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Der Vater beruhigte sie und sagte: „Ec ist es — aber (und damit hob er die Hand gen Himmel) wenn der, der diesen Krieg heraufbeschworen und soviel Jammer über unzählige Menschen gebracht hat, das' vor dein allmächtigen Gott ver- antworten will, dann muß er eine schwere Verantwortung auf sich nehmen." Wir gingen still hinaus mit feuchtem Auge und ließen die Eltern vorerst mit ihrem Sohne allein.
Straßenzustände im Mittelalter.
Wer in den Straßen Pompejis oder auf anderen äus- gegrabenen Stätten der antiken Welt wandelt, hat Gelegenheit, eine geradezu vorbildliche Straßenpflastcrung zu bewundern: große glatte Lavablöcke, die noch jetzt so festgefugt sind, daß sich nicht viel Unrat sammeln kann. Mit vielen anderen Kulturerrungenschaften der Antike hat das Mittelalter auch diese verloren. Die Straßen in den Städten, vor allem in den deutschen, . waren fast durchweg ungepflastert. Sie bestanden, wie der Wiener Privatdozent Dr. Emil Goldmann in einem von der Zeitschrift „Das Wissen für Alle" abgcdruckten Vortrag mitteilte, aus auf- geschütteter ungestampfter Erde. Kot und Schmutz sind demnach ein gewöhnlicher Zug im Straßenbild der mittelalterlichen Stadt gewesen. Einige Einzelheiten mögen zeigen, löte schlimm es auf diesem Gebiet aussah. 1
Als Kaiser Friedrich III. im Jahre 1485 die Reichsstadt Reutlingen besuchte, wäre er mit seinem Pferde fast im Straßenkot versunken. Ein ähnliches Ungemach passierte dem nämlichen Kaiser bei einem Besuche der Stadt Tuttlingen in Württemberg. Die guten Tuttlinger gerieten, als sie hörten, daß Friedrich nach Tuttlingen kommen wolle, in großen Schrecken, da sie den miserablen Zustand ihrer Straßen nur zu gut kannten. In ihrer Verlegenheit wußten sie sich keinen anderen Rat, als dem Kaiser zu schreiben, er möge mit Rücksicht auf den schlechten Zustand ihrer Straßen den Besuch unterlassen. Friedrich ließ sich aber nicht abschrecken, ritt in .Tuttlingen ein und mußte nun erkennen, wie recht die Tuttlinger mit ihrer Warnung gehabt hatten: sein Pferd versank nämlich bis an die Oberschenkel im Schmutz, lieber Nürnberg liegen aus der Zeit Karls IV. ähnliche appetitliche Nachrichten vor. Im Jahre 1318 schlossen die Mitglieder des Bartholomäus- und des Leonhardstiftes zu Frankfurt a. M. einen Vertrag, der u. a. auch Vereinbarungen über gemeinsam int Dom zu begehende Festtage enthielt. In diesen Vereinbarungen findet sich nun der Satz, daß die Mitglieder des Leonhardstiftes von der Pflicht des Erscheinens befreit seien, wenn der „Schmutz der Straße" zu arg sei.
Dieser entsetzliche Zustand der Straßen wurde natürlich auch von den Bürgern als lästiger Nebelstand angesehen: frühzeitig sann man darum auf Mittel und Wege, um dem Uebelstande abzuhelfest oder ihn doch zu mildern. Man suchte zunächst einmal sich durch hölzerne Ueberschuhe und Stelzen das Vorwärtskommen in den koterfüllten Straßen zu erleichtern. Oft waren selbst die würdigen Herren vom Rate gezwungen, auf solchen Stelzen zur Ratssitzung sich zu begeben! Manchmal halfen sich die Bürger dadurch, daß sie den Häusern entlang breite und hohe Bürgersteige anlegtest/ auf denen sich dann wenigstens der Verkehr der Fußgänger abwickeln konnte. Wollte jemand auf einen gegenüberliegenden Fußsteig gelangen, dann mußte er auf einem von Bürgersteig zu Bürgersteig gelegten Trittbrett über die viel tiefer liegende kotige Straßenbahn hinwegschreiten. Bei dem Versuch, diese selbst zu verbessern, geriet man merkwürdigerweise lange nicht aus den Gedanken, die Straßen zu pflastern. Man belegte sie vielmehr mit kleinen Steinen, Kies, Sand, Holzbohlen und nannte hie so verbesserten Straßen „Steinwege". Die Nachrichten über eigentliche Pflasterungen fließen erst int 14. Jahrhundert reichlicher. In der Regel wurden nur die „vordersten und für» nehmsten" Gassen gepflastert, manchmal nur der Markt oder gar nur ein Teil des Marktplatzes. So war, um nur ein Beispiel zu nennen, die „Zeil" in Frankfurt a. M. 1562 noch nicht gepflastert. Dadurch, daß man die Straßen pflasterte, war nun keineswegs alle Unsauberkeit, aller Schmutz gebannt. Sie boten vielmehr auch dann noch ein Bild abstoßender Unsauberkeit, das an orientalische Zustände erinnert. Eine Hauptursache dieser Un- sanberkeit tvar die Gewohnheit der Bürger, Mist und Unrat vor dem Hause auf der Straße abzulagern, eine besonders angenehme Gewohnheit, ivenn man bedenkt, welcher Schmutz allein durch das übliche Halten von allerlei Vieh, besonders von Schweinen (die Überall frei herumlaufen durften) entstand. Soweit sich die Polizei in diese Dinge mischte, ging sie nicht gerade radikal vor. Das beweist eine Nürnberger Polizeivorschrift aus dem 15. Jahrhundert, die es untersagt, den Unrat vor dem eigenen Hause länger als acht Tage liegen zu lassen: „Wer mist aufs Hitz strassen schütet, lest er den lenzer ligen, dann über den achten lag, so soll er fürbaß darnmb zn pnß geben he von dem tag eist Psunb newer Haller." Noch bescheidener war das Stadtrecht von Mühldorf (14. Jahrhundert), das bestimmt, daß der Dünger nach Ablauf von 14 Tagen zu entfernen sei.
Ver»mr?chLe§.
* D i e Zahl der Automobile. Nach der ämtlichest Zählung von Motorfahrzeugen, die am 1. Januar 1910 stattfand, gab es an diesem Tage im Deutschen Reiche insgesamt 49 941 Kraftwagen, von denen 3019 der Güterbeförderung, alle übrigen dem Personenverkehr dienten. Von letzteren entfallen 24 737, also über die Hälfte, ans Preußen (allein auf Berlin 2714) gegenüber 16 048 im Jahre 1907. Bayern besitzt 5607, Sachsen 4969, Elsaß-Lothringen 2767, Württemberg 2150, Baden 2033, die übrigen Bundesstaaten zusammen 4659 Personen-Automobile, Die Zahl der im öffentlichen Verkehr benutzten Automobile (Droschken, Omnibusse) beträgt gegenwärtig im ganzen Reiche 3285, davon in Preußen 2438 (in Berlin allein 1120), in Bayern 311 nsw. Im Dienst von Handel und Gewerbe stehen int Reiche 21909 Fahrzeuge, von Merzten benutzt werden 5430; die Zahl der Luxus- und Vergnügniigsautomobile ist von 10 287 int Jahre 1907 in diesem Jahre auf 18 131 gestiegen. Von diesen letzteren kommen 9817 auf Preußen (auf Berlin allein 1539), 2122 auf Bayern, 1727 auf Sachsen, 1109 auf Elsaß-Lothringen, 817 auf 'Baden, 545 auf Württemberg und 1994 auf die übrigen deutschen Staaten.
* ,D i e n e u e ft e n Blumenwu n d e r. Die von her Kgl. Gesellschaft für Blumenzucht in London organisierte Ausstellung/ deren Eröffnung in diesen Tagen ftattfanb, gilt als eine der bedeutendsten derartigen Veranstaltungen, hie es je gegeben hat. Unter den Clous dieser Blumenschau übt die stärkste Auziehungs- kraft eine zweifarbige Rose ans, bereit Blätter, tiefrot und gelb, ein prächtiges Naturspiel barstellen. Eine andere Rose, die gleichfalls beständig von einer dichten Menschemnanev umlagert ist, besitzt die Eigenart, daß ihre Zweige wie die der Trauerweide erst sanft aufsteigen, um harnt zur Erbe zu fallen unb ein prächtiges kleines Blätterbach zu Silben. Was beit Wert betrifft, so steht hier am höchsten bas Exemplar einer neuen Orchi- been-Ärt, bas um 500 Psunb bereits verkauft würbe. Die neue Orchibee ist Obontoglossum Smithi genannt und aus der Kreuzung zweier ganz besonbers seltener Arten hervorgegangen. Eine weitere schöne Orchibee, Cattlega Menbelli Alha genannt, würbe für 300 Psunb verkauft. Als Neuerscheinung kann übrigens die der Londoner Japan-Ausstellung abgesehene Mode angesehen werden, die verschiedensten Blumenzwergarten in winzigen chinesischen und japanischen Vasen zur Schau zu stellen.
Der „Vater der Krinoline". In Hoboken in den Vereinigten Staaten ist dieser Tage ein Mann gestorben, dessen 9iame nnberühmt geblieben ist, und der sich doch um die Menschheit mancherlei Verdienste erworben hat. Es war Josef Thomas, der am 19. März 1827 geboren wurde und mit 19 Jähren nach Amerika kam, wo er feilt Leben verbrachte. Eine Erfindung von Thomas war es, die das in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts aufgekommene Tragen der Krinoline erst ermöglichte. Ihm gelang es nämlich, durch einen geheinten Prozeß bett' Stahl so geschmeidig zn machen, daß die Reifen der Röcke sich mehr oder weniger den schönen Trägerinnen anschmiegten, so daß ein Sitzen und sich Bewegen in diesen Marterinstrnmeitten der Mode möglich wurde. Sein ingeniöser Gedanke fand auch in Europa An- ivendung. Außerdem erfand Thomas eine wichtige Verbesserung ber modernen Nähmaschine, eine Maschine, die erste ihrer Art, durch die in einer Stunde 20 090 Schweselhölzer hergestellt werden konnten, und die Kuppelung, die dazu notwendig war, um eine Drahtseilbahn zu bauen.
* Lakonisch. Patient (ber aus einem Babe zurückkehrt, entrüstet): „Jahrelang haben Sie mir ein Herzleiben etngerebet, Herr Doktor! Wissen Sie, an was mich mein Babearzt behaubelt hat? . . . Ast ber Leber!" — Dorfarzt: „Kann ich auch!"
Leiterriitsel.
Die Buchstaben aaa ceceeeehh — hhii i kllnnn op r sstv sind in die Felder uebenstehender Leiterfigur derart einzutragen, daß die Sprossen derselben, __ von oben angefangen, folgendes ergeben:
1. Unentbehrliches Mineral.
2. Einen Zeitraum.
___ 3. Ein Vorgebirge.
4. Feuerspeienden Berg.
Die beiden Seitenbalken ber Leiter sollen, __ von oben nach unten gelesen, bett Namen eines Mannes, ber sich um die Förderung des
—. modernen Verkehrslebens große Verdienste erworben hat, bezeichnen.
Auflösung in nächster Nummer.
Auflöstmg des Bilderrätsels in voriger Nummer: Wo matt ä iinmert, fallen Späne.
Redaktion: I V.: E. Heß. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Stemdruckerei, R, Lange, Gießen«


