Ausgabe 
29.7.1909
 
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etter Motive. In langen schweren Kümpfen hat er zwischen n beiden Schtoesterkünsten geschwankt und hartnäckig an der -Malerei festgehalten, bis die dichterische Phantasie übermächtig in ihm wurde. Ein -einzigartiges Zeugnis dieses immer mächtiger in ihm anschwellenden Dichtergeistes haben wir in demTraum­buch", in dem Keller die des Nachts ihn überwältigenden Visionen aufschrieb, um sich von ihnen zu befreien. Ehrfürchtig treten wir hier in ein fernes dämnierndes Wu'nderland des Unbewußten, wo die Phantasie des Dichters wie das eben geschürfte, noch nicht verarbeitete Gold -eines Bergwerks bloßgelegt wird. In phan­tastisch spukhaften, lieblich ausgelassenen und derb neckenden Szenen, in visionären Landschaften mit Schlangen, Adlern, Blumen, Mäd­chen nird silbernen Armbändern ziehen die Trauingestalten, vom dämpfenden Schleier der Wehmut umflossen, in holdenr Reigen vorüber. Es ist die ltrheimat der Poesie selbst, die sich hier in die goldenen Nebel erwachender Gestaltung hüllt. Mit den: Traum ist Kellers Schaffen , aufs engste verknüpft; wundervoll belebte Träumgespinste ziehen ihre feinen Fäden durch die Geistes- »velt des grünen Heinrich: in Traumbildern ist der Keim zu vielen Gedichten und Novellen niedergelegt. Ihm selbst erschien zunächst das wunderliche Treiben seiner Gedanken unheimlich und er ver­gleicht sein Lebensschiff mit einem Ostindienfahr-er, demals Ballast ausgestopfte Krokodile und wüste Steilere, Tiger und Hyänen, schwere Kisten voll wunderlicher Schnecken und Muscheln für dis Raritätensammlung in Europa mitgegeben tourbeit." Er wundert sich selbst, warum er diese kindischen Träume aufschreibt. Jedoch kommt es von der glücklichen Stimmung, in welche mich diese einfachen Spiele der träumenden Seele auch noch nach dem Erwachen versehen. Wenn ich auch einst nichts Lesenswertes -mehr in dem Ausgeschriebenen finde, so wird »lich doch beim Anblick der jeweiligen Daten eine dunkle Erinnerung befallen: eines still genossenen, schuldlosen Glückes. Auffallend ist es mir, daß ich hauptsächlich, ja fast ausschließlich in traurigen Zeiten, wo ich den Tag über in kummervollem Brüten dahinlebe, solch heitere und einfach liebliche Träume habe." Diese ewig tätige, alles langsam reifende und bildende Phantasie zwingt ihn schließ­lich zum überlegten künstlerischen Gestalten. Am 11. Juli 1843 schreibt er in sein Tagebuch:Ich habe nun einmal großen Drang zum Dichten. Warum sollte ich nicht probieren, was an der Sache ist? Sieber- es wissen, als mich vielleicht heimlich immer für ein gewaltiges Genie halten und darüber das andere vernachlässigen." Tas Traumgold sollte von nun an zu köst­lichen, wirklichkeitsfrohen Werken ausgemünzt werden. Bei der Ausfornmng seiner Prosa blieb ihm der bildnerische Sinn noch immer tätig.Mir ist dabei," erklärte -er,weit weniger das Ohr Maßgebend, als das Auge des Malers, das nach einer gewissen Rundung strebt." Von unbewußten Stimmungen blieb er stets abhängig. Er verstand -es nicht, wie andere Dichter, sich regelmäßig -mit gewohntem Mockenschlag an den Schreibtisch zu setzen, um eilt poetisches Quantum zu Papier zu bringen. Auf länge Pausen d-eS Stillstandes, in denen nur gleichsam unterirdisch Gedanken und Träume den Stoff umkreisten und- formten, folgte plötzlich eine Periode des reichsten Schaffens. Dann schrieb er bis lang über Mitternacht hinaus, Seite um Seite mit deutlichen, zierlichen Lettern schnell bedeckend. Am anbereit Morgen schlief er. reichlich Nach, denn er war überhaupt kein Frühaufsteher. Geriet ihm etwas nicht auf den ersten Wurf, so legte er ruhig die Sache beiseite, oft für lange Zeit, und ließ, den Plan geduldig- ausreisen. Ich habe einige meiner Sachen vorn angefangen und in einem: Zug zu Ende gebracht," bekannte er Adolf Frey,andere begann ich irgendwo und sah dann zu, wie ich weiter kam. Im all- gemeinen wußte ich nie etwas mit Sicherheit vorher als den Schluß, und danach habe ich mich natürlich gerichtet. Das beste: fällt mir erst immer über dem Schreiben ein." Beim Schaffen wollte er ganz allein sein.Es wäre mir ganz unleidlich, einen Menschen vor mir zu haben, der wie eine Schildwache mit ge­ladenem Gewehr da steht und aufpaßt, was jetzt zmn Vorschein kommt," sagte -et, als man ihm das Diktieren anriet. Ueberreich strömten ihm Pläne und Entwürfe- zu, bereit Stoffe zunächst flüchtig aufgezeichnet wurden. Ein zufälliger Anlaß- konnte da die selt­samsten Associationen in ihm wachrufen. Die Idee zu dem schönen GedichtzyklusLebendig begraben" soll ihm durch das Preisausschreiben eines Leichenverbr-ennnngsinstitutes gekommen sein. In seinem Arbeitszimmer saß er unter seinen Büchern stets bei der Zigarre in einem recht erklecklichen Raüch, und rief die verdrießliche Stimme b-er gestrengen Schwester, man solle das Fenster aüfmachen, bann antwortete, er wohl trocken:Wir machen schon ans, wenn wir -ersticken." Zit bem unbewußten Spinnen und Weben der Phantasie, bas- -er so herrlich geläutert und geklärt, kehrte fein Geist aus dem letzten Krankenbette zurück? Goldene Träume umschwebten den Sterbenden. In beit letzten Tagen seines Lebens erzählte er Böckliu solch einen Traum: Ein schlanker Jüngling, vom Scheitel zur Sohl« in gediegenem geschmiebetem- Go'lb gepanzert, von dem glanzende Lichter feilt aufblitzten, habe die ganze Nacht regungslos zwischen beit Fenstern gestanden, das Visier hoch aufgeschlagen, daS obere Gesicht tief in Schatten gelegt, habe ihn unverwandt angeschaut und den Uhrpendel an­gehalten. .

vsVMi?chtes.

___* Schlangen kult in Uganda. Der afrikanische Schlangenknlt, der im Westen des Erdteils sehr verbreitet ist, kommt im Osten viel seltener vor. Doch- bestand in Uganda früher ein interessanter Schlangenkult, der heute- erloschen ist und über den auf Grund von Mitteilungen des Rev. I. Roscoe int Globns berichtet wird. In einem kleinen Gebiet auf Billouge am Westufer des Viktoria Nyansa lag eilt Tempel in einem Walde am Seeufer, der der Sorge einer bestimmten Familie namens Mntima (Herz) anvertraut war. Der Boden dieser großen kegelförmigen Hütte war mit Gras überdeckt; an einer Seite befand sich die geheiligte Stätte der Schlange, deren Wärterin nie­mals heiraten durfte. Das heilige Tier lag gewöhnlich ans einem Stuhl und konnte durch ein rundes Loch in der Wand ein- und ausgehen. Auf der anderen Seite der Hütte wohnte- der-Priester, das sogenannteMedium", Mit seinem Gehilfen. Die Schlange war soweit gezähmt, daß sie in der Hütte blieb. Täglich brachte ihr das Medium eine große Schale mit Milch von einer der heiligen, nur für die Schlange bestiinmten Kühe; die Wärterin hielt ihr die Schale vor und sie trank, ivührend sie den Kopf über den Stuhl legte. Wenn man das Tier für einen erfolgreichen Fischzug günstig stimmen wollte, so band der Priester dann Hühner und Ziegen am Flußnfer fest, die die Schlange verschlang. Man schrieb nämlich der Schlange Macht über den Fluß und alle Fische zu; ihre Hauptkraft ivurde aber darin gesucht, daß sie Kindersegen geivähre. Darum hieß sie dieKinderbringerin", und junge oder kinderlos ge­bliebene Eheleute brachten ihr Opfer und baten nm ihre Hilfe. Um die Zeit des Neumondes wurde die Schlange, besonders verehrt. Schon einige Tage vorher traf matt große Vorbereitungen, da nun sieben Tage nicht gearbeitet werden durfte. Erschien der Mond, dann wurden die Trommeln geschlagen, das Volk versammelte sich vor bem- Tempel und brachte Opfergaben. Der Hauptpriester, der zugleich Häuptling des Gebietes ivar, nahm die Opfer entgegen, sagte der Schlange, was man gebracht habe und was man von ihr wünsche und bekleidete das Medium mit einem heiligen Gewand, damit der Geist der Schlange in ihn fahren könne. Seltsam ausstaffiert erschien nun das Medium; zwei lange Rindenkleider hatte es über dis Schultern geworfen, zwei schöne weiße Ziegenschürzen um den Leib, ans der Brnst ein Leopardenfell, auf dem Kopf eine Krone ans Ziegenfellstreifen, mit Perlen und Samen­körnern verziert, in jeder Hand einen Fliegenwedel aus dem Schwanz des Büffels. Nachdein der Schlangenpriester eine kleine Kürbisflasche mit Bier und etwas von der mit ioeißem Lehm gemischten Milch aus der Schale der Schlange getrunken hatte, kam der Geist der Schlange über it)it: mit! dem Gesicht warf er sich auf die Erde nieder, krümmte den Leib in schlangenartigen Windungen und stieß sonder­bare Töne aus, die deut vor dem Tempel versammelten! Volk durch einen besonderen Dolmetscher erklärt werden mußten. Zwischen das dumpfe Dröhnen der Trommeln klangen die seltsamen Lante des Mediums, das nach einiger Zeit still ivurde und da lag Ivie ein von Anstrengungen überwältigter schlafender Mensch. Nun erklärte der Dol­metscher das Orakel, das die Schlange durch den Mustd des Mediums-gegeben. Während der sieben Festtage wurde diese Zeremonie täglich wiederholt. Von Zeit zu Zeit be­gab sickj- das Medium ttach der Inselgruppe Sesse hinüber, uni voft einem Gott, der zu der Schlange in einem bestimmten verwandtschaftlichen Verhältnisse stand, Milchkühe zu er­langen. Diese geweihten Kühe wurden zum Zeichen ihrer Heiligkeit mit Schlingpflanzen um den Leib geschmückt und stets beim Tempel gehalten.

Logogriph.

MNE" ist's sehr beliebte Speise, MNB" Getränk, sehnieckt frisch vom Eise. Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Ergänzungsrätsels in voriger Nimmterl Das kleine Wörtchenmuß" Ist doch von allen Nüssen, Die Menschen knacken müssen, Die allerhärt'ste Naß. L. Bechstein.

Nebaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag bet Brühl'sehen Universitäts-Buch- und Skeindruckerei, R. Lange, Gießen.