Ausgabe 
29.9.1909
 
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meister den Taktstock, die ersten Töne derschönen blauen Donau" wiegten durch den Saal. Sie sah auf Nelda.

Natürlich wird die Frau Hauptmann tanzen," sagte diese.

Der schweigsame Leutnant von Ramer fuhr wie aus einem Traum auf.Vielleicht nehmen gnädiges Fräulein inzwischen mit mir vorlieb?" Er machte Nelda eine tiefe Verbeugung. Sekundenlang sah sie in ein paar schwer­mütige Augen von unbestimmter Farbe, die mit ctner ge­wissen Bewunderung auf ihr ruhten. Wider ihren Willen errötete sie: sie fühlte es, sie ärgerte sich darüber, und die Glut stieg ihr noch tiefer, bis hinab in den Ausschnitt des weißen Kleides.

Sie stand regungslos und neigte nur zustimmend den Kopf; schon wirbelten die ersten Paare vorüber, auch Frau Elisabeth walzte selig davon. Mit einer wunderlich ge- mischten Empfindung von Dankbarkeit und Mitleid legte Nelda Dallmer ihre Rechte in die Hand Leutnant von Ramers eine nervös zuckende heiße Hand, sie fühlte es bis in die Fingerspitzen.

Nie hatte Nelda Dallmer gut Walzer getanzt, heut konnte sie ihn; sie tanzte mit erwachender Lust.

IV.

Ferdinand von Ramer und Paul Thlander kannten sich von Jugend an. Sie waren im Kadettenkorps zusammen gewesen; wenn auch der ältere Lylander dem anderen um mehrere Klassen vorauf war, gemeinsames Turnen, ge­meinsame Spiele und Spaziergänge hatten sie doch mit­einander bekannt gemacht.

Nach Jahren traf man sich in der gleichen Garnison wieder, der eine als Sekond-, der andere als Premierleut­nant. Dem liebenswürdig-herzlichen Wesen Xylauders war schwer zu widerstehen, selbst Ramer, der allezeit Zurück­haltende, fühlte sich lebhaft angezogen. Man frischte Kind­heitserinnerungen auf, man lachte über längst Vergangenes, man erzählte von diesem alten Lehrer und jenem, es war gerade kein warmes, intimes Zusammensein, dazu neigte der Jüngere nicht, aber es war eine gegenseitige Achtung, ein aufrichtiges Wohlwollen, was man im Leben so allge­mein Freundschaft nennt.

Sie kamen dann auseinander; Xylander wurde versetzt, heiratete, iourde dahin und dorthin geworfen, lebte als Hauptmann in Koblenz und hörte kaum mehr vou dein früheren Kameraden. Immer hatte er schreiben wollen, eigne Freuden, eigne Sorgen nahmen ihn in Anspruch; da gelangte eine Kunde an sein Ohr, die ihn tief erschütterte.

*

Ramers Vater war Militär, ein Mann von Meriten, die Brust voller Orden; er lebte als Kommandant von Han­nover auf einer Art Ruheposten, aber immerhin in einer Stellung, die die Blicke auf sich zog. Wenn der alte Herr mit dem eisgrauen Schnurrbart, das schöne, noch frische Gesicht in vornehmer Ruhe, seinen Morgenritt durch die Promenaden der Stadt machte, zogen die Bürger ehr­furchtsvoll den Hut. Er grüßte freundlich mit leutseligem Lächeln; er war beliebt bei Jung und Alt.

Kein Diner ohne den alten Ramer; er führte stets die Hausfrau ^u Tisch, die schönsten Mädchen gaukelten mit kindlicher Schmeichelei um ihn herum. Papa Ramer, Pa- pachen Ramer, ach, das reizende Papachen! Sie küßten die zierlichen Fingerspitzen und warfen ihm die schmelzendsten Blicke zu.

Der Kommandant machte ein sehr angenehmes Haus. Wie er's fertig brachte, ohne persönliches Vermögen, war freilich unklar; nun, er mußte es doch können. Die drei Töchter hatten sich verheiratet, sie waren nicht besonders hübsch; allen dreien mußte er Zulage geben, sonst wäre nichts aus den Partien geworden. Der Sohn als Leutnant brauchte doch auch etwas aber wen giug's was an? Hans, Diener­schaft, Reitpferde, alles elegant; beit dunklen Gerüchten, die plötzlich auftauchten, um ebenso plötzlich zu verschwinden, schenkte kein Mensch Glauben.

Da brach es eines Tages herein mit Donnergekrach, daß den guten Bewohnern von Hannover die Ohren gellten und die schönen Bewundrerinnen desreizenden Papachens" entsetzt in einen Winkel verflatterten. Die Polizei hob eine Spielhölle ach im Haus der berühmten und berüchtigten Stadtschönheit, Madame Adrienne Gwiazdowska.

Dies exotische Gewächs war, Gott weiß woher erschienen, führ in eigner Equipage, schmachtend hingegossen, täglich

durch die Straßen, mit ihren großen schwarzen Augenrüdern und Similibrillanten einen Haufen Verehrer an sich lockend. Manchen war dieseDame aus der Fremde" bald verdächtig; man munkelte und wußte doch nichts Bestimmtes. An einem späten Abend stieg der Polizeichef selbst, mit der nötigen Begleitung, di-e teppichbelegten Stufen zu Madaiile Adriennes Wohnung hinauf, schob die erbleichenden Diener zur Seite und überraschte dse Spielgesellschaft in flagranti, neben der schönen Exotischen im zärtlichsten Einverständnis den hochgeehrten allbeliebten Kommandanten von Ramer!

Ein Entsetzensschrei, eine Panik sondergleichen! Die Spannung aller Kreise ging ins Unglaubliche! Von Tag zu Tag entrollten sich schwärzere Bilder, wunderbare Dinge gelangten plötzlich in die Oeffentlichkeit; Personen, deren Unantastbarkeit über allen Zweifel erhaben, wurden mit hinein gezogen, die Zeitungsschreiber aller Orten hatten überwältigenden Stoff. Majestät mischte sich persönlich ein. In dem eleganten Haushalt des Herrn Kommandanten wurde alles versiegelt; man munkelte vou unterschlagenen Geldern, Kassenoefekten. Die arme Frau von Ramer, die stets schüchtern und gedrückt neben dem glänzenderen Gatten dahin gelebt hatte, brachte man in eine Irrenanstalt. Mit einem markerschütternden Getöse brach der ganze stolze Bau von Ehre, Reputation, Wohlanständigkeit zusammen. Was blieb demreizenden Papachen", dem unglückliches Menschen übrig ?! Nur der Mut der Verzweiflung, der die Pistole in die gekrallten Finger drückt und mit eisig kaltem Flüstern in's Ohr raunt:Schieß schieß!" Kommandant von Ramer schoß sich tot. Er hinterließ! seinen Kindern nichts als ein Gefühl unauslöschlicher Schande seinem Sohn einen gebraudniarkten Namen. Majestät waren sehr gnädig. Als Leutnant von Ramer in bitterster Verzweiflung seinen Abschied einreichte, kam ein! huldvolles Handschreiben:

Es sei ferne von uns, den Sohn für den Vater verant­wortlich zu machen. Wir wünschen nicht, einen braven Offizier unsrer Armee zu verlieren."

O diese Huld und doch diese Pcin t Tage, die dahin­schlichen! Nächte, Nächte, die das verstörte Gemüt an die Grenze des Wahnsinns hetzten!

Er griff nicht zur Todeswaffe wie die Kameraden fürch­teten, die sorglich alles aus dem Wege räumten; er rang sich durch. Aber ein innerstes Verzagen blieb, eine unaus­löschliche Bitterkeit, ein krankhaftes Sichverschließen. Am liebsten hätte sich Ramer in einen Winkel verkrochen, den nie ein Lichtstrahl trifft; alles, jedes tat ihm weh, das gutgemeinte Mitgefühl, die zarte Rücksichtnahme der Kame­raden ah, was hatten sie, was wollten sie, warum taten sie behutsam wie mit einem Kranken?! Mißtrauen packte ihn. Er fühlte sich getroffen von jeder harmlosen Bemer­kung, er zuckte zusammen, wenn ein Fremder ihm gegen­über trat und er seinen Namen nennen mußte den schreck­lichen, schmachvollen Namen! Der Name war fein Fluch; es ging ihm ein Zittern mitten durchs Herz, wenn jemand Ramer" sagte. Die fixe Idee setzte sich, in ihm fest: du bist ein Gebrandmarkter, du hast zu verzichten auf alle Freuden von Leben und Liebe! Nur nicht den Namen foripflanzen, nur nicht noch andere mit hineinziehen in die unauslösch­liche Schande allein, zu Ende!

(Fortsetzung folgt.)

UMurgeschichttiches aus dem XL Jahrhundert anhand alter AirchenkastenrechMngen der Gemeinde LLeinbach bei Eießen.

Heutzutage spielt sich das Leben in unseren dörflichen Ge­meinden meist ruhig ab. Besondere Ereignisse greifen nur selten! in den gewöhnlichen Gang der Tinge ein. Die Verwaltung inj politischer und kirchlicher Beziehung ist geregelt. Bauer, Hand­werker und Arbeiter finden ihr Auskommen durch mannigfache Beschäftigungen. Wie ganz anders vor 250 und mehr Jahren! Unselige Kriegswirren, Mißernten, ungünstige klimatische Ver­hältnisse, schleichende Seuchen zeigen überall ihre verderblichen! Wirkungen. Ter Bauer schmachtete unter dem Drucke der Ab­gaben und Lasten. Ter Besitzlose fand selten Beschäftigung^ irrte wandernd in der Welt umher und fristete schließlich alt, krank und schwach kümmerlich sein Tasein in seiner Heimatgemeinde, abhängig von der Erlangung milder Gaben, die die öffentlich« und private Wohltätigkcitspslege nicht immer zu spenden in der Lag« waren. Unwissenheit und Mcrglauben gesellten sich zunt