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yroßen Augen sah sie mich an. Mit großen, verwunderten Augen sah ich sie an.
Das war das Luischen nicht mehr. Da >var alles weg, was früher noch vom Kinde in ihr gelegen hatte. Was war's, was sprach nur aus diesem Gesicht? Welch eine Ruhe! Fast wie eine Verklärung. EinL unsagbare Festigkeit und Sicherheit. Die Züge wie gemeißelt. Als ob sie ein Ereignis, ein großer Kampf, ein großes Leiden, ein großes Durchringen geformt hätte.
Ihr Blick veränderte sich nicht im leisesten. Er blieb! so gerade und groß und fest. Ihre Augen waren tote Kugeln. Rund und hart gegossen.
„Ach, der Lukas!" sagte sie. In einem Ton, als oh sie sich's so einstudiert hätte. Dann trat sie auf mich zu und reichte mir die Hand. Immer dieselbe Sicherheit und Unnahbarkeit. Jmnter so halb voir oben, überlegen und gefestet, wie eine Dame der großen Welt.
lind ich war toie ein Lamm am Bände. Ich war ganz in ihrem Bann. Scheu hielt ich ihre Hand.
„Wird sich der Väter freuen, Lukas! Er ist fort über Feld und kommt erst den Abend. Ich hab' gerad das Essen fertig. Komnrst gerade recht."
Wir setzten uns nun an den Tisch und aßen miteinander. Sie führte die Unterhaltung, fragte, erzählte, und ich gab brav und gewissenhaft Antwort und hörte zu, toie ein Knabe seiner Mutter.
Ich war nicht so frei in meinem Verstände, mir Rechenschaft zu geben, was es wäre. Ich mußte nur folgen. Ich konnte mich! innerlich gar nicht dagegen wehren. Entweder war mein Erstaunen zu groß, — oder ich war zu schwach.
Sie sagte: „Dein früheres Zimmerchen oben hab' ich, Lukas. Da darfst btt nichts dagegen haben. So wenig', wie du was dagegen höben darfst, daß ich im Hanse bin. Ich bin an deiner Mutter Stelle und hab' mir's zur Pflicht gemacht, dem Haushalt vorzustehen, als ob sie selbst da wäre. Das erfüll' ich nun. Es wird mir manchmal schwer, :— und manchmal ist's mir sehr schwer :— aber ich tu's,"
Darauf.Ivußt' ich nichts zu sagen.
„Du mußt bei deinem Water schlafen. Das Bett der! Mutter ist frei. Es steht schon die ganze Zeit sauber und gedeckt. Es ist sonst alles, wie's bei deiner Mutter war. Rur das halt die arge Not mit der Krankheit nicht mehr ist."
Verlegen hüstelte sie ein wenig. Sie wurde sogar ein wenig rot, wenn ich recht bemerkte. Aber es schnürte mir die Kehle zu, daß ich keinen Laut herarisbrachte.
Und wie ob sie für etwas Entschuldigungen 'und Be- gründungen suchen müßte, sagte sie:
„Ob bein Water ganz frei davongekommen ist, Lukas, i-y- ob er nicht ein wenig angesteckt ist, —> und ob er nichst: für seine alten Tage wenigstens — —; ob er nicht noch der Pflege bedarf — ja, wer weiß, wer tveiß!"
Es war das erste, wäs sie unsicher gesprochen hatte. And es war ihr schwer herÄlsgekommen. Sie merkte nun, daß sie sich verhaspelt hatte und daß es einen Knäuel geben wollte. So faßte sie sich und hieb ihn durch! .
„Noch ist er ja fest und gesund. Aber ich! mein' nur! — man hat's doch schon öfter gehört, daß von der kranken Frau, gerade bei der Schwindsucht--> Ach will ja nicht
hoffen — wir wöllen's ja nicht hoffen, Lukas," —<■ ver-, besserte sie sich — „und du sollst dich nicht ängstigen. Es war nur so ein Gedanke von mir. Der Vater dürft' .ihn nächt wissen, beileibe nicht!"
Sie atmete auf, wie ein Mensch, der das Gefühl hat, eilten schlechten Eindruck wieder gut gemacht, eine falsche Rede verbessert zu haben, und ganz offen und- frei erzählte sie weiter.
Sie erzählte von den letzten Stunden der Mutter. Wie ergeben sie gewesen wäre, tote sanft sie eingeschlafen sei. Wie sie bei ihr gestanden habe, die letzte Nacht und den letzten Dag. Einmal sei's ihr gewesen, als habe sie noch etwas sagen wollen. Aber es sei ihr unmöglich gewesen. Es sei aber nichts Schweres gewesen. Es sei noch einmal ein Leuchten in ihrem Ange gewesen. Sie hab's als einen Muß aufgefaßt — an mich vielleicht und sie habe der Mutter mit einem leichten Händedruck geantwortet. Dann sei sie sanft eingeschlafen.
Von der Beerdigung erzählte sie, der großen Be- teiligung. -Auch wie man vergebens auf einen Brief! von mir gewartet habe, und wie's niemand hätte verstehen können, daß er ausgeblieben wäre.
So verging der Mittag.
Ein hohes Wesen sprach zu mir, das ich verehren mußte, dem ich mich nicht zu nahen wägte. Aus einer Ferne, dahin kein harter Fußtritt klang. Darin alles teilt war und unberührt.
Einst hatte sie neben mir gestanden und meinem Herzen so nahe. Jetzt stand sie über mir. Einst war sie meinem Herzen ein Besitz und ein Inhalt, jetzt war sie unnahbar, und ich mußte sie verehren und schweigen, — verehren in schweigender Andacht. Ich wußte nicht, wodurch es mir geschah. Ich kannte die Macht nicht, die sie erhob und! fernrückte und mich niederbeugte. Aber ich konnte nicht anders. Ich mtrßte ganz stille sein. Aber über mein Herz rannen glühende Tränen, still verborgen.
(Fortsetzung folgt.)
Vüder aus Siebenbürgen.
Von Leo Greiner.
Kir ch e n ka st el l e u n d Baue r n b u r g e U.
Die Geschichte des Landes Siebenbürgen ist eine der schauerlichsten Grotesken, die sich jemals aus dem Erdball zugetragcn! haben: sie ist wie eine Reihe grauenvoller, wildbewegter Schaiteu-i bilder, die bei flackerndem Feuerschein aus die gewölbte Mauer eines Verließes fallen: Reiter sicht man da auf zügellosen Pferden, mit Pechfackeln in den weitausschwingenden Händen, sinnlos trun- kcne Fürsten, Soldaten, Empörer, Fliehende und Henker; Milder und Dörfer brennen, Felsen stürzen, Raubvögel kreisen über Aas- feldcr, Städte starren mit zerschossenen Toren. Was' soll dieses ungeheure Spiel? Was suchen all diese maßlosen Leidenschaften, was bazweckt all die Krankheit, Brandstiftung, und Mord? Aus' dem Unbekannten, Sinnlosen wälzt sich der glühende Strom surckst- barer Taten und Menschen über das verödende Land und ergießt sich jenseits wieder ins Unbekannte, Sinnlose. Nirgends ein Halt, nirgends ein Ziel, nirgends Absichten, Richtlinien, Bewußtheiten. Alles 'kommt aus dem Individuellen, wo cs sich zum Blind- Zerstörerischen verzerrt, die jähen Wallungen aufrührerischen Blutes Und chaotischer Herrenlaune, tolle Eingebungen des Augenblicks verwandeln sich zu riesigen Mächten, die über tausende von Schicksalen bestimmen, Ordnungen aufheben, Menschen dahinraffeu oder in Elend und Landflüchtigkeit hinausstoßen. Man wird wankend an seinem Glauben an den planvoll wirkenden Geist der Geschichte, die hier nichts als ein unübersehbares Gewirr von Missetaten und eine Sammlung von Schreckeusberichten und Tötenlisteu ist. Und selbst die heroische Tat, deren manche wie ein vereinzelter Gipfel! aus! den blutgetränkten Niederungen herausvagt, vermochte hier nur zu leuchten, nicht aber fortwirkend zu wärmen: vor ihr und! hinter ihr schwillt das. Chaos 'und verschlingt sie spurlos, kaum daß sie ihr schimmerndes Haupt erhoben hat. Auch heldischer Kampf Und heldischer Tod sind hier nur vergängliche Blitze in' der von allen Seiten sich türmenden Nacht.
Zwiefach war die Quelle der ungeheuren, zwei Jahrtausende dauernden Leiden dieses Landes; einesteils 'bildete es das b« vorzugte Einbruchs- und Durchzugsgebiet für die zahllosen asiatischen Hordenvölker, die, mit den Hunnen beginnend, nacheinander Europa bedrohten: der Avaren, Magyaren, Romanen, Petschs- negen, Mongolen, Türken und Tartaren, anderseits war es, eingekeilt zwischen Orient und. Occident und so zum Schauplatz! ihrer jahrhundertelangen Kämpfe vorbestimmt, der Spieiball ununterbrochener, mit grauenvoller Leidenschaft geführten dynastischer Aspirationen: die walachischen Wojwoden, die türkischen Sultane, die ungarischen Könige, die Habsburger und die einheimischen! Fürsten aus den Häusern Bathori, Bethleu, Rakoczy und andere rissen sich Um das reiche, mit sagenhaft großen Gold- und Silberschätzen gesegnete Land wie wütende Hunde um einen Bissen' Fleisches; die ratlosen Völker, umringt von einem ganzen Heer sich befehdender, beutegieriger Unterdrücker, wußten nicht, auf wessen Seite sie sich schlagen sollten, um das 'kleinere Ucbel zu wählen: kaum hatten die walachischen oder türkischen Horden das Land verlassen, so hausten schon die Kaiserlichen mit Erpressung! und Notzucht; kaum war der eine Fürst geschlagen, der das! Land mit Steuern ausgesogen hatte, so umgab sich schon sein! Nachfolger, zu dem man in Hoffnung aus Besserung geschworen, mit Proskriptoren und Henkern. Immer sind es zwei Schwerter zugleich, die über dem Lande hängen: und nach welcher Seite immer man auszuweichen strebt, kann man des tödlichen Streiches sicher sein.
Unter solchen' Umständen, da durch Jahrhunderte fast fein' Tag verging, an dem man nicht eines feindlichen Einfalls, der Gefangenschaft oder des Todes gewärtig sein mußte, erfuhr dic> Technik der Städtebefestigung eine befonders' reiche und maunig- fältige Ausbildung. Hinter Mauern, hinter gcivaltigen Türmest und Basteien konnte man immerhin eines kurzen Schlafes pflegest Und hatte Zeit, sich zu bewaffnen, wenn die Sturmglocke bmst Rathau'sturme des Nachts di« Schläfer gegen den unerwartet hercinbrechenden Feind auf den Posten rief. Aber draußen i« den kleineren Ansiedelungen und Dörfern wär der Schlummer kostbarer als Gold : nach allen Seiten offen, waren sic immerdar


