Ausgabe 
31.12.1909
 
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doch dn Mutes Kerlchen, und Unfrieden mochte sie durchaus Nicht leiden.

*

Es klingelte und die Gäste kamen.

Die Damen umarmten sich, begutachteten dabei mit Blitz- tzeschwindigkeit ihre gegenseitigen Toiletten und erklärten, es sei zum Jahresschluß nirgends gemütlicher als hier bei Büttners.

Hoffentlich," sagte die kokette Witwe zu Fritz.Hoffent­lich haben Si e wieder eine Bowle gebraut. Das verstehen doch die Herren zehnmal besser als die Frauen!"

Fritz legte die Rechte auf den Magen, verbeugte sich Und verdrehte die Augen dabei so himmelnd, daß der Doktor ihn besorgt bat, er möchte sich doch nicht diese so unersetzlichen Organe verrenken.

Mensch," fliisterte ihm Fritz zu,machen Sie heute Übend keine fiuuen Witze, strengen Sie vielmehr Ihr Gehirn nachher an. Sie müssen mich retten, ich bin in einer ent­setzlichen Lage!"

Um Gotteswillen," dachte der Doktor,der gute Büttner wird mich doch nicht Ultimo anpunrpen wollen? Er würde dabei trostlos hereinfallen ich warte darauf, selber einen Gönner zu finden, damit ich mich verloben kann! Eine Verlobung kostet ein Heidengeld, glaube ich . . ."

In geheimer Unruhe verbrachten die beiden Herren das Mendessen. Keiner genoß den Karpfen mit gebührender Andacht, jeder zerbrach sich den Kops darüber, wasnachher" kommen sollte.

Um so ausgelassener war die schöne Witwe. Ihre KUsine und Gesellschafterin, die mit eingeladen worden war, weil man ein solchesAppendix" doch nicht zu .Hause schim­meln lassen konnte, ließ ihre hellen, klugen Augen rundum gehen, rückte von Zeit zu Zeit den Kneifer zurecht und lächelte vor sich bin.

Wenn sie lächelt," dachte Fritz,sieht sie ganz reizend aus. Sie hat dann Grübchen in den Wangen; es ist doch Merkwürdig, was solch eine Kleinigkeit ausmacht! Schade, daß Tine keine Grübchen hat!"

Ja, solche ketzerischen Gedanken hatte Fritz Büttner am heiligen Silvesterabend!

Die Bowle war ausgezeichnet und tat ihre Wirkung. Die Wangen tmrrden röter, die Augen lebhafter und die Unterhaltung immer vergnügter.

Zuletzt sprach alles so kreuz und quer über den Tisch, daß ein Heidenlärm herrschte, und Tine Plötzlich fand, die Witwe sei maßlos übermütig, und der letzte Abend des Jahres dürfe nicht so frivol ausklingen. Darum hob sie die Tafel auf und flüsterte Fritz zu, er möchte eine kleine Pause eintreten und die Bowle erst gegen zwölf Uhr wieder Anfahren lassen.

Fällt mir garnicht ein!" rief Fritz unbotmäßig.Jetzt find wir gerade recht im Zuge, wer weiß, ob wir morgen oder einen anderen Tag wieder so fidel beisammen sind! Auguste, bringen Sie weiter!"

Und Auguste brachteweiter". Derrn es befanden sich unerschöpfliche Vorräte von dem guten Naß int Eisschrank.

Doktor Freising strich unruhig um Frau Blatt herum. So oft ihm Fritz einen heimlichen Wink gab, er möchte zu ihm hinkommen, verstand er es nicht. Und endlich sah es Frau Matt selbst und ging lachend in die Ecke, wo Fritz am Bowlentisch stand:

Was haben Sie denn, Herr Büttner? Sie winken und mimen ja immerfort fehlt Ihnen etwas?"

O, gnädige Frau, Sie schickt mir der Himmel! Gerade von Ihnen wollte ich einen Rat haben! Ich traute mich nur nicht der Doktor sollte mein Fürsprecher sein."

Gott, das klingt ja spannend genug! Was gibt es dennGanz nahe waren sich jetzt der blonde und der braune Kops.

Denken Sie sich doch, gnädige Frau, ich habe ja ver­gessen, daß meine Tine sich so brennend einen Alexandrit wünschte! So einen grünen Edelstein, der bei Lampenlicht rot aussieht. Sie besitzen deren drei, nicht wahr?"

Ja,, ich habe sie ans Rußland. Dort allein bekommt imm sie ja/'

Ich weiß, ich weiß! Drei Juweliere in Berlin habe ich in Bewegung gesetzt, damit sie mir einen verschaffen sollten ich gestehe, daß ich dies erst nach Weihnachten tat! Ich hatte den Stein rein vergessen! Ich hatte nur die Pelzgar,fitur besorgt und das Kleid und die Waschmaschine Und das .Grammophon. . ."

^,Herr des Himmels! Dais ist doch genug!"

Hm, ja. . . aber Tine machte ein so merkwürdiges Gesicht und suchte immerfort noch in allen möglichen Ver­stecken ich merkte, daß etwas fehlte. Und da fiel mir der Alexandrit ein! Und ich sagte, ein Geschenk sei noch nicht fertig. . . das käme noch nach!"

Aha! Ja, das kommt vom Schwindeln!"

Gnädige Frau, erbarmen Sie sich! Sie wissen doch, wie einem Ehemann zumute ist, der gern Frieden im Hause hat! Das heißt, ich meine natürlich, Sie würden ja nie anders als friedlich zu einem Manne sein! Wer jetzt sagen Sie mir um alles in der Welt können Sie mich retten? Können Sie mir auf acht Tage einen Ihrer Wexandrite leihen?"

Ich täte es von Herzen gern, lieber Freund. Aber schauen Sie meine Hände an, ich habe ja heute keinen' angelegt!"

Fritz taumelte förmlich zurück, und in diesem Augenblick rauschte Tine in das Zimmer und sah die beiden in der Ecke stehen.

Fritz!" rief sie mit einer Stimme, die um mehrere Tonwerte höher war als gewöhnlich,bitte, koste doch die Bowle, sie scheint nicht süß genug zu sein!"

Also?" flüsterte Fritz mit entern flehenden Blick.

Gehen Sie nur, Sie armer Schächer! Ich werde schon Rat schaffen! Um zwölf Uhr sollen Sie den Stein haben."

Strahlend war mit einem Male die Mene des Sünders.

Er machte sich an der Bowle zu schaffen, goß noch mehr Sekt hinein, gab seiner Frau corum publico einen Kuß und erregte damit ihr erhöhtes Mißtrauen.

Er hat ein schlechtes Gewissen," dachte Tine.Und diese Trude Blatt ist eine ganz raffinierte Person! Jetzt schwatzt sie wieder mit den anderen, als ob nichts gewesen wäre, und ich habe es doch gesehen, tvie nahe sie mit ihrem Kopf an Fritz herankam!"

Die Kusine zog nach einer Weile Tine beiseite und bat sie mit verlegener Miene zu entschuldigen, wenn sie nach Hanse ginge. Sie habe so arge Kopfschmerzen, und der Doktor werde so freundlich sein, sie zu begleiten er käine sogleich wieder zurück.

Aber Sie ebenfalls!" rief Tine dringend und freund­lich.Ein Spaziergang in der Nachtluft tut Ihnen sicher gut. Probieren Sie es, liebes Fräulein. Und wenn Ihnen wieder besser ist, dann sind Sie in einer halben Stunde wieder hier, nicht wahr?"

Meder spielte das Lächeln um die Grübchen, und die Küeifergläser blitzten lustig. Dann ging die Kusine fort, und der Doktor mußte das Opfer bringen und sie als Schutzengel begleiten.

Die Unterhaltung erlahmte sichtlich, als der Doktor fehlte. Fritz aber wurde direkt aufgeregt. Er setzte sich ans Klavier und sang Couplets, und zwar solche, die vor zwanzig Jahren einmal komisch gewesen waren. Die schöne Witwe versank darüber in sentimentale Träumereien und erzählte Tine, daß ihr Seliger auch, immer so falsch ge­sungen hätte.

Tine bemühte sich, eine fröhliche Stimmung vorzu­geben, und die beiden unbedeutenden Nachbarn, die noch anwesend waren, versuchten, das Abenteuer einer Neujahrs­nacht von Zschokke zu erzählen.

Förmlich erlösend wirkte es, als um halb zwölf Uhr der Doktor wieder erschien, und zwar allein. Die Kusine war nicht wiedergekommen, und Frau Blatt ging mit einem gleichgültigen Achselzucken darüber hinweg.

Fritz transpirierte. Was lvürde nun aus seinen groß­artigen Versprechungen werben?

Da ein freudiger Schreck durchzuckte ihn. Es klingelte, das Mädchen kam herein und meldete, es sei ein Expreßbote da, der Herrn Büttner selbst zu sprechen wünsche.

Er eilte hinaus, man horte kichern, und gleich daraus trat er mit Triumphatormiene wieder ein.

Meine Damen und Herren," sagte er, indem er die Taschenuhr zur Hand nahm.Es wird gleich Mitternacht schlagen. Das alte Jahr geht zu Ende. Es hat sich ziemlich gemein benommen, wie das so gewöhnlich die alten Jahre tun; aber es hatte doch auch annehmbare Momente, nnd an diese wollen wir als brave Optimisten lieber denken. Opti­mismus ist staatlich konzessioniert. . . ."

Bravo!" unterbrach rhn der Doktor zur Unzeit.

Auch unsere Damen," fuhr Fritz ungeriihrt fort,sind