Ausgabe 
29.11.1909
 
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Mne Reiseerinnerung von Prof. R. Walz, Friedberg i. H.

Auf der schmuckenTherapia" der deutschen Levante- Linie haben wir die Fahrt von Hamburg nach, Lissabon, Algier, Tunis, Malta, Athen und Smyrna zurückgelegt und befinden uns im Angesicht der Insel Lesbos, der .Heimat des Alcäus und der Fappho. Die Losung lautet:Kon­stantinopel". Ein prächtiger Tag im -Ostermonat ist ange­brochen; langsam und gemessen steigt der blutrote Feuer­ball der Sonne empor aus des Meeres flüssigem Gold und Silber. Lustige Delphinenscharen umtanzen den Bug des Schiffes und weisen ihn, den Weg hinein in die Straße der Dardanellen. Beim Anblick des Ida dort zur Rechten taucbt vor unserem Geiste auf das Bild von Trojas heiliger Feste. Man wähnt den helmbuschumflatterten Hektor zu sehen, wie er int Schmucke der Waffen Abschied ninrnrt vorn teuren Weibe und den göttergleichen Achill, dem die Siegesgöttin den frischen Ruhmeskranz um die Stirne flicht. Öede und leer ist das Gestade; alles predigt Vergessenheit, alles Ver­gänglichkeit.Was unsterblich im Gesang soll leben, muß im Leben untergeh'n." Allmählich treten die Ufer wieder zurück, Und als die Sonne hinter schweren Wolken verschwindet, sich zum Untergang neigend, steuern wir an der MarmaraJusel . vorüber. Bald hüllt pechfchwarze;Nacht den Himmel ein, und in feinen Fäden strömt der Regen hernieder. Mit ahnungs­vollen Schauern und fröstelnden Gliedern nähern wir uns dem Ziele unserer Sehnsucht: Konstantinopel, und werfen lange vor Tagesanbruch in seinem Hafen die Anker aus. Schon im Altertum xpoaozipat;, d. h. goldenes Horn, ge­nannt, weil er, den Austausch der reichen Schätze zweier Welten vermittelnd, Ivie ein geschweiftes Horn rief hinein­springt in das Land, sieht er alljährlich 36006 Schiffe ein- Und auslanfen und ist von solcher Tiefe, daß die größten Dampfer unmittelbar am Ufer aulegen können. Nicht ohne ein Gefühl der Wehmut wünschen wir dem gastlichen Schiffe frohe Weiterfahrt nach Odessa und steigen au Land. Ein reichlich- bemessenes Bakschisch, das in die Taschen der Zöll­ner hinabrollk, enthebt uns der lästigen Gepäckrevision: nur die Reisepässe werden in der Douane sorgfältig geprüft.

Bald sind wir im Gewimmel verschwunden. Verwor­rener Sprachen Getön dringt an unser Ohr. Auf und ab wogt der Verkehr von dem Hafen nach der Stadt, von der Stadt nach dem Hafen. Mit markerschütterndem Geschrei Preisen Kuriositätenhändler, Wasserträger und Trödler aller Art ihre Waren an; dazwischen heulen weithin schallend die Dampfpfeifen der Schiffe ihr dumpfes, eintöniges Lied. Züge von Wagen und Lasttieren, schwer beladen mit Steinen, Holz oder Säcken, ziehen an uns vorüber. Gar farbenfroh techen der Orientalen bunte Gewänder ab von der ein» achen Kleidung der Europäer, der Franken. Dort schleicht chlürfenden Ganges ein graubärtiger Türke einher, ein Gentleman im Arbeitskleid, dem die Gutmütigkeit auf der Stirne geschrieben steht. Manche tragen statt des dunkel­roten Fezes einen grünen Turban: es sind fromme Leute, die schon am Grabe des Propheten waren. Rechts und links blickt man in die endlose Zahl offener Läden und Werkstätten der Handwerker. Früchtehändler haben uner­meßliche Mengen von Früchten aller Art aufgespeichert: Kürbisse, Melonen, Apfelsinen, Feigen, Bananen und Ananas. Geldwechsler cave canera! kauern dort in einem engen Straßenwinkei oder haben für ihr Geschäft ein winzig kleines, nach der Straße blickendes Fensterchen gemietet. An einer Straßenecke steht, die Hände in den weiten Pluderhosen, in bunter Landestracht ein Soldat. Laug und wirr herabhängendes Haar umrahmt das schmale, bleiche Gesicht, aus dem ein stechendes Augenpaar hervor­blitzt: an der Seite steckt im Gürtel die dolchartige Waffe. Es ist ein Kurde. Mit seinen Vorfahren, den Karduchen, machte ikenophon an der Spitze derZehntausend" dereinst Bekanntschaft. Nun verstehen wir den I ibelruf der Griechen beim Anblick der gastlichen See: co MXarra, eu

Tas Wetter ist trübe und regnerisch. Fußhoch liegt der Schmutz auf den schlecht gepflasterten Straßen. Wir beneiden jene vornehme, tiefverschleierte türkische Dame dort, die sich in einer Sänfte einhertragen läßt und bedauern, unsere Gummischuhe zu Hause gelassen w. haben. Fast an jedem Fuß gewahrt man ihre schützende Hülle; nur die Feuerwehr, die eben im Galopp vorübersauft Und auf einer Tragbahre die Spritze mitführt, scheint sie in der Eile ver­

gessen zu haben. Aus dem kerkerartig vergitterten Fenster ernes ärmliche,-. Holzhauses lugt verstohlen eine Türkin hervor. Ein Leichcnzug bewegt sich in raschen Schritten daher. Vorau der griechisch-katholische Priester und hinter chm tnt offenen Sarge, den 8 Träger an der Hand tragen, mit Blumen geschnmckt die Gestalt des Toten. Zahllose Hunde, ebenso gutmütig wie häßlich- vervollständigen das Straßenbild. Eine Schiffbrücke, Neue Brücke oder Sultan Valide Brücke genannt, führt uns pon der Altstadt Stambul hinüber nach den neueren Stadtteilen Galata und Pera und teilt zugleich- den Hafen in den äußeren Verkehrshafen und den inneren Handelshafen. Bor uns erhebt sich ein Bauwerk alten Stils, trotzig und wettergebräunt; es ist der Galataturm, bei klarem Wetter ein prächtiges Schaugerüst. An der deutschen Post vorbei geleitet uns Per Dragoman auf allmählich-ansteigendem Wege die freundliche Rue grande de Pera entlang, wo das Pera-Palasthotel und das Hotel Kroecker uns aNsuehm'en. Von hier aus veranstalten wir täglich zweimal unsere Streifzüge durch die Stadt. Ein eigenartiger Zauber ruht auf dem von wechselnder Kultur durchtränkten Boden. Stolze Moscheen aus der Glanzzeit des Sultanats erheben ihr Haupt aus dem verschlungenen Gewirr der Straßen und Häuser, und hier und da liegen, wie köstliche Perlen zerstreut, die ehrwürdigen Reste der versunkenen antiken Herrlichkeit: thronend über allen die weltberühmte, von Kaiser Justinian erbaute Hagia Sophia,- der Mauzvilukt byzantinischer Baukunst mit ihrer hoch- über dem Irdischen schwebenden und wie ein Himmel in den Himmel strebenden Kuppel und ihren schlanken Minarets, von deren Galerien fünfmal am Tage die Muezzin die Gläubigen zum Gebet rufen; nicht weit davon der Hippo­drom, jener berühmte, von Konstantin dem Großen vollendete Zirkus, jahrhundertelang der Schauplatz rauschen­der Feste und Spiele, aber auch blutiger Parteikämpfe^ auf dem sich erhebt der über. 35OÖ Jähre alte Obelisk des Pharao Thüturosis, dahirrter das Bruchstück der bronzenen Schlangensäule, die die Sieger von Platää (479 v. Ehr.) mit dem goldenen Dreifuß und dem von drei Schlange n» köpfen getragenen Wasserbecken dem Apollo geweiht haben sollen; ferner die von 6 Minarets flankierte Moschee Sultan Achmeds 1, 1610 erbaut, mit ihrem von pittoresken Platanen beschatteten Borhofe und ihrem kostbaren, in maurischem Stile gehaltenen Portale; in der Nähe des Seraskeriats die Moschee Sultan Suleimans, ein Prachtwerk osmanischen Stils aus der Blütezeit des Türkenreiches in der äußeren Anlage nicht »rinder wie in dem inneren harmonischen Ausbau, und die schmucke Bajasid- oder Daubenmöschee, nicht zu vergessen der unbezahlbaren Schätze des Autiken- museums, darunter des sog. Alexander-Sarkophags, des allerersten und hervorragendsten Werkes der alexandrini­schen Zeit, an dem wie an keinem zweiten aus dem Alter­tum die wiri'ungsvoile Bemalung herrlich wie am ersten Tag uns entgegenlacht. Doch genug!

Während wir uns vertiefen in reiche Kultnrwelten und von Zeit W Zeit Erholung suchen in derBrafferie Fanni", wo man uns schon am dritten Tage wie» alte Stamm­gäste ehrt und uns unaufgefordert mit dem ersten G-kass Pilsener einen Teller rotbäckiger Radieschen vorsetzt, ist der Wind umaeschlagen und im Begriffe, den Schleier, der seit­her über der Stadt lag, zu zerreißen. Nun heißt es, nicht säumen. Hinüber über den Bosporus nach Skutari! Hinauf zur Höbe des Tschamlidscha oder Bulgurlu! An dem berühmten Zyprcssenfriedhof von Skutari vorüber fahren wir auf holprigem Wege zum Fuße des Berges und- erreichen gegen Abend üben" 268 Meter hohen Gipfel. Nach Osten schweift der Blick weit in die Ferne über das kleiuasiatische Hochland; durch das sich wie- ein Silber­band die Pilgerstraße schlängelt, dort erhebt im Süden der schneebedeckte Riese des Olymps von Brussa sein Haupt, und nach Westen über den Mastern drüben ein feen­hafter. unvergleichbar schöner Anblick ist die-Königin der Städte" emporgestiegeu aus der blaugrünen Meeres- flut und liegt da im Aüeudsonnenglanze, angelehnt an die sanft ansteigenden Höhen, die sich in blauer Ferne ver­lieren. Auf ihrem Haupte funkelt eine goldene Krone, der Hagia Sophia mächtige Kuppel, und von den zahllosen Moscheen mit ihren Wanken Minarets blitzt's wie Edel­steine weit hinaus ins Land. Ernste Zypresfenhame schmücken der, Saum ihres' Gewandes, und zu ihren Füßen atmet das Meer erfrischenden Hauch. Glänzend werye Mar- morpalästtz und idyllische Dorsschaften blicken hervor aus