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stunden jährlich war viel zu gering bemessen/ die Laternen standen sehr wert auseinander, und obwohl die Stadt jährlich 30 000, später sogar 50 000 Taler für die Beleuchtung zu zahlen hatte, wurde fast noch mehr über Dunkelheit geklagt wie früher. Als das Privileg nun der Gesellschaft im Januar 1847 abgelaufen spar, entichlosj sich die Stadt, die Straßenbeleuchtung selbst in die Hand zu nehmen, mußte aber mit der Gesellschaft erst einen Prozeß führen und regelte dann allmählich die Gasversorgung so, daß beide die gleichen Preise erheben sollten und die Gesell- fchast für Benuhuiig der städtischeil Straßen eine Gebühr zahlen mußte, dre allmählich auf mehr als 500 000 Mark gestiegen ist. L,ae Gesellschaft versorgt heute besonders die südwestlichen Vororte mit Gas; im größten Teil der Stadt befriedigen die fünf städtischen Gaswerke alle Bedürfnisse und ergeben jetzt jährlich einen Reingewinn von etwa 8 Millionen Mark; sie haben im Jahre 1906 Ur öffentlichen Beleuchtung Berlins 13 Millionen Kubikmeter Gas unentgeltlich geliefert.
Punsch-Geschichten.
Zit einer regelrechten Dilvesterfeier gehört heutzutage iu jedem deutschen Bürgerhause ein Silvesterpunsch. Der Kunsch , hat seinen Namen aus dem Sanskritworte „Panscha", das die Fünfzahl bedeutet, denn der Punsch bestand ursprünglich arrs fünf Ingredienzien, nämlich: Arrak vder Rum, Tee, Zucker, Zitronensaft und heißem Wasser. Im Jahre 1695 wurde zum erstenmale das neue Jahr bei einer Punschbowle von eitlem Engländer begrüßt. Freilich geschah das nicht in England selbst, sondern in Cadix, wo der englische Admiral Rüssel einen Riesenpunsch am Weihnachtstage veranstaltete, der dort noch als Beginn des neuen Jahres galt, wie auch heute noch die Engländer ihre Glückivunfchkarten zum neuen Jahr am Weih- nachtsaberld versenden. Ueber diesen Riesenpunsch berichtet ein Teilnehmer: Mitten iti einem Garten Von Simone» und Orangen befand sich eine Fontäne, die sauber mit holländischen Ziegeln ausgelegt war. In diese wurden am Christtage sechs Kufen Wasser gegossen, ein halbes Oxhoft echten Bergmalagas, 200 Gallonen Branntwem, 600 Pfund Zucker, 12 000 Limoneu und genügend Muskaten. Adiniral Rüssel lud alle englischen Kaufleute und das ganze Offizierkorps der Flotte zu Tisch, nach dem Essen geleitete er die Geladenen zu der Riesenbowle. In dem Punschbassnt befand sich ein Boot, in dem ein geschmückter Knabe mit Bechern saß, mit denen er die Geladenen bediente.
Eine andere Pnnschgeschichte knüpft sich an den Namen deö englischen Seehelden Rodney. Dieser erfocht im amerikanischen Krieg 1781 einen glänzenden Sieg über die spanische Flotte bei St. Vincent und lieferte im Mai desselben Jahres der französischen Flotte auf der Höhe von Martinique drei unentschiedene Schlachten. Im Februar 1781 eroberte er eine Anzahl französischer Kolonien und gewann endlich am 12. April 1782 auf der Höhe von San Domingo einen glänzenden Sieg über die französische Flotte. Zur Belohnung für diesen Sieg spendete Rodney den Offizieren seiner Flotte einen Riesenpimsch, wie er weder nach- wie vorher je gebraut worden ist. Dieser Punsch bestand aus 4 Tonnen Wasser, 1200 Flaschen Malaga, 600 Flaschen Rum, 600 Flaschen Kognak, 600 Pfund Zucker, 200 Muskatnüssen und 2600 Zitronen. Als Punschbowle diente ein Bassin aus Marmor, in dem ebenfalls ein Knabe, als Hebe gekleidet, in einem Kahn aus Acajouholz herumruderte und den Punsch schöpfte. Um den Rand dieser marmornen Mesen-Punschbowle saß Rodney mit seinen Offizieren herum und labte sich an dein Getränke. Rodney ist durch seinen Riesenpunsch fast berühmter geworden, als durch seine Seeschlachten, die ihm den Titel eines BaronettS einbrachten.
Schließlich sei noch einer anderen reizenden Punsch- geschichte Erwähnung getan, die Charlotte Riese in einer ihrer Heimatnovellen mitteitt Der dänische König Fried- rich VII. war nach Flensburg gekommen, und hatte die schleswiger Ständemitglieder zu Tisch befohlen. Da er die tiefgekränkte mittel- und südschleswigsche Bevölkerung gern versöhnen wollte, sandte der leutselige Monarch nach Tisch den Hofmarschall zu den großbäuerlichen Ständedeputierten Unt der Frage, ob sie denn auch mit der Bewirtung ganz zufrieden seien? Die Befragten waren dies, schienen jedoch einen gewissen Vorbehalt zu machen; der nach Tisch gereichte Punsch hatte ihnen nicht gefallen, und ein stattlicher alter Dorfmagnat meinte: „Bei dem Getränk kann der Manu
doch unmöglich gesund fein!" Die Bauern hatten das am Tafelschluß gereichte gewärmte und parfümierte — Finger-' spülwafser als Punsch getrunken. w.
Vermischtes.
m * Di es vreche wd-e Pup pe. In diesen Tatzen, da in den Werhnachts staben dre Kmder mit den großen und kleinen Puppen spielen, die elterliche Liebe ihnen zum Fest» bescherte, erinnert ein Mitarbeiter des Debats an die ehrwürdige Geschichte dieses alten Spielzeuges, das durch Jahrtausende hindurch immer die gleiche Anziehungskraft ans die Phantasie des Kindes ansqeübt hat. Tenn die Geschichte der Puppe reicht wohl zurück bis in die ältesten Epochen der Menschheitsgeschichte und das kleine Mädchen, das heute mit mütterlicher Sorge ihr geliebtes Puppenkind zur Rulw bettet, oder liebevoll im Arme wiegt, tut nichts, was nicht auch schon die Kinder Hellas oder die Jugend des alten Aegvpten mit gleicher kindlicher Inbrunst taten. Freilich, die moderne Puppe, die nach der neuesten Aäode gekleidet geht, morgens ihr Bad nimmt, sich, gemächlich ankleiden läßt, um dann in eleganter Hauswilettü in ihrem Salon Gäste zum Tee zu enipfangen, die beim Schlafen, meist mit einem hörbaren Ruck, die Augen-schließt vder bei einem diskreten Druck auf den Rumpf klagend „Mama" seufzt, ist von ihren Vorläuferinnen sehr verschieden. Aber selbst die sprechend« Puppe, die manche für eine Errangenschast oer modernen Zeit halten mögen, hat ihre ehrwürdigen Ahnen und ihre Geschichte. Schon früh erprobte sich der Scharfsinn der Mechaniker an deut Problem, menschliche Lmite nachzuahmm. So besaß noch vor dem Jahre 1000 Papst Sylvester II. eine sprechende Puppe, dm als Wunderstück der Mechanik weitum berühmt war und im 12. Jahrhundert ließ sich Albert der Große eine Spreckpuppe Herstellen. Aus dem 17. Jahrhundert erzählte man von einer Wunderpuppe, die ein gewisser KeMpelen hergestellt hätls; bei der Begrüßung Leopold, II. sagte dieses Meisterstück einen ganzen lateinischen Satz. Aber sie war keineswegs einseitig, sie. hatte sogar Sprachtalent und Kenntnisse, denn sie sprach auch ein fließendes Französisch, wenngleich ihr Wortschatz sehr beschränkt war. Denn in der Unterhaltung mußte sie sich auf die beiden Sätze beschränken: „Bons 6tcs Mon ami", dir bist mein Freund, und auf den Nachsatz: „Je vvus aime de tollt man coeur", ich liebe dich von galnzeim Herzen. Richelieu schenkte der kleinen Herzogin von Enghien eins kleine Puppe/ die als Amme gedacht war und durch ihre Bauart großes Aufsehen machte. Aber die eigentliche Glanzzeit der Puppe war das 18. Jahrhundert, in dem sie sogar die hohe Ehre genoß, bei Hofe eingeführt zu werden, vorausgesetzt, daß sie aus guten« Hause stammte und über genügende Empfehlungen verfügte. Diese Staatspuppen hatten sogar ihre eigenen Wagen, manche wurden gar durch königliche Wage.it abgeholt, viele hatten ihre eigenen Lakaien. Die berühmten Puppen der Herzogin von Maine empfingen bei sich Gäste und gaben Bälle. Sogar Dichter weilten bei den Puppen zu Gast und Lafontaine und La Rochefoucauld verschmähten es nicht, auf solchen Puppengesellschaften zu erscheinen.
* Das Katzenauge als Uhr. Bon einem ungewöhnlichen Hilfsmittel zur Bestimmung der Tageszeit erzählen 9!o§ Loisirs. Bei einer Reise durch das innere China fragte ein Forscher einen jungen Chinesen, ob es noch nicht 12 Uhr sei. Der Junge blickte zum Himmel empor, aber die Sonne war an diesem Tage durch dichte Wollen verdeckt. Der junge Chinese eilt davon und wenige Augenblicke später kehrt er zurück: im Arme hält er eine Katze. „Es ist noch nicht Mittag", meinte er und wies dabei auf die Augen der Katze, indem er die Wimpern mit den Fingern etwas zurückschob, „überzeugen Sie sich". In der Tat zieht sich die Pupille der Katze immer mehr zusammen, je näher der Mittag kommt; genau um 12 Uhr sieht dann die Pupille als ganz feiner dünner Strich senkrecht im Auge. Dann beginnt sich die Pupille wieder zu erweitern uud wird immer breiter, je näher der Abend rückt.
Ergänzungsrätsel.
E.. e. it, ü .. t e.. s. e Z. c . t!
W.. d.. S. a., , o w. e. s. . t. F. u.. t;
B. s.. v, . u. r K.. d . ei. t j.. z „
A.. .. ß . h. n.. h . ei. t - u. . z.1
Auflösung in nächster Nummer.
Auflösung des Magischen Quadrats in voriger Nmumerr
Redaktion: K. Neurath. — Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steiudruckcrei. R. Lange, Gießern


