My — Ur. izo
Samstag den 30. Oktober
El
W
Rheinlandstöchter.
Roman von Clara V i e b i g.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Dreimaliger Kugelwechsel — zehn Schritt Distanz.
Paul Xylander wußte ganz genau, was er tat, als er sich mit dieser Forderung einverstanden erklärte-, Premierleutnant Freiherr Von Osten hatte sie in aller Morgenfrühe Hauptmann Kalbshorn überbracht. Der Ueberzähtige fühlte sich sehr gehoben, ec war unentbehrlich — seliges Empfinden! Er wich Xylander nicht von der Seite, er behütete ihn wie eine Kinderfrau das anvertraute Wickelkind; sie aßen miteinander zu Mittag, dann bereitete er glückstrahlend in seiner Garcouwohnuug den Kaffee, er litt nicht, daß der Bursche eine Handreichung tat. „Pst pst!" Er schlich auf den Zehen um den andern herum, der in der Sofaecke saß und düster vor sich hinbrütete. Endlich brach Xylander auf; es schien ihn wenig nach .Hause zu zieh». Bis an die Briicke gab ihm Kalbshorn das Geleit — ein letzter bedeutungsvoller Händedruck, em dramatisches Augenrollen des Literarischen, ein geheimnisvolles Flüstern: „Leben Sie wohl, lieber Freund! Morgen punkt sieben mit dem Wagen vor Ihrer Tür! Leben Sie wohl!"
Xylander war allein. Langsam schritt er seines WegS, er sah sehr bleich aus, tiefe Falten waren in seine Stirn gegraben. Ein bittres Lächeln zuckte um seinen Mulid. Das also war das Ende! Zehn Jahre lebte die blonde Frau schon an seiner Seite und so wenig verstand sie ihn?! O Elisabeth!" Er stöhnte auf und rieb sich mit der Hand die schmerzende Stirn — was war das für _ eine Nacht gewesen, welch ein Morgen! Diese Tränen, dieses Geschrei, diese Szene! Mit sinnlosen Worwürfen uberhauft, mit kindischen Anklagen. Er war aus dem Hause geflohen, er hatte Gott gedankt, fortbleiben zu können; nun schloß er die Augen und schauderte — er mußte noch einmal wieder heim!
Eine unsagbare Traurigkeit war in ihm; keine Angst — wovor denn? Das Duell schreckte ihn nicht; war es das schlimmste, wenn ihn eine Kugel traf und der schmerzlichen Enttäuschung ein Ende machte? Er dachte an seine Kinder; wenn er fiel, was sollte aus ihnen werden? Er sah oie blonden unschuldigen Gesichter vor sich und die Tranen kmnen ihm in die Augen. Gewiß liebte er sie zärtlich. „Du willst sie auf's Spiel setzen eines Ehrbegriffs wegen? Nicht eiiimal deiner Ehre, nein, der eines fremden Mädchens wegen!" — Hatte nicht so ähnlich Elisabeth gesagt? Nein, viel schroffer; in häßlichen Worten, unverständig, laut. Er glaubte wieder die grelle Stimme zu Horen und fuhr zusammen. ,,
Gar niemand, die Chaussee menschenleer. Morgen mit diese Zeit, wo würde er da sein? Vielleicht war er tot.
Und Nelda? Ihr tvar in keinem Fall geholfen. Nein! Wenn vergossenes Blut auch nicht den kleinsten Makel ab- waschen kann, wozu die Komödie? Warum stellt man sich einander gegenüber, knallt die Pistolen los und späht durch den Pulverdampf wie ein wildes Tier ob der Gegner gefallen? Warum zerhaut man sich mit dem Sabel? Nicht irrt Krieg, im männlichen Kampf für das bedrohte Heiligtunk des Vaterlandes, bewahre, im tiefsten Frieden, Kamerad gegen Kamerad mit barbarischent Zynismus. Offiziers-' ehre — war das wirklich ihrer würdig?
Ein bittrer beklemmender Zweifel stieg in Xylander aus, zum erstenmal in seinem ganzen Leben; et Ivar ja groß- gezogen, aufgepüppelt mit Sein Surrogat „Ehre , emgelullt vom alten Ammeiimärchen „Ehrbegriff". Faxen, nichts, als Faxen. Das war keine Ehrenrettung, teilte Wiederherstellung! Armes, reines Mädchen, deine heimliche Neigung bleibt ans Licht gezerrt, dein Name ist mit SckMUtz beworfen — wer, was hilft dir?
Eine edlere Empörung wallte in Xylander auf; mit großen Schritten stürmte er vorwärts, sein Gesicht wurde rot und heiß. Am eigneii Haus lief er vorbei, er beachtete es nicht in seinen Gedanken; er lief sich müde gegen den sausenden Wind, der tat ihm ordentlich wohl. Ttefatmend hielt er endlich ein. Er stand oben auf der Böschung, des Damms, der sich zum Schutz gegen den Rhein hinzteht; unten das Wasser, halb vereist in grauweißen Dunst gehüllt. Ringsum winterliche Oede, keine Ahnung besseret
Zeit.
Jetzt fröstelte ihn. Er wollte umkehren und doch hielt's ihn fest hier — am Ufer zwischen den Weiden bewegte sich was - ein Mensch, ein Tier? Das konnte ihm glerch- qültiq fein; und doch blickte er hinab und suchte es zu erkennen; die Gläser des Kneifers liefen an, er wischte und wischte. Ein Mensch, eine Frau! Herr des Himmels, O das nicht Neldas Pelzmütze, ihr grünes Meid?! ^etzt bläht es sich auf wie ein Segel. War sie, von Sumeil, was tat sie da? - - Jetzt bückt sie sich - jetzt geht sie vorwärts L ih^ Gestalt wird kleiner, scheint einzusinken — letzt —
Kein Laut. Zwei, drei Sätze genügen, er steht unten neben ihr im zerbröckelten Eis, im kalten Wasser und hält sie gepackt.
„Nelda!" , , ...
Sie schreit nicht, sie zuckt nur zusammeit und reißt die geschlossenen Augenlider wett auf, em lammervolleK Flehen ist auf ihrem Gesicht, gleich darauf ein wilder
„Sie stören mich — gehen Sie — was wollen Ste ?.
Sie sträubt sich; er umklammert ihre beiden .Handgelenke und zerrt sie gewaltsam zurück. Mtt aller Kraft Giftet sie Widerstand; er muß sich austrengen, ihr Körper biegt sich wie eine Gerte. Sie ringen miteinander ■-$ das dünne Eis bröckelt, das Wasser spritzt - fte keucht, ihre Zähne beißen sich in die Lippen. Den Mick hält sie


