Ausgabe 
29.12.1909
 
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1909 Nr. 205

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Rheinlandstöchter.

Roman von Clara Vie big.

(Fortsetzung.) 'Nachdruck verboten.)

Gehen Sie nicht, gehen Sie nicht so von mir!" Es stürzte ihm über die Lippen ivie ein lang, zurückgedrängter Quell.Tag und Nacht peinigt mich der Gedanke au Sie! Was habe ich Ihnen angetan, ich erbärmlich Verblendeter! Mußten Ihre schön­sten Jugendjahre darüber hingehen, bis ich, feiger Egoist, einsehen lernte, was Sie sind, was Sie immer waren! Unendlich mehr wert als alles andere?! Nelda!" Die Er­regung schüttelte ihn.Es geht ein Hauch von Ihnen aus, der hat mich durchs:'l -'n bis ins Innerste. Ich war klein, ich war feig, ich r es ist mir von den Augen

gefallen, nach und nach, immer mehr. Ich werde ein anderer, möchte ein anderer sein! Aber ich kann ja nicht! Nelda, sehen Sie mich doch an, geben Sie mir doch die Hand, verzeihen Sie mir" die Stimme wankte ihmes liegt wie ein Alp auf mir, ich bin in ewiger Schuld, ich habe Sie unglücklich gemacht!"

Sie richtete sich hoch auf, langsam kehrte die Farbe in ihre Wangen zurück.Sie irren sich, Herr von Rainer! Sie hüben mich nicht unglücklich gemacht. Es hat eine Zeit gegeben, da glaubte ich nicht leben zu können, die ist längst, längst vorbei!" Sie winkte wie nach etwas in weiter Ferne "Entschwundenem.Ich bin nicht glücklich, das wäre zu viel gesagt; aber ich bin frei, ganz frei, mein Herz ist ruhig. O nein, Sie haben mich nicht unglück­lich gemacht!"

Er sah sie an wie entgeistert: das hatte er doch nicht erwartet! War das Wahrheit? Frei begegnete ihm ihr Blick, ruhig ging ihr Atem. Nein, das war nicht-Lüge!O Nelda, so haben Sie gar kein kein ich ich kein Interesse mehr für mich wo ist Ihre Liebe kein Funken mehr?!" In seinem Herzen fiel etwas zusammen, eine grenzenlose Enttäuschung packte ihn. Es war klar, sie hatte kein Gefühl mehr für ihn; nichts, gar nichts zu hoffen! Er stöhnte.

Jetzt trat sie näher an ihn heran, ihre Stimme klang weicher?Es tut mir sehr leid, wenn Sie sich quälen, Ich wünschte, daß es Ihnen gut ginge! Der Tod Ihrer Mutter hat mich! tief berührt." Sie machte eine Pause, eine glühende Blutwelle schoß ihr in die Stirn.Wenn Sie's denn wissen wollen, ich habe Sie so lieb gehabt, ivie inan nur einmal int Leben jemand lieb haben kann kindisch, unbedacht, aber selbstlos, grenzenlos! nun ist alles vorbei! Gott sei Dank!" Sie atmete wie erleichtert. Ich bin stolz geworden, ich kann nur den lieben, den ich achte!"

Er fuhr zurück.

Und nun," sie hielt ihm die Hand hinohne Groll, ja? Adieu."

Er nahm ihre Hand nicht. Kurz nickend tvandte sie sich zum Gehen mit starken rüstigen Schritten. Er folgts ihr. Er faßte ihr Kleid, und dann packte er ihr Hand­gelenk und hielt es fest, daß eS schmerzte.

Alles Blut war ihm aus dem Gesicht gewichen, seine Lippen zitterten, aber energisch preßten sie sich aufeinander, Achten?! Sie sollen mich achten, Sie müssen mich achten!" Die Ader auf der Stirn schwoll ihm, seine Augen blitzten.Hab' ich darum gekämpft all' die Jahre, hab' ich darum mich enolich durchgerungeu zu einem Entschluß? Sie sollen nicht sagen:Es ist alles vorbei, Gott sei Dankt" Ich fühle die Verächtlichkeit in Ihrem Ton. Sie können nur lieben, wen Sie achten Sie werden mich achten!"

Sie starrte ihn an mit großen Augen, erstaunt und verwirrt.

Er preßte ihre Hand: sie nlachte keine Miene, ihm diese zu entziehen, sie stand wie gebannt am selben Fleck, Sie wundern sich," fuhr er gemäßigter fort.Ver­zeihen Sie, ich war heftig! Ich hatte vergessen, daß Sie noch keinen Grund haben, mich zu achtetr. Aber zeigen Sie mir wenigstens den guten Willen, gehen Sie nicht gleichgültig von mir! Was ich geworden bin, bin ich durch Sie geworden. Nelda," unwillkürlich senkte er die Stimme als ich Sie verloren hatte durch meine eigene Schuld, da wurde ich erst inne, was ich besessen hatte! Immer mehr und mehr kam's mir. Wenn ich allein und diister aus meiner Stube brütete, damt kamen Sie leise zur Tür herein und setzten sich mir gegenüber und sahen mich an mit Ihren klaren Augen und ich fing an, mich zu schämen. Und -dann, wenn ich mich Nächte lang ohne Schlaf wälzte, dann traten Sie zu mir und legten mir die Hand auf die Stirn, Vs tat wohl und doch weh ich fing an zu bereuen. Sie sind immer neben mir hergegangen all die Zeit, ich wußte es oft selbst nicht, aber plötzlich ivaren Sie da. Sie sahen auf alles, was ich tat, meine Gedanken drehten sich nur um einen .Punkt, um die Er- innerrmg an. Sie. Ich wußte nicht, Wie es werden sollte, ich hatte keine Hoffnung mehr!" Er hielt inne und sah sie forschend an. . , m

Sie hatte die Augen ntedergefchlagen, kerne Regung war auf ihrem Gesicht, nur die Wimpern zuckten.

Langsam schritten sie weiter; er hielt noch immer ihre Hand, nun gab er sie sanft frei.Dann kam der Tod meiner Mutter," Nelda sah rasch aus mit dem Ausdruck des Mitgefühls ,chs ihr armer Leib im Grab lag, und die letzten Schaufeln Erde darüber fielen, da war der Rest einer finsteren Vergangenheit zugeschüttet. Ich habe meine Mutter sehr geliebt, noch ebenso geliebt, als sie mich laugst nicht mehr kannte, und doch war's eine fortgesetzte Quad Ich weiß sie nun ruhig, Gott sei Dank! Ihr Tod hat mich tief erschüttert, aber eine Bergeslast fiel von miv, ich konnte Nöck;, einmal ausatmen, daran deinen, vielleicht