Ausgabe 
31.7.1909
 
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dnhste joa des Maul net off!", was nun Jörg mit der be­scheidenen Erwiderung zu begründen suchte:Ei daheim schwetzt du de gaanze Toag, da brauch aichs uet!"

Aber noch eine andere, unangenehme Folge hatte sein unfreiwilliges, vorzeitiges Abgehen aus der Versammlung für Jörg. Es waren nämlich am selben Tage auch die Be­fehlshaber gewählt worden und da der gute Jörg Vitz XIV. gehofft hatte, doch mindestens Kvrporal zu werden, war feilte Enttäuschung groß, als er hörte, daß in seiner Ab­wesenheit alle Chargen vergeben seien. Zu seinem Aerger kam er auch noch unter das Kommando seines Vetters Henn- rich, desselben, der seinen schönen Rede ein vorzeitiges Ende bereitet hatte und den er nun auch nochHerr Leutnant" an­reden mußte. Auch, bei beit in den nächsten Tagen stattsin- denden Exerzierübungen konnte er dem Gestrengen mit dem besten Willen nichts recht machen. Bald hieß es:Jörg, doas machste naut notz!" Dann wieder:Dvnnerwerrer Jörg, wann de die Büäne net eiziehst, tut de Richtung net hälft, schloag aich dr mein Säbel um de Kopp erum. Aich will dersch beibringe, doaß aich alleweil dein Leutnant sein!" Jörg schwnr dem Vetter insgeheim Rache, doch tröstete er sich damit, daß des Soldaten erste Pflicht der Gehorsam fei. Außerdem vergaßen sich solche kleinen Aergernisse ziem­lich rasch, denn nach jeder Uebung wurde der Kriegsmut mit Bier und Branntwein neu belebt und diese Belebungen gefielen Jörg Bitz XIV. sehr gut.

Nun kam die Zeit, da die Bürgerwehr ihre Feuerprobe bestehen sollte. Die Regierung hatte nämlich einige Kom­pagnien in die Gegend entsendet, um die tollen Geister zu beruhigen und um die Staatswaldungen vor der Zerstörung zu schützen. Wie Flugfeuer verbreitete sich das Gerücht, daß sie in den nächsten Tagen einrücken würden. Darob neue Versammlungen und Reden, und schließlich, nach langem Kriegsrat der Entschluß, aus der Kärlshöhe, unterhalb des Städtchens, von wo aus man einen großen Teil der Land­straße überschauen konnte, Wachen auszustellen, die die Bürger von dem Anrücken des Feindes verständigen sollten. Auf den äußersten Vorposten hatte der grausame Zufall oder war es die Tücke des Vetters Heinrich den Helden Jörg Bitz XIV. berufen. So sehr er sich aber auch ob dieser Auszeichnung in die Brust warf, es beschlichen ihn doch bald bängliche Gefühle, denn es ivar wahrhaftig keine Kleinig­keit, als einzelner Mann unter Umständen mit einem ganzen Heere sich schlagen zu müssen.

Während er nun die Vorbereitungen für sein Aus- rücken ins Feld traf, malte er sich in Gedanken die gräß­lichen Gefahren aus, denen er entgegen ging und so" traf ihn in seiner Verwirrung das Mißgeschick, daß er die Schuhe anzuziehen vergaß und in Pan- tosfeln auf dem Sammelplatz erschien. Die Jugend empfing den tapferen Kriegsmann in Pantoffeln mit hallendem Uebermut.

Jörg, du wirscht doch net in Winterschnh' uff Poste wolle ziehe!"

Jörg, du honst wohl kaale Fisse? bleib liewer dahäni, wann's dich friert!"

Zum Glück erschien sein Kathrinliesche und schwang von weitem _ schon die Schuhe in der Rechten. Sie setzte dieTrittcher" vor ihm nieder und sagte gelassen:

Don sieht mersch wirrer emol, woas sorn Dappes du bäst, wann du maich net hast, woas sollts aus dir gewwe? Du ließt dein Kopp auch noch dahäm."

Jörg war ihr so dankbar für ihre Hilfe in der Not, daß er diesmal auf eine Verteidigung verzichtete und gern ihre Ueberlegenheit anerkannte. Als nun das Kommando zum Abmarsch ertönte, reichte er ihr zum Abschied die Hand und seufzte:

Adieu Koathrinliesche! aich zieh ufss Schloachtfcld; wer waaß, ob wer sich wärrersieht!"Adieu Jörg, bleib gesono un duh bei Pflicht" sagte Kathrinliesche, indem sie sich die Augen mit der Schürze wischte. Dann ging es fort.

Nach mehrstündigem Marsche erreichte die kleine Kolonne ihr Ziel, die Posten wurden verteilt und bald stand Jörg Bitz XIV. auf einsamer Höhe und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Aber wie sehr er auch uach rechts und links seine Aufmerksamkeit richtete, es ließ sich nichts Ver­dächtiges sehen und bald wurde ihm die Sache langweilig. Zudem Begann er bedenklich zu frieren, und als auch noch gegen Wend ein heftiger Regen einsetzte, da gedachte Jörg

seufzend seiner Kbiegskollegen, die daheim im Hauptquartier bei einem guten Tropfen die zukünftigen Siege feierten.

Während er mtn hin und her überlegte, was zu tun sei, um feilte Lage zu verbessern, kam ihm ein rettender Gedanke. Im nahen Dorfe S. wohnte sein Vetter Hann- jost, da wollte er flugs hinlaufen und sich einen Regen­schirm leihen.

Gedacht, getan! Aber da kam er schön an. Nachdem der Hannjost die Pfeife aus dem Mund genommen und nach Gewohnheit kräftig ausgespuckt, begann er:

Awer Jörg, schainste dich tret, als Soldoat dein Poste ze verloasse? Aich sei met ieh Spanien gewest ort hun laan Raaschärm metgehatt. En Soldoat met em Achärin hun aich aach noch net gesteh!"

Awer aich kaa doch uet de gaanze Noacht ieh dem Raa do gestieh!" wandte Jörg Bitz XIV. kleinlaut ein, worauf sich dann des Hannjosts Frau ins Mittel legte, indem sie vorschlug, der Jörg solle bei ihnen übernachten, 'beitu heute abend sei das Militär sicher nicht mehr zu erwarten, und morgen früh könne er neugestärkt seinen Posten beziehen. Das leuchtete dem Jörg sogleich ein und bald lag er in dem mächtigen Federbett und träumte von zukünftigen. Lorbeeren.

Als er am andern Morgen, von der Lisbeth mit einem guten Schälchen Kaffee gestärkt und einem reichlichen Früh­stück versehen, aufs neue zur Wache auszog, da war seine Stimmung so siegessicher, daß er im Geiste den Feind schon geschlagen, sich selbst aber zntn Lohn für seine Helden­taten mindestens zum Leutnant befördert sah.

Aber was war das? Als er seine Blicke in der Rich­tung nach der Heimat schweifen ließ, sah er auf der Chaussee eilte lange Reihe öon 'Uniformen sich bewegen; das Militär hatte, während er noch bei dein guten Kaffee gesessen hatte, die Kärlshöhe passiert und marschierte nun ungehindert aufs Städtchen los.

Dem Jörg Bitz XIV. brach der Angstschweiß aus allen Knopflöchern! Seine geliebte Heimat dem Feinde ausge­liefert, und er selbst trug die Schuld! Wie würden sie ihn empfangen, wenn er nun heimkehrte, er, ein pflicht­vergessener Ausreißer, der seinen Posten verlassen hatte. Es war gar nicht auszudenken. Er überlegte hin und her und dachte darüber nach, auf welche Todesart er sich seinen irdischen Richtern entziehen wollte, da es ihm nicht ver­gönnt war, auf dem Felde der Ehre fürs Vaterland zu sterben.

Da durchzuckte ihn plötzlich eilt Gedanke, der seinen Lebensmut neu entfachte. Wußte er nicht einen Fußpfad übers Gebirge, der ihn in erheblich kürzerer Zeit nach X. führte? 1

Den mußte er benutzen; dann gewann er noch Zeit, die Bürgerwehr zu alarmieren und alles zur Verteidigung vorzubereiten. Dieser Eilmarsch durch die vom Regen anf- geweichten Wälder ist ihm Zeit seines Lebens im Gedächtnis geblieben; nach beinahe zweistündigem, fast ununterbroche­nen Laufen kam er, in Schweiß gebadet, zu Hause an.

Aber hier erwartete ihn die schwerste Enttäuschung. Während Jörg Ditz XIV. Wache stand und feilt Leben für die Freiheit wagte, war daheim die Stimmung nmgeschla- gen. Tie besonneneren unter den Bürgern waren schon lange der Ansicht, daß es besser sei, ins altgewohnte Ge­leise zurückzukehren und angesichts der heranrückenden be­waffneten Macht verstttmmten auch die ärgsten Schreier.

Einige äußerten, man könne doch die Soldaten nicht für die Gen altmaßregeln der Regierung verantwortlich machen; andern fiel es ein, daß sie ja beim selben Truppen­teil gedient, also untnöglich gegen ihre eignen Regiments­angehörigen kämpfen konnten. Ueberhaupt, war es nicht Menschenpflicht, die nach dem anstrengenden Frühmarsche gewiß gehörig durchfrorenen und ausgehungerten Soldaten freundlich zu empfangen und ihnen für ein warmes Quar­tier zu sorgen?

Als nun der Jörg heranstiirzte und aus Leibeskräften schrie:

Bürger raus, es gilt de Freiheit ons Lewe!" da fand er kein Verständnis noch Entgegenkommen. Ja, sein Vetter Leutnant, der seinen Mang abgelegt und sich an­scheinend als gewöhnlicher Hannkaspersch Hennrich wieder viel molliger fühlte, rief ihm höhnisch zu:

Ach, haalt doch bei schläächt Maul, ämol muß joa doch der Spektoakel e End itemme!"

Und als Jörg heftig protestierte:Für woas is da