Ausgabe 
29.7.1909
 
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Donnerstag den 29. Zuli

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Die Pflastermeisterin.

Roman von Alfred Bock.

s (Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Vor niemand auf der Welt hatte fick/ Linal rechtfertigen wollen, nun chatte ihr die Gegenwart der JUgendgespielin doch die Zunge gelöst. Und die Verteidigung ihrer selbst brach mit solch dämonischer Kraft hervor, daß die junge Pfarrersfrau, wie von einer geheimen Gewalt im Bann gehalten, lange in stummer Erschütterung saß.

Seit frühsten Tagen war ihr die Esnhornlina ans! Herz gewachsen.. Mit ihr war die Erinnerung an die fröhliche Kindheit und so viele gemeinsam genossene unschuldige Freuden verwoben. Das alles schien plötzlich in Trümmer geschlagen, abgrundtief versunken. Etwas Unerhörtes rollte sich da vor ihren Augen ab. Still und kampflos war ihr eigenes Leben dahingeflossen. Sie war verheiratet, hatte -ihrem Mann ein Knäbchen geboren, aber von Sinnlichkeit, von wildem Begehren wußte sie nichts. Sie begriff gar nicht, was sich aus der Brust des Mädchens so ungestüm emporrang. Mitleidvoll krampfte sich ihr Herz zusammen. Lina galt ihr jetzt als hie Gefallene, als die Sünderin. Sollte sie sich verächtlich! von ihr wenden? Dem wider­strebte ihr treu-kindliches Gemüt. Vielleicht, daß ihr doch noch zu helfen war. Melleicht, daß man sie dahin brachte, sich aus dem Sündenpfuhl aufzuraffen. Der Ertrinkenden die rettende Hand zu entziehen, war wider das Gebot der Nächstenliebe. Und wie von einer Erleuchtung verklärt, erhob sie das Haupt und sagte sanft:Dst hast dich schwer- vergangen, Lina. Schwerer, als du wohl selber ahnst. Ich fleh' dich an, als deine älteste Freundin/ erstick' deinen sündigen Eigenwillen. Um Gottes willen, wo soll das hinaus? Geh' in dich. Denk' an dein Seelenheils Ich will beten für dich, daß dir vergeben wird. Geh' in dich,"Lina!"

Das Mädchen warf auf die Freundin einen langen schmerzlichen Blick, als wollte sie sagen:Du bist seelengut, aber bxt mißt mich mit deinem Maß, du verstehst mich nicht." Indessen schwieg sie und schritt langsam der Tür zu.

Du willst fort?" rief Anna beklommen.

,jJa, Anna, ich will fort," versetzte sie leise und ohne sich noch einmal nach der Jugendgenossin umzuwenden. So schieden sie, und sie wußten beide, daßj es vorbei war zwischen ihnen vorbei.

Zur selben Zeit, als Lina das Pfarrhaus verließ, stürmte ein.Trupp Dietkirchner Bursche ins Einhorn. Sie kamen halbbezecht aus der. Stadt und forderten stürmisch Bier. Die Einhornwirtin bemühte sich, den Gästen so schnell ge­recht zu werden, als es ihre gichtischen Beine erlaubten. Kaum war jeglicher bedient, erhob sich ein allgemeines Ge­schrei, das Getränk sei schlecht und abgestanden. Die Wirtin widersprach. Endlich beruhigte man sich! und schüttete Glas um Glas hinunter. Der Qualm übelriechender Zigarren verdarb die Luft. Einer stimmte ein. rohes Lied an, das

der Chor nachbrüllte. Die Wirtin war froh, daß ihre Tochter nicht zugegen war. Unter der Rotte befanden sich ein Backsteinformer und ein Weißbinder, die beide sich bei der Lina einen Korb geholt hatten. Man fragte >rach ihr. Die Lina sei ins Pfarrhaus gerufen worden, gab! die Alte Auskunft.

Ins Pfarrhaus?" spöttelte der Ziegelformer.Ist's dann schon so weit?"

Was ist los?" fragte der Weißbinder mit erheuchelter Neugier, denn er wußte, was jener im Schilde! führte.

No, die Lina wird ihr' Hochzeit ausmachen wollen." Ihr' Hochzeit? Ei, mit wem?"

Mit ment sonst, als mit dem Pflastermeister." ! 1 Schafskopf, der hat ja schon sein Hauskreuz."

Das geniert den nicht. Der macht's wie in der Türkei und tut's nicht unter zwei,"

Und die Lina?"

Hopft vor Pläsier."

Halt 's Maul. 'Nem schamhaften Mädchen so was uach- zusprechen."

Schamhaft? Hui, hui! Geb' acht, bis Fastnacht geht die auf wie 'n Kreppet."

Die ganze Gesellschaft brach in ein wüstes Geheut aus. Die Wirtin aber, kreidebleich mtb bebend vor Wut, schrie vom Schanktisch :

Du Schandbub, bn Schuft! Daß du erstickst. So 'N! Aerlästcru duld' ich nicht in meinem Haus. Und über mein Kind! Daß ihr's ihm noch ablacht, ihr Saufbolde! Ich hab' keiit's von euch gerufen. Hinaus, hinaus!"

So gell und. erschütternd klang der Drohruf der alten Frau, daß die Burschen trotz ihrer Betrunkenheit ver­stummten und sich anschickten, das Feld zu räumen. Der Backsteinformer aber spielte seinen letzten Trumpf aus.

Du hast ganz still zu sein, du alt'' Hex'. Der Pflaster- meister hat sein Geld bei dir sitzen lassen. Da hast du zwei Augen zugedrückt. Unter deinem Dach ist's passiert. Und mitnem -auswärtigen Mann. 'Ne Schmach fiirs ganze Dorf."

Die Alte wollte sich aus den Former stürzen, aber die Kräfte versagten ihr, und sie brach ohnmächtig zusammeir.

Auf dem Rückweg vom Pfarrhaus, dem Einhorn sich nähernd, hatte Lina schon in einiger Entfernung das Ge­johle der betrunkeiten Gäste gehört. Jetzt hatte sie um keinen Preis die Wirtsstube betreten. Leise schlich sie in ihre Kammer rurd spann, sich in ihre Gedanken ein. Erst als die rüden Gesellen sich entfernt hatten, wagte sie sich wieder hervor. Da fand sie die Mutter ,ohnmächtig am Boden liegen.

Tot!" dachte sie, von jähem Schreck gepackt. Sie richtete die Besinnungslose auf.Vielleicht ist's ihr mir schlecht geworden in dem furchtbaren Qualm," schoß es ihr durch den Kopf. Sie lehnte die Last des leblosen Körpers sanft an die Wand. Rasch öffnete sie ein Fenster, holte