Ausgabe 
30.10.1909
 
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Unverwandt 'hinatlZ ans den Strom gerichtet mit einem düstren Verlangen.

Ich will sterben ich muß!"

Nein!" Er hebt sie kraftvoll in die Höhe und setzt sie am Ufer nieder.Nelda Nelda!"

Won Ängst und Entsetzen geschüttelt, umschlingt er sie Mit beiden Armen. Sie starrt ihn an jetzt plötzlich ein Zwinkern der starren Augen, ein Zittern, sie fällt in sich zusammen. Ihr Kbps liegt matt an seiner Brust, einen Augenblick, dann gleitet sie schwer an ihm nieder.

,Hauptmann Xylander, Sie Sie jetzt erkenn' ich Sie! Ich wußte nicht mehr wohin Sie werden sich, nicht duellieren, Sie dürfen nicht!" Ihre zitternden Finger krallen sich in feinen Rock.Ich hab' Sie gesucht ich bin nicht, wie Sie denken, ich bin nicht schuldlos hier, hier, lesen Sie!"

Sie zerrt ein Papier aus der Tasche, zerknittert, die Schrift ha'lbverlöscht. Er liest es beim grauen Licht des scheidenden Tages.Hochverehrtes Fräulein" und so weiter. Es war der letzte Brief Ferdinand von Rainers. Mit funkelnden Augen zerreißt er das Blatt in Fetzen; der Wind fegt sie fort.Feigling! Erbärmlicher Egoist!"

Nicht nicht!" Aufspringend umklammert Nelda seine 'Hände.Schelten Sie ihn nicht, ich kann's, ich kann's nicht hören!" Sie bricht in jammervolles Weinen aus. Ich allein trage die Schuld!"

Langsam, mühselig gingen sie nach Haus zurück durch den tief eit Schnee. Sie gingen am einsamen Uferrand h nicht über die gebahnte Chaussee aus Scheu vor Menschen. Die Röcke, naß bis zum Knie, klatschten dem Mädchen um die Mieder; eine tiefe Erschöpfung machte sie taumeln. Er fiihrte sie sorgsam, mit seiner Gestalt den Nordost auffangend. Der Wind war Sturm geworden.

Sie stammelte unter Tränen in abgebrochenen Lauten die ganze Geschichte ihrer Liebe, ihres Elends; und da­zwischen dwiff sie immer wieder nach seiner Hand.Sie schießen sich nicht. ich bin es nicht wert versprechen Sie mir das eine aus Barmherzigkeit!" In atemloser Angst starrte sie in sein Gesicht.

, Langsam, sehr ernst schüttelte er den Kopf.Ich werde mein Möglichstes tun, das Duell zu verhindern. Ich werde" er biß sich auf die blaßgewordenen Lippen Röntheim entgegenkommen. Ich verspreche es Ihnen, Nelda. Sie stehen mir zu hoch!" Er sah ihr tief in die Augen, in diese arme« verweinten Augen; ein Zittern lief ihm durchs Herz. Jetzt wußte er, was in ihm war, was in ihm sprach, laut, unwiderruflich dieses Mädchen könntest du lieben mit der großen wahrhaften Liebe! Armer, verloren für dich!-- Mit leisem Druck gab er

Mgern ihre Hand frei. Sie standen am Dallmerschen Haus.

Mut, Nelda," sagte er herzlich.Armes Kind! Ich gehe sofort zu meinem Sekundanten."

Er beugte sich über sie und küßte ihre Stirn; es war wie ein Hauch, sie fühlte es kaum.

Danke," murmelte sie.Danke!"

VIII.

So Viele Käsfees waren lange nicht gegeben worden; sonst ruhten sie etwas in der Zeit vor Weihnachten, man war da zu stark durch di- Wohltätigkeit in Anspruch ge­nommen. Heuer Ivars anders. Die dicken Nadeln in den Armenstrümp,en klapperten; Mnderhcmden, Mnderröckchen brachte man mit zu den freundschaftlichen Bereinigungen. Bekamen die im Eifer des Gesprächs auch eine merkwürdige Fasson, das schadete nichts, arme Leute können alles brauüjen.

Man kam angestürzt, aus der Suppenanstalt, dem !Kinder^«rten, der Mägdeherverge, aus dem Verein für verschämre Arme und aus dem zur Hebung der Sittlichkeit. Erschöpft sank man auf den Käsfeetisch, nach und nach erst kam man wieder zu sich und das Gespräch! geriet in Fluß.

Ueber der Angelegenheit Tylander-Röntheim schwebte ein mystisches Dunkel. Hatten sie sich geschossen hatten sie sich nicht geschossen?! Die Meinungen schwankten. Soviel nur gewiß; an einem grauenden Novembermorgen waren zwei wohlverschlossene Wagen hinaus zum Mainzer Tor nach jenem einsamen Wäldchen hinter den Schieß­ständen gefahren. Wer sie gesehen hatte, wußte man frei­lich nicht genau. Aber Tylander und Röntheim lebten doch beide, wie ging das zu? Wunderbar, höchst wunderbar!

Die Beteiligten schwiegen. Xylander allein wußte, was

ds ihn gekostet hatte, bei den Sühneversuchen des' Unpartei­ischen der erste zu sein, der die Hand bot. Bei einer so ernsten Beleidigung, wie sie hier vorlag, waren solche Ber- suche nur Form; doch kam die Versöhnung wirklich zustande. Röntheim war kein Unmensch im Grunde froh!, die ganze Geschichte los zu sein; mit dem Rausch war auch der Hauptzorn verflogen, er wußte nicht mehr recht, was eigent­lich geredet worden war. Wäre auch höchst fatal, nicht nach Köln fahren zu können. Seiner Ehre war ja Genüge geschehen. Tylander hatte sich bereit erklärt, in Gegen­wart mehrerer Kameraden die Beleidigung zurückzunehmen und seine Erregung mit starker Bezechtheit entschuldigt. Immerhin stand Röntheim glänzend da und Xylander?

Nun, die Kameraden hatten die Liebenswürdigkeit, über die Sache reinen Mund zu halten, aber sie gereichte dem Hauptmann nicht gerade zur Ehre. Ae ivas, Pistole in die Hand eins, zwei drei loSgeknallt das hieß Schneid! Er war der Blamierte. Man zuckte die Achseln, man murmelte vonUnmöglichkeit". Was machte er sich daraus?

Er war traurig, müde ja müde, das war der richtige Ausdruck. Hätte er nicht Neldas Augen mit dem angst­vollen Ausdruck unablässig vor sich gesehen, iwch am letzten Morgen wäre er seinem Versprechen uiureu geworden. Statt die üblichen Faxen der Versöhnung durchzumachen, hätte er lieber geschrien:Eins, zwei, drei zählt doch! Eins, zwei, drei, los! Schießt mich nieder, mir ist's recht im iveißen Schnee zu liegen!" Statt dessen murmelte sein Mund Worte der Entschuldigung, er verbeugte sich, reichte mechanisch die Hand. Welch Hundsföttisch lächerliche Situa­tion, die beiden da im Schnee er, der Lange, dem Kleinen gegenüber Sekundanten, Arzt, Pistolenkasten, Verbands­zeug, Hinterm Gebüsch die beioen Wagen! Die Kvmödio war gut in Szene gesetzt.

(Fortsetzung folgt.)

Bilder aus Siebenbürgen.

Von Leo Greiner.

Zum Bulleasee.

Im Süden Siebenbürgens, gegen Osten durch das Bürzen- länder-, gegen Westen durch das Zibinsgebirge begrenzt, zieht sich gradlinig, schroff, Absturz an Absturz und Gipfel an Gipset, die Kette des fogarascher llrgebirgcs hin. Wer aus dem Burzcn- lande von Osten kommt, wird durch das Honwradtal das verworrene! Watdland des Persck)aner Höhenzuges, der von Hermannstadt aus' Westen Nahende die Ausläufer des Zibinsgebirges überschreiten! müssen, um jene Tilnvialterrasse zu erreichen, die, ein nicht sehr breites, aber weithin sich dehnendes Flachland, mit einer doppelten Reihe kleiner Ansiedlungen am Fuße des Fvga- rascher Gebirges hingebrcitet liegt. Die eine Reihe der Dörfer erstreckt sich mitten durch die Ebene, ihrem Längszuge folgend: die Siedlungen sind nur spärlich, durch eine eingleisige Bahn mit einem Betriebe von 20 Km. in der Stunde untereinander ver­knüpft, deren Hauptpunkt das öde Städtchen Fogarrtsch bildet; es ist dies eines von jenen Bähnchen, die mit ihrer Langsamkeit! ihrem kargen Verkehr, ihren kleinen, ungepflegten Bahnhöfenj die Einsamkeit und Verschollenheit der Gegend eher erhöhen als vermindern: über den Bewegungen der Bahnbediensteten, dem' Ein- und Aussteigen der Reisenden, dem Gedränge der in phan­tastisch zusammengewürfelten Trachten einhergehenden Männer, Weiber und. Greise liegt jene Trägheit des WeltverlassenseinA, die die Landschaft noch stiller, ferner, fremder erscheinen läßt, als wenn nur ungebrochenes Schweigen über ihr herrschte. Die zweite Reihe der Dörfer aber liegt schon im Schatten des (fe birges; die wunderbaren Landstraßen, die Siebenbürgen durchj- Liehen, zu wenig befahren, als warteten sie erst aus das Leben, dem sie dienen sollen, in jene Dörfer führen sie nicht mehr! hinein; nur karge Felswege, über Geröll und durch Bäche laufend, verbinden sie untereinander und mit den verkehrsnäheren Siedj- lungen der Ebene, die Wälder hauchen ihre Kühle über sie her und in dem Wasser sthrer rohen Schwengelbrunnen spiegeln sich schon die Gipfel des schweigsamen Hochgebirges in seltsamer Ver­dunklung. Wer also das Gebirge zu erreichen strebt, wird in einem der vorderen Dörfer die Bahn verlassen und dann in schnurgerader Richtung, dem Gebiete zu, das in gleicher Längs- höhe liegende rückwärtige Dorf zu seinem Ziele wählen. NuN bildet das Fogarascher Gebirge, seiner Länge nach, einen Zug von schnurgerader, fast geometrischer Einfachheit, während es, in seiner Tiefe betrachtet, ununterbrochen. Wald- und Felsenstürze parallel zu Tale schickt, zwischen denen sich Täler und Schluchten befinden, in denen der Anstieg zu den Höhest zu suchen ist. Es bildet sich so ein« Art regelmäßigen Netzes, dessen Knüpspunkt« von je einem vorderen, einem! rückwärtigen Torfe und der da­hinter liegenden Anstiegstelle dargestellt werden. Dieser l!rw-