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Nachdem Mr iin Erfahrung gebracht Haben, daß die heilen und Utilien, welche den Kirchen-Seniores für die Verwaltung ihres Amtes billig zukommen sollten in Unseren Landen bisher auf ser ungleichförmigen Observanzen und Verträgen beruht haben, es daher nötig ist, daß den daraus entstehenden Jncvn- vcnientien durch ein Regulativ abgeholsen werde, so verordnein Wir hiermit gnädigst, daß die Kirchenseniors in unseren sämtlichen protestantischen Landen künftig hin die hiernach benannten Freiheiten und Utilien zu genießen haben sollen.
§ 1. Freiheit e n.,
Sollen die Kirchenseniores befreit sein von den mit ihren Pflichten incongatibeln Diensten als:
1, Bon Tag- und Nachtwachten, jedoch mit der Einschränkung, bah in dringenden Fällen, wo die Wachen zu verdoppeln nötig ist, die unter fünfzig Jahren stehenden der Reihe nach dazu an- zuhaltcn sind. ,
2. Bon Botengängen.
3. Bon Schützendiensten und anderen gemeinen Aemtern; jedoch sollen sie von dem eines Vorstehers nicht befreit sein, ihnen aber das eines Blirgermeisters und Gelderhebers insofern sie solche nicht gutwillig übernehmen, nicht aufgebürdct werden.
4. Bon Feuertaufen.*)
5, Von Streifzügen.
6. Von anderen Ausschußdiensten und von den dahin ein- schlagenden Verrichtungen.
7. . Von Handlangerarbeiten in Gemeindeangelegenheiten.
8. Von herrschaftlichen Kommunaldiensten, namentlich den Jagd- und anderen Handdiensten. Die an Chausseen zu leistenden Dienste jedoch ausgenommen. Wogegen ihnen aber alle, sowohl herrschaftliche als gemeine Dienste, die sie als bespannte und begüterte Bauern zu leisten haben, sowie auch solche Lasten, die in der Gemeinde von älteren Zeiten her und nicht etwa durch neuere die Befreiung der Kirchenseniores beschränkende Einrichv tungen in Geldbeiträge verwandelt sind, zur Obliegenheit bleiben,
§ 2. Utilien.
Die Kirchenseniores haben einzuschreiten:
1. Bei groben Exzessen, namentlich
a) in unehelichen Schwängcrungssällen jeder Art,
b) in Ehedissidicn zur Schlichtung des Streites,
c) bei Schlägerei auf Sonn- und Festtag)
d) bei Entweihung der Soun- und Festtage durch Tänze oder sonstige lärmende Lustbarkeiten.
e) bei groben Ungezogenheiten in der Kirche für die Angeber 30 Kreuzer.
2. bei geringeren Exzessen, z. B. bei verübten Unordnungen! in der Kirche als Drängen in den Stühlen oder auf den Bühnen, lautes Reden und Lachen in der Kirche, ferner Handelsgeschäfte! an Sonn- und Feiertagen. Dem Angeber 10 Kreuzer.
3. bei Versäumnis der Kathechismuslehre von jeder Versäumnis 1 Kreuzer.
Die von den Bestraften zu bezahlenden Gebühren sollen aber nur einfach angesetzt werden, wenn auch mehrere Seniores die Anzeige erheben.
4. bei vorfallenden Exzessen soll die Eilat io n der Exce- denten vor das Presbyterial durch den ältesten Kirchensenior oder wenn es zu den Obliegenheiten des Schullehrers gehört, durch diesen erfolgen. Für jede Citation sind 4 Kreuzer zu zahlen.
5. sollen einem jeden Kirchensenior für sein Erscheinen bei der Kirchenvisitation 30 Kreuzer verwikligt werden und ihm aus Sem' Kirchenfonds Msbezahlt werden.
So Wir nun den Kirchenseniores durch diese Verordnung^ wodurch zugleich sämtliche von derselben abweichende Observanzen hiermit förmlich aufgehoben werden, eine hinlängliche Belohnung filr ihr Amt zu gesichert haben, so versehen Wir Uns auch zu ihnen, daß sie ihre Pflichten künftig hin auf keine Weise vernachlässigen werden. Sollte aber ein Kirchensenior Unserer Erwartung nicht entsprechen, so hat derselbe Entsetzung vom Amt oder empfindliche Bestrafung unfehlbar zu erwarten. B.
Auf dem Square.
Der Pariser Square stammt schon aus der Zeit, da Lutetia noch nicht ein Vorort von London geworden war, wo man aber doch für einen mit Gartenanlagen und einigen Bildwerken versehenen eingegitterten Platz zwischen vier Reihen von Pariser Wolkenkratzern bereits keine französische Vokabel mehr finden konnte. Für einen Park ist der Square zu klein und von einem gewöhnlichen Platz unterscheidet ihn wiederum das Grünzeug, das wir der Fürsorge und Freigebigkeit der städtischen Verwaltung verdanken, und die weißen Marmordamen und grün angelaufenen ehernen Männer, die Republik und Munizipalität alljährlich auf den Kunstausstellungen Aufkäufen und mit denen sie hinterher nichts Besseres auzufaugen wissen, als sie den Squares als dem Asyl für obdachlose Opfer der Mä c c u aten-Ei telkeit anzuvertrauew
Dabei passieren manchmal merkwürdige Geschichten. Eines Tages wurde auf einem Square des Ostens ein Mann aufgestellt, der nach seiner Kleidung anscheinend den besseren Ständen an-
*) Bei blusbruch eines Brandes wurden durch sogenannte Feuerläufer die benachbarten Gemeinden zN Hilfe gerufen.
gehörte und der nach seinem Gesichtsausdruck ebenso gut ein Philosoph, ein Bersemacher, ein Großindustrieller oder ein Waisen- hausstifter sein konnte. Hinterher entdeckten aber einige Kenner, daß der fremde Miann auf dem letzten Salon die Bisitenkartel „Marat" getragen habe, und einige Stadtverordnete bekamen bei diesem Namen nächträglich eine Gänsehaut und veranlaßten, daß der „ami du peuple" in irgend einer Kunstscheune eingesperrt wurde, wo es von Tutzenden ähnlicher Leidensgefährten wimmelt. Zur Belehrung des Volkes zeigt man auch oft auf den Squares große Männer, mit denen das dankbare Vaterland sonst nichts anzufangen weiß. Ta man aber an dem Sockel nicht die ganze Lebensbeschreibung des obenstehenden Herrn anbringen kann, so bekommt oft genug dieser Bilderrebus merkivürdige Auflösungen. Auf meinem Square unterhielten sich neulich zwei Citoyeunes, denen der übrige Gesprächsstoff ausgegangen war, über die vermutlichen Verdienste des Mannes, der hinter ihrer Bank von hohem Thron herab unentwegt nach der nächsten Straßenecke starrt, als wenn er von der Seite den Geldbriefträger erwarte. Ta der Name des verstorbenen Mitbürgers ihnen sonst unbekannt war, verfiel die eine Madame, nachdem sie ihn noch einmal scharf gemustert hatte, auf den Gedanken, daß das wohl ein früherer Präfekt gewesen sein müsse. Bei welcher Gelegenheit wir bemerken wollen, daß diese Vermutung auch bei Enträtselung von geheimnisvollen! Straßennamen den Parisern immer sehr nahe liegt. Ter Herr im Grünen war aber kein anderer als Tiderot.
Im Lande der Liberte und 'Fraternitö ist man in ewiger Angst davor, daß die Burger die Freiheit mißbrauchen fönnten.. Abends werden also die Squaregitter geschlossen und müde Pilger und verliebte Pärchen müssen sich andere Schlupfwinkel aussuchen. Tie Squarewärter in grüner Uniform, die sonst nicht wissen, wie sie die Zeit totschlagen sollen, können sich endlich in der Hoheit ihres Amts zeigen, indem sie den ihnen anvertrauteN Platz ausräumen. Dafür können sie ihn auch morgens wieder öffnen. Ihre Tätigkeit ist damit erschöpft. Bei gutem Wetter: gehen fie bann auf ihrem Square spazieren, bei schlechtem Wetter setzen sie sich in ihr Schilderhaus mit Glasfenster und lesen vormittags das „Petit Journal" und uackMittags die „Patme' vom ersten bis zum letzten Buchstaben durch. Sie sind Vorgesetzte und bilden für die spielenden Kinder eine väterliche, für die sich sonnenden Trunkenbolde eine argwöhnische Obrigkeit.
Tie ersten Gäste morgens auf dem Square sind die Herren/ die eine mit Spazierengehn verbundene Kur gebrauchen oder eifrige Zeitungsleser, die vor Arbeitsbeginn noch politische Weisheit 'fäfilrfen wollen. Später rücken Brigaden von Kindermädchen an mit Legionen von Gören in allen Altersstufen und einem! wahren Wagenaufzug von allen erdenklichen Bäbssahrzeugen. Diese Gäste sind den pensionierten Offizieren und Beamten sowie den Rentnern sehr unbequem, die den Square als ihre Domäne betrachten möchten und die im Grünen die ösfentliche Meinung des Stadtviertels fabrizieren. Selbstverständlich sind die Banke immer zuerst beseht und die Nachzügler müssen einen Sou für einen Stuhl ohne Lehne, zwei Sou für einen „Fautemst erlegen. Mittags kommen die kleinen Midinettes herbeigeslattert und knabbern ihr Frühstück im Freien, schwatzend, lachend, singend und mit den piepsenden und Krümel auflesenden Vögeln Scherz treibende Hier und da gesellt sich zu einer Sie ein Er und man tauscht in der flüchtigen Arbeitspause Liebesblicke und Liebesworte. Oft auch mehr. Ter sSquarewärter hat nichts gesehen oder er schmunzelt. In der kalten Jahreszeit sind die Squares gerade in den Mittagsstunden am meisten besucht. Im Sommer bleiben Jie unter der senkrecht herniederbrennendeN Sonne leer. Dafür pnd sie wann an den Nachmittagen schwarz von Menschen. Ta ist ein Gewimmel von alt und jung, besonders aber von kleinem Mensa>ei^ ungeziefer, daß mau fast über dieses Gewürm stolpert. Unsere schlechte Laune wird durch die freudige Feststellung besiegt, daß Frankreich auf absehbare Zeit noch nicht aus Mangel an Nach? wuchs aussterben ivird. L£er junge Herr da, der fortwährend nervös seine Uhr vvrzieht und über das Squaregitter steht, ist ein Verliebter. Wir können das versichern, ohne seine Reime ge- lefen zu haben. Tse Squares gehören zu den beliebtesten Reih- dezvous-Plützen und wir selbst haben es genau so gemacht wie jener Jüngling, als wir noch in der Maienblüte unserer Eseleien standen. .Ans der anderen Seite erwartet eine niedliche kleine Pariserin ihn, der in einem „Petit Bleu" an gekündigt hat, daß er um 5y2 Uhr da sein würde und der nun doch nicht kommt. Ta plötzlich strahlt das feine; Gesichtchen auf: er kommt zwischen einem Gewühl von Automobilen, Omnibussen, Troschken, Bast- Wagen, Equipagen todesmutig hindiirchgesteuert, ein ichneidiger Saint-Cyrien mit dem ,/Cafvar" auf dem Tschako. Nachdem er demütig die Strafpredigt angehört hat, darf er die rechte und dann die linke Wange küssen, die ihm bargeboten wird, und dann schließlich das rote Mäulchen selbst, und Arm in Arm verlassen die Beiden den Square.
Die Glanztage der Squares sind Tage mit Konzert. Eui- vder zweimal in der Woche spielt eine Militärkapelle ober auch ein Zivilorchester und bas ist ein Ereignis für bas Quartier wie ein Lamoureuxkonzert ober eine Opernpremidre für bte oberen zwei oder brei Tausend Tie Stühle werden um den Musikpavillon reihenweise aufgestellt und auf der Straße staut sich die Mässe der Zaungäste an. Tie wirklichien kleinen Mädchen und bte, großen kleinen Mädchen tanzen zu einem flotten Walzer


