Ausgabe 
29.5.1909
 
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Verivalter als Knecht gewesen. Was er sagte, das galt. Mutter tat nie etwas ohne seinen Rat. Ja, ich glaube, wenn Niete ein bißchen klüger und ein bißchen mehr auf seinen eigenen Vorteil bedacht gewesen wäre, er hätte leicht Bauer von Harbekshof werden können. Aber er blieb so wie er war. Tas gerade rechnet ihm auch die Mutter so hoch an, daß er immer der Knecht geblieben ist, alt wie hoch sie ihn stellte. Wenn einer uns helfen kann, so ist es Niele."

Ob er es tut?"

Ja, er tut es. Er hält ja so viel von mir. Ein wirklicher Vater könnte nicht mehr von seinem Jüngen halten. Niete geht für mich durchs Feuer."

Das ist Treue", sagte Janne mit einem tiefernsten Ausdruck in ihren kindlichen Zügen.

.Hand in Hand saßen die beiden Liebenden. Immer langsamer ging der Braune, als wollte er die beiden jungen Leute diese Stunde des Glückes auskosten lassen.

Als sie endlich vor dem Häuschen in Hellingstedt au- langten, glühten Jannes Wangen Wie Purpurrosen, und Mars Harbek sah aus, als wenn er sagen wollte:Was kostet, Hellingstedt? Ich kaufe es, aber Janne Thomsen muß drin sein!"

Mars Harbek hob sein Mädchen vom Wagen und dann die Maschine und folgte ihr ins Haus. Dann traten beide Hand in Hand vor die Mutter, und Janne sagte:Mutter, das ist mein Bräutigam; er heißt Mars Harbek!"

Tine blieb auch jetzt schüchtern und verlegen. Sie wollte gern aufstehen, fühlte sich aber zu schwach und genierte sich ihrer Schwäche wegen.

Ich bin eine arme, kranke Frau", flüsterte sie mit Tränen in den Augen.

Du bist meine gute, liebe Mutter, die beste und süßeste, die es gibt", flüsterte Janne.Bleib nur hübsch sitzen, du weißt doch, was der Doktor sagt, du mußt dich ruhen."

Mars war tief ergriffen von dem Anblick der Kranken, hie, neben der iebenssrischeu, blühenden Janne wie ein bleiches Schattenbild aussah.

Ich wollte Ihnen gern guten Tag sagen", sprach er. -/Ich hoffe, daß ich mir bald Janne als meine Brant holen darf, und daß Sie nichts dagegen haben."

Ja, nein", sagte Tine. "Sie wußte vor Schüchternheit nicht die richtigen Worte zu finden.

Da trat Liese herein. Sie hatte im Nu die Situation begriffen. Sie holte, so rasch es ihre alten Füße gestatteten, eine Flasche Wein und Gläser.

So, jetzt stoßen wir inal an und trinken eins auf das Brautpaar

Mars sah aus dem Fenster. Der Braune stand ruhig mit gesenktenr Kopse.

Liese stieß au eins der Gläser.So, nun stoßt an, daß es kingt! Ja, Tine, bit mußt auch mit anstoßen, bist ja die Brautmutter. Uno trinken mußt du auch, ich hab' ihn ja extra für dich gekauft. Und ihr, junges Volk, setzt euch man einen Augenblick ins Sofa, habt euch doch gewiß noch was zu erzählen. Nein, wir sehen nicht nach euch, wir gucken aus dem Fenster und passen auf den Braunen."

Stille ward es jetzt in dem Stübchen, nur ein leises, zwitscherndes Geflüster wurde laut.

Seit diesem Tage kehrte Mars Harbek oft in dem kleinen Hause mit der Sonnenuhr ein. Bald merkten es auch die Leute im Dorfe. Man sprach dies und jenes. Das ^Gerede kam auch, zu den Ohren der Witwe Harbek.

Sie sprach kurz und bündig mit ihrem Sohne.

Ich habe nichts dagegen wenn du heiratest", sagte sie. Du bist scchsundzwm^ig Jahr; das ist gerade das rechts Alter. Heirate, wen du willst. Da ist Jörn Ahrens seine, die kriegt wenigstens sechzigtausend Mark mit. Da ist neben» an die Witfrau von Thieß Thiessen, der Hof ist man klein, über es ließe sich schön zusainmenschmeißen. Willst du nicht nach Geld heiraten, nimm Vollmacht Reimers seine pochier, die ist jung und schmuck, und die Alten stehn in Ansehen. Bloß bring mir keine Nähdeem ins Haus, die nicht eine Bütte Milch abrahmen kann."

,,Johanne ist mir lieber als alle, und sie ist brav und fleißig." '

. , .kann ja gern sein. Ich frage auch nichts danach, daß sw kem Geld hat; aber was nützt dir eine Frau, die Nicht die Butter aus der Karne holen Fairn9"

Mele, du muht mir helfen," sagte Mars, als er Niels

im Stalle traf. Sie gingen in eine entferntere Ecke, damit der zweite Knecht sie nicht hörte.

Mein Jung'," sagte Niels,schlag dir die Deern ans dem Kopfe, heirate eine, die deine Mutter für dich aus­sucht. Glaub mir, es ist das beste. Erst mag es dir wohl em bißchen bitter Vorkommen, aber das vergeht. Als ich in deinem Alter und noch jünger war, da dachte ich auch immer, Eier und Zucker, das müßt' 'nen guten Pfannktichen- terg abgeben. Nach Jahren erst'kam ich dahinter, Salz mußte es fein, nicht Zucker."

Mars Harbeks Gesicht hatte sich schmerzlich verzogen Nrele," sagte er.Hast du nie in deinem Lehen eine kleine Braut gehabt, die dir lieber war als alles auf der Welt?"

Niels fuhr sich mit dem Hemdsärmel übers Gesicht. Hab' ich, mein Jung'. Gräßlich lieb habe ich sie gehabt. Ich dachte, sie gehörte zu mir wie die Bohne zum Staken, und nun steh ich alter Staken hier, und sie ist Gott weiß, wo."

Und darum soll ich meiner lüttjen Deern untren wer­den, Vater Niele?"

Niels war butterweich geworden.Jung', Jung'," sagte er.Wenn es nach mir ginge, du kriegtest sie, wahr­haftig, du kriegtest sie." . . .

Eine halbe Stunde später war Mels drinnen bei Frau Harbek.

Niels," sagte sie.Stopf dir die Pfeife, dann hast du mehr Ruhe. Und dann setz dich zu mir her. Wir müssen die Sache an allen Ecken und Stinten überlegen."

Niels stopfte die Pfeife; Frau Harbeks Stricknadeln klrrrten. Ihr Gesicht nahm einen bekümmerten Ausdruck an.

Was machen wir man dabei, Niele? Zugeben kann ich es doch nicht, daß er die kleine Nähdeeru freit."

Ja, wenn er sie aber so gräßlich gern haben will?"

Aber Niele, sie ist doch man bloß eine arme Nähersche!" Niels zog an seiner Pfeife.Ich habe mal einen Bauern gekannt, der hat seine eigene Dienstdeern geheiratet."

Und ist es etwa zum Guten ausgeschlagen?"

Frau Harbek überhörte in ihrem Eifer die unverständ­liche, leise gemurmelte Antwort Niels.Und das geht auch noch eher," fuhr sie fort.So eine versteht wenigstens was von Milchwirtschaft; aber was soll eine Nähersche auf einem Bauernhof?"

Na, ich denke, es ist nicht uneben, wenn eine Frau mit der Nadel umgehen kann. Für die Molkerei sind ja noch die Deems da, und ivenn wir hier nächstes Jahr eine Genossenschaft kriegen, dann ist cs leichter Kram," ~

Das sag' nicht, Niele. Da bleibt noch genug nach. Da ist genug zu sorgen in Küche und Keller. Da kommt die Erntezeit mit dem vielen Leuteessen und das Einmachen imb Einschlachten."

Na, das kann die kleine Deem ja alles noch lernen. Sie ist ja plietsch und. anstellig. Die Frau muß auf dem Hof bleiben und sie anlernen."

Niele, nun kommst du auch damit. Du bist ganz gegen die Welt, Niele!"

Ich mein's gut."

.Ach Gott, Niele, und du meinst wirklich, und wahr- haftig, wir sollen dem Jungen seinen Willen lassen?"

Da wird wohl nichts anderes rauskommen. Wenn er die lütt Deern nun mal absolut haben will, kriegt er sie auch ohnedem; er ist ja mündig. Die Frau will doch nicht, daß der Junge von dem Hof runter soll!"

Frau Harbek seufzte.Ach Niele,, es ist ein Kreuz mit den Kindern. Und du redest, nun auch nodji zu. Was ist denn bloß an der Deern, so abscheulich schmuck ist sie doch gar nicht? Sag mir doch bloß!"

Die Frau hat recht; es gibt schmückere. Aber sie hat solche blieden Augen; ich glaube, Mars wird sich gut mit ihr vertragen."

Das will ich ja gar nicht bestreiten, freundlich und nett ist sie ja. Ich mag sie auch ganz gern leiden, das alte Gör. Aber was mich am meisten vor den Kopf stößt: die Leute sagen, ihre Mutter soll nicht recht richtig im Kopfe fein. Sie soll die Menschenscheu haben. Hast dn mal was davon gehört?"

Kein Sterbenswort."

Du..warst doch da, als du die Deern holtest und hin­brachtest. Hast du sie da nicht gesehen?"

Nein, sie war nicht zu Hause."

Das kann nicht sein. Sie soll ja gar nicht ans dem Hanse gehen. Ate hat sich gewiß versteckt gehabt."