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brauchen, Herr Kollege, dann bleibe ich b'ei Ihnen; «'teilt Küster kann im Wagen kampieren." Selbstverständlich schaffte ich Raum. Diesen Herrn fragte ich, wie er sich die Sache eigentlich denke. ,Er sagte, soviel er wissen könne, gedenke man die Franzosen vor Metz abzuschneiden. So K unrecht schien er nicht gehabt zu haben, denn den
Prinz rollte bei Weißenbürg und Wörth die Sache auf. Und Steinmetz sollte beiDpichern die Franzosen so lang festhalten, bis das geschehen sei. Die Schlacht bei Spichern in der Art, wie sie geschah, schien nicht vorgesehen gewesen zu sein. Doch ich sage es ausdrücklich: Ich bin kein Stratege und will keiner sein — das sind nur Aeuße- rungeir anderer. So fragte ich am 4. August Hauptmann von Düring, wie er sich in nächster Zeit die Sache denke. 'Er sagte wörtlich: „Das kann eben niemand sagen. Die Schnellfeuerwaffen haben noch nicht einander gegenübergestanden. Am end lich en Si eg zw eifeln wir nich t — aber, wenn die Franzosen so bei der Händi sind mit ihren Truppem wie mit ihrem Munde, dann können wir vielleicht bis nach Kreuznach, höchstens bis unter Mainz zurückgedrängt werden. Wenn Sie Franzosen bekommen sollten, so brauchen Sie anfangs nichts zu fürchten, denn sie wollen dieses Land behalten und werden es darum glimpflich behandeln. Wenn sie aber zurückgeschlagen werden — dann ist es schlimm für Ihre Gegend." Nun, in diesen Tagen der Spannung waren wir auf alles gerichtet. Gab es um Birkenfeld, welches in einem Tal liegt, von Bergen umgeben, ein Gefecht, so stand unser Kinderwagen bereit. Zu Unterst unser Blechkasten, dann Bettzeug, darauf unser 4 Monate altes Kind, in einer Tasche etwas Lebensmittel — und dann in den Hochwald, wo ich als Pfarrer von 13 Filialdörfern Bescheid wußte.
Doch es kam anders — und darum wär unsere Freude um so größer. Was hab en wir illuminiert! Ich' hatte eine große Fenfterfront an meiner Mietwohnung, die leuchtete nach jeder Siegesnachricht (die allemal unser Nachbar Kaufmann mit dem Wedeln seiner Troddel ankündigte) hell auf. Das war nämlich eine ganz billige Geschichte. Wir rauften uns für jedes Fenster sechs kleine irdene Schüsselchen, die ließen ivir beim Seifensieder füllen und mit einem Docht versehen, und die brannten dann mehrere Stunden. Das kostete uns für jedes Schüsselchen 3 Pfennige. Ja, wär das ein Siegesjubel über unsere Tapferen! Matt wird sagen: Das war ja ganz natürlich. Nun, es gab auch Leute im' deutschen Vaterland, die sich solche Siege nicht hatten träumen lassen. Aks ich 1857—1861 Gymnasiast in Mainz war, da hätte niemand gewagt, zu sagen, daß die „Preiße" je siegen würden. „Die", sagte man, „haben nur Drill, machen bloß Paradeschritte; die haben keine Generale ■— ja die Oesterreicher, das sind Leute!" Die Gründe, welche zu solchen Aeußerungen trieben, liegen tiefer, ich will sie nicht weiter berühren,
6. Die Tage von Metz.
Mac Mahon und Frossard waren geschlagen, aber das waren nur Teile der großen französischen Armee, die sich bei und in Metz gesammelt hatten. Auch Napoleon und „Suhl" waren dort. Wie wird es jetzt dort werden, wo die Marschälle Canrobert (vom' Krimkrieg berühmt) und Bazaine (von Mexiko „etwas weniger berühmt") kommandierten, wo das! Heer eine Deckung an der Festung hat. Niemand hatte eine Ahnung von dem genialen Plane Moltkes, den Feind hinter Metz zu packen und in die Festung zurückzuwerfen und dort einzusperren. Die Zeit wurde uns lang, bis wir etwas von dort hörten; es wurde nur laut, daß Truppen um Truppen durch Saarbrücken zögen, darunter die btillante hessische Division, die wegen ihres sicheren Auftretens allgemein bewundert Wurde. Um Näheres zu erfahren, wanderten wir fast alltäglich nachmittags an den Bahnhof Birkenfeld, der, wie schon früher gesagt, eine Stunde von der Stadt entfernt lag (jetzt geht eine Zweigbahn hin). Dort wurden dann Depeschen abgefangen. So waren wir am 18. August dort, und es lief eine Depesche vom'16. (Mars la Tour) durch : „General von Alvensleben hat mit 3 Skrmeekorps angegriffen usw. Der König begrüßte die Truppen auf dem' siegreich behaupteten Schlachtfelde." Wir begriffen die Sache nicht recht natürlich, es mußte heißen: Mit dem dritten jArmeekorps, welches damals das sogenannte „Privatkorps" war, welches so lange aushälten mußte, bis die anderen ihre Schwenkung gemacht hatten.
Um Bahnhof sahen wir auch Verwundete. Einer, von uns befragt, sagte: „Das 3. Armeekorps ist am 16. August fast aufgerieben worden; heute, als ich abfuhr, donnerte es schon wieder."
Mit einer gewissen Bangigkeit sahen wir weiteren Nachrichten entgegen; sie erschienen immer rätselhafter, denn an ein Schlagen mit umgekehrter Front dachte niemand. Da endlich kanr Klarheiten die Sache, und nun erfüllte alle eine ehrfurchtsvolle Bewunderung des Genies des General von Moltke. War doch so etwas noch nicht dagewesen!
Eine besondere Aufmerksamkeit erregten die nach den Kämpfen um Metz durchkomtnenden Gefangenen. Alles strömte an den Bahnhof und wollte sie sehen. Auffallend war die gleichgültige, fast heitere Miene der Gefangenen'. Saß da ein blutjunger Mensch von vielleicht 18 Jähren mit unterschlagenen Beinen im Wagen und rauchte seine Zigarette. Wir fragten ihn, woher er sei. Antwort: Je suis gamin de Paris — also Paris er Gassenbube. Diese Art Leute hatte sich in dem Wahn, rasch' „ä Berlin" zu kommen, in das Regiment stecken lassen — und nun waren sie allerdings aus dem' besten Wege nach Berlin. Sehr unangenehm war das Benehmen mancher Deutschen, namentlich Frauen und Mädchen, den Gefangenen gegenüber. Sie überluden sie mit Zigarren und Anderem und hatten nur Augen für sie. In unserer Gegend wurden damals keine Gefangenen interniert, weil.es zu nahe an der Grenze war und Fluchtversuche nicht ausgeschlossen wären. Militärtransporte hatten wir damals fortwährend; Artillerie, Ponton-Trains usw. kamen durch. ' Sehr schlimm erging es den Fuhrleuten vom Rheinland mit ihren großen zweirädrigen Karren, die sie kaum' unsere steilen Wege hinaufbringen!.: konnten. Einquartierung hatten wir mit Ausnahme des Garde-Eisenbahn-Regiments zunächst nicht.
7. I m L a z a r e t t.
Einen Dämpfer auf den Siegesjubel brachte die Nachricht von den großen Verlusten unserer Truppen. Auch General von Döring, Bruder meines Hauptmanns, fiel bei Metz. Sein Bruder sagte mir damals noch: „Ob ich meinen Bruder^ den General, wohl noch einmal sehen werde?" Ein Bild von deut Schmerz, der die Hinterbliebenen Gefallener traf, bot ein Mann aus Waldböckelheim, dessen Schwiegersohn in Birkenfeld mit mir am Gymnasium unterrichtete. De« einzige Sohn dieses Mannes, Jäger im 8. Bataillon, war bei Gravelotte gefallen, und der Vater verlangte nach Grave- lotte, seinen Sohn zu suchen. Vergebens suchte man ihn davon abzuhalten, da er doch nicht fein Ziel erreichen könne. Mer er ließ sich nicht halten — doch seinen Sohn fand er nicht mehr, der lag in einem Massengrab'. Der Sohn hatte beim Abschied von den Eltern gesagt: „Ich! weiß, ich kehre nicht wieder." Ein Jahr daraus starb auch die einzige Tochter binnen 3 Tagen an Diphtherie. Alsbald nach den Schlachten bei Metz wurde die frühere Jägerkäsernein Birkenfeld (gegenwärtig Gymnasium) znm Lazarett eingerichtet. Wir bekamen nur Schwerverwundete, die sich nicht weiter transportieren ließen. Saarbrücken lag so voll Verwundeter, daß niemand mehr ausgenommen werden konnte. So hatten wir einen Kürassier von der Reiterattaque bei Mars la Tour. Der Männ war in einem Graben einige Tage nachher gefunden worden und hatte noch den Schlamm am Mantel. Er starb bald darauf. Die meisten Verwundeten starben an Blutvergiftung. Man verstand die antiseptische Behandlung der Wunden damals noch nicht so, wie heute. Die Leute lagen anfangs ganz ruhig da mit klarem Blick und unterhielten sich mit den Besuchern. Auf einmal faßte sie ein Schüttelfrost, daß das Lager mit ihnen hin und hcrgestoßen wurde. Es war das Zeichen, daß ein Eiterpfropf die Herzadern passiert hatte. Nach kurzer Frist starben sie. Ich habe einigen das heilige Abendmahl gereicht. Beerdigt habe ich eine ganze Anzahl, weil ich sämtliche Beerdigungen des Kirchspiels zu halten hatte.
Eine ergreifende Szene erlebte ich mit im Lazarett. Ein Einjähriger vom 91. Oldenburger Grenadier- regiment, namens Cyriax, Kaufmann seines Standes, den! ein Granatsplitter am Kopfe getroffen hatte, war eben gestorben. Da geht die Tür auf und Vater und Mutter treten herein. Sie hatten unter großen Beschwerden die Reise bis! Kreuznach gemacht und waren dort nur auf inständiges Bitten von einem Offizier in einem Militärzug mitgcnom.!- men lvorden. Ein Bild des Jainmers standen diese Leute an der noch warmen Leiche des Sohnes. Die Mutter rief: Das ist mein Sohn nicht, den erkenne ich nicht wieder.


