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„Das ist möglich."
„Ach, Niele, dann tu mir den einzigen Gefallen und sieh dich um, wie die Sache steht. Du kannst doch mal vorgehen und fragen, wann die Deern wieder zu uns herauskommen kann, zu nähen. Das laßt sich ja nachher immer wieder abbestellen. Sieh bloß zu, daß du die Frau zu sehen kriegst. Wenn sie sich versteckt hat, dann suche sie."
„Werd'» ausrichten!" versprach Niels. „Gleich morgen nach der Kirche gehe ich 'ran. Das Weibstück muß heraus, sie mag wollen oder nicht."
(Fortsetzung folgt.)
Pfmgftzauber.
Eine Frühlingsgeschichte von Reinhold Ortmann. (Nachdruck verboten.)
Mit ganz erstauntem Gesicht war der jiinge Rechtskandidat Rudolf Kästner auf der Schwelle des Zimmers stehen geblieben, und cs fehlte nicht viel, daß er seiner Verwunderung über das veränderte Aussehen seines DfjeimS in einer Weise Ausdruck gegeben hätte, die vielleicht nicht als ein Kompliment ausgenommen worden wäre.
Er hatte dem Herrn Oberlehrer, bei dem er sich allezeit willkommen und wohlgelitten wußte, durch, seinen unangemeldeten Pfingstbesuch eine Ueberrafchung bereiten wollen; vorläufig war aber diese Ueberrafchung lediglich auf seiner Seite. Denn so wie heute hatte er den Doktor Theodor Kästner seit Jahren nicht mehr gesehen. Es war, als ob der Zweiundfünfzigjährige sich über Nacht um zwei oder drei Lustren verjüngt hätte, so frisch blühende Farben' zeigte sein Gesicht, ein so Heller Glänz war in seinen! Augen, und so straff erschien die Haltung seiner bei Rudolfs letztem Besuche schon etwas gebeugten Gestalt. Der modische Sommeranzng mit der Hellen Weste und der flotten bunten Krawatte stand ihm vortrefflich und der Kandidat hegte einen stärken Verdacht, daß seines Oheims sorgfältig zugestutzter Bollbart recht genaue Bekanntschaft mit den wimderkräftigen Haarfärbemitteln eines geschickten Friseurs gemacht habe.
Es kostete ihn, lvie gesagt, einige Mühe, seine freudige Verwunderung über diesen augenfälligen Verjüngungsprozeß zu unterdrücken und sich nach alter Gewohnheit auf einen harmlos herzlichen Gruß zu beschränken.
„Grüß Gott, lieber Onkel! — Da hast du mich "wieder einmal! — Ich komme dir hoffentlich nicht ungelegen."
„Niemals, mein Junge — niemals! Grüß dich Gott! — es ist gut, daß du nicht eine Viertelstunde später gekommen bist. Hättest mich sonst schwerlich noch in dem verfluchten dumpfen Mauerloch gefunden. Ich bin eben im Begriff auf und davon zu gehen."
Tas klang so verwegen und unternehmungslustig, wie wenn es aus dem Munde eines Jünglings käme. Rudolf kannte seinen ernsten, bedächtigen Oheim wahrhaftig kaum wieder. Und beinahe zaghaft fragte er:
. „Du willst einen Pfingstausslug machen? — Ja, ist dir meine Gesellschaft dabei auch wirklich nicht störend?"
,. . „Nickst tut geringsten! — Ich habe mich mit der Landgerichts- ratuc Hellwig und ihrer Tochter zu einer Partie auf den Buch- berg verabredet. Du bist ja mit den Damen bekannt. Und wenn du gegen die Gesellschaft nichts einznwenden hast, bist du als Teilnehmer herzlich willkommen."
Man hätte den Kandidaten nur anzusehen brauchen, um als- imld überzeugt zu sein, daß er iticht das utindeste gen eit die Gesellschaft einzuwenden habe. Er strahlte über das "ganze Gesicht und schüttelte dem Oberlehrer nochmals die Hand, wie wenn er ihm irgend ein großes Geschenk gemacht hätte.
, „Das ist ja reizend, Onkelchen! — Ich freue mich außcrordent- ltch, daß tch es so glücklich getroffen habe. — Fräulein — ich meine, dte Frau Landgerichtsrätin Hellwig ist eine so nette, liebenswürdige Dame."
„Ja, das ist sie. — Ich habe während der letzten Wochen! t■■ 11 Nbend in ihrem Hanse zugebracht und mich da so wohl
gesuhlt, wie in einem eigenen Heim. — Sie ist eine wahrhaft verehrungswürdige Matrone,"
Dabei stand er schon wieder wie vorhin bei Rudolfs Eintritt vor dem «ptegel, bürstete noch einmal sogfältig Haar und Bart
öoa fein beinahe kokett geschnittenes Röckchen straff in die Taille.
.,,".®°, da waren wir ja wohl fertig," meinte er. „Wenn dir's recht ist, brechen wir auf. Der lachende Sonnenschein draußen läßt mtr gar keine Ruhe! mehr, und der Frühling prickelt mir sozusagen
Nerven. Schade um jede Minute, die man von diesem köstlichen Pfingstmorgen verlöre."
. d«un konnte sich der Kandidat doch nicht mehr enthalten, eine kleine Bemerkung zu machen.
"Wie frisch und wie gut aufgelegt du heute bist, Onkelchen! — E konntest fürwahr, einen Dreißigjährigen beschämen."
Lachend klopfte ihm der Oberlehrer auf die Schulter tn, "Fühle mich auch so, mein Junge — fühle mich auch ganz so. — Am Ende hat jeder doch njur soviel Jahre, als er spürt.
t Und am heiligen Pfingstfest geschehen zuweilen auch heute noch I Wunder. Wer weiß, ob wir nicht heute noch eines erleben."
So gingen sie denn in den sonnigen Feiertagsmorgen hinaus, und es wäre schwer zu entscheiden gewesen, wer von ihnen ver- gnügter war, der Oberlehrer mit dem gefärbten Bart oder der Kandidat, dein es eben erst weich und flaumig auf der Ober- lippe sproßte.
Kaum zehn Minuten lang brauchten sie aus dem von geputzten, fröhlichen Menschen _ wimmelnden Bahnhofe zn harren. Tauft hatten Rudolfs scharfe Augen die Erwarteten erspäht.
„Da kommen sie, Onkel! — Und wie reizend sie wieder aussieht!"
„Wer? — Tie Landgerichtsrätin?"
„Na, diesmal meinte ich eigentlich Fräulein Eva. — Aber ihre Mutter kann sich wahrhaftig auch noch sehen lassen, ja, Idas kann sie."
Es geschah aus Diplomatie, daß er so sprach. Es war ihm nämlich allgemach eilt leiser Verdacht aufgestiegeit, daß sein Oheim sich für die in Wahrheit noch immer ganz stattliche Witwe so jugendlich schneidig gemacht habe. Und er wurde aus bestimmten Gründen gar nicht so ungern gesehen haben, wenn da ein zartes Band von Herz zn Herzen gesponnen worden wäre. Tie beiden paßten seiner Meinung nach ja auch ganz gut zueinander. Und daß der Oberlehrer die Landgerichtsrätin, vorhin eine verehrnngs- würdige Matrone genannt hatte, war doch wohl nur scherzhaft zu verstehen gewesen.
Fräulein Eva in ihrem duftigen weißen Kleide und in ihrem blumengeschmückten Strohhnt aber war ohne allen Zweifel das reizendste Und holdseligste Geschöpfchen, das man sich nur vorstellen konnte. Und erst seitdem sie in seinem Gesichtskreis erschienen war, nahm der Kandidat so recht wahr, wie heiter an jenem gesegneten Pfingstmorgen der blaue Himmel lachte und mit wie goldigem Glanze die Sonne ringsumehie. Welt verklärte.
Sie war sehr rot geworden, als sie den Kandidaten so un-t erwartet an der Seite des Oberlehrers erblickt hatte, und während er in artigen Worten vor der Landgerichtsrätin seine Aufdringlichkeit entschuldigte, blickte sie angelegentlich vor sich nieder ans den Boden. Gegen den Doktor Theodor Kästner aber war sie dann gleich nachher so unbefangen und zutraulich, daß es fast wie eine Regung der Eifersucht in Rudolfs Herzen aufstcigeft wollte.
Während der Eisenbahnfahrt konnte von einer ordentlichen Unterhaltung kaum die Rede sein, denn es waren nicht weniger! als 20 Personen im Kupee nnd nur die rosige Psingsttaune sämtlicher Passagiere konnte diese drangvoll fürchterliche Enge einigermaßen erträglich machen. Um so mehr Gelegenheit aber Tjatte.. der Kandidat, Evas Lieblichkeit in stummer Bewunderung zu gemeßen und sich in her Stifte seines Herzens immer auss Neue zu dem glücklichen Einfall dieses Besuches bei seinem Oheim zu gratulieren.
In Reimbach stiegen sie endlich ans und begannen durch den ftinggrünen Wald ihren Aufstieg auf den Buchberg. Es war im großen und ganzen eine recht bcgueme Partie, die an die körperliche Leistungsfähigkeit der Ausflügler keine allzu großen Anforderungen stellte. Einzig das letzte Stück vom Rasthaus bis zum Gipfel war eut_ bischeu steil. Aber so weit war man noch lauge nicht und einstweilen ging es auf den sanft ansteigenden Serpentinen fast gemächlich wie auf ebenem Boden.
z Nur, daß der Weg gar zu schmal war, wollte dem Kandidaten nicht recht gefallen. Es konnten da nicht mehr als zwei Personen nebeneinander gehen, und da sich Fräulein Eva beharrlich an der Seite des Herrn Oberlehrers hielt, mußte der Neffe wohl oder übel den Kavalier der Frau Laudgerichisrätin machen. Für die ttnter- haltung aber sorgte der Herr Doktor fast ganz allein. Es war erstaunlich, was für eine Beredsamkeit er an diesem herrlichen Pfingstmorgen zu entwickeln wußte, ftud bei allem Respekt vor den Kenutulssen des Oheims hatte der Kandidat ihm eine solche Fvfte von Gelehrsamkeit wirklich kaum zngetraut. Jeder neue Ausblick gab ihm Gelegenheit, ein anderes Register seines schier unerschöpflichen Wissens zu ziehen, und es gab im buntesten Wcchftl historische, botanische, geologische oder ästhetische Exkurse, je nachdem eine in der Ferne auftanchende Ruine, eine von Fräulein Eva gepflückte Blume, ein sonderbar aussehender Stein oder das Landschaftsbild im allgemeinen den Anlaß dazu gewährte. Ter Kandidat kam sich ganz dumm und klein vor neben dieser lebendigen' Enzyklopädie des gesamten Wissens der Gegenwart und es wurde ihm merkwürdig beklommen zn Mut, wenn er daran' dachte, einen tote gewaltigen Eindruck solche Fülle von Geist wohl auf Fräuleift Eva machen müsse. Sicherlich würde er ihr jetzt wie ein recht unbedeutender und langweiliger Mensch Vorkommen, denn es war ganz unmöglich, nach so tiefsinnigen Gesprächen noch mit Ehren zu bestehen.
Erst als man den freien Platz vor dem Rasthause erreicht hatte, bekam er Evas Gesicht wieder zn sehen. Und er war überrascht, daß es einen Ausdruck von Abgespanntheit und Ermüdung zeigte, wie er nach einer so anregenden Konversation eigentlich etwas verwunderlich scheinen mußte. Die. Landgerichtsrätin, der sich ihre neunzig Kilo doch mehr nnd mehr bemerklich gemacht hatten, wollte von! dem beschwerlichen Ausstieg auf den Gipfel nichts mehr wissen Und der Kandidat hätte ihr geradezu um den Hals fallen mögest, als sie sagte:


