Ausgabe 
29.4.1909
 
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nade mit einer Säulenhalle zu einer Reihe rechteckig geschlossener Säle, die Offizieren und Unteroffizieren als Klubräume gedient haben. In der Mitte der ganzen Anlage befand sich die Fahnen­halle mit einer großen Altarnische und darunter ein fünffaches Gewölbe: die Schatzkammer mit der Armee-Sparkasse. Auch mehrere Kasernen mit riesigen Jnnenhöfen, Stallungen und Wohn­häusern sind freigelegt worden; die Thermen in der Südostecke des Lagers bedeckten allein 2000 Quadratmeter und waren mit Wandmalereien und Fußbodenmosaik äußerst prunkvoll ausge­stattet. Nicht weit von dem Castrum lag das große, fast ganz zerstörte Amphitheater. Prächtige Triumphbögen führten vom Lager zu der etwa zwei Kilometer entfernten Stadt, in der die Wohnungen der verheirateten Soldaten lagen.. Auch hier fanden sich großartige Badeanlagen mit Brunnenhof, Halbkreiswannen und Mosaikböden, wie sich auch in den anderen Soldatcnstädten besonders schöne und reichgeschmückte Thermen erhalten haben. Mehrere Friedhöfe mit zahlreichen Mausoleen lassen erkennen, wie die Offiziere und einfachen Legionäre beerdigt wurden. Eine viel ausgedehntere Stadtanlage als Lambaesis zeigt T h a.- g a d i, ebenfalls eine Schöpfung der dritten Legion, die aber bald ein blühendes Handels- und Kulturzentrum wurde und mit seinem gewaltigen Trümmerfelde mit Recht dasafrikanische Pompeji" genannt worden ist. Auf dem rechteckigen, rings von korinthischen Kolonaden eingefaßten Forum lag das Rathaus und die einschiffige Gerichtsbasilika. Logenartige Verkaufsläden nahmen die Südseite des Platzes ein. Von kolossalen Dimensionen war das Kapitol, der Brennpunkt des Genreinlebens, überkrönt von dem auf einem Hügel gelegenen Haupttempel. Von beson­derem archäologischen Interesse sind die Thamugadenser Markt­hallen. Die größere zeigt einen Säulenhof mit quadratischem Brunnen in der Mitte. An der einen Schmalseite erhob sich ein Halbkreispodium, das in sieben Verkaufsbuden geteilt war. .Einfache Steinplatten dienten als Ladentische. Den Trennungs­mauern dieser Nischen waren Pfeiler vorgesetzt, die durch Arkaden verbunden waren und auf sorgsam skulpierten Konsolen je eine spiralförmig kannelierte Säule präsentierte«, die bis ans Dach reichte. Die ganze Dekoration zeigte eine in Nordafrika un­gewöhnliche Eleganz. An die eigentlichen Berkaufsstände schloß sich noch ein besonderer Kleidcrmarkt. Die riesigen Thermen­anlagen besaßen außer halbrunden Wandelhallen, großen Er­frischungsräumen und ausgedehnten Latrinen zwei mächtige Turn­hallen. Die musterhafte Kanalisation lief unter dein Pflaster einher und funktioniert heute wieder wie ehedem.

Vermischte».

* Die Schillernase des Komikers. Der bekannte Komiker Franz Tewele, der Komiker des Deutschen Volkstheaters in Wien, beging in voriger Woche die Feier seiner fünfzigjährigen Bühnentätigkeit. Er ist niemals ein schöner Mann gewesen.Sie haben nichts als eine Nase und ein Skelett," Hütte schon Karl Meixner vor einem halben Jahrhundert zu ihm gesagt. Das Skelett ist inzwischen geschwunden, nicht aber die Nase. Ihre Größe und kühn gehakte Form haben aber zur Popularität Teweles sehr viel beigetragen. Diese Nase ist nicht zu verwechseln. Tewele stellte sie in den Dienst der Komik. Doch sie konnte auch, ernste Rollen spielen. Sie ist die beste Kaiser-Josef-Nase, die man ge­sehen hat. Man kann nicht sagen, daß der Komiker Tewele dey beste Kaiser Josef war. Man hatte ihm die Rolle ja nur wegen des erhabenen Gesichtsvorsprunges des Reformkaisers anvertraut. Eigentlich hatte also bloß die Tewele-Nase die Kaiser-Jösef-Nase Larzustellen. Das gelang ihr mit einzigem Erfolg. Und so mag es auch damals gewesen sein, als Tewele in München den Schiller in LaubesKarlsschülern" zu geben hätte. Denn seinen Humor! hatte er erst später entdeckt, und während seiner ersten Wander­jahre plagte er sich in den seriösesten Fächern ab. Das Mün­chener Hoftheater lud ihn und das nachmalige Burgtheatermitglied Fritz Krastel, ein, um den Posten eines tragischen Liebhabers zu konkurrieren. Tewele - es ist grotesk, daran zu denken - ging aus dem Wettstreit als Sieger hervor. Und was hatte den Sieg entschieden? Seine Riesennase! Es ist bekannt, daß Schiller sich einer mächtigen Rase erfreute. Für Schauspieler, die nur eine normale Nase haben, mag es schwer sein, sich eine gute! Schillermaske anzuschminken. Tewele hatte dies nicht nötig. Als er in denKarlsschülern" die Bühne betrat, stutzte das ganze Publikum. Es war durch die täuschende Aehnlichkeit des Schillert- Darstellers mit den bekannten Schillerbildnissen vollkommen frap- piert. Ein spontaner Beifallssturm ging durch das Haus. In der Hofloge wohnte König Max der Vorstellung bei. Er war ein wenig eingenickt. Als das laute Klatschen erscholl, fuhr der König erschreckt auf und klatschte schnell mit. Ter Hoftheaterintendant mb den König applaudieren, und von diesem Moment ivar es abgemacht: Tewele war engagiert. Alles dank seiner inngeit

Nase. Er erzählte diese spaßige Geschichte selbst in diesen Tagen, sie muß also buchstäblich wahr feilt.

* Vom Schuhwerk einst und jetzt. Ein berühmter Schuhmacher hat, Buffons Wort vom Stil paraphrasierend, den Ausspruch geprägt:Der Schuh ist der Meusch". Von diesem kühnen Wort ausgehend, sucht Henri Duvernois in Je sais tont eine Art Seelengeschichte des Schuhs zu geben, wie sie der Spiegel der Zeiten und Kulturen vielgestaltig znrückwirft. Die ewigen Gegensätze, in denen diese innere Entwicklung unserer Fußbe­kleidung sich entfaltet, liegen beschlossen in den Formen der stark- betonten Schnhspitze und des abgerundeten breiten Schuhendes, im hohen und im niedrigen Absatz. Nie hat sich unser moderner! Schuh zu der klassischeu Einfachheit der antiken Sandale aufge­schwungen. Vom groben Holzpantoffel entwickelte er sich lang­sam und allmählich zu einer individuellen und verfeinerten Form. In der Zeit der Karolinger hören wir es als eine besonderes Finesse rühmen, daß die Schuhe ganz genau passend für den rechten und linken Fuß, ja sogar für die verschiedenen Zehen ge­arbeitet werden. Dem höfischen ritterlichen Herrn, dem galanten Minnesänger genügte >es nicht mehr, in Holzsohlen und rotem Lederschaft ungefüge eintzerzutappen; ber Schuh soll die Fein­heit seines. Fußes hervorheben und die zierliche Grazie seines Ganges weiterklingen lassen. _ So entsteht in der burgundischen Mode der enge lange spitze Schnabelschuh, von derselben Farbe und aus demselben Stoffe wie das Beinkleid, mit Stickereien verziert, mit Gold und Perlen besetzt. In so enge Hüllen, rote wir sie heute nur noch für die Hände haben, preßten Männer und Frauen des Mittelalters ihre Füße. Der ungeheure Schna­bel, in den der Schuh auslief, war zunächst schlaff und schlenkert« beim Schreiten rhythmisch hin und her; bald aber wurde er auch gekrümmt und gesteift getragen; als man sich beim Gehen mit diesen unförmigen Auswüchsen gar nicht mehr zu helfen wußte, wurden die Schnäbel am Knie befestigt. Der Elegant trug an den Schnhspitzen Schellen, die größer waren, als unsere Tisch­glocken unb bei jedem Schritt lieblich klingelten. Keine noch so strengen Kleiderordnungen und Luxusgesetze vermochten diese von einem Preziosen und raffinierten Geist geschaffenen Gebilde zu unterdrücken: doch wurde wenigstens festgesetzt, daß nur die Prinzen Schnäbel von zwei Fuß (60 Ztm.) Länge tragen durften, die Adeligen mußten sich mit Spitzen von einem Fuß und die Bürgerlichen von einem halben Fuß begnügen. Schon hier zeigte es sich, daß sich die Herren in diesem Luxus den Damen gegen­über hervortaten, und überhaupt ist die Geschichte des Schuhs wohl das einzige Gebiet der Mode, auf dem' männliche Extra­vaganz und Nenernngssucht die weibliche übertrifft. Berschwait- den doch die Füße der Damen nur allzuleicht unter den langen Schleppkleidern, während ein schönes Bein, ein feiner Fuß Stolz und Zierde der feinen Herren blieben. Als die burgundische Mode der Renaissance wich, kamen die prächtigen samtenen Schnallenschuhe auf, geschmückt mit große» Bandschleifen, die auch die Frauen annahmen, während sie als ihr Eigenstes die zarten parfümierten und fein bestickten Pantöffelchen sich vorbehielten. Doch mit dem Wilderwerden der Zeit, mit dem Anbrechen der gewaltigen Kriege, die das sechzehnte und siebzehnte Jahrhundert erregten, eroberte sich als Symbol einer abenteuerlich trotzigen Zeit der Stulpstiefel die Welt, der weit und. faltig mit feinen riesigen umgekrämpten Schäften die Beine umschlotterte, Alles, was' männlicher Geist noch an Eleganz bewahrt hatte, flüchtete sich in die zarten Spitzenkrausen, mit denen man das schwere harte Leder einfaßte; den Stulpstiefel vervollständigten die rie­sigen Sporen. Der feine Stöckelschuh Ludwigs XIV. treibt diesen ungebärdigen Gesellen aus dem Salon und verleiht dem Herren- tote Damenschuh mit samtenen Schleifen, seidenen Rosetten, mit Spitzen, Edelsteinagraffen und kostbaren Schnallen die höchste Eleganz. Erst als man zu Ende des achtzehutcn Jahrhunderts nach Natur und Freiheit ries, beginnt für den Stulp- und Reitstiefel von England aus eine neue kurze Blüte, bis dann der Stiesel in der feinen Mode völlig dem Schuh Weichen muß. Der schwarze Lederschuh wird die einförmige Fußbekleidung eines dernokrati- schen Zeitalters; nur int Lack und in der spitzen Form bleibt ein Abglanz früherer Schönheit. Das freie Amerika hat auch über die elegante Spitze gesiegt, und allein der Lack zeugt heute noch, von! der Pracht des Schuhwerks. . . .

Homouvm.

Manchem nur komm ich gelegen, Vielen mache ich Verdruß.

Spend' ich dem Einen reichen Segen, Biet' ich dem Andern keinen Gruß.

Deut' mich anders, muß ich nennen

Einen Fluß im Bayernland.

Willst bu noch die Mündung kennen,

Wand're nach der Donau Strand.

Auflösung in nächster Nummer.

Auflösung des Rätsels in voriger Nummer: Roda, Dora.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen-