklären wußte. Was hatte er dieser! Frau denn getan, daß sie ihn so anblitzte? Ewig längs hatte er sie ja gar nicht gesehen!

Werden gnädigste Frau länger fortbleiben? Und zum Vergnügen?" Sie hatte ihn scheinbar nicht gehört oder war er etwa nicht da für sie? Fast schien es ihm so. Sie hatte den Kopf nach der andern Seite gewendet und starrte gleichgültig in die Luft.

Garczynski beantwortete die Frage durch ein Achsel­zucken:Vergnügen? Mein.Lieber, Verpflichtungen, Ver­pflichtungen! Und Einladungen, unendliche! Ich denke, vier Wochen werden daraus werden!"

So." Es war Doleschal ganz gleichgültig, was die Chwaliborczycer machten mochten sie hier sein, reifen oder fernbleiben! nur aus höflicher Gewöhnung fragte er:Und wohin reifen die Herrschaften?"

Garczynski lächelte malitiös und winkte zugleich ver­bindlich mehrmals hintereinander zum Abschied mit der Hand: 1

Wir fahren, woher der Herr Nachbar kommen. Wir reifen nach Berlin. Kutscher, dalej, es ist Zeit!"

Nach Berlin? Die Stirn runzelnd, sah Doleschal dem Landauer nach. Jetzt sah er: ein kleineres Gefährt, da­rauf ein Paar wahre Riesenkoffer verstaut waren, folgte noch nach. Die fuhren nach Berlin Verpflichtungen, Ein­ladungen, Toiletten für die schöne Frau in Riesenkoffernj warum verstimmte ihn das so?! Warum sollte Gare« zynski nicht nach Berlin reisen?!

Horch, Peitschengeknall, der Kutscher feuerte jetzt die Pferde an! Da jagten sie hin, der liebenswürdige Pole und seine schöne Frau!

Als Doleschal noch einmal den Kopf wandte, sah er sie schon ganz weit. Nun ja, sie mußten eilen, toetm fiel den Nachtzug treffen wollten, mit dem auch er nach Berlin gefahren war! Mer et glaubte ein Lachen zu vernehmen/ das ihn höhnte, ein spöttisches Lachen, das ihm im Ohre blieb, wenn auch die wachsende Entfernung zwischen ihm und jenem Wagen längst jeden Laut verschlungen haben mußte. i ,

Der Bogen des Friedens tour verschwunden.

Mit einer jener Vorahnungen, die nnabweislich Uni- angenehmes künden und wie Frostschauer die Seele' über--: hauchen, drückte sich Doleschal wieder fester in feine Wagen- ecke. Den Paletot, den er vorhin aufgeknüpft hatte, knöpftet er jetzt wieder zu. Es zuckte nervös in seinem Gesicht/ und er kaute an den Schnurrbartenden. Brütend schaute er in sich hinein: daß man doch nie, nie sich hier harmlos! und ungestört an etwas erfreuen konnte! Immer fiel etwas