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zur Folge hat, daß die jungen Männer, die ein bestimmtes junges Mädchen verehren, alle möglichen Listen anwenden, um das Silvesterfest in einem Hanse zu begehen, in dem die betreffende Schöne -in der Gesellschaft weilt. Daß dann der Meujahrskuß inniger ist und der Erwählten des Herzens verrät, welche Gefühle der Küssende für sie hegt, ist leicht erklärlich.
In Spanien lvird heute noch aut Silvesterabend eine Lotterie der Liebenden veranstaltet. Die Namen der Lieben^ bett beider Geschlechter werden in zwei Urnen geworfen, dann zieht man willkürlich aus jeder einen Zettel, so daß immer auf einen männlichen ein weiblicher Name folgt. So wird nun jeder Teilnehmer am Spiel auf ein ganzes Jahr als erklärter Liebhaber der Senuora angesehen, die ihm in dieser Lotterie zugefallen ist. Fügt es nun der Zufall, daß diese Namen zweimal zusammenfall.en,^o endet das Spiel fast immer mit einem Herzenstausch.
In Deutschland sind wohl die alten Silvesterbräuche am Meisten noch in einigen Gegenden der Provinz Sachsen int Scküvange. Da werden noch allerlei Umgänge der Schuljugend abgehalten, das neue Jahr wird von den Knechten „eingeknallt" und allerlei derartige Bräuche vorgenommen.
Weniger ernst werden die Bräuche in den Großstädten genommen, aber erhalten haben sie sich auch dort, dank der Erheiterung, die sie im frohen Kreise bieten: das Blei- gießen, das Werfen mit Apfelschalen, oas Schwimmenlassen der Nußschalen usw.
Andere Bräuche aus neuerer Zeit aber sind nicht minder eigenartig. So hat es sich z. B. als feststehender Neujahrs- brauch eingebürgert, daß die Telegrapheubeamten der nördlichsten Station und die der südlichsten Deutschlands im Augenblick des Neujahrsbeginnes sich mit einem Glückwunsch in Wersen begrüßen. Aehnliches geschieht von feiten der nördlichsten und südlichsten Garnisonen Deutschlands, in Ostpreußen und am Bodensee. Neuerdings ist es auch Sitte geworden, auf Bergeshöhen das neue Jahr zu begrüßen. Einige Berühmtheit in dieser Beziehung haben in den letzten Jahren die Silvesterfeiern auf dem Brocken gefunden. Je mehr in Deutschland der Wintersport Anhänger fand, um so Mehr haben diese Brockeufeiern sich eingebürgert, und es fanden sich in den letzten Jahren auf dieser höchsten Erhebung des mitteldeutschen Gebirges regelmäßig ein paar Hundert Gäste zusammen, darunter stets nahezu die Hälfte Damen, um bei gemeinschaftlichem Abendessen auf einsamer Höhe das neue Jahr in froher Stimmung zu begrüßen. Wie froh die Laune dabei ist, wird dadurch beioiesen, daß man bei 18 Grad Kälte das Lied „Der Mai ist gekommen" bei einer der letzten dieser Silvesterfeiern sang.
Das gibt nun Anlaß, von einigen Silvesterfeiern besonderer Art zu berichten; auch auf diesem Gebiete gibt es Seltsamkeiten. Als z. B. Ende des Jahres 1905 eine neue Schutzhütte auf dem Gipfel des Mont Blaue fertiggestellt worden war, beschlossen Arbeiter und Bergführer, das neue Jahr 1906 an dieser ihrer Arbeitsstelle, also in einer Höhe von 14 000 Fuß, gemeinsam zu begrüßen. Wenige Minuten vor Beginn des neuen Jahres entzündeten sie ein großes Feuer, und als das Jahr auf die Bergeshöhe gekommen war, lohten dort die Flammen hoch zum Himntel.empor. Und dazu klangen bei einer Kälte von 20 Grad unter Null — die Gläser der fröhlich Feiernden zusammen, und in heiterster Stimmung brachte man sich die Glückwünsche dar.
Wie das Neujahr auf Bergeshöh in festlicher Stirne mitnq begrüßt wird, so auch in der Tiefe. Wohl die eigenartigste Silvesterfeier auf der Welt ist es, die ein englischer 'Kohlenarbeiter aus Laneashire sich erdacht hat. Am letzten Tage des alten Jahres bleibt er als einziger tief unten im Sckacht, wo er mit einem stillen Gebet und einem Choral das neue Jahr begrüßt. Das hat der Mann seit länger als 20 Jahren alljährlich getan. Wielleicht geschah es einmal infolge einer Wette und später hat er Geschmack daran gesunden.
Ebenfalls in Laneashire erdachte sich vor einigen Jahren ein dortiger Schwimmklub eine eigenartige Silvesterfeier. Sieben Mitglieder des Sportklubs sprangen, als die Glocken die zivölfte Stunde auzeigten, im Augenblick des Jahresbeginns in das eiskalte Meer, — jedenfalls eine eigenartige und unerschrockene Sportleistung, die aber nicht zum bestehenden Brauch geworden ist, woraus zu schließen sein mag,
daß sie nicht allen woWekam. Der Attlaß zu dieser Sport- leistuug mag wohl gleichfalls eine Wette gewesen sein, wie das auch bei einer anderen nicht minder seltsamen! Feier in Chicago der Fall gewesen ist. Dort kletterte ein Handwerker am <Alvesterabend auf einen der höchsten Türme, um dann in der schwindelnden Höhe das amerüf baltische Nationallied, „das sternenbesäete Banner" beim Begrün des neuen Jahres zu singen.
L Natürlich sind das Extravaganzen, die aber immerhin ein Beweis sind für die ungewöhnlichen Stimmungen, zu denen der Silvesterabend Anlaß bietet, und die nicht nur im Lande des Spleens itnb in dem der Marotten heimisch sind. Denn wenn man bedenkt, daß es vor etwa einem Wierteljahrhundert in Berlin, im Mittelpunkte der Stadt — es war Unter den Linden an der Ecke der Friedrichs straße —, Sitte und Brauch war, in der Neujahrsnachh lebensgefährliche Schlägereien zu beginnen, und daß es der ganzen behördlichen Strenge bedurfte, um diesen Berliner Silvesterbrauch auszurotten, so bildet dieses einen nicht minder eigenartigen Kontrast zu dem immerhin ernsten und feierlichen Anlaß des Brauches, als jene englischen und amerikanischen «Älvesterulke.
Vermischtes.
* Die Gabel, Die Gabel, ohne deren Existenz wir uns den modernen Tafel- und Restau- rationsbetrieb überhaupt nicht denken können, mar nicht immer der unentbehrliche Gegenstand, der er heute für uns ist. Zwar kannte die antike Welt, wie durch Ausgrabungen, bestätigt ist, die Gabel, aber sie wurde in Griechenland und Rom nur ausnahmsweise gebraucht. Mit dem Untergang; der alten Welt verschwand sie ganz aus Europa; ihrs Tradition (vielleicht nicht einmal ihr Gebrauch) blieb auf Byzanz beschränkt. Won dort brachte sie, woran im „Mar- zocco" erinnert wird, die Gemahlin des Dogen Domenico Silvio gegen Ende des 11. Jahrhunderts mit nach Venedig. Es war eine zierliche, goldene Gabel, mit der die Dogaresch die Speisen zum Munde führte, aber trotzdem betrachtete man sie als Teufelswerkzeug, und speziell die Geistlichkeit eiferte gegen den Neuerungsgeist der Byzantinerin. Als diese bann gar noch in jungen Jahren an einer unbekannten Krankheit starb, wußte der Klerus ganz genau, baß dies ■eine Gottesstrafe für die „verhängnisvolle Gabel" war. Das schlimme Instrument verschwand, die Geistlichkeit beruhigte sich und die Menschen aßen nach wie vor mit der fiinfzinkigen Gabel, die jeder mit auf die Welt gebracht hatte. Bis zu Anfang des 16. Jahrhunderts einige Waghalsige, ebenfalls zu Venedig, wiederum den Versuch machten, sie einzuführen. Einem Engländer namens Thomas Cor- gate, imponierte dies, er brachte einige Exemplare nach England, wofür er den Beinamen fu reifet-, d. i. der M-äun mit der Gabel, erhielt. Aber nur langsam setzte sich die „neue Errungenschaft" durch; selbst sogenannte aufgeklärte Leute wetterten dagegen und meinten, die Welt verweichliche durch den Gebrauch der Gabel, und in den Klöstern würbe sie nach wie vor als. sündhaft verboten. Allmählich erst bürgerte sie sich dann zunächst an den Höfen ein und ging von da ans an die anderen Bevölkerungskreise über.
* Boshaft. „Mein Mann ist ein wahrer Engel. Was ich ihm vorsetze, das schmeckt ihm." — „Dann ist er ja der reine Würg- Engel."
* Aus Erfahrung. „Nicht wahr, Papa, weint ich groß bin, kann ick tun, was ich Witt?" — „Nes, Junge, beim heiratsts doch!"
* In der Ge sang stunde. Lehrer: „Nachdem Wir ote Wacht am Rhein gesungen, Ivvlleu wir noch ein anderes Lied vom Rhein singen! Kennst du noch ein anderes Lied vom Rhein ?" — Schüler (singend): „Kommen Sie rein, kommen Sie teilt,' kommen Sie rein, kommen Sie teilt in die gute Stube!"
Rätsel.
Neues Leben und Kratt pfleg' ich dem Menschen zu spenden;
Nimmt er das Herz mir heraus, werd' ich ein gutmütig Tier.
Auslösung in nächster Nummer.;
Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Rümmer r
Eltern, übet ernste Zucht!
Wie die Saat, so wächst die Frucht;
Besser, euer Kind weint jetzt, 91(8 daß ihr noch weint zuletzt.
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.


