Ausgabe 
1.6.1910
 
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Landgräflich hessische Verordnung über Rechte und PflichLen der Mrchenältesten aus dem Jahre J8J0 , Bon Gottes Gnaden, Ludwig X., Landgraf AN Hessen, Herzog m Westfalen und, Engern, Pfalzgraf bei Rhein, Fürst zu Hersfeld und Starkenburg, Graf zu Arnsberg und des heiligen römischen Ruches Verfechter zwischen Rhein und Weser, Graf zn Katzen-, ellcirbogen, Kiez, Ziegenhain, Nidda, Hanau, Schaumburg, Men- bürg und.Büdingen, Herr zu Friedberg und Wimpfen,

Aus Agnes Wcddigeus grünen Heften.

22. Juli.

Endlich, endlich! Ein Brief vom Professor! Wieder Nur ein Wisch, kaum zehn Zeilen in seiner knorrigen Hand­schrift aber ein Ja!

Ich war auf ganz anderes gefaßt gewesen. Mein Brief an ihn reute mich, sowie er abgeschickt war. Ich war ja freilich außer mir, aber ich hätte doch mehr bitten müssen, tagte ich mir. Seppl ist doch schließlich sein Sobn, über den er zu bestimmen hat. Es ist nicht meine Sache, ihU! tzn seine Pflicht zu erinnern.

Aber er sagt ja! Ohne weitere Bedingungen, mit ein paar Scherzreden, wie er sie gern macht.

Nur der eine Satz machte mich einen Augenblick stutzig, ßs jam mir vor, als ob unter dem Scherz ein heimlicher! Ernst steckte. 7

. . . . vergessen Sie nur nicht, dafß ich auch noch ein ganz Kern wenig Recht auf meinen Buben habe!"

Aber ich habe keine Zeit zum Nachdenken. Mit dem Brief in der Hand laufe ich in den Garten, wo Seppl unter der Linde sitzt und Zenz mit dem Strickzeug bei ihm.

Seppl! Zenz! In drei Tagen reisen wir ins Bad!" Die Zenz hört auf zu stricken.

Ins Bad! Heiliger Josef! Dös viele Wasser, das er schon geschluckt hat! Als wenn die liebe Muttergottes den Buben net auch so könnt gesund machen, wenn sie nur wollt! Geht's Franke denn auch mit?"

Ihr verschrumpeltes Altweibergesichtchen hat einen miß­trauischen Ausdruck. O Zenz, ich erkenne dich! Eifcr- süchtrg bist du! Los sein möchtest du mich!

Natürlich gehe ich mit! Was sollte der Seppl denn wohl ohne mich anfangen?"

Sie fängt heftig wieder äü M stricken.

Dafür ist die Zenz au no da. Was sagt denn der Herr Professor dazu? Kommt der net auch?"

Nein. Der bleibt in München."

Der arme Herr! Für den ist's arg, so lang allein sitzen. Gelt, Büble, du möchtest an lieber zürn armen Baierl? Net ins Bad?"

Aber Seppl schüttelt gefühllos den Kopf.

Net zum Vater. Bei Aga bleiben."

Mich beißt auf cimual das Gewissen, die Stelle int Brief fällt mir ein.

Kinder sind fo vergeßlich. Sic find wie kleine Tiere, wer sie füttert und pflegt, an bent hängen sie. Und wenn sie in andere Hände kommen, vergessen sie das Alte über dem Neuen.

Ich Muß mir aus einmal den Professor in seinem großen, leeren Haus vorstellen. Alle Stuben unbewohnt, und kein Mensch, mit dem er ein Wort reden kann! Mir fällt ein, wie lustig und zärtlich der große, derbe Mann mit diesem kleinwinzigen Menschlein umging, und wie er mit ihm lachen und sich freuen konnte. Und jetzt behalte ich diese Freude egoistisch für urich, und er kann sehen, was er. anfängt!

Unsinn! Ist das denn Egoismus, wenn ich den Jungen gesund pflegen möchte?

Ich bin ganz ärgerlich auf die Zenz mit ihrem Unken. Die hat mich erst darauf gebracht!

Wir schreiben Vater bald einen langen, schönen Brief, nicht, Seppl? Du hast Vater doch sehr lieb?"

Ja, Vater -auch!" erklärt er kaltblütig,aber zuerst dich!"

Es hilft nichts. Und ich Unmensch freue mich noch heimlich! Ich hätte fingen mögen, Ivie ich ins Haus zurück­lief, nm meinen großen Münchner Koffer vom Boden trans­portieren zu lassen.

24. August.

Die Oehnhauser Wochen liegen hinter Uns. Einför­miges Penstonsleben, Kurmusik im verregneten Park und überall um einen herum in Kissen und Fahrstuhl dieses! blasse, hilflose Menschenelend, das sich einem wie -eine Last anfs Herz legt.

Ich bin froh, meinen Seppl wieder hier in meinem eigenen kleinen Reich zu haben. Nur gute und Helle Ein­drücke möchte ich ihm geben, nicht den schadenfroh egoisti­schen Trost: es gibt Leute, die schlimmer daran sind als du!

Es ist wohl ein Erbteil meines Vaters, daß ich diesen! Trost nie verständen habe. Ich weiß, ivie er auf dem Punkt dachte: im Unglück fich an der Gewißheit aufrichten, daß es noch glückliche Menschen gibt! Immer auf das Große, Ganze sehen. Die Sonne ist noch auf der Weltö wenn auch dein kleines Stück Land eine Stunde lang im Schatten liegt!

Es ist mir immer ein schmerzliches Glück, ihn mir so nah verbunden zu wissen, daß ich seine Gedanken als neue, eigene selbst erlebe und für mich daran weiterbaue.

Wenn nur so eine Heimkehr wie gestern in das leere Haus, wo ich mir das Willkommen nur von den stillen Augen des lieben Bildes int Gartensaal holen kann, das persönliche Vermissen nicht jedesmal wieder frisch und bitter machje!

Der Medizinalrat war heute früh gleich hier, ich hatte ihn unsere Rückkehr wissen lassen. Er untersuchte Seppl, fand ihn noch angegriffen von Reise und Kur und erklärts, in ein paar Tagen wiederkommen /u wollen.

Nun drückt mich der Gedanke, daß er die Kur vielleicht nicht so gelungen findet, wie er erwartet hatte. Ich, quäke mich, ob irgend etwas dabei versäumt ist, ob ich auch getan habe, was in meinen Kräften stand! Was gäbe ich darum, meinem kleinen Liebling ein Stück Gesundheit zu verschaffen!

(Fortsetzung folgt.)

selbst schreiben, in acht Tagen sollen !v-lr v/isefertig sein. Ich weiß nicht, warum mtr in dem Augenblick plötzlich etitftel: wenn der Professor nun.nein" sagt! Wenn er den Jungen selbst wiederhaben will!

An meinem Schrecken bei bent Gedanken mdrkc-e ich, wie sehr der Junge mir schon ans Herz gewachsen ist. Es kommt mir fast wie eine Ungerechtigkeit vor, daß ich nicht üllein über ihn zu bestimmen, habe!

Agnes .Weddigen an Professor Bernharbt.

Eisenach, 18. Juli 1901. Geehrter Herr Professor!

, Ihr Brief im Lapidarstil hat mir einen solchen Schreck emgejagt, baß ich mich sofort hinsetzen und Ihnen mit: wendender Post schreiben mtiß.

Das ist für Sie ein Opfer. Opfer kann ich nicht an­nehmen. Daraus wird nichts!"

Das ist jedenfalls deutlich ausgedrückt, und ich will versuchen, in meiner Antwort ebenso kurz und deutlich zu sein.

Meiner Ansicht nach haben Sie kein Recht, nein zu sagen, um des Kindes selbst willen. Medizinalrat Kämpf, der Seppl behandelt, ist ein durchaus vertrauenswürdiger, erfahrener Arzt, der die Kur sicher nicht verordnet hätte!, wenn er sie nicht für notwendig und hoffnungsreich hielte. Er deutete mir sogar die Möglichkeit späterer völliger Wiederherstellung an. Wollen Sie die Verantwortung auf fich nehmen, dem Kind diese Möglichkeit vorzuenthalten? Ist es nicht einfach Pflicht, sie ihm zu verschaffen, selbst toetin es Opfer kosten sollte?

Am liebsten möchte ich von mir selbst gar nicht reden. Aber da Sie von Opfern meinerseits sprechen, so kann ich an der Frage nicht vorübergehen.

Sie wissen, daß ich allein in der Welt stehe. Irgendwo muß ich leben. Wenn ich also hier für einige Wochen mein Haus zuschließe und in Oeynhausen lebe, so liegt in dieser Ortsveränderung für mich durchaus kein Opfer. Sogar so wenig, daß ich mir Ihr Ja als freundschaftliche Gttnst erbitte. Es würde mir schwer, mich jetzt schon vort Seppl zu trennen!

Also nicht wahr, ich darf auf dieses Ja rechnen? In der Voraussetzung mache ich unsere Reisevorbereitungen. Und ich glaube fast, daß sogar ein Nein mich darin nicht stören wird.

Ihre ergebene

A. Weddigen.