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Die Leiden Borderstuben standen grade leer, Frau Rätin Dallmer studierte täglich mit ängstlicher Hast die ,,Bossische" *—■ nebenan der Budiker verlieh 'die, zehn Pfennig pro Stunde — sie schrieb sofort. Herr Schmotke kam, sah und zog eilt. Er bezahlte die höchste Pension, er war das A und das O des Haushalts. Fran Rätin erzählte ihm endlose Geschichten, und er drehte zufrieden die Daumen dabei. Ter Tochter klopfte er die Wangen und machte ihr ein hübsches Geschenk zu Weihnachten und zum Geburtstag; er hatte ein merkwürdiges Geschick, stets etwas Zartes und Passendes zu finden. Ja, er war wirklich gut! Rur ihn nicht im selben Tonfall nennen — oh, im selben Tonfals mit dem Einzigen, Unvergessenen!
Mit zusammengebissenen Jahnen stieg Nelda die Treppen hinab. Sie mußte nun fort; was halfs, ob mit Lust oder nicht, sie batte drei Stunden zu geben, eine in der Chausseestraße, eine am .Halleschen Tor, die dritte sehr weit weg am Kottbuser Damm. Gleich würde sie am Klavier sitzen und zählen: „1, 2, 3" — oder auch: „1, 2, 3, 4" — Ader: „1, 2 — 1, 2" — „fis, fis nicht f" — „hier das 6 uicht vergessen!" Und die kleinen Finger der Schüler krochen über die Tasten und griffen falsch und schlugen daneben, Und wenn das Stück zu Ende war, wurde es noch einmal wiederholt und noch einmal, bis die Finger nicht mehr daneben griffen und fis richtig fis war. Und so fort. Sie hatte es ja nicht anders gewollt.
„Nur weg von hier, toeg' von Koblenz," hatte sie damals nach dem Tode des Vaters verlangt. „Ich kann nicht hier bleiben,, ich ersticke!" Frau Rätin weinte zwar viel, aber im Grunde hatte sie nichts dawider; es ist nicht angenehm, wenn die Leute eitlem mit herablassend mitleidigen Blicken ins Gesicht sehen und hinter'm Rucken über einen skandalieren. Nur nach Manderscheid wollte sie nicht, r— „bn, filme ich um vor Langeweile!" Und Nelda wollte auch nicht. „Ich muß mich betätigen, Onkel, ich muß arbeiten!" „Das kannst du auch bei uns," hatte der Bürgermeister erwidert; er sah sie liebevoll an, aber er redete nicht weiter zu, er wußte, daß es für ihn eine Unmöglich- teit war, mit der Rätin zu leben; die größte Unmöglich!- keit wußte er nicht. ’
In Neidas Wangen stieg das Rot der Scham, wenn io an Heinrich Hommes dachte. Sie konnte es niemandem agen, aber sie konnte nicht am selben Ort mit ihm sein, ie würde es nicht wagen, die Augen aufzuschlagen. Sie hätte ihn nicht geliebt. Nur die Begier hatte sie an den Rand des Abgrunds gerissen, die kalte Hand des Todes mußte erst kommen, um sie zurück zu ziehen. „Ich kann nicht mit dir gehen, Onkel," sagte sie leise, „auch wenn Mama nicht wäre. Ich kann nicht, frag' mich nicht!" Dallmer war nicht vom vielen Fragen, einzig Mit Wehmütigem Lächeln schüttelte er den Kopf. „Und soweit willst du.fort, bis nach Berlin?!" „Ich will frei sein, Onkel; ich kann das am besten in der großen Stadt, da taucht man unter. Ihr sagt, ich wäre musikalisch, ich werde mich in der Musik ausbilden, das kann so schwer nicht sein. Wenn ich dann Stunden gebe und Mama Pensionäre hat — sie denkt sich das hübsch — wird es schon gehen. Es muß gehen!"
Ja, es war gegangen. Nelda mußte lächeln, wenn ihr ihre Hoffnungen einfielen — ein resigniertes Lächeln. Sie hatte sich alles so anders gedacht. Musik — lieber Gott- Da hatten andre auch ganz andres Talent. Nach zwei Jahren war sie soweit, daß sie Kindern Klavierstunden jjctib.j -eine Mark fünfzig die Stunde. Sie mußte noch floh sein.
Tränen flössen nicht mehr wie sonst allnächtlich in der ersten Zeit — warum auch? Was ist solch ein kleines Menschengeschick in dem ungeheuren, treibenden Weltall?! In der großen Stadt lernt man am besten, wie wenig der einzelne bedeutet. Einzelnes Hoffen und Fürchten und Freuen und Klagen geht unter im Gerassel der Wagen, im Rollen der Pferdebahnen; es verklingt wie ein Seufzer unterem Stampfen der Hufe.
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„Jiiä'jes Freilein, et is 'ne Dame draußen, die will Ihnen jeriie sprechen. Ich habe ihr uicht verstanden, wie sie heißt; sie sprach so leise!" Marie steckte den Kovf zur Tür der Berliner Stube herein. Es war gegen abend, Mutter und Tochter allein.
„Mein Gott, Nelda, wer mag das sein?" rief die Rätin, „wer iann dich besuchen?! Nicht hier herein, nicht hier herein !" Sie. riß ängstlich die Schürze ab und warf sie
über den Tisch, „Nebenan in Schmolkes Stube, der ist nicht zu Hause! Ich bin gerade beim Strumpfestopfen!"• „Ach, hefte Frau Rätin, lassen Sie mich nur hier herein/« sagte eine sanfte Stimme. In die Tür, an der stämmigen ^Pd^vorbei, drängte sich eine zarte Frauengestalt. Wer
— ~ „Agnes!"--- „Geliebte Nelda!" Die beiden
Freundinnen lagen sich in den Armen. So hatten sie sich noch nie umschlungen; es war ein Stück verlorner Jugend, das, man wieder umfaßt hielt. Wie ein Kind lehnte die Kleine den Kopf an die Brust der Größeren.
Frau Rätin war sprachlos, sie hob die Lampe und ging eine ganze Weile um die Gruppe herum. Nun brach sie los: „Ist es möglich, ist es wahr? Sie sind's, liebe Frau von Osten? Ich traue meinen Augen nicht' Nelda hat mir zwar erzählt, daß sie Ihnen begegnet ist, an die Ehre Ihres Besuchs habe ich keinen Augenblick gedacht. Oy, was waren das für schöne Zeiten, als Sie uns noch auf der Chaussee besuchten!" Und sie stellte schleunig die Lampe hin, schraubte den Docht noch ein wenig höher, setzte sich auf den Stuhl zurück und brach in Tränen aus.
„Nelda," flüsterte die junge Frau, „ich hatte solche Sehnsucht nach dir! Ich sehe in dein Gesicht, ich meine, wir sind wieder zu Haus in deiner Giebelstube — weißt du noch?" Sie ließ Neldas Hand nicht los. „O du hast dich gar nicht verändert — aber ich!" Mit einem traurigen Lächeln schlug sie den Schleier zurück und trat näher an's Licht. „Sieh mal wie mager ich bin! Gar kein bißchen frisch mehr, gelt?"
Nelda gab feine Antwort, sie mochte nicht lügen; blaß und wehmütig schaute das schmale Gesichtchen unter dem eleganten Hut vor. Es zuckte ihr durchs Herz: So sieht keine Glückliche aus! Liebevoll nahm sie der Freundin den Mantel ab; Hand in Hand, dicht nebeneinander setzten sie sich Nieder, sie sprachen nicht, sie sahen sich nur mit schwimmenden Augen an.
Frau Rätin besorgte die Unterhaltung' schon allein, wie ein rauschendes Bächlein floß ihre Rede. Jetzt fragte sie nach Herrn von Osten und der süßen Felicitas. Agnes gab freundlich Bescheid, aber Nelda hörte am Ton, da stimmte etwas nicht, da war ein unterdrücktes Weh.
„Und welches Glück hat die Koch gemacht," platzte jetzt Frau Dallmer heraus. „Die war aber auch zu schön! Wir haben von ihrer Heirat in der Zeitung gelesen — aus Koblenz findet es ja keiner nötig, uns mal zu schreiben. Bon ihren großen Bällen steht auch manchmal was drin. Arnheim ist mir der reichste Mann in Berlin, die kann lachen! Sie sind wohl viel mit ihr zusammen, liebe Frau von Osten? Ich sehe die Koch noch mit Ihrem Herrn Gemahl bei uns vorbeireiten — wunderbar! In die muß sich ja jeder verlieben!"
Wie die kalte kleine Hand in Neldas Hand zitterte! Auf den bleichen Backenknochen der jungen Fran zirkelten sich runde rote Flecke ab.
„Liebe Mama" — Nelda sah die Mutter bittend an —■ „sei doch, so gut, mach' ein bißchen Tee für Agnes; er wird ihr gut tun!"
„Freilich, ach Gott, sehr gern!" Die Rätin stob heraus.
Sie waren allein. Das Zittern der kleinen Hand wurde stärker, jetzt hob ein tiefer Seufzer die schmale Brust. Nelda sah besorgt zur Seite, nur ihr Blick fragte: Was ist dir? Ein krampfhaftes Aufschluchzen war die Antwort. Beide Arme der jungen Fran klammerten fick) nur Neldas Hals, ein ganzes vernichtetes Lebensglück lag in dem einen Jammerruf: „Er liebt sie!"
Nelda brauchte nicht zu fragen: Wen?" Wie die Laterna magiea bunte Schatten auf die Wand wirft, so zogen au ihrer Seele allerhand Bilder vorüber. Nein, sie brauchte gar feine langen Erzählungen, die stolze Gestalt Anselma von Kochs stand greifbar lebendig vor ihr, das zarte weinende Geschöpf hier verschwamm in gar nichts.
großer Kummer kam über sie, nicht bloß Mitgefühl! für die Freundin, nein, Schmerz um die ganze Welt. Mer helfen könnte!
Leise streichelte sie die braunem Haare an den blau- geäderten Schläfen. „Weine dich aus, Agnes!"
Und Agnes weinte, als ob ihre Seele hinströmen sollte; all der unterdrückte Jammer, die angstvolle Spannung kamen zum Durchbruch. Endlich fand sie Worte — im1 3iimner war's still — die leisen Worte klangen wie eine Sterbeklage. (Fortsetzung folgt.)


