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-Mddreißigjähriäe sandte Fragmente WS eiWnt Buch ein, in dem sie ihre Phandasieit feffgdjtilten hatte; es waren Teile jenes' Werkes, das weit über Schweden hinaus ihrem! Namen Klang und Liebe ni verfett sollte — ans Gösta Berlings Saga. Aus der Jugendzeit her hatten sie die Klange dieser Traumgeschichten durch ihr Leben geleitet; diese helldnnklen Gestalten, dis aus Wirklichkeit luib Phantastik zu enter geheimnisvollen höheren. Existenz geläutert waren, hatten ihre Mädchenzeit umschwebt, waren ihr entgegen» getreten auf allen Wegen und Stegen des sagenreichen Wern^- kands, das sie geboren. Aber spät erst war ihr der Gedanke ge- Sotontor, diese Visionen, die aus den grauen Nebeln der Heiden, der grünen Düsternis der Wälder und den glänzenden Seen auf- tauchten, die sie bedrängten und nach einer Befreiung durch die Dichtung sich sehnten, in dichterischer Form festz-nhalten. Sie suchte länge itach dem rechten Stil, der all das Eigentümliche dieses Stoffes bewahren würde und fand ihn endlich in jener wundert- vollen Verbindung realistischer Beschreibung mit romantischer Mär- chendämmerung, von moderner Psychologie mit der kraftvoll an- deuteuden Knappheit der isländischen Saga. Der große schwedische Romantiker Almquift und der Wiederettvecker nordischer Vergangenheit Björnsvn. wären ihre Helfer bei diesem! schwierigen Werks der reinen Ausformung und Durchbildung eines künstlerischen Stils, wie er so vollendet, originell und geschlossen wohl selten in einem Erstlingswerk ausgeprägt worden ist.
Die Svenen aus dem! Leben der „Kavaliere auf Ekeüy", die des dämonisch genialen, leidensckmstlich dahinstürmenden Gösta Berling Gestalt Mr Einheit zusam'menfaßt, zeigen schon all die Wunder in vollster Ausbildung, die der Dichterin Selma Lagerlöf die gütige Waldfran der schwedischen Volksmärchen in der Wiege verliehen hatte. Eine gewaltige, fast übermächtige Phantasie, deren unaufhörlich andrängende Wider nur Mühsam von einer erstaunlichen Schärfe der Beobachtung und..Klarheit des Sebens gebändigt werden und die Fähigkeit deS spannender, nie ermüdenden Erzählens, das aus einer Situation notwendig eine andere erwachsen läßt und, stets weiter wirkend an dem bunten Teppich der Dichtung, ein herrliches „WöbeMeisterstück" entstehen läßt. Es ist unmöglich. die Schönheiten dieses Buches anszuschüpfen, das die ganze ursprüngliche Tarstcllungskrast der Volksdichtung hat Und zugleich die geläuterte Reife eines ästhetisch feinen, Schöpser- wil'lens. Ter tolle Wagemilit und die lebemännische Wildheit, die der größte Lyriker Schwedens Michael Bellmami in den Balladen seiner Helden FredMän und Mvwitz in die Schnörkel und Zierrate des Rokoko gebannt, eint sich mit einer romantischen Beseelung! der Matur und einer Modernen Zergliederung der Seelen zur Mseitigen Schilderung einer Zeit, eines Volkes, einer Welt. So ist denn Gösta Berling auch Sei uns ein Volksbuch geworden, das große Verbreitung gefunden hat. Tie Dichterin aber, die wohl sMst die Furcht haben miochte, mit diesem Erstlingswerk ihren Höhepunkt erreicht zu haben, versuchte sich an neuen, ganz anders gearteten Ausgaben und bewährte auch hier ihre Meisterschaft.
Ihre Stellung als Lehrerin hatte sie nach dem' Erfolg von Gösta Berling aufgegeben; ihr ganz Won1 den Bildern der Heimat erfülltes und doch nach Mürchenfernerr sehnsüchtiges Gemüt Ser» längte in die Fremde, und der größte Gegensatz zog sie an, die Schönheit des Südens, die Mystik des Orients. Aber auch vvr den Werken italienischer Kunst, in der üppigen Sonnenhelle Siziliens, an den geheiligten Stätten Jerusalems vergaß sie die heimliche Nebelstimmung des Nordens nicht. Nach ifjiett Reisen hat sie sich wieder in einer schwedischen Provinzstadt niedert- gelassen, in der alten Bergwerkstadt Falnn, die der Schauplatz ro vieler Sagen und Geschichten ist, in der Hauptstadt des urp Wvvdischen Dalekarlien, und die Erlebnisse der fremden wunder- sämien Gegenden vereinten sich mit ihrer tiefen Liebe Mm Vaterland in der Synthese ihres großartigsten Romwns „Jerusalem". Vorher hat sie im „Antichrist" den stärksten Gegensatz zu ihrem Hymnus auf Schwedens Schönheit angeschvMn und die klassische Landschaft Siziliens zum Rahmen einer tieffinnigen Erzählung gewählt. Sig'norellis Fresken in Otvietv, die den Ernst und das Gramen des jüngsteil Gerichts so erschütternd malen, erweckten in ihr den Plan, die Wunder des Antichrist in der Gegenwart auf- ifetat M lassen und mit der .sozial«» Frage zu verbinden. Aber! ihre Phantasie hob alles empor ans der nüchternen Wirklichkeit Ar die roMantischa Traumhelle der Wimderstadt Diamant«, übergoß Mes mit Purpur, Gold und Azur. Und doch ist diese schöuheitK- tnntfene Schilderung ewigen Himmelblaus und üppiger Fruchtbarkeit der sehnsüchtige LobMang eines Rordländers, der feine eigenen Aiysterien- und Märchensti Mmung hineiitträgt in die Kare Heiter- Wit der antifen Landschaft, der die Sonnenhelle durch den Schleier einer dunklen Schwärmerei dämpft. Das ewige Snrnen und Traclsten der germanischen Seele nach wunderbaren Weitet: lebt sich Ms in diesem Lvbgesan» änf des Südens Herrlichkeit, und sie hat diesen! tiefinnerlichen Drang objektiv in der Schilderung' der schwe- McheU Bauern gestaltet, die aus fernerer Seelennot heraus nach dem! gelobten Laude ziehen. Dieser Roman Jerusalem, an Größe per Komposition tmb Jtibrunst des Erlebens noch! über der Gösta BerAng-Saga stehend, ist eine gewaltige Epopöe, in der die Dichterin grandiose Töne der Tragik findet und eine monumentale Schik- dermigÄtmst entfaltet. Besonders der erste Teil ist recht eigentlich per Mman des schwedischen Bauern, dessen Seels sich am tiefsten ilt seinen religiösen Anschanmtgen offenbart. Ein historischer Vorgang, das Auftrete» des seltsamen Prvpheteir Erik Janssen tit
Dalekarlten und die Auswäüderüng einer ganzen Schar von Bauern nach Palästina, gaben den AusgangApunkt. Tie Dichterin führt uns mitten hinein in die enge düstere, leidenschaftliche, tvilde und exstattsch erregte Welt der Bauerst, iiibent' sie die Geschichte eines Geschlechts, der Jngmarsöhne, darstxllt. Aus tiefer Not und felsenfestem! Glauben erwächst diesen Menschen notwendig das! lockende Verheißungswort: Jerusalem. Wie sich nun aus diesem einen Teil die ganze Bewegung entfaltet, wie sich die Schwärmerei zu immer wilderer Ekstase entwickelt und endlich zur Lawiitä auwächst, das wird in dem ersten Band von Jerusalem' geschildert. JEor dem Seherblick der Erweckten' verschwindet die! ärmliche Heimat, und die Weite der ganzen Welt tut sich vor ihnen auf, die unendliche lockende Ferne des Meeres, die! PbortN des heiligen Zion, mit dein Auszug' nach Jerusalem schließt dek erste Teil in einem ergreifenden Finals ab.
Die dichterische Schönheit dieses Werkes ist von einer xinj- fachen Klarheit, von einer überzeugenden Kraft, die jedes lieber» maß des Gefühls und der Worte vermeidet. Tie beiden Tonarten, über die Selma Lagerlöf als Meisterin gebietet, der tutj» ruhig schwere an deutende Balladenton und die einfach kindlich« Märchenbuntheit, haben ihre Wirkung miteinander vereinigt, »ün einen ganz neuen Stil hervorzubringen. Schon imi zweiten Teil von Jerusalem, der ins heilige Latch führt und das Schicksal der dalekarlischen Bauern in dem! fremdartigen Milien des MvrgirtH- landcs dar stellt, versagt bisweilen die Kraft und eine veÄ- schwimmende Weichheit tritt an die Stelle der großen Konlnrest Tas biblische Pathos und die energische Wucht historischer Schilderungen, wie sie der Stoff erfordert, fehlen der Erzählerin. Ihre Visionen werden z-n rührenden Volksmärchen, ihre Legenden zu herzlichen Kindergeschichten, deren Poesie in kleine» imrigert Zügen, nicht in der Herausarbeitung deS Grundgedankens liegt. Selma Lagerlöf ist am großartigsten da, wo sie auf dem Bvdest ihrer Heimat steht, und auch wenn sie sich in die Lüste erl>b& und auf den Flügeln ihrer Phantasie trt die Weite zieht, doch mit ihrer schwedischen Erde' in Berührung bleibt. Deshalb gehören ihre „Christnslegenden", so fein sie auch Sagen und Er- zählwtgen 'von Jesus, wie sie die apokryphen Evangelien itberk liefert l, in einer persönlichen Form' uns Nahe zu bringen weiß, doch nicht zu ihren besten Schöpfungen. Wohl aber sind Siete! ihrer Geschichten des höchsten Lobes würdig, in denen die grausig Stimme der altnordischen Säge ertönt oder die weiche einer lieblichen Idylle einen alltäglichen Vorgang umspielt. Wdl ursprünglich groß die Phantasie dieser Fran ist, wie sie sich hineinversenken kann in die Mord- und BlutstiM'nntng der Vorzeit, das zeigt z. B. ihre Erzählung „Herrn Arnes Schatz", irt der der schrille Ton des Mordmessers, das zur Untat gewetzt wird, beständig leitmotivisch anklingt und das Verbrechen allmählich in gräßlicher Deutlichkeit vor uns aufwächst, lind daneben denke! man an das herrliche Kinderbuch, das in den letzten Jahren ge- fdjaffett, an die „lonnderbare Reise des kleinen Nils Hvlgerss-on", der mit den Wildgänsen anszieht auf merkwürdige Abenteuer, a» diese schönste Dichtung, die wohl ein moderner Poet der Jugend geschenkt hat und in der man die Kindlichkeit Andersens, mit einer klugen Weltweisheit vereint, findet. Es scheint, als ob in der Seele Selma Lagerlöfs mannigfach« Wesen ihrer vaterländischen! Vergangenheit lebendig geworden sind, etwas vom Skalden uitS etwas vom Wikinger; die männlichsten Elemente leben in' ihr, aber im Grunde ist es doch die Güte und Herzensstärke der Fra», die ihrem Dichten die persönlichste Not gibt. Dr. P. L.
Die grau als Trägerin der Volksgesundheit.')
Zweierlei Aufgaben sind es vor allem, welche die Frau zur Trägerin der Volksgesundheit stempeln: ihre Aufgaben als Mutter und als Erzieherin. Ns Mutter ist sie mit dem Wohl und Wehe der künftigen Generation körperlich aufs engste tierStürben; als Erzieherin unterliegt ihr de« entscheidende Einfluß für die Entwicklung der Volksgesundheit.
Dieser einfachen Tatsache ist bisher nur in ganz geringem Maße Rechnung getragen worden, weder in durchgreifenden Maßregeln zur körperlichen Kräftigung des weiblichen Geschlechts, noch durch geeignete Vorbereitung für feine erziehlichen Aufgaben, und dies beweist, daß die „Volkshygiene" noch am Anfänge ihrer Entwicklung steht. Wenn es sich früher «darum handelte, „das Volk" körperlich widerstandsfähiger und leistungsfähiger zu machen, so geschah dies aus Gründen der Wehrhaftigkeit und Kriegs- tüchtigkeit. Unmittelbar kam also die Frau hierbei gar nicht in Betracht. Und so weit dachte man nicht, daß die körperliche Tüchtigkeit des Heranwachsenden männlichen Geschlechts in hohem Maße abhängig ist von der Körperkonsti- tution der Frauen. Man zog dies um so weniger in Be-
*) Diesen Aufsatz entnehmen wir der im Verlage beit, G. Brannschsn Hofbuchdruckerei und Verlag, Karlsrnye, erschein enden Zeitschrift „Die Neue Fr au en kse lduug .


