466

Wasser herbei und besprengte der Mutter Gesicht. Dieser kehrten allmählich Leben und Besinnung zurück.

Großer Gott!" rief Lina angstvoll,Mutter, was ist dir'?"

Die Alte fuhr mit der kalten, zitternden Hand über die feuchte Stirn und sah mit müdem, Blick ihre Tochter an. Mit einem Male kam ihr wieder der schreckliche Auf­tritt mit dem Bncksteinformer und seiner Horde zum, vollen Bewußtsein. Im Nu stand sie auf den Beinen. Ihre Züge waren verzerrt, und ihr Mnn hing schlaff herunter.

Lina," stöhnte sie mehr, als "sie sprach,ists wahr, daß dus hinter meinem Rücken mit dem Pflastermeister treibst? Bor Gott und unserem Heiland, ist's wahr?"

Lina senkte den Kopf und schwieg. Da stieß die Alte einen Schrei aus, reckte den Arm empor und traf mit der Faust des Mädchens Gesicht.

Du schamlos' Person! Dein' Ehr' ist hin. Dui du. O du mein Heiland, wo hatt' ich meine Augen? Mein Haus verschünd't vorm ganzen Dorf. Kapnt sind wir, kaput. 's bringt mich unter die Erd'. Gott steh' mir bei, die Schänd', die Schänd'! Verflucht sollst du sein du verstummt und verflucht!"

Ein Krampf durchzuckte sie, sie schwankte und wäre zu Boden gesunken, hätte Lina sie nicht gestützt.! Mit über­menschlicher Kraft trug sie die Regungslose in ihre zu­nächstliegende Kummer, entkleidete sie und brachte sic zu Bett. Du erholte sich die Kranke lvieder, aber sie sprach nichts mehr, sondern ächzte nur leise und unaufhörlich! vor sich hin. Draußen rüttelte der Sturm an den morschen Fensterläden. Ein fahlgelber Schein durchflummte das Ge­lüst. Zu Wintersbeginn entlud sich ein schweres Gewitter. Die ganze Nacht saß Lina, ohne eine Träne zu vergießen, wie ei» Bild von Stein auf der Kante der Bettstatt und hielt bei der Mutter die traurige Wacht.

IX.

Vor dem Schöffengericht des Städtchens wurde die Beleidigungsklage verhandelt, die der Bürgermeister von Dietkirchen gegen den Pflastermeister angestrengt. Der Straßenaufseher und die Gemeinderäte waren als Zeugen geladen. Der Straßenaufseher bekundete, daß Friedmar die beleidigenden Aeußerungen getan und den Bürger­meister auch tätlich ungegriffen habe. Aber zweifellos sei er dazu angereizt worden, denn der Bürgermeister habe ihn nicht allein gehänselt, sondern habe ih n ehrenrührige Sachen zum Vorwurf gemacht. Inwieweit der Bürger­meister hierzu berechtigt gewesen sei, entziehe sich der Be­urteilung des Zeugen. Die Gemeinderäte höben in ihrer Aussage hervor, der Bürgermeister sei mit der Einhorn­wirtin und ihrer Tochter verwandt. Um deswillen sei er wohl befugt gewesen, den Pflastermeister wegen seines sträflichen Umgangs mit der Einhornlina zur Rede zu stellen. Daß es mit dieser unsauberen Geschichte seine Rich­tigkeit habe, das wisse das ganze Dorf. Während der Ver­nehmung der Gemeinderäte fuhr Friedmar wiederholentlich von seinem Platz auf und stieß laute Verwünschungen gegen sie aus. Mit strengen Worten verwies mau ihn zur Ruhe. Ehe der Richter sich mit den Schöffech zur Beratung zurück­zog, fragte er den Pflastermeister, ob er' seinerseits gewillt sei, gegen den Bürgermeister Strafantrag zu stellen. Fried­mar verneinte. Der Gerichtsbeschluß, der bald daraus ver­kündigt wurde, fiel zu Ungunsten des Beklagten aus. Friedmar wurde zu einer Geldbuße und acht Tagen Ge­fängnis verurteilt. Bei der Zumessung der Strafe fiel der Umstand ins Gewicht, daß der Bürgermeister eine amtliche Person und die gegen ihn verübte tätliche Beleidigung aus diesem Grund schwerer zu ahnden war.

Nach der Verhandlung zog der Bürgermeister mit den Gemeinderäten ins Wirtshaus. Zu ihnen gesellte sich der Kaufmann Freigang, der seinen Geschäftsfreund beglück­wünschte.

Dem Pslasterkvpf haben wir's gegeben!" triumphierte der Bürgermeister.

Wem verdanken Sie das?" warf sich der Kaufmann in die Brust.Einzig und allein mir. Sie wollten nicht recht dran. . Sie hatten Manschetten vor dem Pflasterer. Ich hab' Sie erst in den Trab gebracht. Und wie steh'u Sie jetzt da? Fein! Was? Der Friedmar macht sich übrigens nicht viel draus. Aber seiner Alten ist's ein Schlag ins Gesicht. Acht Tage Loch! lind der Skandal init dein jungen Frauenzimmer geht von Mundi zu Mund.

Passen Sie mal auf, das gibt noch Mord und Totschlag. So muß es kommen. Hab' mein Vergnügen dran."

Der Bürgermeister ließ Bier anffahren und sagte groß, spurig:Heut halt' ich euch all' frei."

Tas kannst du auch," meinten die Gemeinderäte,dann wir haben dich schon herausgerissen bei Gericht."

Eilt paar Tagediebe, die sich in der Wirtschaft herum- räkelten, rückten heran und tranken mit. Zu guter Letzt erschien dernarrige" Balduin. Man erlaubte ihm, mit­zubechern, und er goß Glas um Glas hinunter. Es währte nicht lange, so tanzte er wie besessen im Zimmer herum. Endlich blieb er pustend und keuchend vor dem Bürger­meister steh'u.

Luft, Bürgermeister. Schenk' mir 'n bißchen Lust. Tu reicher Mann. Gelt', schenkst nicht gern? Ziehst lieber den Bauern die Gurgel zu. Ei du mein Vater! Ratsch, ratsch, was ein Höllenbruten. Und die Teufel freuen sich. Hopsa, hopsa, hopsasa!"

Der Bürgermeister gab deut Buckel eine schallende Ohr­feige.

Narr, pack dich!"

Der Geschlagene heulte auf.

Hat gar nicht gut getan. Hab' dich so Heb, Bürger­meister. Und wollt' doch nurn bißchen Luft. Um Christi willen, 'n bißchen Luft. Und so "n steinreicher Mann. Dein Messer heraus. Schitcid'st lustig den Bauern die Hälse ab. Holla per Extrapost in den Höllenrachen. Hab' dich so lieb, Bürgermeister,n bißchen Luft. Ei, du mein Vater!"

Die getroffene Backe sich reibend, schlich Balduin wim­mernd hinaus. Der Bürgermeister lachte gezwungen und stieß hastig mit den Tischgenossen an. Gleich darauf emp- fahl sich der Kaufmann. Die übrigen zechten weiter und feierten unter dem Vorsitz des Dorfoberhauptes bis zum sinkenden Tag den Sieg über Friedmar, den Pflaster- meister.

(Fortsetzung folgt.)

Bilder aus Siebenbürgen.

Bon Leo Greiner.

Tas B u r z e n l ä n d e r Gebirge.

Tie im tiefsten Südosten Siebenbürgens gelegene, von der Burzcn durchströmle und nach ihr Burzcnland genannte Hochebene bildet, ähnlich Ivie das sogenannte Nösnerland im Norden, einen abgesonderten Teil der deutschen Sprachinsel in diesem Lande. Tas Hauptgebiet der Sachsen schließt sich um die alte Teutschenmctropole Hermannstadt herum und erstreckt sich von hier gegen Osten int Flußgebiete des Alt und der beiden Rotteln, wo die starke, von Hermaunstadt aus geschasfeue Sachseniültur allmählich verläuft und mit der immer größeren Ausnahme voit ungarischen und rumänischen Elementen stets mehr und mehr verwildert, so lange, bis man sich in rein magyarischen, nur von einer walachischcu Unterschicht bewohnten Gegenden befindet. Erst weit später, schon ganz im Osten, setzt plötzlich wieder unvermischt sächsischer Einfluß ein, mit einer Kraft, die nur mit der des Hermannstädter Sachsen- tums, also des deutschen Zentralgebiets in Siebenbürgen, verglichen werden kann und bei der Abgesondertheit und Verschlossenheit dieses Landesteils um so merkwürdiger ist; nachdem man das nichtdeutsche Siebenbürgen mit seiner Anmut und dem Elend seiner Ltroh- hütten, mit seiner wenig intelligenten und ein mühsames Dasein fristenden Bevölkerung kennen gelernt hat, wirkt diese kaum mehr zu erwartende Kultur, die einem gewissermaßen im letzten Augen­blick, ehe man Europa gänzlich hinter sich gebracht hat, mit ihrer kräftigen Ordnung, der Solidität ihrer ökonomischen und baulichen Verhältnisse, der Reinlichkeit und Größe ihrer Ansiedlungen über­rascht, doppelt seltsam und macht die Phrase, die die Sachsen die letzten Gesechtsposten des Deutschtums und Europas gegen den' Orient hin nennt, zu einem realen, fast berauschenden Gesühl.,

Wie die Dörfer, reich, stolz und alt, hier in der weiten, frucht­baren, einsamen Ebene liegen und mit den Türmen ihrer Kirchen und den Hohen Giebeln ihrer Häuser nach den das Flachland schweigsam begrenzenden Gebirgen blicken, hinter benen Rumänien und der Orient beginnt, erwecken sie eine ähnliche Empfindung wie etwa die letzten Häuser einer großen Stadt; irgend ein gewaltiges Leben verdämmert hier und verläuft ins Ferne, Fremde und Ge- heimnisvolle. Unb dieser große Eindruck wirb stärker unb stärker, wenn man sich selbst in die Betrachtung jener ragenben Gebirge versenkt, bereit verwilderte Umrisse wie zackige Schleier am Rande der Ebene in die bläuliche Lust gezeichnet sind; dies also sind die Greuzwälle des Westens. Nicht allein, daß über ihre Kämme die politische Grenze zwischen Ungarn, diesem fremdartigen Staats- gebildc, das Okzident und Orient mehr trennt, als verbindet, uiw dem südlichen Rumänien läuft, auf ihrem Scheitel liegt tatsächlich die Entscheidung über zwei Welten, die sich gegenseitig beeinflussen können, aber niemals miteinander verschmelzen werden: Westen