Ausgabe 
29.7.1909
 
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imb Osten stoßen aus ihnen zusammen;' und mag, jenseits, in der Türkei, kaum eben der Kampf um die Verfassung verhallt sein, die auch diesseits erst vor wenigen Jahrzehnten errungen worden ist, und mag damit wieder ein Stück der Mauern, die Osten und Westen trennen, gefallen sein, diese Gebirge stehen ewig und sind nicht zu zerstören. Wer einmal einen Blick in die den Europäer erschreckende rind verwirrende Seele des Orientalen getan hat, weiß, daß keine Staatsformen im Stande sind, hier Brücken zu schlagen. Der Osten ist ein riesiges Reich für sich und wird dem Okzidentalen ein Buch mit sieben Siegeln bleiben, mag die äußer­liche Europäisierung des Orients noch gewaltiger sortschrcitcn als dies tatsächlich der Fall ist. Und das Burzenländer Gebirge, dessen Gipfel über die letzte Ebene des Westens im Morgen- 1111 b Abendrot leuchten, wird noch mächtig und geheimnisvoll sein, auch wenn das türkische Parlament die Redefreiheit längst nach europäischer Sitte so gebraucht, wie dies in den Parlamenten des Westens der Fall ist: nämlich als die Freiheit, zu reden, so viel man will. Hoch, in einem gewaltigen Halbkreise umschließt das Gebirge das Land, eine Wasser- und Geisterscheidc wunder­barer Art, in den oberen Partien von der Sonne erhellt, so daß Felsen und Schluchten bläulich heranstreten, doch im unteren Teile nur selten vom Lichte getrossen, so daß die Helle der höheren Teile plötzlich in einem jähen Schwarz abbricht, das schwer und nächtlich, wie ein starrer Mantel mit seinem Saume, aus der Ebene liegt.

Es ist eine Eigentümlichkeit dieser Ebene und dieses Gebirges, daß kein hügeliges Vorland einen allmählichen Uebergang voni Flachland zu den Höhen schasst. Die Bergniassive scheinen für jeden, der sich int Mittelpunkte der Ebene besindet, unmittelbar aus ihr herausgewachsen und nicht mit langsamer Ueberlegung, tastend und vorsichtig die höheren Luftregionen zu gewinnen, sondern schroff, stolz und auffahrend ihre gewaltigen Leiber und Häupter von der Erde zu erheben. Dies bringt einen einzigartigen Eindruck hervor: cs ist, als zerschelle gewissermaßen die Ebene an den steinernen Hindernissen des Gebirges, als wäre sic selbst ein Meer, und die Berge seine festen Ufer: wie Welle und Land aneinanderprallen, so stoßen auch sie jäh und gewaltsam zusammen. Dieses unverhüllte Jneinanderspiel von fruchtbarem Flach- und wüstem Felsenland hat etwas ungemein Freies nnd Berauschendes: durch nichts aufgehalten, wie die Fläche eines ungeheuren Sees, flieht die Ebene in die Ferne, nur die Dörfer liegen darin wie kleine Schiffe in einer weiten, prächtigen Flut: gleichzeitig aber zeigen die Gebirge sich ohne Masken, durch kein kleinliches Ge­lände beschränkt und verhüllt, in ihrer ganzen Größe und Majestät, vom grünen Fuße bis zum grauen Scheitel, offen, mit erschlossenen Schluchten und erhobenen Häuptern, und der Geist allein, der sie umweht, und die Schatten, die zwischen den matt belichteten Sturz­felsen in den Abgründen nnd Klüften liegen, umgeben sie mit dem Schauer des Geheimnisses und lassen sie fremd und fern er­scheinen.

Alle Besonderheiten des Burzenlandes beruhen ans diesem überraschenden Zusammenhang von Ebene und Gebirge: dieser bleibt nicht allein in der Stimmung und im Eindruck haften, indem er gewissermaßen durch die reine Ausbildung von Kon­trasten der VorstellungEbene" wie der VorstellungGebirge" den ursprünglichen freien nnd weiten Sinn zurückgibt, er beein­flußt auch den Charakter des Burzenländer Gebirges selbst, eben­sosehr als die Flüchtigkeit, mit der in diesem Lnndestcil die Kultur ganz unvermittelt und säst unglaubhaft in eine fast völlige Verwil­derung übergeht. Genau so plötzlich wie das Flachland an den Fuß der Felsenhöhen stößt und jäh abbricht, hört in Gebirgsnähe auch mit einem Male alles auf, was einem guten Europäer lieb und vertraut ist. Während man im letzten sächsischen Torfe noch alle Vorteile genießen konnte, die. eine alte - Zivilisation, Reichtum, Sinn für einen geordneten Fortschritt nnd selbst die Anfänge einer stetigen Fürsorge für den Fremdenverkehr, Bahn und sonstige Be- auemlichkeiten gewähren, braucht man nur das außerhalb des Dorses liegende Walachenviertcl oder gar eines der reinen Wa­lachendörfer näher am Gebirge zu betreten, um sich unvermittelt in einer ganz und gar veränderten Welt zu befinden. Zwar ist, wohl wegen seines Wasserreichtums, der schon ganz in den Bergen liegende, dem sogarascher Komilate zugehörige Ort Zernest zur Begründung zlveier moderner Fabriken ausersehen worden nnd darum verhältnismäßig in wohlgeordnetem Zustande. Aber von dieser einzigen Ausnahme abgesehen, sind die Gebirgsdörfer Neu- Toham Ält-Tohan nnd insbesondere Törzburg, von den tiefer in der sogenannten Mogura liegenden Ansiedlungen ganz zu schwei- gen, tu ihrem Charakter unendlich weit von den ihnen räumlich so nah: liegenden Sachfengcmeiuden unterschieden. In ungeheurer Weltverlassenheit wenig gepflegt.und von walachischen Viehzüchtern bcwöynt, jencit charakteristischen Gestalten, die durch ihr langes Haar, ihre gewaltigen Schafpelze und schweren Pelzmützen anf- sallen, liegen jic, vielfach zerstreut, hier an den Grenzen, unendlich klein unter den nahen, getürmten Gebirgen. Schon ein Schritt, wie gesagt, in das Rumänenviertel einer jener letzten Sachfenansied- lungen ui bei: Ebene vermag dem Wanderer die weltvergessene Stim­mung zu vermitteln, die dort plötzlich einsetzt, wo die äußersten Häuser dcs'fächs. Teiles der Gemeinde die geringe Fläche überblicken, die von der Ebene noch übrig ist. Seltsam nnd greifbar nahe dämmern schon die Berge her, ein Fluß, mit alten, abgehackten, abenteuerlich geformten Weiden besetzt, und in schmale Streifen

geteilt, zwischen denen lange Sandbänke ausgestreckt liegen, kommt langsam dem Wandernden entgegen. Tie kleinen Häuser der Walachen bilden eine Straße, die nur auf einer Seite bebaut ist, bann wechselt diese mit einem Male und ist nur noch mit der andern, bis dahin leeren Seite bebaut. Aber noch steht das Tors in Reihe und hat Zusammenhang. Doch je mehr man sich dem Gebirge nähert, desto mehr löst es sich in Einzelheiten und Grup­pierungen auf, desto deutlicher tritt der Charakter der Käthe statt des Hauses hervor. Und schließlich findet man die menschlichen Wohnungen nur noch weit über die einsamen Tristen verstreut: ein von den Kronstädtern gegründetes Verteidigungswerk, die Törzburg, steht noch, aus einem felsigen Hügel erbaut, in der zu­nehmenden Wildnis als ein allerletztes Wahrzeichen einer verdäm- meriiden Welt, dort, wo der Törzburger Paß beginnt, der auf der Höhe der Cruce die rumänische Grenze erreicht, um von dort als Fußpfad in das höllische Tal der Timboviciora hinabzuführen, sonst aber erblickt man nichts mehr als rings aus den Matten die armseligen Ansiedlungeii betKalibascheu", die nach dem Worteealiöa", Hütte, so genannt werden.

Wird der jähe Uebergang von alter Kultur zu absolutes Primitität durch die Plötzlichkeit geschaffen, mit der das Burzen? Täuber Gebirge sich aus der Ebene erhebt, indem es dem weiteren Vordringen der Sachsen mit einem Male Halt gebot, so stellt sich andererseits infolge eben dieser Plötzlichkeit und des Mangels an einem verwirrenden Vorlande die ganze Kette in einer Klar­heit und Uebersichtlichkcit dem Auge des Betrachtenden dar, die in einem seltsamen Gegensatz zu ihrer verwitterten Wildheit steht. Tas Hauptmassiv des Burzenländer Gebirges und gleichzeitig seine höchste Erhebung, sowie die zweithöchste der Südkarpathen überhaupt, der Buesees, ungefähr 2500 Meter hoch, bildet einen Orientierungspunkt, von dem auL die anschließenden Bergzüge nach Osten und Westen ans bas genaneste übersehen werden können. Der Buesees hat, von Norden gesehen, die Form eines zu beiden Seiten etwas gerafften Vorhangs, seine höchste Spitze, der Om (b. h. Mensch, so genannt, weil die höchsten Felsen dort die Bil­dung einer Gruppe von Menschen zu haben scheinen), hat ans der Ferne Aehnlichkeit mit einer spitzigen Mütze. In seiner östlichen Fortsetzung scheint dieser Bergzug aus dem fast geometrischen Halbkreise, den das ganze Gebirge beschreibt, etwas herauszu­treten und mit einem mächtigen und sehr längen! Ausläufer antz der Peripherie in das Innere des Halbkreises hineinzustoßentz Dieser Ansläuser ist das Schulergebirge, dessen höchste Erhebung, der Schuler, im Kruknr und schließlich im Kapellenberg ob Kron­stadt vorläust, nachdem die Kette sich in zwei Stränge geteilt bat, die das die Stadt Kronstadt beherbergende Tal bilden. Mit dem Schulergebirge genau parallel, so daß man sozusagen den gleichzeitigen Beginn des Anstiegs beider Bergzüge aus dein Flachland auf das deutlichste beobachten kann, läuft die Kette des Pcalra uutre, die an ihrem Ende mit dem Schillerstock zusammen- stößt und so den Raum zwischen beiden, ein langes, schwarz be­waldetes Tal, den sogenannten Tömöser Paß, immer mehr ver­engt, bis es in P rede al (zu deutsch: auf der Höhe) durch das Zufaninieumünden der zwei Höhenzüge ein Ende findet. Eine weitete Parallelkette, die jedoch wieder in der Peripherie des Halbkreises zu liegen scheint, bildet das Bozaner Gebirge, dessen! bedeutendster Gipfel, der Csukas, wenig begangen, in der Nähe ein gewaltiger, zerrissener Felsenhlock von dunkelbrauner Färbung, in phantastischen Sommerabenden mit ihrem feuergelben, geister­haften Licht wie aus blendend weißer Kreide geformt, übet die Ebene leuchtet. Aber nächst dem Buesees ist nicht er, sondern der Königstein die gewaltigste Bildung des Burzenländer Ge­birges: er schließt den Halbkreis gegen Westen ab, durch mittlere, grotesk geformte, nie die Zähne einer Säge gelagerte Bergrücken mit dem Buesees verbunden. Tiefes Verbindungsgebirge erhebt sich im kleinen Königstein schon zu bedeutender Höhe, aber plötzlich wird die Längsausdehnung der Kette, wie mit einem Ruck, ah- geschnitten: denn der große Königstein, in der Form einem un­geheuren steinernen Dache gleichend, schiebt sich mit der Mitte seiner riesenhaften Breitseite davor, fast im rechten Winkel auf die natürliche FortsetzungSliiiie bet Kette, so daß das -Gebirge hier einem Hammer ähnlich ist, dessen Stiel von der schmalen lieber» gangskette und dessen schwerer, am Ende des Stieles schwer- gelagerter Eisenblock von dem großen Königstein gebildet wird. Im Gebiete des Buesees und des Königsteins liegen die eigentlichen und großartigsten Reize des Burzenländer Gebirges, das nur in ihnen hoch alpinen Charakter gewinnt.

Gottfried Keller,

dessen 90. Geburtstag am 19. Juli war, war ein Sohn des Drechslermeisters Rudolf Keller zu Zürich und für den Beruf eines Amtsschreibers bestimmt. Wenn wir im beglückten Froh­besitz der dichterischen Schätze, die er seinem Volke geschenkt, den vielfach verwirrten und doch segensreich vollendeten Werdegang seiner menschlichen und dichterischen Entwickelung betrachten, so wird uns nichts wundersamer erscheinen als das Walten und Weben seiner Phantasie, das sich nur langsam nnd allmählich in den rechten Formen ausznleben verstand. Ter junge Keller fühlte sich ziMchst zum Maler berufen, aber sein Skizzieren und Kom­ponieren von Bildern war ein malerisches Dichten und äußerte sich reiner, kraftvoller in den schriftstellerischen Aufzeichnungen