Mittwoch ven 5(. rNärz
Spätinghof.
Ronmn von K. v. d- Eider.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsehung.)
Frühmorgens gegen sechs Uhr, als Gert Klasen an dein kleinen Soot hinter dem Hanse seinen Kopf wusch, knallte ans dem Deichwege jemand mit der Peitsche, und einige Minuten später bumste eine Fällst gegen die Haustür.
„Allmächtiger! Da ist schon die alte Spätinghöferin, die muß ja schon vor Tau und Dag weggefnhreu sein," lamentierte Anndortjen, die noch im bumwollenen Unterrock lind roter Barchentnachtjacke herumlief. „Jungens, Jungens, macht, das; ihr ans die Posen kommt. Eure Tante ist da; Jak, komm fix rüber!"
Ja, es war Mamsell Goos, die in ihrem großen, schwarzen Hut utit den Kinnbändern und dem Umschlagetuch noch strenger ulld drohender aussah als am Tage vorher. Auf dein Deiche stand ein armseliger Leiterwagen, mit einem mageren Pferd bespannt.
Die Kinder zogen sich hurtig air. Als Mamsell eintrat, liefen alle durcheinairder.
„Na, ich will mcut erat den Kram aufladen," sagte Mamsell. „Sie gehl! mir Wohl ein bißchen zur Hand, Nachbar. Bis dahin sind die Jungens wohl fertig?"
„Den Ärain?" sagte Anndortjen. „Das bißchen hat Annagret uns ja zugesagt, dafür, daß wir sie all die Zeit über gepflegt haben. Sie sagte, wir sollten uns das man 'rüberholen, für Spätinghof wäre es doch zu simpel."
„9io, ich will mal sehen. Was ich nicht brauchen kann, lasst ich da, das können Sie sich nachher holen."
Manrsel ging mit Gert zur Nachbarskate. Sie konnte alles gebrauchen, von der wurmstichigen Lade bis zu den elenden Betten. Nur einen Blecheimer ohne Boden, eine durchlöcherte Fußmatte und ein paar zerbrochene Tassen ließ sie liegen; ein paar halbe Soden Torf, die in der Küche umherlagen, las sie sorgsam auf. —
„Besser war als gar nichts," brummte sie.
Anndortjen kochte unterdessen Kaffee.
Die Kinder waren bald fertig. Als Mamsell zurück- kam, stand Zichorienkaffee und Schafmilch, Schwarzbrot und Schafbutter auf dem Tisch, und das Stübchen schimmerte vor Sauberkeit. Anndortjen goß eine Kontortasse voll Kaffee, schob sie vor Mamsell rind sagte: „Sein sie so gut und langen Sie bei!"
Mamsell aß und trank, und die Jungens standen hinter ihr und schubsten sich. Tine hatte sich versteckt-
Beim Abschied drückte Mamsell Gert Klasen drei Groschen in die Hand, dann kletterte sie auf ihren Leiterwagen, und Jak und Jan kletterten hinterdrein. Mamsell ergriff die Peitsche und der magere Braune setzte sich in Bewegung.
Jak und Jan sahen sich noch einmal um. Da stand Wert Klasen noch immer auf dem Wege, in der gebückten
Stellung, die er stets den Reichen gegenüber einnahm: Anndortjen stand in der Tür, die Hände in die HüsteN geklenimt. Neben ihr lehnte Niels mit langem Gesrcht, die Hände in den Hosentaschen. Bon Tine war nichts zu sehen.
Erst als man das Rollen des Wagens nicht mehr hörte- kam sie znrn Vorschein. Niels stand noch immer vor der Tür-
„So gräßlich fein, als ich dachte, ist die Tante gar nicht," meinte er. Tine erwiderte nichts, aber in ihren großen braunen Angen lag ein angstvoller Ausdruck.
„Nun sind mit allein," sagte Niels; „nun gehört uns. der ganze Ramstedter Deich."
Drinnen in dein ärinlichen Stübchen machte Anndortjen ihrem Herzen Luft.
„So ein Geizknüppel," rief sie, „so'n rachgieriges Frauensmensch! Drei Groschen hat sie dir gegeben? Schmeiß sie in den Soot, Gert, oder vergrab sic; das Geld von der alten Hexe bringt Unglück. Wenn sie man bloß nicht unser Schaf behext hat! Warum hast du es nicht umgetüdert? Wenn es nun keine Milch mehr gibt, wo soll ich hin? Einbeks ihr Schaf steht trocken, und Stine Ahlsen verkauft keine Milch. Solche schöne fette Milch!"
„Na, Moder, sei inan zufrieden," beschwichtigte Gert sie. „Das kommt alles zurecht- Und das Geld,? das kann Hann Bäcker kriegen für einen Stuten. Es ist ja doch richtiges Geld."
Das Geld war wirklich behext, wie Anndortjen später oftmals erzählte. Der Stuten, den sie dafür bekam, ivar alt und in der Mitte war ein großes Loch. Hier war, wie man int Dorfe zu sagen pflegte, Hann Bäckers Seele hindurchgekrochen. Das wunderbarste an dem Stuten aber war, "daß er plötzlich verschwunden und trotz aller Nachforschungen von feiten Anndortjens nicht wiedcrzufinden war. Er war wirklich behext.
Während Aitndorijett ihrem Unmut über Mamsells Geiz Worte lieh, fuhr diese durch die Ramstedter Straße.
" Jan stieß Jak heimlich an. „Du, ich hatte gestern Augst, daß die Taute für uns zu-fein wäre."
' „Bangbüx!" sagte Jak geringschätzig.
Das Klltzenkopfsteinpslaster stieß; sie hopsten aus ihrem! Sitze. Die Tante war komisch anzusehen-
Der Wagen kant an dem Kirchhof vorbei; man sah die blanken Kreuze mit Goldschrift und dazwischen die weißen Steine durch das Grün der Bäume schimmern. —
„Dort liegen Vater und Mutter!" sagte Jan. Sein«, flehendett, blauen Augen suchten den Blick der Tante.
' Diese blickte steis geradeaus. Eine tiefe Falte lag zwischen ihren Brauen. Sie kitallte mit der Peitsche, daß die Vögel in den Bäumen aufflogen. Fan blickte sehnsüchtig zurück. .
„Laßt sie liegen!" rief die Tante. ,,Dre sehen dich doch nicht- Wer tot ist, läßt sein Kieken!"
Jak lachte bei bett Worten der Tante kurz und ge-


