Montag den August
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Das schlafende Heer.
Roman von Clara Biebig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
13.
Wenn sie auch den Lehrer nicht in den Pfuhl getaucht hatten, so war ihm doch vor Angst der Schweiß am Leibe herunter geflossen, wie das Wasser den Mädchen beim Dyn- gus. Er hatte von seiner nächtlichen Flucht eine böse Erkältung davongetragen. Mit pfeifendem Atein hatte er die zwei nächsten Tage noch Schule gehalten. Seine Wangen glühten wie zwei feurige Rosen, und immer röter wurden sie, immer brennender, denn in der Miene eines jeden Kindes glaubte er eine versteckte Drohung zu lesen. Die Knaben mit den breiten Backenknochen und den schmalen Augen blitzten so unternehmend in der Klasse umher, und die Mädels hoben die Stumpfnafen so frech in die Luft i ja, ja, sie alle hatten zu Hause gehört: deutsch sollte unterrichtet werden! Und das lyürben sie sich nicht gefallen lassen!
Ein sonderlich großer Respekt vor dem Lehrer war nie vorhanden, aber heute war in den drei Knabenbänken zur Rechten eine ewige Unruhe; in den drei Mädchenbänken zur Linken war nicht grade eine so offenkundige Respektlosigkeit, aber ein immerwährendes Kichern verwirrte Ruda ganz. Er fühlte sich machtlos. Es zuckte ihm wohl in den Fingern, nach dem Stock zu greifen, aber er traute sich nicht — würden ihm die Eltern nicht auf den Hals kommen?! Heute morgen, vor Beginn der Schute, hatte mit Kreide an der Schultür gestanden — kaum zu entziffern war das un- orthographische Gekritzel —:
„Du Hund, wenn du unsere Kinder nicht auf polnisch lehrst, so schlagen wir dich tot!"
i Wer das wohl geschrieben haben mochte?! Es war das rechte Mittel, eine bange Seele ganz §n verängstigen. Ein gewaltiger Schreck war dem Lehrer in die Glieder gefahren. Gewiß, ja, er wollte gern auf polnisch unterrichten, aber da saßen doch die drei kleinen Änsiedlermädchen in der vordersten Bank und sahen ihn verständnislos an init den Blauaugen, und hinter ihnen tauchte wie ein Riese der Vater auf und drohte mit der Faust: „Deutsch wird gelehrt!" Und überall, wohin er auch blickte, bäumte sich ihw mit erhobenem Finger ein Gespenst entgegen: die Behörde.
In seiner Not versuchte der Geängstigte jetzt alten gerecht zu werden. Erst stellte er die Fragen auf polnisch ,und wiederholte sie dann auf deutsch, oder umgekehrt. Aber ein unbändiges Füßescharren und Räuspern entstand, sowie er das erste deutsche Wort sprach, und als er sich nicht irre machen ließ, sondern unentwegt weiter stockerte — das Ueb ersetzen wurde ihm sauer und sehr genau brachte er's nicht zuwege :±3 Meldete sich kein Kind zur Mtwort.
Sie waren .auf einmal sämtlich taub, mochte er noch so sehr schreien.
Auch Settchen, die älteste der Bräuers, die doch verständig genug war, jede Frage zu begreifen, hob nicht den Finger und stand nicht auf. Sie weinte. Die Schwarzäugige neben ihr hatte sie schmerzhaft in den Arm! gekniffen, und die hinter ihr hielt sie an den Zöpfen fest.
Der Lehrer sah das Kneifen und hieß die Schwarzäugige sich in die Ecke stellen. Da erhub diese ein lautes Geheul! und klemmte sich in der engen Bank fest, und in den Knabenbänken stand einer auf, hob gar nicht erst den Finger, sondern sagte ganz dreist:
„Pan Lehrer, die Nisia soll nicht in der Ecke stehih die Niemla*) soll in der Ecke stehen!"
In den wirren Fieberträumen, die diesen bösen Schultagen folgten, ängstigten den Lehrer immer das schwarze und das Weiße Schaf, von denen ihm einst seine Mutter gesungen; aber sie hatten Hörner bekommen und stießen itüe Böcke, sie waren polnisch und deutsch und quälten ihü.
Ignaz Ruda glaubte seine letzte Stunde nahe. Vergebens hatten die Schulkinder am dritten Morgen an die Tür gepocht, er war nicht mehr imstande gewesen, ihnen zu öffnen; da hatte er gehörh wie sie, vergnügt johlend, davonliefen. Niemand kam, nach ihm zu scheu; er lag ganz verlassen. Drüben beim Jezierski schrien die Kinder) man hörte die Mutter mit ihnen schelten — wenn doch ivenigstens die Jezierska einmal herüber käme, ihm das trockne Hemd zu reichen, was er dort im Schub hatte! Er hatte so sehr geschwitzt, nun schüttelte ihn der Frost. Un& auch einen Trunk begehrte er, die Lippen waren ihm ganz verbrannt. Aber das Weib Hörle nicht den Rilf seiner schwachen Stimme.
Aus den Augen des Kranken liefen die Tränen. So elend auch feilt Leben war, er Hing doch daran — wenn nur jemand zu errufen wäre, den er zu Doktor Woliuski schicken könnte! Er versuchte, aus dem Beite zu kriechen, aber halb' ohnmächtig sank er zurück, er hatte die Kräfte nicht. Und dann begann er wieder zu rufen, zu schreien, bis seine, kranke Brust das nicht mehr ertrug, und ein würgender Husten ihm blutigen Schaum über die Lippen drängte.
In der kalten Kammer rang der Verlassene mit Todesnot. Er fühlte sich unsäglich elend. Was hatte er verbrochen, daß sie ihn so krepieren ließen?! War et ein Hund? ! Hatte ihn nicht auch einstmals eilte Mutter gewiegt? Die Mutter war jetzt ein altes Mütterchen geworden und wohnte zu Wschowa**) im Spital — ivenii die ihn so sehen könnte! Weinen würde sie über ihn, aber fluchen würde sie dem, der ihren Sohn so weit gebracht hatte. Ja, Fluch dem, der an allem Nebel schuld war, der schlimmer war als die Pociechaer, als die Schulkinder, als der große Ansiedler mit seiner Prügeldrohung, schlimmer als der Teufel selbe« —--- i '• ■ 1:
*) Die Deutsche. ,
-**) Fraustadt,


