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ber wn einem Jagdausflugs nach dem russischen Pamir zuruckkam. Was lag da näher, als einander ein Prost Neu« fahr zuzutrruken? Am 5. Januar in Kaschgar angekommen, ^brterch am 12. Januar im Hause des dortigen russischen
Pbtrossky, dessen Initiative Adolf Schlagtntweit (m Kaschgar am 26. August 1857 ermordet) ein Denkmal hier verdankt, das russische Neujahr, das zwölf Tage nach unserem fallt, und da ich in Kaschgar zu überwinterns gedenke, werde rch Mitte Februar Gelegenheit haben, auch das chinesische Neujahr zu feiern. Dasselbe fällt auf jenen Neumond, der dem Zeitpunkt mit nächsten, wenn die Sonne rn das Zeichen des Wassermannes tritt; dieser Neumond rst diesmal ant 16. Februar."
Dabei mag nun erwähnt werden, daß die russischen Silvestergebrauche wohl die eigentümlichsten sind, die es gibt Dgrt aber, wie überall bei derartigen Volksbräuchen, handelt es sich um die Frage an das Schicksal, und zwar um die wichtigste, die Frage nach dem künftigen Mann oder der künftigen Frau der Unvermählten. Es besteht die Sitte, daß bei diesen Silvestergesellschaften alle Anwesenden, oder vielmehr alle Unverheirateten, sich auf den Boden setzen, indem sie einen großen Kreis bilden. Bor jeden wird dann ern Häuschen Getreide, z. B. Hafer, geschüttet, und sodann aus einem Koro, der in die Mitte des Kreises gestellt ist, em lebendiger Hahn herausgehvlt. Nachdem er sich beruhigt hat, beginnt er stolz umherzumarschieren und endlich von dem einen Häufchen Hafer zu picken. Derjenige, von dessen Kornern der Hahn zuerst pickt, wird sich im neue« Jahr zuerst verloben. Nun kann man warten und zusehen, bet wein er sonst noch frißt. Dieser wird dann nach dem zuerst Verlobten folgen usw. Kräht der Hahn, so bedeutet dies großes, bevorstehendes Glück. Natürlich muß man sich sehr ruhig Verhalten, um den Hahn nicht zu verscheirchen und zu beeinflussen. Dieser Brauch gibt, wie.sich leicht denken läßt, zu vielen Scherzen Anlaß.
Ächch ungewöhnlicher erscheint ein anderer Brauch, von dem ern Reisender berichtet, der vor etwa einem halben Jahrhundert durch die Straßen von Odessa hungernd in der Neujahrsnacht ging und sich plötzlich in einer öden Gegend vor einem gedeckten Tische fand. Er setzte sich und langte nach Herzenslust zu, bis er Von zwei weiblichert Wesen entdeckt witrde, die vor ihm die Flucht ergriffen. Nacheilend hörte er dann, daß es sich bei diesem gedeckten Tisch um ern Neujahrsorakel handle. Ist die erste Person, die sich an den Tisch setzt, ein Mann, so wird die, die den Tisch rockte, um das Orakel zu befragen, im neuen Jahre Braut, ist es eine Frau, so muß das Mädchen noch warten.
Die Sitte, die in Süd- und Mittelrußland früher allgemein war, hatte dort einen sehr ernsthaften Hinter^ gründ. Die heiratslustigen Mädchen setzten sich nicht selten in vollem Brautschmuck hinter den gedeckten Tisch, um des Freiers zu harren, und der, der sich zu ihnen gesellte^ wurde in der Tat ihr Gatte. Der Brauch hatte nicht selten den Zweck, Eltern, die einer Verbinduttg Widerstand euch gegensetzten, zu besiegen, und der anscheinend „zufällig" an den Tisch gekommene Freier war bestellt. Auch war es Sitte, daß leibeigene Jungfrauen, die durch solchen Brauch an den Mann kamen, dadurch frei wurden. Der Brauch war zu alt und heilig, als daß die Herren es wagte», sich ihm zu widersetzen; da sich aber zu viele Leibeigene aus diese Art aus der Leibeigenschaft befreiten, wurde die Sitte mit Gewalt ausgerottet und mancher Gutsherr sperrte ^eine Mädchen in der Neujahrs'nacht ein.
In Belgien und den Niederlanden, wo früher die Bäcker am 31. Dezember Brote mit zivei Köpfen backten, die das scheidende und das kommende Jahr darstellen sollten, knüpft sich an den letzten Tag des Jahres der Brauch, daß die Mädchen, die an diesem Tage mit dem Spinnen des Flachses, den es auf dem Spinnrocken hat, noch nicht fertig sind, oder sonstige bestimmte Arbeiten noch nicht Vollendei haben, von dem heiligen Galonbert oder Walembrecht berührt werden. Diese Berührung aber hat die Wirkung, den Berührten in Eis zu verwandelu Daher wird denn am Silvester gar fleißig gearbeitet, und damit scheint es auch im Zusammenhang zu stehen, daß der, der am Silvester am spätesten aufstxht, verpflichtet ist, den andern ein kleines Festessen oder überhaupt etwas zum Besten zu geben.
In alten Briisseler Häusern werden auch am Silvesterabend Unmengen von Lebsitchen und Glühwein verzehrt und beim Beginn des neuen Jahres umarmen sich alle und küssen sich, auch junge Leute und junge Mädchen, was dann
Silvestersitten.
Don AlbertFrick, Berlin.
(Nachdruck verboten.)
Die Silvefterfeier trägt etivas von dem Doppelsinn jener Worte in sich, mit denen Man in Frankreich das v, ,, bines Fürsten und den Regierungsantritt seines Nachfolgers zu verkünden pflegten le roi est mort, vive le roi! In den Ernst der Situation mischen sich Heiterkeit und Frohsinn. Die ernste Stimmung am Ausgang eines Jahres, das uus^ mancherlei Leid und Sorge br'achte, an die wir jn der Stunde des Abschieds unwillkürlich uns erinnern, »vird zum Teil durch dte Hoffnung auf Glück, mit der wir jedem neuen Zeitabschnitt entgegentreten, aufgehoben. Da scheint denn im allgemeinen die Menschheit von einer Art Galgenhumor erfüllt zu sein. Es ist merkwürdig genug, daß fast in der ganzen Welt der Tag, der dem Papst Silvester I. geweiht ist, der 314—335 zu Rom residierte, und dessen Sterbetag, der 31. Dezember, zu seinem Gedächtnis gewählt wurde, fröhlich begangen zu werden pflegt. Und das ist nicht etwa ein neuzeitlicher Brauch, nein, es war schon bei den alten Römern Sitte, daß man das sterbende Jahr in fröhlicher Gesellschaft begrub.
Daß kein Volk einem anderen in dieser Beziehung irgend etwas vorausgibt, lehrt uns beispielsweise der Asien- reisende Dr. Troll, der in den fernsten Ländern fröhlichen Silveflerfeiern beiwohnte, und der dazu noch das Kunsch stikck fertig brachte, bei einem Jahreswechsel dreimal Neujahr M feiern. Er erzählt darüber selbst folgendes:
- .N*isttaae den zwölftägigen Ritt nach Kaschgar int chinesischen Ostturkestan beginnend, übersetzte ich am fünften Tage bei einer Temperatur von 25 Grad R. den 12 700 Fuß hohen Terekdawan, nächtigte am 30. in der ^ssischesi, Greuzfestung Jrkeschtan und ritt Silvester über die chinesische Grenze. Unterwegs traf ich einen Engländer,
to Gegensatz zu den verächtlichen Schwarzsehern ost Hell- si^ .Zum Beispiel hat meine liebe Tine es längst geahnt, ÄS ^^^^sterbeu a[g dn Versprechen nicht halten Und deshalb soll sie vergnügt ins neue Jahr hineinmarschieren, indem sie diese Kleinigkeit hier von mir anrnmmt."
, .. Er überreichte mit hoheitsvoller Geberde Tine ein weiß-- setdenev Kästchen, in dem ein wunderbarer Alexandrit funkelte.
Tine schrie auf vor Ueberraschung, drückte das Kästchen ‘%L1^ne ^Wen und hatte wahrhaftig Tränen in den Augen. Jetzt aber trat rasch der Doktor vor.
, ch-Metne Herrschaften," rief er, „jetzt muß ich reden, '0hst schlagt es zwölf und ich bin mein Geheimnis noch ntrtjt Io». Uebrrgens, meine verehrten Anwesenden, diese Tranen in den Augen unserer schönen Wirtin sind Freudenzähren! Das ist ein brillantes Omen für das neue Jahr! Und noch jemand ist bereit, Freudenzähren zu vergießen, weil rch mich entschlossen habe. . . ach Gott nein! — ich Meine natürlich, i ch sei bereit, Freudentränen zu vergießen, weil sie sich entschlossen hat — — na — beim Jupiter, ’ • • • dso ich meinte--, ich habe mich
verlobt. In diesem Sinne — prosit Neujahr!"
Halloh brach aus. Dazwischen klangen plötzluh die Turmglocken, die das neue Jahr einläuteten. Fr-au Trude lehnte in einem Klubsessel, ein Weinglas in per Hand und hatte ebenfalls Tränen in den Augen, aber vor Lachen.
Mit dem Schlage zwölf war die Kusine wieder ein* getreten und schob jetzt ihren Arm in den des Doktors.
„Wir sind es nämlich!" rief sie fröhlich. „Wir haben uns vor einer halben Stunde verlobt."
, „Ich hab' es längst erwartet!" rief Frau Trude tier- Mugt, „und ich freute mich bloß diebisch, daß keiner außer Mir eS merkte! —" ,
hatte es gemerkt!" erklärte Tine mit Selbst- Verstandlichreit. „Ich sagte es noch heute abend zu Fritz, der Doktor würde heiraten, nicht wahr, Fritzchen?"
Fritzchen konnte es nicht leugnen, wenn er auch etwas über die — Gewandtheit weiblicher Zungen war. Aber das allgemeine Gläserllingen, mit dem man das neue Jabr begrüßte, ließ ihm keine Zeit, lange über diese psycho- logische Wahrnehmungen zu philosophieren. Es wäre wohl auch nicht viel dabei herausgekommen.


