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— bu — wollt ihr nicht hier Platz nehmen? Hier sind gerade noch zwei Stühle!"
Wie einen warmen Hauch fühlte Nelda die freundliche Stimme; sie sah sich um — richtig — da waren noch zwei Stühle!
„Wie freue ich mich," sagte Agnes Röder herzlich, „erlaube, daß ich dir meinen Bräutigam vorstelle! Ah, richtig, ihr kennt euch ja wohl schon, das ist schön! Nicht wahr, Carlo, ich habe dir schon oft aus der Schule von Nelda Dallmer erzählt? Sie war immer so drollig!"
Der Bräutigam in der tadellosen Gardeuniform verbeugte sich artig:
„Ah, sehr erfreut, gnädiges Fräulein, außerordentlich erfreut! Heute so voll hier, daß man gar nicht alle Bekannten findet. Darf ich bitten, Platz zu nehmen — gestatten!"
Herr von Osten hatte Manieren; da der andere gar keilte Anstalten traf, sich vorzustellen, mußte er doch — eigentlich lächerlich, er, Garde! — dem von der Linie!
„Von Osten."
„Bon Ramer," murmelte der andere.
Man setzte sich; die beiden Mädchen nebeneinander, die Herren zu den Seiten.
„Weißt du," plauderte die kleine Braut, „der xcine Zufall, daß hier noch Platz war! Wir hatten uns mit der Cousine von Carlo und deren Mann verabredet, nun weiß ich nicht, wo sie geblieben sind. Ich freue mich viel mehr, daß du hier sitzest," flüsterte jie. „Es ist dir doch recht, wenn wir uns noch „du" nennen?"
„Ja!"
Nelda blickte verm. auf das zarte Geschöpfchen an ihrer Seite. War das die Agnes Röder von früher? Merk- würdig, ivie die sich verändert hatte! Ob das die Liebe machte?
_ Nelda hatte die einstmalige Schulgenossin lange nicht gesehen. Zwei Jahre war Agnes in einer hochfeinen Pension Brüssels gewesen, kaum zurückgekehrt und eben in der Gesellschaft aufgetaucht, verlobte sie sich. Das ging Schlag auf Schlag; man sprach sogar von anderen Bewerbern, die schon abgewiesen worden wären. RöderS waren dann verreist, erst mit dem Brautpaar in die Riviera, zuletzt mit der Töchter allein nach Paris, um den „Trousseau" anzu- schaffen; ganz Koblenz sprach von der Pracht. Agnes Röder war immer hübsch gewesen, aber hübsch wie die süßen Fräü- chen auf Broschen und Dosen in den Schaufenstern, so ein sanftes Madonnengesichtchen mit nichtssagendem Lächeln und ewiger Freundlichkeit, das Ideal aller Welt.
„Agnes Mderii 'engelhaft — höchste Weiblichkeit" — wie oft waren diese Worte an Neldas Ohr vorübergeglitten. „Schaf" hatte sie kurz und bündig das Weiblichkeitsideal tituliert.
Eine tiefe Röte stieg ihr in die Wangen, ihr ehrliches Herz schämte sich der spottenden Bemerkungen über das „kleine Schaf im goldenen Stall". Es war Wärme in ihrem Ton, als sie, der neben ihr Sitzenden das Gesicht voll zuwendend, sagte:
„Nett von dir, Agnes, daß du dich meiner freundlich erinnerst! Ich habe es eigentlich nicht um dich verdient."
„Ach was — laß doch die kleinen Neckereien! Ich weiß wohl, du hast dich immer ein bißchen über mich lustig gemacht, aber das tut nichts. Ich habe dich immer lieber leiden mögen, als all' die andern in der Schule; ich hätte gern nut dir verkehrt, aber ich dachte, du möchtest nicht. Aber nun besuchst du mich mal, nicht wahr?" Sie drückte Nelda die Hand.
„Jetzt in deinem Glück wirst du keine Zeit haben, du heiratest ja bald."
„O, nein, nein, ich habe Zeit; du mußt kommen! Nicht wahr, Carlo," wandte sie sich eifrig an ihren Bräutigam, „es wäre reizend, wenn Nelda uns besuchte?"
„Natürlich! Außerordentlich erfreut, sehr angenehm, großer Vorzug!"
„Siehst du, wie er sich freut!" Und sich näher zu Nelda beugend, flüsterte Agnes Röder: „Ist er nicht schön? Und .so gut und klug und liebenswürdig!" Ein zärtliches Lächeln verklarte rhr reizendes Gesicht. „Ich bin zu glücklich'"
Sie schob ihren Arm in den der andern und drückte diesen leise.
„Weil ich glücklich bin, möchte ich auch alle Welt glücklich machen, ich bin so voll von Liebe. Magst du mich denn ein bißchen leiden, ja?" ' <
Ihre schönen braunen Augen suchten mit schüchterner Bitte Neldas Blick; in einer plötzlichen Aufwallung beugte diese den Köpf und drückte einen raschen Kuß auf die rosige Wange der kleinen Braut.
Ramer hatte stumm gesessen, jetzt wandte sich Nelda ihm zu, und seine Züge belebten sich. Es sprach sich gut mit Fräulein Dallmer. Ihre Augen sahen ihn verständnisinnig an, sie zogen ihm förmlich die Worte von den Lippen. Er sagte mehr, als er sagen wollte. Was er noch nie getan, er berührte sein Unglück, wenn auch nur flüchtig, wie etwas als bekannt Vorausgesetztes; aber man hörte seinem Ton die Erregung, au. Es war ihm ordeutlich Bedürfnis, einmal aus sich heraus zu gehen und dabei das Kommen und Gehen der Farbe auf dem Mädchengesicht zu beobachten, dem teilnahmsvollen Klang ihrer Stimme zu lauschen.
Ein seltsames Gespräch für einen Ballsaal! Ruud umher strahlende Gesichter — Blicke, die wie zugespitzte Pfeile fliegen — Lachen, Kokettieren ohu' Ende — dazwischen die zwei, scheinbar ganz abgeschieden von der Fröhlichkeit.
Und doch war Nelda froh. Als das Brautpaar mit ihr anstieß, lachte sie: „Auf Ihr Glück — auf dein Glück, Agnes! Prosit!"
„Auf dein Glück!" erwiderte die Braut.
„Kommen Sie, Herr von Ramer, darauf stoßen wir auch einmal an!" Nelda rief es übermütig und hob rasch ihr Glas an das seine. Ihre Blicke begegneten sich — ein heftiger Ruck — kling klang — zerbrochen — der dünne Stiel durchgeknickt. Aus dem Tisch lagen Scherben und der Wein floß über das weiße Tuch. Wie pnangenehm! Gut, daß Frau Rätin im Nebensaal speiste.
Die Tafel wurde aufgehoben, man schwärmte zum Ko- tillon aus. Nelda Dallmer und Leutnant von Ramer tanzten auch den zusammen.--—
So ging das herrliche Fest zu Ende. In der Garderobe dasselbe Bild wie zu Anfang — rauschende Mütter, wispernde Töchter, segelnde Fregatten, geschwellt vont Gefühl des Triumphs. Aber das Gespräch der Mütter nicht mehr so flüssig. Bleischwer senkte sich die Abspannung. Die Haare der Töchter nicht mehr so lieblich geordnet; mit gelöstem Lockengekräusel, verschwitzten glühenden Gesichtern^ zerdrückten Kleidern glichen sie Mänaden.
(Fortsetzung folgt.)
kriminelle Hypnose.
Von Zeit zu Zeit wird die Oeffentlichkeit durch BerbrechÄ oder abnorme Handlungen alarmiert, die von den betreffenden Individuen, als Ausfluß hypnotischer Zustände bezeichnet oder zu solchen in Beziehung gebracht werden. So wurde vor wenigen Monaten ein Fall berichtet, der sich in den Vereinigten Staaten zugetragen hatte. Ein durch seine Frömmigkeit und Milde bekannter Reverend schoß vor dem Altäre einen Mann' nieder unter der Anschuldigung, daß ihn dieser jahrelang in eurem hypnotischen Zwange hielte und ihn Dinge wider seinen Willen zu unternehmen veranlaßte. Ilm diesem fürchterlichen Druck zu entgehen, fei ihni kein anderer Ausweg übrig geblieben als sich seines Peinigers auf diese Weise zu entledigen. Hier lag kein hypnotischer Instand vor, sondern ein Beeinfluss s u n g s w a h n._ Der Reverend konnte sich seine Handlungen nicht ein «reit und schob das Motiv zu ihnen auf einen anderen! Menschen ab. Derartige wahnhafte Vorstellungen sind bei Geisteskranken recht häufig. Ebendorthin gehört auch die tragikomische Geschichte, welche kürzlich an den belgischen Gerichten zum Austrag gebracht wurde. Es handelte sich um ein junges Mädchen, jsst, einen Musiker verliebt war und ihn jahraus, jahrein atif Schritt und Tritt mit ihren Anträgen belästigte. Sowie der Musiker seinen Wohnort wechselte, und er tat dies notgedrungen, olgte ihm das Mädchen. Es behauptete gleichfalls, unter hypnotischem Zwange, der von dem Manne ausginge, zu handeln, -vcan versuchte eine eigenartige_ „Gegenhypnose", man verprü- gette den jünger der heiligen Cäcilie, aber auch dies war vergeblich.
^.e Beispiele des Liebeszaubers aus dem „nttelalter. Auch hier fühlten sich die Menschen von einer Person >es anderen Geschlechtes so unüberwindlich angezogen, daß sie! ich an ihre Sohlen hefteten. Anklagen wegen Zauberei waren ®n'3 ®nbe für den verfolgten Liebhaber wider Willem
bekannt, das; in den siebziger Jahren des 19. Jahr- "?skchem schon un Beginn dieses Säkulums JohanN SP?,r .bjk Lehre des tierischen Magnetismus begründet hatte, rcL^ £te Mißkredit gekommene Lehre wieder auf- /?1C Pariser Schule unter C h a r c o t und die ®1 e 6 n n 11 wetteiferten miteinander, die Theorie cc"’ Hypnotismus und der Suggestion wissenschaftlich zu begründen


