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Die Pflastermeisterm.
Roman von Alfred Bock.
Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Die Nachricht von der Gerichtsverhandlung und der IVerurteilung des Pflastermeisters verbreitete sich wie ein Lauffeuer durch die Gassen und Gäßchen der kleinen Stadt. Lange bevor Friedmar seine Behausung betrat, hatte eine „teilnehmende" Nachbarin der Meisterin alles haarklein berichtet. Kipping, der Schlosser, ließ sich nicht blicken. Bon einer fieberhaften Unruhe erfaßt, lief die Meisterin in den Garten, aus' dem Garten in das Haus, hin und her. Stunde um Stunde verrann, -Friedmar kam nicht. In ihrer Verzweiflung holte sie ihr Gebetbuch herbei, Trost daraus zu schöpfen. Wie sie jetzt mit gramvollem Gesicht, dem Licht zugewandt, am Fenster saß, schien sie wirklich gealtert. Deutlich zeichnete sich das Linienwerk auf ihrer Stirne ab, und um den schmerzlich verzogenen Mund traten tiefe Falten hervor. Sie schlug eine der letzten Seiten des Gebetbuchs aus und las laut: „Himmlischer Water, siehe mein Elend und errette mich! Hilf mir, denn ich vergesse deines Gesetzes nicht. Führe meine Sache und erlöse mich; erquicke mich durch dein Wort. Ach Gott, sieh meinen Kummer! Ich wollte dir gern 'mit fröhlichem Herzen dienen, aber ich vermag es nicht; wie stark ich mich wehre und wider das Elend meines Herzens streite, ich bin zu schwach zu diesem großen Kampf." Sie ließ das Buch sinken. Was sie da las, war tröstlich nnd erbaulich, aber in ihrer fühlte sie das Bedürfnis, zu Gott zu sprechen, wie es das eigene Herz ihr eingab. Und sie sammelte ihre Gedanken in stillem Gebet: „Lieber Gott, was hab' ich getan, daß ich so in's Unglück gekommen bin? Seit meiner Eheschaft mit dem Friedmar hab' ich kein' frohen Tag ge- 'habl. Und es war dein Wille, daß ich ihn genommen hab', dann ohne dich geschieht nichts. Und der Herr Pfarrer hat den Segen über uns gesprochen in deinem Namen. Ich bin 'ne einfältige Frau und weiß nicht, welchen Weg du mich führst. Ich bin nicht murrköpfig, und es muß schon arg kommen, wann ich meine Standhaftigkeit verlieren soll. Aber, daß der Friedmar der liederlichen Person nachlauft und mich mit seinem scheinheiligen Gesicht betrügt, Idas kannst du nicht wollen, lieber Goth Ich weiß, du strafst seine Untren' und Falschheit. Wer mich strafst du mrt. Und das ist meine größte Betrübtheit, daß ich's nicht fass', warum du so aufgebracht gegen mich bist. Du guckst von dernem Dhron herunter, 's gibt kein Eckchen, wo du nicht hinschaust, 's wird kein Wörtchen gesprochen, das du nicht hörst. In der Stadt wispert's eins dem andern zu; Die dumm' Person hat den jungen Springer einfangen wollen, und in ihren Jahren. Jetzt hat sie den Salat, 's -geschieht ihr recht. Und die bissig' Verwandtschaft lacht sich ins Fäustchen. Lieber Gott, ich muß mir ia die Augen
zuhalten, wann ich unter die Leut' geh'. Und hab' doch sonst frei aufschau'n können. Daheim in Herrnberg hat als mein Vater gesagt: „Du läßt alles verstauben und verdrecken im Haus, wann du nur in dein Kirch' kommst'. Und auch als verheirat'« Frau hab' ich auf meine Kirchlichkeit gehalten. Da hätt' mich keins abwendig machen können. Lieber Gott, ich möcht' ja auf Erden kein' Lohn dafür. Aber wann ich seh', wie schlecht die Menschen sind, und wie denen doch alles gerät — und wann ich dahingegen mich betracht', wo ich den ersten Mann so früh verlor'rn hab' und der zweite sich verschandlappt, und ich noch Hohn und Spott einstecken soll von den Leut' — ich kann mir nicht helfen, da geht mir die Gall' ins Blut, und ich werd' ganz irrgläubig." Erschrocken hielt sie in ihrem Gedankengang inne. So weit war's schon mit ihr gekommen. Sie betete nicht mehr, sie haderte mit dem lieben Gott. Sie war wie betäubt. Er würde ihr's doch nicht anrechnen? Rasch nahm sie ihr Buch wieder zur Hand und las: ,/O du starker Gott, gib mir deinen heiligen Geist, daß er mich tröste und erfreue in -all meiner Traurigkeit. Ich bin ja dein im Tod und im Leben, und weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Trübsal noch Angst kann mich scheiden von dir und deiner Liebe." (
Draußen ließ die Haustürschelle ihren quiekenden Ton vernehmen. Die Meisterin hörte die dumpfen Schläge, ihres Herzens. Das war Friedmar. Langsam stieg en die Treppe empor. Nun trat er ins Zimmer. Sein Gesicht war blaurot, seine Augen rot gerändert und verschwommen. Er kam aus dem Wirtshaus. Die Mittagszeit war längst vorüber. Die Meisterin richtete das Essen an, das sie auf dem Herd beiseite gesetzt hätte.
Darauf aßen sie in großem Schweigen. Die Meisterin würgte nur ein paar Bissen hinunter. Friedmar dagegen sprach dem einfachen Gericht tüchtig zu. Endlich legte er Messer und Gäbel auf seinen Teller und sagte, ohne aust- zublicken:
„Ich muß acht Tag' in Arrest."
„Warum?" fragte die Meisterin, sich beherrschend.
„Ich hab' mit dem Bürgermeister von Dietkirchen was vorgehäbt." s
„Was hast du mit dem vorgehabt?"
„Wir sind halt hintereinander gekommen." „Neber was dann?"
„Wie so was angeht, 's wär selbigmal, wie er ein Faß Bier spendiert hat." ।
„Ich will dir sagen, wie's angegangen ist."
„No, wann du's weißt, brauchst mich ja nicht zu fragen." Die Meisterin sprang auf, aber ihre Beine zittertest so heftig, daß sie sich an der Stuhllehne festchälten mußte.
„Der Trotz steht dir schlecht an. Ich an deiner Statt tat' versinken vor Scham. Pfui, pfui, du erbärmlicher! Mensch! Ich hab' dich in gutem Glauben hier eingesetzt. Hab' fein' Hinterhalt gehabt, dann ich gab'' mich offen und frei. Jetzt gereut mich meine kindhafte Einfalt.


