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Verwundungen hat aaßerordentlich zugenommen. In Zer bei der Deutschen Verlags anstatt in Stuttgart erscheinenden Deutschen Revue beschäftigt sich Staatsrat v. Bruns mit dieser Frage auf Grund der offiziellen Berichte, die der preußische Oberstabsarzt Schäfer nach seinen Untersuchungen bei drei russischen Armeekorps veröffentlicht hat. Schäfer hatte von Kuropatkin die Erlaubnis zum Besuch und zur Mitarbeit auf sämtlichen Verbandsplätzen der Armee erhalten; außerdem hatte er bei dem ersten und dritten sibirischen und dem ersten europäischen Armeekorps Gelegenheit, die amtlichen Verlustlisten aufzunehmen und sämtliche in die Front zurückgekehrten Verwundeten zu untersuchen. Seine Erhebungen erstrecken sich im ganzen auf 42 670 Verwundete. Vergleicht man nun die Verlustzisfern Lieser drei russischen Armeekorps mit denen der drei deutschen Korps bei Mars-la-Tour im Kriege 1870/71, weil ihre Gefechtstärke und die Art ihrer strategischen Verwendung sehr ähnlich war, so ergibt sich, daß die Verluste der Deutschen 16,8, die der Russen 15 bis 18 Proz. betrugen. Die Gesamtver- luste waren also so ziemlich die gleichen; auch bei den höchsten Verlusten der einzelnen Armeekorps ergeben sich für beide Kriege die gleichen Ziffern: das erste sibirische Korps verlor in der Schlacht bei Sandepu 25 Proz. der Gefechtsstärke —■ der schwerste Verlust aller russischen Korps in diesem Kriege; ebenso hoch war der Prozentsatz des dritten preußischen Korps bei Mars-la-Tour; das dritte sibirische Korps verlor bei Mulden 23 Proz., ebensoviel wie das preußische Gardekorps bei Gravelotte-St. Privat; das erste sibirische Korps büßte bei Liaojan 16 Proz. der Gefechtsstärke ein, den gleichen Verlust hatte das zehnte preußische Korps bei Vionrille. Von den einzelnen Regimentern bewegten sich die Verlustziffern bei vier russischen Regimentern als Maximalzahl von 41 bis 55 Proz., bei vier prenß. Regimentern von 38 bis 64 Proz. Die weitaus stärksten Verluste erlitt in beiden Kriegen die Infanterie. Was die Ber- nmndungen durch die verschiedenen Kriegswaffeu anbetrifft, so erlitten die deuffchen Truppen 1870/71 90 Proz. ihrer Verluste durch Gewehrfeuer, 8 Proz. durch Artilleriefeuer Lchd 2 Prvz. durch Nahwaffen. Durch die Führung des russisch-japanischen Krieges, in dem die Gegner sich vor der Entscheidung oft wochenlang mit Geschützfeuer über- schütteten, ist es erklärlich, daß die Artillerie-Verletzungen erheblich zugenommen haben. Bei den drei in Frage kommenden russischen Korps betrugen die Verletzungen durch Geschütze 15 bis 20 'Proz. gegenüber 80 bis 83 Proz. Gewehr- Schußwunden. Die Verletzung durch Nahwaffen waren auch im russisch-japanischen Kriege nicht groß, 2 Proz., wobei als eine neue Waffe die zuerst von den Japanern im Nah- kampfe verwendeten Handgranaten hinzukamen. So überstiegen also die Verluste im modernen Kriege nicht die in ftüheren Kämpfen geforderten Opfer. Es fragt sich nun, von welcher Art die erlittenen Verwundungen ivaren, wie- viele von den Getroffenen auf dem Schlachtfelde getötet wurden oder nachträglich ihren Wunden erlagen. Aus den Statistiken Schäfers ergibt sich, daß in den fünf blutigsten Schlachten die Zahl der Gefallenen zu der der übrigen Verwundeten sich verhielt wie 1:5,5, während dies Verhältnis im Kriege 1870/71 auf deutscher Seite wie 1:5,8 war. Dagegen scheint allerdings nach den vorhandenen summarischen Zahlenangaben bei den Japanern diese Zahl 0111 1/l gestiegen zu sein, Wohl wegen des heldenmütigen Angriffes der Japaner und der Ueberlegenheit der russischen Artillerie. ~ lieber alles Erwarten günstig gestaltete sich aber das Schicksal der Verwundeten int letzten Kriege. Von je hundert Verwundeten sind nur drei gestorben; bei sämtlichen Regimentern, welche starke Verluste erlitten hatten, schwankte die Sterblichkeit nur von 1—5 Proz. Die Sterblichleitsziffer bleibt also hinter der aller früheren Kriege — sie betrug 1870/71 auf deutscher Seite 11 Proz. — um mehr als das Doppelte zurück. Die Zahl der ganz leicht Verwundeten war so groß, daß drei Monate nach der letzten Schlacht Sei Mulden von 36133 Verwundeten 16 480, also föft die Hälfte, wieder in Sie Front zurückkehrten, während
1870/71 nur 17 Proz. der Verwundeten wieder dienstfähig geworden tvar. Erstaunlich groß ist die Zahl der Verwundeten, die überhaupt nicht kampfttnfähig wurden, sondern in der Front blieben; sie stieg bei einzelnen Regimentern bis 20 und 33 Proz., im Durchschnitt betrug sie 11 Proz. der Verwundeten. Bei Zen osffibirischen Schützendivisionen gehörten 70 Proz. der wieder aktiv gewordenen Verwmv- deten zum ursprünglichen Bestände des Regimentes; sie kehrten wieder in den Kampf zurück und trugen die Hauptlast des Krieges. Da sich anerkanntermaßen das Sanitäts- Wesen der russischen Armee in furchtbarem Zustande befand, so können es nicht die Erfolge der modernen Wundbehandlung fein, die die außerordentlich große und günstige Heilung hervorriefen. Es ist die verhältnismäßige Ungefährlichkeit der Verletzungen allein der modernen japanischen Kriegswaffe, dem 6,5 Millimeter-Arnsakagewehr zu verdanken, mit dem die Feldtruppen bewaffnet waren. Diese „kleinstkaliberigen" Mantelgeschosse vermieden lebenswich- tige Teile und durch den kleinen Ein- und Ausschuß wurde die Infektion meist verhütet, so daß die einfachste Behandlung, Bedeckung der Wunde mit einem abschließenden Verband, zur Heilung genügte. Das Geschoß des 8 Millimeter- Muratagewehrs, mit dem die japanischen Reservetrrrppen ausgerüstet waren, verursachte viel schwerere und ernsthaftere Verwundungen. Eine Vermehrung der Schrecken bringt also der moderne Krieg nicht mit sich. Wenn auch die schnellfeuernden Gewehre und Geschütze zahlreiche Verluste auf den Schlachtfeldern herbeiführen, so erliegen Hoch viel weniger Verwundete ihren Verletzungen dank dem kleinen Kaliber der Kugeln.
Genie und Glück.
Cesare Lombrosv, der Verfasser des ernst so viel besprochenen Werkes „Genie und Wahnsinn", hat in der Jtuova Antologia einen Artikel „Glückseligkeit bei JLioten und Genies" veröffentlicht, in dem er sich mit dem beim genialen wie beim wahnwitzigen Menschen auftretenden Phänomen des GrößerUvahns und dem daraus resultierenden Glücksgefühl beschäftigt. Nach seinen Ausführungen wird das höchste Glücksgefühl nur von Wahnsinnigen und Genies genossen, ein Glück, das die Erregungen des gewöhnlichen Sterblichen tveit übersteigt. Aber die Dauer dieses selige» Zustandes ist beim Wahnsinnigen und beim Genie sehr verschieden; während er bei dem Geistesgestörten beständig und fortlaufend erscheint, wird er dem Genie nur in kurzen Momenten der Ekstase beschert und ist von Perioden tiefer Niedergeschlagenheit und Verziveiflung gefolgt. „WührenZ das Gefühl der Lust bei dem normalen Menschen nur flüch- ttg aufblitzt, scheint der Zustand einer vollständigen und andauernden Glückseligkeit bei den Wahnsinnigen zu existieren. Wer eine Irrenanstalt nur ivenige Stunden besucht, glaubt wohl, daß dies eine Stätte Les Leidens sei. Aber wenn man längere Zeit dort tveilt, erfährt man, daß man hier allein in der Welt einen Zustand vollkommener Glückseligkeit antreffen kann. Die häufigste Wahnvorstellung eines progressiven Paralytikers ist die unbegrenzten Reichtums. Alle Tugenden, alle Kräfte und alle Herrlichkeiten der Welt glauben Wahnsinnige zu besitzen. Und mit der Wnahme seiner Geisteskräfte wächst sein Größenwahn. Eine Frau, die hoffnungslos dem Irresein verfallen war und bereits mit dem Sterben kämpfte, rvieder- holte in de» letzten zwei Tagen ihres Lebens und sogar in ihrer Todesstunde immer wieder die Worte: „O, wie glücklich bin ich, wie glücklich bin ich !" Eine andere Form des Wahnsinns ist die der wechselnden Manie; der Kranke be- kundet ein paar Monate des Jahres einen außer»rdent-4 liehen Tätigkeitsdrang und Lustigkeit; er beschäftigt sich beständig mit großen Unternehmungen, spricht viel und erregt. Aber nach einem plötzlichen Zusammenbruch verläßt ihn seine ganze Energie und Spannkraft; er liegt teilnahmslos im Bett, weigert sich, zu sprechen oder Nahrung zu sich zu nehmen. So folgen auch bei manchen Genies auf Perioden erstaunlicher Anspannung und Regsamkeit


