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hm — Geld!" Jetzt, da der Redefluß der Frau erschöpft war, fand er kein einziges Wörtchen zur Entgegnung.
Als Anndortjen nun zum Schluffe fragte: „Wie richten wir es denn nun ein?" — da legte er die Hand an seine Stirn, wie jemand, der heftige Kopfschmerzen hat, und antwortete: „Ich will's überlegen."
Nun ging Anndortjen mit zufriedener Miene zurück in die Küche.
Als Jan allein war, saß er noch lange Zeit wie erstarrt. Jedes der Worte, die der Mund des Weibes ohne Vorbedacht herausgesprudelt hatte, traf ihn wie ein wohlgezielter Keulenschlag.
Er stöhnte. Warum mußte jetzt, wo er sein eigener Herr war, wo er hm und lassen konnte, was er wollte, jetzt, wo er bloß die Hand nach seinem Glücke auszustrecken brauchte, ihn alles zu einer verhaßten Heirat drängen. Gab es denn wirklich keinen Ausweg? Ihm fiel die Stunde ein, da er Tine warnen wollte vor dem Bruder, und es doch unterließ. Oh, warum hatte er nicht auf Tine geachtet? Er war schuldig. Er mußte büßen.
Es ward Mittag. Tine trng das Essen auf. Sie hatte Schmorwurzeln gekocht, ein Gericht, das Jan besonders liebte. Mit großer Sorgfalt hatte sie es gekocht. Ge- würzig duftete der geräucherte Schweiuskopf, verlockend schimmerten die roten Wurzeln, die Kartoffeln und der leckere Teig, von goldgelber Brühe umgeben.
Tine bediente Jan bei Tisch mit zarter Aufmerksamkeit, während die Mutter das Wort führte.
Anndortjen hatte heute mittag ihre Pantoffeln nicht auf der Diele stehen gelassen. Sie gab sich schon etwas freier als zukünftige Schwiegermutter des Bauern, ließ sich das Essen gut schmecken und wippte beim Sprechen mit beit Pantoffeln ans und nieder.
Die anderen beiden aßen schweigend, während sie sich gegenseitig verstohlen beobachteten; Anndortjen führte Rede und Antwort zugleich.
„Was meint ihr? Ob ich hier noch ein paar Tage bleibe? — Es wird wohl das beste sein, ich ziehe ganz zu euch. Ja, das ist das beste, schon wegen der Leute, und auch weil ihr keine Dienstdeern habt. Wenn Tine mal was an- kommen sollte, bin ich wenigstens gleich bei der Hand. Ich kann dann auch alles einrichteu für die Hochzeit. — Wann soll denn die Hochzeit sein? — Länger als sechs Wochen dürft ihr nicht warten. Wir feiern sie ganz still, bloß die nächsten Nachbarn und der Pastor; Familie haben wir ja nicht. Weinsuppe und Braten genügt wohl? Ja, das ist mehr als gut."
„Ja, habt ihr denn auch ein Gelaß für mich? Na, ich schlafe in Jaks Stube, weun's nicht anders ist; die wird ja so wie so nicht gebraucht."
„Ihr denkt wohl, ich fürchte mich? Nein, ich bin nicht bang. Was kann er mir anhaben, er ist ja tot. Wer tot ist, läßt sein Kieken!"
„Oder meint ihr, daß er umgehen tut? Ach, er wird doch nicht! Ich werde man die Stube tüchtig scheuern und ausräuchern mit Wacholder. Wenn ich dann noch abends meine Schuhe verkehrt vors Bett stelle und morgens gleich spreche: „Alle guten Geister loben Gott den Herrn" — was kann mir dann noch ankommen? — Nein, ich bin nicht bang. Ich gehe alle Jahre zweimal zum Abendmahl und alle vierzehn Tage in die Kirche und stecke jebeSmal einen Dreiling in den Klingelbeutel, da kann einem denn kein Geist was anhaben."
Am Nachmittage hielt Jan es nicht mehr länger im Hause aus. Während Anndortjen mit einem Wolls. rümpfe in der Hand und das Knäuel unter dc>n Arm strickend durch die Ställe ging, schritt er zur Hoftür hinaus auf die Fenne; er mußte mit sich selbst ins reine kommen. Draußen war alles öde und kahl. Der Wind umfächelte feine heiße Stirn; er wurde wieder ruhiger und. besonnener. Zn einem Entschluß aber gelaugte er nicht.
Sein Herz zog ihn zu Frauke Steffens. Sic !var feit Jahren die Erwählte seines Herzens; ihr gehörte feine einzige, seine ganze Liebe. Und Tine? Sie war ihm lieb wie eine Schwester. Sie war seine Jugendfreundin. Er hatte Wohltaten von ihren Eltern empfangen, die unvergolten geblieben waren. Er hatte Tine nicht gewarnt, als es an der Zeit war; aus Bequemlichkeit hatte er es versäumt. Sein Bruder hatte an Tine gesündigt; gewaltsam mußte er das stille, scheue Mädchen an sich gerissen haben. Die Tante gatte es geahnt, sie wollte es aus ihrem Sterbebette gut
machen, und er, Jan Thomsen, er sträubte sich, das Mädchen auf den Platz zu stellen, der ihm zukam? Warum? Weil et eine andere lieber hatte. Sollte Tine deshalb in Len Tod gehen? Ging Liebe über Pflicht?
Aber diese andere war eine edle, reine Jungfrau, klug und gut; und fie liebte ihn.
Aber ließ sich beim bic Sache nicht mit Geld gutmachen? Wenn er ihr alles Gelb gäbe, was auf ber Sparkasse war — aber nein, bas wäre schänblich. An Geld hatte Tine sicher nie gebacht, um Gelb gab sie nicht ihre Mäbchenehre hin. Tine war feinfühlig. Es hieße sie ans beit Tob verwunden, wollte er ihr von Gelb reben.
Solche Gebanken strömten auf Jan ein, als er um bie Hecktore, von einer Fenne in bie andere schritt. Neugierig schauten sich bic kauenben Schafe nach ihm um. Seine Füße sanken bei jebent Schritte tief in beit feuchten Erb> boben. So verließ er endlich bie Fennen nnb trat ans bett Weg.
Dort lag ber Kirchhof bicht vor ihm. Ob er wohl entert Augenblick an bie Grüber ber Verstorbenen trat und ein Gebet spräche? Vielleicht, daß ihm bann die Erleuchtung würbe.
Er blieb an ber Kirchhofspforte stehen; aber es zog ihn nicht zu den Gräbern. Keine Saite in seinem Herzen klang bei. der Erinnerung an bie Toten; er hatte zn wenig Liebe von ihnen erfahren.
Langsam, mechanisch ging er weiter. Jetzt kam er an bes Kantors Garten. Sehnsüchtigen Blickes spähte er bie öbe Stiege entlang wie ein hungriger Bettler, ber draußen an ber Pforte des Reichen steht.
„Jan," hörte er plötzlich hinter sich eine helle Stimme. „Guten Tag, Jan!" Es war Frauke.
„Ich war auf dem Kirchhof, Jan. Willst du zu uns?"
„Nein, o nein." Dunkle Glut überzog Jans Antlitz. Sollte er zum Kantor gehen und fragen, wen er heirate^ solle. Nein, das ging doch nicht gnt au. Er konnte aber auch Frauke nicht deswegen befragen. Nein, wenn er sie fragen würde, ob sie die Seine werden wolle, das Wäre etwas anderes. In dieser Sache ober mit Tine mußte er sich allein raten und helfen. Aber eine verstohlene Frage konnte er doch an Frauke richten. Sie war ja so klug, viel klüger als er; sie wußte viel leichter Rat.
Frauke las aus Jans Mienen, daß nicht alles in Ordnung war. „Fehlt dir etwas?" fragte fie.
'„Ach nein," entgegnete Jan, noch verlegener. „Ich weiß bloß nicht, ich mein' man — vielleicht — du, sag mal, wenn du nicht weißt, was du tun sollst — wenn du wählen solltest zwischen dem, was dir die Pflicht gebietet und was dein Herz wünscht, was würdest dn tun?"
„Aber Jan — die Pilicht, die geht doch über alles!"
Jan war erblaßt. „Ach, Frauke, du weißt nicht, was du mir rätst."
.Frauke mochte wohl eine Ahnung aufdämmern; auch sie wurde blaß. Sie drückte ihm die Hand. „Tu deine Pflicht, Jan," sagte sie leise. Dann ging sie.
Jan sah ihr nach. Sein Blick hing an ihr, bis sie verschwunden war; er umfaßte ihre ganze Gestalt, die feine, schlanke Gestalt, den zierlichen Hals, bas lichte Haar. Und als sie bann verschwunben war, ba war es ihm, als blicke er hinein in eine öde, leere Zukunft. — Eine Woche später erfuhr Frauke, baß Jan Tine Klaseu, bie hinterlassene Braut seines Brubers, heiraten würbe. Von Lieser Zeit an wurde Frauke noch ruhiger und gesetzter als früher; fie ließ aber nichts auf Jan kömmeit.
(Fortsetzung folgt.)
Russische Grausamkeit.
Mau schreibt uns aus Petersburg vom 21. April:
Längst bekannt ist das Martyrium, dem zahlreiche Gefangene in den russischen Kerkern seitens ihrer Folterer im allgemeinen ausgesetzt sind. Die Schreckensszenen jedoch, die hinter den verl- schmiegenen Mauern vor und bei den Hinrichtungen sich abipielen, sind bislang der Oeffentlichkeit vorenthalreu geblieben. Numneyri bringt ein entsetzlicher Schrei über dieses Kapitel menschlicher Leiden an die russische Gesellschaft. Dem ehemaligen Tumaabgeordueten Lomtatidse ist es nKmlich gelungen, ans dem Gefängnisse von -seba- stopol heraus ein Schreiben über seine diesbezüglichen (mebnt,,e an die Opposition in der Turnst gelangen zu lassen, und diel es Schreiben wirkt trotz aller Erfahrungen über die Greuel der richt- schen Henkersjustiz aufs neue erschütternd. Kein Wunder, wenn der Mann schreibt, daß er es vorziehe, alle Entbehrungen, bie UM infolge dieser Handlung zuteil werden dürften, auf sich zu nehmen, o länger zu schweigen.


