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Jetzt weiß ich, >vic ich mit dir dran bin. Du hast dich vor mir aufgespielt, als wär' kein Untätchen an dir. Und den Pfennig hast du aufgebissen und bist der Arbeit nachgesprungen und hast nicht -genug kriegen können. O du Heuchler! Das' !var all nur Schauspielerei. Eindusseln wollt'st du mich, weiter nichts. Alleweil kommt's heraus. Heiliger Gott, so 'ne Verdorbenheit, so 'ne Schmutzigkeit! Ei, mein Mann selig, glaub' ich, hätt' sich lieber umgebracht, als sich so zu verschammerieren. No freilich, wann man kein' Halt und kein' Glauben in sich hat. Die acht Tag', wo du sitzen mußt, sind nichts. Droben vor unferm Herrgott geht dir's nicht so durch. Wer so ’n sündhaften Hang hat, wie du, kommt elendig drin um!"
Sie warf ihm einen Blick voll tiefer Verachtung zu und ging hochaufgerichtet in die anstoßende Stube. Friedmar rührte sich nicht. Den Kopf über den Tisch gebeugt, daß ihm das Blut hineinschoß, brütete er vor sich hin. Nach einer Weile erhob er sich schwerfällig und folgte seiner Frau.
„Meisterin," nahm er, vor sie hintretend, das Wort, „ich will mich nicht rein waschen bei dir. Was ich getan hab', nehm' ich auf mich. Hingegen von Hinterlist und Heuchelei ist mir nichts bekannt. " Ich mächt' gleich !vas mit dir ausmachen. Auseinandersetzen müssen wir uns doch. Sechs Jahr' gehör' ich jetzt hier zum Geschäft. Ich hab' für den Meister selig geschafft und hab' mein' Lohn gekriegt. Da ist weiter nichts drüber zu sprechen. Wie der Meister gestorben ist, war ich vornj und hinten, daß du um nichts gekommen bist. Tas kannst du! nicht abstreiten. Hernach sind ivir einig geworden, daß wir uns heiraten. Ja, was glaubst du, was ich da den Protzer gemacht hab' vor den Leut'? Ei natürlich, wann man aus so ’ner Armut kommt wie ich und auf einmal Geld hat wie Kies, das kribbelt ein' im Kopf. J'ch hält' mit keinem tauschen mögen, und wann er noch so stolz ging. Denn ich hatt' an dem Pflastergefchäft mein' Spaß, Und hoch bringen wollt' ich's im Ort und im Kreis herum. Dir hast mir mein' Willen gelassen. Das ist wahr. Wegen dem Geschäft hält' ich mein Lebtag kein' Streit mit dir gekriegt. No, was die Pflasterei anlangt, da stell' ich meinen Mann. Aber was Heiraten ist — dadrüber ist mir erst nach der Hochzeit der 'Verstand gekommen. Dessentwegen will ich dich nicht heruntersetzen. Gott bewahr'. Du kannst wieder 'nen Mann nehmen, und dem fällt dadrüber vielleicht gar nichts ein. Neber so Sachen kann man nicht dischkerieren. J'ch mein' als, ich hätt' ’ne Bind' vor den Augen gehabt. Ich bin so hineingetappt in die Heirat. Nnd's hilft nichts, Meisterin. Ich muß wieder heraus, 's ist mir ein Licht aufgegangen. Mit uns zwei ist's nichts."
Sein Atem ging schwer, auf seiner Stirne perlten Schweißtropfen. Die totblasse Frau aber durchbohrte ihn mit ihrem Blick.
„Wo ist dir dann das Licht aufgegangen, daß es nichts mit uns ist?"
„Drüben in Dietkirchen," gab Friedmar mit einem kurzen Aufleuchten seiner Augen zurück.
„Bei dem Weibsmensch?" schrie die Meisterin aus. „Und du bild'st dir ein, vor der tüt’ ich die Platt' putzen?"
„'s batt' dich kein Gelärms und kein Getäts," sagte Friedmar bestimmt, „mein Plan ist fest. Jetzt horch'. Ich geh' in Arrest. Wann ich herauskomm', mach' ich hier alles Katt und rech'u mit dir ab. Ordnung soll fein. Und daß düs nur weißt, vom Geschäft Und der Meisterschaft steh' ich zurück. Ich mach fein’ Anspruch. Kein' Pfennig will ich dorr dir, fein Nichts. Meine Kist' droben soll der Kipping in die Reih' schaffen. Das Schloß ist kaput. Und vorläufig leg’ mir mein Zeug parat. Die ander' Woch', denk' ich, nehm' ich meine Sach' auf den Buckel und mach' wieder fort."
„Das heißt, wann ich will," sagte die Meisterin eiskalt. „Du meinst, hier wär' so ’n Stall, wo man herein und heraus läuft wie das Vieh. Die Meinung steht dir frei. Aber den Schlüssel zum Stall hab' ich."
Friedmar reckte unwillkürlich die Arme empor.
„Den Schlüssel hast du? No, das wollen wir mal seh'n."
Die Meisterin trat furchtlos au ihn heran.
„Schlag' zu! Deshalb kannst du's noch mal hören. Den Schlüssel hab' ich. Und wann du dich auf den Kopf stellst. Ta gibt's nicht's. Hier bist du, und hier bleibst du. So sprech.' ich,"
Friedmar gab feine Antwort und drehte sich auf dem Absatz herum. Gleich darauf das Haus verlassend und die
Straße entlang schreitend, überlegte er, was er zu tun habe, seinen Willen durchzusetzen. Mit Gewalt fonnte ihn die Meisterin nicht festhalten. Zunr Lachen! Und toerm sie ihu nicht freiwillig! los ließ, so half er sich selbst. Da war der Zungendrescher, der Doktor Sternberg. Der wußte in - so Sachen Bescheid. Aber als Beistand des Bürgermeisters von Dietkirchen hatte er ihm diesen Morgen vor Gericht hart zugesetzt. Den Formte er nicht fragen. Das ging gegen seine Natur. Wie wär's mit dem Pfarrer? Ei natürlich, 'der Pfarrer, der war ein grundgelehrter und ein guter Mann. Der wies fein Gemeindekind ab. Ob's nun fromm war oder nicht. Der fand sicher einen Ausweg. Daß er nicht gleich au den Pfarrer gedacht hatte. Also ohne Verzug ins Pfarrhaus.
Nach Beendigring der Schöffengerichtssitzung hatte der ‘ geschwätzige alte Kantor alsbald dem Pfarrer über den neuesten Fall in der Skandalgeschichte des Städtchens Meldung erstattet. Dabei konnte er sich nicht entbrechen, über die Sittenlosigkeit der ganzen Gemeinde seinen lebhaften Unwillen zu äußern. Allenthalben stehe die Moral auf schwacherr Füßen. Keirr Wunder, wo die Gleichgültigkeit gegen die Kirche an der Tagesordnung sei. Was bei den Honoratioren hinter den Kulissen vorgehe, erfahre man selten. Da existiere ein regelrechtes Vertuschungssystem. Aber auch bei den Bürgern und Handwerkern mache sich die zunehmende Entsittlichung immer mehr bemerkbar. Das beweise wieder der schimpfliche Handel mit dem Pflaster- meister. Es sei wahrhaftig au der Zeit, daß der Herr Feuer und Schwefel herabregnen lasse auf dieses Sodom.
(Fortsetzung folgt.)
Die Erlebnisse des Vürgergardisten )örg vitz XIV. im Zchreckensjahre M8
Von A. F, Gießen.
(Bei unserem Preisausschreiben mit einem zweiten Preise bedacht.)
(Nachdruck verboten.)
Auf dem Marktplatz des guten, alten oberhessischen Städtchens X. fand eine Bürgerversammlung statt,- helle Begeisterung leuchtete aus allen Augen rind die Rufe: Freiheit und Gleichheit! die Händedrücke und die Versicherungen einiger Bruderliebe wollten kein Ende nehmen. Hatte man doch soeben einen wichtigen Schritt getan: eine Bürgerwehr hatte sich gebildet, und „jeder echte Mann" war bereit, Gut und Blut für die Freiheit einzusetzen. In feurigen Reden forderten die „Obersten" ihre Getreuen und das gaffende Volk auf, ihre Bürgerrechte zu verteidigen und die schmachvolle Knechtschaft abzuschütteln. Ja! mau erwog allen Ernstes bereits die Frage, nach Baden aufs Schlachtfeld zu ziehen und den dortigen hart bedrängten Brüdern zu Hilfe zu eilen. — Da schob sich ein redelüsternes Männlein durch die Reihen. Um nun besser gehört zu werden, bestieg es, in Ermangelung einer Tribüne, eilt großes Faß, das in Friedenszeiten landwirtschaftlichen, nicht grade wohlriechenden Zwecken diente, und bekräftigte seine Rede mit folgendem Schwur:
„Hol' mich der Deuwel, aich, Jörg Vitz XIV. geh' auch met, wann Ihr mir nor Waffe gebt ou Geld!" „Wons Geld?" schrie da Einer, „dor brauchste doch kaa Geld zu!" Und ein anderer, der den Jörg schon lange um seins Rednererfolge beneidete und darauf brannte, sich selbst Gehör zu verschaffen, schrie:
„Doas sollt Dir basse, wann de doas vertränke könnst! ©minner met em, etzt komm aich oans Rede!"
Mag es nun sein, daß Jörg int Zorn, seine heiligsten Gefühle also verkannt zu seheri, den Boden des FasseS zu heftig mit den Füßen bearbeitete, oder geschah es durch das gewaltsame Herunterdrängen, kurz und gut, das Faß brach' ein uni) Jörg entschwand zur allgemeinetr Belustigung den Blicken seiner Zuhörer. Die Schuljugend war natürlich auch anwesend und ließ sich! die Gelegenheit nicht entgehen. Das Faß wurde umgeworfen und rollte auf der abfallenden Straße polternd weiter, bis es dem wackeren Jörg Vitz XIV, nach manchen vergeblichen Benrühnngen gelang, der ungemütlichen Behausung zu entschlüpfen. In bedrückter Stiminung und üblem Geruch schlich er sich heim, wo ihn eine,Strafpredigt seines lieblichen Ehefünfachtels erwartete- die in dem wuchtigen Schlußsatz gipfelte:
„Woas brauchst du en der Wersoamelung zu rede, dahM


