— 607
leiblichen Elend ütid werfen noch weitere düstere Schatten auf das Bild, auf deNr sich die Zustande von Deutschlands Bewohnern zurzeit des 30 jährigen Krieges darstellend Zur Beleuchtung dörflicher Zustände in der Vergangenheit sind wir, da chronikalische Aufzeichnungen nur dürftig vorhanden sind, auf das urkundliche Material angewiesen, das sich in alten Zinsregistern und Rech- nungen darbietet. Es läßt sich aus den Verhältnissen e i n z e l n e r Gemeinden auf die allgemeinen Zustände eines Landes schliessen. So liefern die Kastenrechnnngen *), die die Registratur der Pfarrer Steinbach von 1617 noch aufbewahrt, wertvolle Belege für die Kulturzustände im 17. Jahrhundert.
Das 17. Jahrhundert ist die Zeit der Religionskriege. Intolerante Landesfürsten zwingen andersgläubige Untertanen, den Wanderstab zu ergreifen und heimatlos umherzuirren, ost dem grässlichen Elend anheimgegeben, wofern nicht mildtätige Herzen bei ihrem Durchzuge sich ihrer erbarmen. Die Zahl dieser Wanderer, die Steinbach passierten und dort unterstützt würden, ist ziemlich beträchtlich. Lassen wir die einzelnen Angaben in den Rechnungen reden!
1617: „Zweien Jungen Edel Knaben so aus den Niederlanden nach dem Graffen zu Lich wollen 12 Pfg., 1630: einem armen Pfarrer so vertrieben und aus der Pfaltz verjaget 5 alb. (alb. = 8—10 Pfg.), 1632: einem vertriebenen Schuldiener 6 alb., einem vertriebenen Pfarrer 1 alb. 4 Pfg., 1637: einem vertriebenen Pfarrer 10 alb., 1638: einem vertriebenen Pfarrer aus Böhmen 15 alb., 1650: einem armen Schnldiener aus bent Coburgischcn 3 alb., einer vertriebenen Pfarrerin mit 6 Kindern aus Schle- singen (Schlesien) 4 alb., einem vertriebenen Pfarrer aus Lies- länd 2 alb. 4 Pfg., 1653: einem armen vom Adel aus Schlc- singen 5 alb., 1654: einem vertriebenen Rectori aus Schlesingen 10 alb., 1655: einem von den Papisten vertriebenen Schnldiener 4 alb., einem armen Schuldiener aus Böhmen 3 alb., einem Exulanten mit Weib und Kindern ans Dantzig 4 alb., einem vertriebenen Pfarrer aus Schlesingen 5 alb., einem vertriebenen Pfarrer aus Schlesingen 5 alb., einem Vertriebenen aus Schlesingen 5 alb., einem armen aus Polen 2 alb., zwei, so wegen der Religion aus Schlesingen Vertriebenen 6 alb., einem Exulanten 5 alb., 1658: einem lahmen Mann aus Pragk 3 alb., einem vertriebenen Schulmeister aus Schlesingen 3 alb., 1659: einem armen Schuldiener aus dem Henneberger Lände 4 alb., 1661: einem armen SckMdiener aus Oesterreich wegen der Religion vertrieben 2 alb., 1662: Einem vom Adel mit Weib Und Kindern 4 alb., einer Adelfrau aus Ungarn 2 alb., einem vertriebenen Schuldiener 2 alb., einem Vertriebenen' aus Ungarn 3 alb-, einem vertriebenen Pfarrer aus Mähren 3 alb., einer adeligen Persohn aus Holstein 3 alb., einem Exulanten, so Pfarrer in Hagenburgk gewesen (sehr Contract) 5 alb., 1663: Einer Pfarrers Witwe aus Itzehoe in Holstein 2 alb, einem Edelmann, so von Straßenräubern beraubt, 1 alb., einem 99 Irrigen Pfarrer, so zum Zweiten mal Vertrieben 5 alb., einem Vertriebenen aus Waghäusel 1 alb. 4 Pfg., einem Vertriebenen Mann aus Ungarn 1 alb. 4 Pfg., einem Vertriebenen man mit Weib und Kinder aus Schlesingen 1 alb., einem vom.Adel aus Ungarn, so sehr Krank gewesen 2 alb., einem alten Mann aus Siebenbürgen 1 alb. 4 Pfg., einem vertriebenen Schnldiener 1 alb. 4 Psg., 1664: einem vom Adel, so wegen der Religion vertriebenen 4 alb., einem armen Schulmeister, so aus Ungarn vertrieben 1 alb. 4 Pfg."
Personen, die zur evangelischen Lehre übergetreten waren oder übertreten wollten und deshalb verfolgt wurden, erhielten gleichfalls Unterstützungen. So: 1637: „einem mönch so zu Gießen revociret 10 alb." 1654: „einem armen Pfarrer, der von der Religion (katholischen) abgetretten 5 alb., 1655: den Mönchen zu Gießen gczahlet, so zu unserer Religion getretten 20 alb., 1664: einem armen Man, so von den Papisten zu unserer Religion abgetretten 2 alb., zwei Studenten, davon einer von Wien, so zu Leipzig revociret und zu unserer Religion getretten 3 alb."
Auch Studenten und Schüler sprachen sehr oft in Steinbach vor, teils ans ihrer Wanderung nach Gießen j>ber meist, weil sie ganz heruntergekommen und mittellos waren. Jso wurden aus dem Kirchenkasten verabreicht an Gaben: 1617: „zweien Stipendiaten aus Lothringen 2 alb. 2 Pfg., 1639: einem armen Studenten aus Ulm 10 alb., einem armen Studenten 2 alb., 1651: zwei armen Studenten 3 alb., zwei armen Studenten aus dem Hundsrück 4 alb., 1652: einem armen studioso 10 alb., 1655: zwei Studenten 6 alb., einem Studenten 4 alb., drei Studenten 4 alb., einem armen Studenten 2 alb., einem Studenten 2 alb. 3 Pfg., einem armen Studenten 3 alb., drei Studenten 3 alb., einem Studenten 2 alb. 1 Pfg., einem armen
*) Tie Urkunden konnten mit gütiger Erlaubnis des Herrn Pfarrer Hnacke benutzt werden.
Schuldiener mit etlichen Studenten 6 alb., einem armen Studenten 3 alb., verschiedenen Studenten 6 alb., einem Studenten 3 alb. 3 Psg., einem Studenten 2 alb. 2 Pfg., 1657: einem armen Studenten 2 alb., einem Studenten 3 alb., zwei Studenten 5 alb., 1658: zwei Studenten 6 alb., einem Studioso 3 alb., einem armen Studenten 3 alb., wiederumb einem Studenten 3 alb., vier Studenten 4 alb., einem Studenten 4 alb., einem Studenten 3 alb., ztvei Stubenten 2 alb., ztvei Studenten 2 alb." Wie vorstehend ersichtlich, sind in den Jahren 1655—1658 besonders viele unterstützungsbedürftige Studenten in Steinbach eingekehrt. Viele unter ihnen waren schon ältere Studenten gewesen, die vielleicht infolge des vorangegangenen Krieges keine Anstellung finden konnten. Welch trauriges Bild der Zeitverhältnisse, durch die auch die studierende Jugend in Not geraten war! Daneben! bewilligte der Kircheukasteu Stipendien an Schüler, die das Gießener Gymnasium besuchten. Es wird erwähnt: 1651: 2 ff. einem armen Schüler, so von Steinbach auf vorwissen des Herrn Superintenden, 1653: „1 sl. 6 alb. 6 Psg. Ludwig Horns zwei Söhnen, so in Gießen in die Schule gehen, Büche r zu Kauften." Diese beiden bezogen von 1655—1658 ein dauerndes Stipendium von 1 fl. 7 alb. 5 Pfg.
Nicht minder groß war die Opferwilligkeit der Kirchengemeinde Steinbach gegen andere durchreisende Arme und Kranke. Ungeheuer groß ist die Zahl der unglücklichen Geschöpfe, die hier erschienen und Unterstützung in Anspruch nahmen: Blinde, Krüppel, Pest-, Krebskranke, Aussätzige und Epileptiker. Tie „schwere Noth" — hört man heute noch als Fluchwort: „Solltest du doch die schwere Not kriegen" — oder Epilepsie scheint damals häufig vorgekommen! zu sein. So wird in der Rechnung an Ausgabe ausgeführt: 1650: „einem Jungen mit der schwere Noth beladen, 1 alb. 4 Pfg., 1653: einem Armen mit der schwere Noth beladen 3 alb., 1654: einer armen Frau mit der schweren Noth beladen 3 alb., 1655: einem so lahm und mit der schwere Not behaftet 3 alb." Auch die Bestattungskosten für Fremdbürtige wurden von der Kirchenkasse übernommen. So heißt es 1634: „einem armen man gegeben, da er tempore Pestis begraben hatte 10 alb., einem bettet5 man gegeben, da er einen verstorbenen dettler (wohl auch ein Pestkranker) das Grab gemacht und begraben 10 alb., 1636: dem schreiner vor 2 Tiele, so einer sehr armen frmt zum Sargk 20 alb." Einheimischen armen Wöchnerinnen wurde oft Wein zur Stärkung gewährt, so „Seip melchers hausfrawen gefiebert zu halb mns wein 4 alb. 4 Pfg., so zwen jungen Sohn aufs einmal gehabt." — Eine arme eingesessene blinde Frau erhielt an Festtagen und Kirmes ihren Wein. Der Betrag von 13 alb. 4 Pfg. figuriert mehrmals jährlich als Ausgabeposten in der Rechnung zur Anschaffung von Brot, das gewöhnlich an Festtagen an die Hausarmen von Steinbach verteilt wurde. Ein Bettler erhielt 3 alb., „so ein brieff in Kirch sachen brecht," jedenfalls von der Oberbehörde von Gießen (eine damals übliche Briefbeförderung bei dem Mangel von Posten).
Zu der Zahl der fahrenden Leute, die nach dem 3U my-men Kriege die Landstraßen bevölkerten, gehörten auch ab gedankte Soldaten, namentlich ans dem Türkenkricg e. Manche, selbst Edelleute, hatten sich mit der Aussicht auf Beute und Gewinn in des Kaisers Heer anwerben lassen und waren nun enttäuscht, ost als Krüppel nach "Deutschland zurückgekehrt, ihren Lebensunterhalt auf der Landstraße suchend. Auch Steinbach sah diese fahrenden Gäste, die auch hier ihr Almosen erhielten. Es wurde aus der Kirchenkasse verausgabt: 1648: „einem von den Türken gefangenen man 3 alb., 1652: einem vorn Adel aus Polen, so in dem Türkenkriege gefangen 5 alb., fünf Männer, so in bent Türkenkriege gefangen 5 alb., 1653: einem Edelmann, so von den Kroaten erst zum Krüppel geschlagen worden, 5 alb., 1658: Arm gehabt, 4 alb., einem, so von den Türken gefangen ge- wesen, 5 alb., einem, so von den Kroaten gefangen gewesen 4 alb., 1663: zwei vom Adelt, so den Venetianern gedient und von den Türken lahm und gebrechlich geschossen 3 alb."
Der Krieg brachte Brände und Verheerungen. Groß ist die Zahl der üntergegangenen Orte aus dieser Zeit, deren Spur man heute nicht mehr kennt. Meist lag Brandstiftung durch die wilde Soldateska vor, die aus lauter Lust zu Mordbrennern geworden. Tie Abgebrannten begaben sich auf die Reise und suchten bei mildherzigen Menschen um Unterstützung nach. Tie Kirchenlasse von Steinbach, die stets eine offene Hand hatte, kargte auch hier nicht mit Unterstützungen. Tie Bittsteller kamen aus allen Gegenden Deutschlands. So wurden unter anderem gespendet 1632: „verbrannten Leuten aus dem Khursürstentum Sachsen 6 alb., 1652: verbrannten Männern aus Oberelsaff 4 alb." Gaben erhielten weiter unter vielen anderen Brandbeschädigte aus Alsfeld, Laubach, Schotten, Rhoden, Nidda, Rainrvd, Lindenstruth, Reiskirchen, Leihgestern, Grüningen, Königsberg (bei Hohen- so'lms), Rosenthal (bei Frankenberg), Salzungen (Thüringen),


