Ausgabe 
29.12.1909
 
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auch itocf) einülal glücklich zu sein. Und La fing ich an, mich! zu sehnen!" Gr blickte sie wieder von der Seite an.

Sie ging ganz still, den Kopf auf die Brust gesenkt.

Hören ©te mich, Nelda?"

Sie nickte; keife sagte sie:Ja". Aber sie sah nicht auf.

Ich habe meinen Abschied genommen; in militärischen Verhältnissen kann ich nicht so, wie ich will und nrnß. Es ist nicht ohne Kampf fiir den, der inr bunten Rock ausge­wachsen ist, da Schicht zu machen; aber es war nötig. Wollte ich mit dem Leben fertig werden, mußte ich es neu beginnen. Jetzt habe ich eine Stellung an der Gewehrfabrik in Köln, ein sehr bescheidenes Los, aber anständig; und ich werde weiter kommen. Leicht ist es nicht immer; ich hoffe kein Schwächling mehr zu sein, aber ich bin kein Held, mitunter kommen die Grillen und Plagen mich, die alten Gedanken machen mir Kopfschmerzen und dann sehne ich mich, dann sehne ich mich!" Er seufzte tief, lüftete beit Hut Und fuhr sich durchs Haar; sie sah, wie es mit grauen Fäden durchzogen war.

Sie fragte nicht:Warum erzählen Sie mir das alles?" Eie wagte nicht mehr zu fragen.Dann sehne ich mich, dann sehne ich mich" der Ton war ihr durch Mark und Bein gegangen.

Ohne Wort schritten sie nebeneinander her, Seite an Seite. Der Kirchhof lag weit hinten. Nun blieb Nelda noch einmal stehen und sah zurück.Mein Vater," sagte sie leise, gleichsam erklärend, und ivies mit dem Finger dorthin.

Rainer nickte.Ich weiß, Ihr und niein treuer Freund Lylander hat ntich voir allem unterrichtet. Er hat mir nicht ebe Hoffnung genommen, er sagt, Sie wollen keinen Meu­chen verlassen, dem Sie zu seinem Leben wahrhaft not un. Nelda?!"

Sie gab keine Antwort, ihre Lider senkten sich auf die gerötete Wange.

Und nun sagte er weich:Sie haben unendlich viel Verloren an Ihrem Vater Ehre seinem Andenken!" Er zog den Hut wie zum Gruß.

Sie standen beide und sahen zum Kirchhof hinüber; ein leiser Wind kaut von dort und fächelte ihnen uni die heißen Gesichter. Nelda empfand's wie eine Liebkosung.

Und nun waren sie im Dorf. Lang und staubig schlän­gelte sich die Chaussee. Der Himmel tvurde grauer und die Ferne dunstiger, die Luft drückte auf Kopf und Augen. PlöH- liche Windtvehen fegten den Staub auf und drehten ihn in kleinen Wirbeln über die Straße. Mit heißen Augen sah Ramer auf zum Himmel über das dunstige Land und vann hinab zum Rhein; die Wellen glucksten sanft ans Äser. Halt, da schaukelte ein Nachen! Er wies nach dem Wasser:Fräulein Dallmer, wollen Sie sich mir anver- irauen? Ich denke, auch Ihnen liegt nicht daran, dort im staubigen Trott mit den Menschen zu wandern? Sie müssen doch zur Stadt zurück, ich ruore Sie dahin; gönnen Sie mir das!'" Er stand vor ihr, bittend, den Hut in der Hand. O dieser Rhein, dieser Rhein und die Erinnerung!

Nelda senkte den Kops; leise zustimmend murmelte sie: So fahren wir!" Sie war wie im Traum. War sie's denn wirklich, di« gestern noch im Lärm der Großstadt ge- Kmden? Und heut mit einem Schlage zurückversetzt in e Vergangenheit? Waren die Toten auserstanden, wurde etwas Begrabenes in ihrer Brust lebendig?! Sie sah an sich herunter und um sich her und fühlte ein seltsam rasches Schlagen iit ihrem Herzen.

Unten im Nachen lungerte ein junger Bursche, Ramer lohnte ihn ab und hieß ihn, sich das Boot an der Schisf- hriicke abzüholen.

Sie stiegen ein; Nelda trat unsicher, der Nachen schwankte, Ramer mußte ihr die Hand reichen. Sie setzte sich schweigend ans Steuer, er nahm die Ruder; gleichmäßig plätscherten sie im Wasser. Perle auf Perle tropfte von den Schaufeln, kein Sonnenstrahl blitzte darin; das Wasser war grau wie der Himmel darüber. Die Häuser des Dorfes blieben zurück, die Villen auf der Chaussee glitten vor­über, mit verschleierten Augen sah Nelda hin zum Vater- hcnrs.

Wie trüb alles war! Eine schwarze Wolke wie ein dunkles Dach hing überm Rhein. Die Wellen wurden un­ruhig und drehten sich kräuselnd unter den Rudern jetzt i überraschend, schneller als geahnt ein Tropfen! Dick, schwer, prallte er aus den Bootrand und jetzt noch einer, und, noch einer! Ein feuchter Windstoß saust über den

Strom der Kahn schwankt und legt sich auf eine Seite, jetzt auf die andere man sitzt darin wie in einer Schaukel, Tropfen auf Tropfen, plätschernd fallen sie ins Wasseri ein regelmäßig fallender, rauschender Regen. In einem1 Skngenblick die Aussicht verhangen; die Häuser der Stadt sind noch nicht zu sehen, schattenhaft umsäumen die Berge die Ufer.

Nelda faß regungslos unter ihrem Sonnenschirm; mit der einen Hand hielt sie das Steuer wohin steuern? Grabaus schlug der Regen ins Gesicht, man war blind. Sie mußte das Gesicht wenden, ihrem Begleiter zu. Der legte sich in die Ruder, daß sie sich bogen; widerwillig schäumten die Wellen, der Rhein war aufgewühlt.

Kein Gewitter, weder Blitz noch Donner, nur ein plötz­licher elementarer Ausbruch oder hatten die beiden der! schwarzen Wolken nicht geachtet, die längst schott lauerten, niederzubrechen und sich stürmisch auszmveinen?

Der Regen floß Ramer übers Gesicht; er schüttelte die Tropfen ab und nun zog er die Ruder ein, er sprach zum erstenmal.Ich bin ungeschickt, Fräulein Dallmer, heute wie immer; ungeschickt und unglücklich. Nun setze ich Sie dem Unwetter aus! Verzeihen Sie ho" ein Windstoß drehte den Kahn wirbelnd herum.Fürchten Sie sich?" Ich fürchten?!" Ihre Stimme klang merkwürdig zuversichtlich.Vor so etwas fürchte ich mich nicht! Die paar Tropfen!" Ruhig richtete sie sich auf, schloß den Schirm, schüttelte den Regen von ihrem Kleid und blieb, aufs Steuer gestützt, fest stehen.

Er sah zu ihr hinüber, er vergaß nach bett Rudern zu greifen, seine Augen hatten einen stumm beredten Ausdruck. Sie hingen an ihr.

Wind und Wellen säuselten um den Kahn, leiser rauschte es; vereinzelter fielen schon die Tropfen, sie bildeten Blasen auf dem Wasser und engere und weitere Ringel. Ein scucht- kühler Hauch schauerte über den Rhein. Sacht glitt der Nachen stromab, träumerisch suchte Neldas Blick die Ferne- da der Vorhang reißt! Da war die Stadt mit ihren Türmen, wie ein Rahmen davor der schön geschwungene Bogen der Eisenbahnbrücke da die Schiffbrücke mit dem fchwarzweiß gestrichenen Geländer ein Sonnenstrahl schießt plötzlich blendend aus Wolken; er zeigt alles in duf­tigem Flimmer.

(Schluß folgt.)

Selma Lagerlös.

Tie schwedische Akademie, die in der Verteilung des Nvbel- preises für Literatur schon so manchen Mißgriff getan, hat diesmal nach langem Sträuben sich doch endlich dazu entfließen müssen, derjenigen dichterischen Persönlichkeit diese Ehrung zu verleihen, die durch ihre Nationalität, durch ihr Genie und ihre Stellung! in der Literatur vor Men« würdig ist; Selma Lagerlöf. Di« Dichterin M ineben Strindberg die großartigste künstlerische.Er- scheinung, die gegenwärtig das Schrifttum Schiwedens aufweist. Aber während der fauWche Problemdichter und Grübler stets im' Gegensatz zu seiner Heimat stand und in seinen vielgestaltigen Wandlungen eine allgemein europäische Entwicklung durchmachte, ist Selma Lagerlöf die berufenste Hüterin jbed unerschöpflichen Schatzes an Poesie, den die schwedische Erde birgt,Mutter Sveas liebstes Patenkind". Sie hat eine neue Epoche in der Geschichte der schwedischen Dichtung gegründet, in der die nationalen Helden­gestalten der Vergangenheit zu einen« neuen leuchtenden Lebest erweckt wurden, der wundersame Zauber der Volksphantasie, die urtümliche Schönheit der alten Banernkultur ans verborgenen Tieft« in dem befreiten Strom eines reichen Künstlertnms durchst brach. Ein ganzes Dichtergeschlecht stand in den 90 er Jahren um sie, als dessen Mittelpunkt sie schon heute klassische Geltung besitzt. Schwedens größter Dichterin, der in der ganzen Welt gefeierten Erzählerin, einem der stärksten Talent«, die heute über­haupt schaffen und wirken, gebührte in erster Linie die Gabe, die! ein« schwedische Akademie zur Förderung und Anerkennung litera­rischer Verdienste verwenden sollte.

Wie ein einfach schlichtes stilles Märchen klingt die Geschichte von dem Selben dieser Frau, die lange Jähre als Lehrerin än einer! Meinen Stadt den Kindern Schreiben iiittb Rechnen beibrachte und dann plötzlich aus engstem Kreise ans die Höhen des Lebens nnd des Ruhms emporgehoben. wurde. Da lebte sie, nachdem sie das Lehrerinnenexamen gemacht und durch das Seminar hindupchi- gegangen war, eine ganze Reihe von Jahren ist der südschanischen Stadt Landskrona, ein stiller, in sich gekehrter Mensch, eingy- spönnen in ihre Träume und Visionen, sich Versen lend in die wundervolle Landschaft ihrer Heimat, aus der ihr die Gestalten märchenhafter Kindergeschichten leibhaftig entgegcntraten. Ta kam im Frühling 1890 in ihre weltferne Einsamkeit zufällig diej Kunde von dem Preisausschreiben einer Stockholmer Frauenzeitung, dqs eineNovelle von nngefähr 100 Seiten" forderte. Tie Zwei-