Ausgabe 
30.6.1909
 
Einzelbild herunterladen

i 8 Slffl

Ä 1909 Nr. |00 , c Jt

I A k CV M

D

SvWSfe sLSMSWL

Der arme Lukas.

Eine Geschichte in der Dämmerung von Wilhelm Holz am er.

(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

9. Kapitel.

Noch ein volles Jahr blieb ich in München. Ich weiß nicht, ob ich viel lernte. Ich sagt' ja schon, ich war lein Lerner. Aber ich ivar doch weitergekommen. Es wurde noch vieles reifer in mir, das fühlte ich. Aber ivo sollt's Hinaus? Wo war einmal ein Ende und Ziel?

Ich war auch kein Hasler. Aber man war ja gezwungen zur Hast. Das war ja, wohin ich sah, ein Wettrennen. Es Handelte sich bei allen um den Preis, den vollen Geld-t beutel. Tas war der Erfolg!

Dazu war ich ituit einmal nicht. Mir war's um die Kunst und um mich selbst. Ich habe immer in beiden die Höhe des einen notwendig für die des- andern gefühlt. Vielleicht war mir's ja damals nicht so klar bewußt, toie mir das heute ist. Es kam gewissermaßen so aus meiner Beschaulichkeit, meiner ganzen träumerischen Art heraus, -in der alle Dinge des Lebens ihren besonderen Wert erst in ihrer Beziehung zu mir erhielten. Und aus all dem mag's gekommen fein, wie ich seither gelebt hatte, aus meiner Jugend, meinen Fähigkeiten, meiner Herkunft meinetwegen.

WaS red' ich darüber aber lang! 'S ist vorbei.

Tas sind ja alles Trümmer, worauf ich sehe. Scheint nicht einmal eine Sonne drauf. Liegt int Grauen und. Dunkeln. Und ich lächle doch. Junger Freund, so ein Lächeln, erkauft man teuer.

Ich könnt' ja von Schicksal reden. Das ist ein schönes und bequemes Wort. Zwar es liegt doch etwas drin. Nur sprechen wir dem gern die Hauptkraft zu, um unsere Schwäche zu entschuldigen. Man müßte sich dran reiben, man müßte es niederzwingen, und es müßte nur dazu da sein, unsere Kraft zu stählen, unseren Willen zu erhöhen, unseren Sinn zu vertiefen. Müßte! Ja, alles schön. Ich hab' inir's all auch damals gesagt. Ich hab' das Schicksal angeklagt und mich. Ich hab' die Schuld von mir ab-« und dem Schicksal zugewälzt. Ich hab' sie mir wieder -all aufgeladen. Was ist dazu zu sagen! Der eine beißt's durch, der andere nicht. Dem einen ist's Schaden, dem -andern Nutzen. Ob das auch Bestimmung, auch Schicksal ist? Jedenfalls soll mau dagegen tun, was man kann. Aber da predige einer! Ich hab' gelebt. Wie ich gelebt habe, 's ist vorbei! Was wühl' ich drin? Sag' ich'offen heraus und ein wenig hart: ich war ein Schwächling! ES tut mir gar nicht mehr weh. Darüber bin ich hinaus. Jch hab' meinen Frieden. Ich lächle. Es gibt keinen Sturm mehr in mir. Es ist alles still.

Ich habe das große Wozu eines unzerbrochenen Lebens nicht gefunden, ich habe mir das kleine Wozu des Augen-- blicks von Augenblick zu Augenblick gesucht. Ueberall ist das Leben und das Geringste ist dem Leben unverloren"

So warm hatte der arme Lukas noch nicht gesprochen. Seine welken Wangen glühten. Ich sah scheu» zu ihm auf.

Nach einer Weile sagte er, wie aus einem Traume: Biele haben das Leben und sind so reich und haben's doch nicht, und sind doch so arm!"

Er lächelte:Neber manchen, lieber junger Freund, den das Leben mit Purpur behängt hat, hat's hinterher ein Schnippchen geschlagen und eine Hohngrimmasse ge­macht. Das denk' ich mir aber das Furchtbarste. Das halt' ich für sehr bitter."

®r sah hinaus. Es war mm schon düster geworden, und man hörte lauter das eintönige Geräusch des Regens.

So ein echter Münchner Regentag war's grad," fuhr der arme Lukas dann ganz unvermittelt fort,ich mein', ich erleb' ihn noch einmal. Ich stand auch am Fenster und schaute in den Abend. Und plötzlich überkam's mich: heim!

Seltsam, wie das in dem Menschen ist. Woher wächst das nur, was weckt's uur! Alles versunken um einen, nur das eine Gefühl. Alles, liegt am Boden, leblos nur das. eine ist lebendig. Man wehrt sich, man will sich ein­reden es hilft nichts. Immer wieder wacht eS auf, un­erbittlich hält's einen fest.

Heim! Was sah ich all vor mir unser Haus, unser Dorf, die Mutter, der Mutter Grab, den Pater, das Lutschen. Es lief mir heiß in die Schläfen. Eine plötzliche Angst. Was war geschehen? Etwas mußte geschehen sein, das mich anging. Etwas Schweres, etwas, das mich zerriß. Und nun war's gar kein Entschluß, nur ein Trieb: heim!

Ich reiste ab. Einem Ramschhändler hatte ich ein paar meiner letzten Bilder verkauft. Für ein Spottgeld. Aber das war mir einerlei. Vielleicht waren sie auch nicht mehr wert. Irgend ein biederer Bürger, der ein farbig Bildchen in seiner Stube haben wollte, hat sie wohl gekauft. Ohne Freud' und Verständnis vielleicht. Weil sie billig waren.

Aber ich mußte heim.

Von Mainz aus ging ich zu Fuß. Morgens früh war ich in Mainz angekommen. Am Mittag stand ich vor un­serer Haustür. Leise trat ich ein.

Ich sah auf den ersten Blick, es war alles rein und blank, alles in schönster Ordnung. Es war nicht zu sehen, daß die Frau hier fehlte. Ich ging durch die Stuben: die gleiche Ordnung überall. Der Vater ivar offenbar nicht zu Haufe.

In der Küche, am Herd stand das Lutschen. Die rote- Glut des Feuers erhellte ihr Gesicht. Sie hatte gerade eben den Topf zur Seite gerückt.

Ich blieb einen Moment stehen und betrachtete sie. Und nun wollt' ich auf sie zuspringen, wollt' sie umt armen, küssen und jubeln. Da wendete sic den Kopf. Mit