Ausgabe 
29.4.1909
 
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Wir entnehmen dem Dokument folgende Stellen:Nicht zunt erstenmal bin ich eingesperrt, nicht zum erstenmal habe ich g&= hört und gesehen, was hinter den Gefängnismauern geschieht, aber das, was hier vorkommt, ist so außerordentlich in seiner Entsetzlichkeit, daß ich bei der bloßen Erinnerung daran vor Schrecken erstarre. Ich will, da ich schwer krank bin, mir be­schreiben, unter ivelcheu Begleiterscheinungen und in welcher We»e die sunt Tode durch den Strang Verurteilten hier hingerichtet werden. Denn Hinrichtungen gibt es hier in großer Zahl, siebzig seit meinem Hiersein (seit Mai vorigen Jahres), während- fünfzehn wertere Gefangene der Urteilsvollstreckung entgegensehen und noch ehßu neunzig auf einen gleichen Richterspruch gefaßt sein müsten. Ties allein im' Gouvernement Täurien im Laufe einer einzigen Session! Da die meisten dieser Todeskandidaten einfache Räuber, Raufbolde usw. sind!, so sterben sie wie Feiglinge, fallen vor den Henkern auf die Knie, rufe» die Mutter zu Hilfe kurzunp sie bereiten der Verwaltung ein großes Vergnügen. . . Die Hin­richtungen werden auf dem Hof des Gefängnisspitals ttt__ enteil Entfernung von etwa 7 Arschin (5 Metern) von meinem Fenster vollzogen. Um 6 Uhr abends beginnt man unter einem luitgenl Birnbaum das Blutgerüst aufzurichten, und von da an bis ni den frühen Morgen muß ich notgedrungen wach sein und all dies mit erleben, ja zuweilen mit eigenen Augen die gesamten Schrecken mit ansehen. In ohnmächtiger Wut renne ich dann an die Wand, schimpfe, schreie, klopfe, vernehme aber nur, gleichsam zur Ant­wort, die zynische» Ausrufe der wachhabenden Polizeiingitscheu mit dem Polizeimeister an der Spitze, die die ganze Zeit hindnrich den Spitalhof füllen . . .

Monatelang sitzen die zum Tode Verurteilte in Erwartung der Urteilsvollstreckung, jede Nacht von der Furcht geplagt, daß die Reihe an sic kommen könnte. Deshalb legen sie sich bis zum' Morgen nicht nieder, und erst nm Morgen fallen sie, von der nervösen Anstrengung niedergeschlagen und erschöpft, Ivie tot hin und schlafen den ganzen Tag. Aber beim: geringsten Geräusch, Mag es der Tritt des Aufsehers oder der Schall der Schliissel sein, springen sie auf und schreien mit unmenschlicher Stimme über das ganze Gefängnis: Helft, man will mich hängen, helft! Da «erwacht das Gefängnis, es beginnt zu lärmen, zu schreien, au die Türen zu klopfen. Irgendwo in einer Kammer beginnt man einen Trauerntarsch zu singen, irgendwo schreit man: Lebt wohl, lebt wohl! Ta werden aber auch schon in die Korridore des Ge- sänguisses, das seit der vor zwei Jahren stattgefundenen Explosion und der Flucht unter Belagerungszustand sich befindet, Soldaten hineingeführt, sie laden ihre Flinten, und das Kommando ertönt, beim geringsten Lärm zu schießen. . . Doch diesmal war cs nur ci» Schreckgespenst gewesen. Heute hängt »init niemand. Dafür stellt jetzt die Verwaltung die Ordnung her, sie schimpft mit den gemeinsten Zuhälterausdrücken, nimmt Betten, Seife, Zucker usw. weg und hant gründlich drein, wobei sie zur Ver­hinderung etwaiger Schreie die Mäuler verstopft.

Daun aber kommt eilte wirkliche Hinrrchtungsnacht. Dies ist schon vom Abend an bekannt. Denn man sieht, wie die Särge hineingebrncht werden, und an deren Zahl wird bestimmt, tote viele Menschen hingerichtet werden sollen. Später erscheinen die Polizeiingitscheu, die sich in den Gesängniskorridoren und int Hofe aufstellen . . . Irgendwoher vernimmt man einen unter- drückten Kampf, etwas wie einen Schrei'; offenbar war dem Todeskandidaten der Mund nicht kunstgerecht zugestopft. Denn wenn die Zelle des zum Tode Verurteilten geöffnet wird, pflegen sich mehrere Menschen über ihn zu stürzen, und einer hält ein Kissen, um ihm den Mund zu stopfen. Allein auch der Verbrecher ist bereit, und- nicht ohne Kampf erzielst er sich feinen Haschern', aber er hat kein Abwehrmittel n. kann nicht lange Widerstand leisten. Tas Geschrei ist verstummt, man hört nur noch ein Gebrüll, eilt Gekreisch. Jetzt beginnt der Hatninctl geschäftig zu arbeiten, denn man befreit den Verbrecher von seinen Ketten. Dafür fesselt man ihm schwer, bis aufs Blut, die Hände nach Pinteq und die Beine, trägt ihn daun, auf Händen ins Bureau ttitbl wirst ihn in einem finsteren Zimmer auf den Fußboden nieder, lvo er solange liegen bleibt, bis das Schafott errichtet ist und Staatsanwalt und sonstige Behörden angelangt sind. Unterdessen schleppen Aufseher fürs Blutgerüst die Pfähle und sonstigen Uten­silien auf den -Spitalhof hinaus, und aus dem Spitalkorridorl wird ein gewöhnlicher Schrank hinausgetragen, der »eb-st einem darauf zu stellendeu Stuhl deut Todesopfer als' Fußgestell zu dienen hat, bis der Stuhl weggenoinmen werden und der Un­glückliche zu baumeln beginnen werde. Auch die Särge werden! gebracht und um das Blutgerüst aufgestellt. Jetzt ist allespastat . . . Wie Balken werden die Verurteilten auf Händen zum Schafott getragen, in bloßen Hemden und Beinkleidern, nackt, zitternd vor Kälte. Vorsichtig löst man von ihren Armen und 'Beinen die Fesseln und stellt sie ans ihre Füße, aber meist maß man sie festhalten, damit sie nicht hinfallen, auch den Mund- befreit man ihnen, aber beim geringsten Versuch, zu schreien, greift man an ihrMaschinchen", wie ein Chefgehilfe sich hier aus- zudrücken pflegt. Schließlich -meldet sich auch der Staatsanwalt, der das Urteil verliest.

Um diese Zeit beginnt das Gefängnis zu johlen und einen Trauermarsch zu singen, während Soldaten herumlaufen und zu schweigen gebieten. All dies erweckt offenbar int Verbrecher eine Unstillbare Lebenssucht, er will tun alles in der Welt weiter­

leben, er fällt aus die Knie, er weint, fleht, er kriecht heran, um den ihn Umgebenden die Hände zu küssen. Ter Arzt, der Staatsanwalt, der Pope wenden sich ab und gehen abseits, aber die Gefängniswärter schreien laut:Aha, willst nicht heran . . . es gelüstet ihn nicht ..." Aber nun komint auch schon der Henker und legt dem Todeskandidaten die Hand auf die Schulter, worauf dieser niederfällt. Sofort stürzen sich über ihn die Auf­seher und zerren ihn empor, während er mit den Füßen arbeitet und brüllt und brüllt. . . Ach-, nein, niemals habe ich etwas Aehnliches gehört. Ich weiß nicht, wer so brüllt. Denn das Ge­brüll klingt weder wie von einem Menschen noch wie von einem! Tiere. Ich habe beobachtet ,wie man eine Kuh-, einen Hammel,- ein Schwein schlachtet; sie brüllen, aber dies da ist doch noch an­ders . . . Während des Gebrülls wird der Todeskandidat noch Mit Mehrmaligen Püffen und Schlägen traktiert und mit großer Mühe aufs Blutgerüst hernufgeschleppk, eine Weile wird an ihm herumhantiert, worauf etwas am Strick hängen bleibt und seiner ganzen Länge nach sich ausstreckt. . . Die änderen Verürteilten aber stehen dabei, sehen es mit an und wiederholen dasselbe Bild.

Diese Praxis ist hier so üblich, daß ein gewisser «inkow, ein Anarchist, den Präsidenten des Gerichtshoses, der ihn zum Tode verurteilte, darum bat, sich mit den erforderlichen Instanzen dahin ins Einvernehmen zu setzen, daß ihm die Qualen vor der Hinrichtung erspart blieben, während er seinerseits versprach-, schwei­gend, ohne von jemand Abschied zu nehmen oder sich zu wehten, in den Tod zu gehen. Ihm wurde es zugesagt, und- das Versprechen scheint auch gehalten worden zu fein. Ein gewisser Sasonow wäre aber infolge dieser Praxis beinahe statt eines anderen versehentlich hingerichtet worden. Er war zwar auch zum Tode verurteilt, aber seine Hinrichtung war noch ausgesetzt. Man hatte aber die Namen verwechselt und ihn statt eines Kammergenossen ergriffen. Kaum hatte eri zu erklären versucht, daß nicht er ge­meint sei, als man ihm den Mund verschloß, ihn ans den Boden warf und seine Hände nach hinten fesselte; mehrere robuste Kerle setzten sich sodann auf ihn und hieben die ganze Zeit auf ihn ein, als er von den Fußketten befreit wurde. Sodann wurde er ins finstere Zimmer gebracht, auf den Boden geworfen und bis um 1 Uhr nachts hingehalten, bis er endlich am Schafott noch­mals erklären konnte, daß eine Verwechselung vorliege Der Irrtum" wurde nunmehr aufgeklärt, der Richtige gehenkt, und Sasonow erhielt statt der Todesstrafe lebenslängliche Katorga, er lag aber lange krank darnieder. Ein anderer, ein gewisser! Vogt, der an Typhus schwer erkrankt war und an 40 Grad Fieber litt ,wurde in bewußtlosem Zustande hervorgeholt und erhängt. Man sagte dann, daß es für ihn ein Glück sei. Jfh weiß in® vielleicht war es so besser, aber mich hat kein Hinrichtungsakt so wie dieser erschüttert."

Altrömisches Lagerleben in Algerien.

Ein interessantes Neuland landschaftlicher Schönheit und einer bedeutenden alten Kultur wird dein deutschen Leser in einem demnächst in der SammlungStätten der Kultur" (Verlag Klink- hardt u. Biermanu) erscheinenden Buch über Algerien erschlossen, in dem Ernst Kühnel die Geschichte und die künstlerischen Denk­mäler dieses Landes von der ersten Besiedelung durch Phönizier und Punier bis in die moderne Zeit hinein verfolgt. Unter den- zahlreichen Ruinenstätten, die sich besonders in Numidien und Mauretanien erhalten haben, zeichnen sich die römischen Anlagen aus, in denen die das Land besetzenden Legionen kaserniert waren, nachdem das ganze Gebiet zur römischen Provinz gemacht worden war. Im Jahre 100 gründete Trajan die Veteranenkolonie Thamugadi -.Tiingad) und nicht lange darauf wurde auch das feste Lager von Lambaesis begründet, das beste überhaupt erhaltene Beispiel eines römischen Castrums. Von diesen militärischen Mittelpunkten ging dann die Kolonisation aus, und zwar war es die dritte Legion, die hier eine große militärische nud zivili­satorische Tätigkeit entwickelte; sie lag zunächst in dem allen Theveste in Garnison nnd wurde dann im zweiten Jahrhundert ii. Ehr. nach Lambaesis verlegt, das nun eine ganz reine Soldaten­stadt wurde. Die Gruudmauern und Hauptgebäude von Lam­baesis stehen noch zum Teil: sie lassen die ursprüngliche An­lage erkennen. Eine Umfassungsmauer aus Steinquadern, in der sich in Zwischenräumen Plattformen für Kriegsmaschinen befanden, umschloß einen Raum, der 500 zu 450 Meter groß war. Die vier Tore waren von je zwei Türmen flankiert und hatten je zwei Durchgänge. Das Hauptgebäude der Stadt, das sogenannte Prätorium, das ursprünglich mit anderen Gebäuden, offenbar Bureaus, Magazinen, Provianträumen und dergleichen, verbunden war, ist gut erhalten; es ist zweigeschossig, mit vier gewaltigen Durchgängen, die von kleineren Nebenbögen begleitet sind, und weist eilten den Triumphbögen entnommenen Fassadenbau auf: zwei Reihen Pilaster mit vorgestellten korinthischen Säulen, bereit Aufsatz sich von der Mauer loslöst. In einem der an­grenzenden zerstörten Gebäude liegen noch steinerne Schleuder­kugeln aufgehäust. Nach Süden zu gelangte man über eine Estzla-