1909
Donnerstag den 29. April
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MS
Spätinghof.
Montan von K. v. d- Eide r.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Gegen Mittag kam Tines Mutter. Sie kam auf klappernden tzotzpaittoffeln, ein graues Umschlagetuch um die Schultern, ein hochrotes Kopftuch um das dunkle Haar geknotet. So tvar sie den Weg von Ramstedt her gegangen.
Sie traf Tine in der Küche, und ihr scharfes Auge sah sofort, wie es um die Tochter stand. Sie sah auch den nassen schwarzen Kleiderrock am Herde zum Trocknen hängen, und der Rock sah so beschmutzt und zerknüllt aus, daß Ann- dortjen kaum wußte, ob sie dem Kummer oder dem Aerger zuerst Luft machen sollte.
Der Aerger siegte schließlich. „Aber Deern, Deern," rief sie in weinerlichem Tone, „das schmucke Abendmahlskleid, was acht preußische Taler gekostet hat! Wie kannst du das bloß so ruinieren? — Und wie siehst du aus, Deern? So kommst du mir unter die Augen! Ist es denn wirklich ioahr, daß Jak Thomsen dich in Unehren gebracht hat? Ich wollt's nicht glauben, ach, ich armes Mensch, was fang' ich bloß mit dir an? Der abscheuliche Mensch, und nun ist er auch noch tot. Deern, Deern, wie konntest bii mir das antun!"
„Er hat mich behext," fliisterte Tine.
„Ja, siehst du, das hast du nun davon, ich wollte gleich nicht, daß du hierher solltest, aber du hörtest nicht, nun sieh zu, lute du durchkommst. Ich muß für mich selbst sorgen; jeder ist sich selbst der Nächste. Du kannst nun man ins Arbeitshaus gehen, dich nimmt doch keiner auf."
Tiue wollte sprechen, aber die Alte ließ sie nicht zu Worte kommen. „Du, so 'ne schmucke Deern, konntest dein Glück gemacht haben, und nun — wer nimmt dich nun? — Seht" ...
„Jan will mich heiraten; er hat es mir versprochen," antwortete Tine leise.
Die redselige, erboste Frau war einen Augenblick wie auf den Mund geschlagen; aber sie verstand es, sich rasch zu wenden.
„Was, Jan? Der gute Junge! Na, es ist ja auch eigentlich nicht mehr als recht und billig, dann gleicht es sich ja aus. Na, dann danke man Gott, daß es so ablänft; du kannst gar nicht besser tun. Es hat doch seine Richtigkeit?"
„Ja, ach ja."
„Dann will ich man gleich mal mit ihm sprechen, ich hab' doch auch ein Wort mitzureden. Wo ist er?"
„In der Wohnstube."
Anndortjen ging die Diele entlang. Sie klopfte an die Wohnstubentür, trat auf Strümpfen ein und ließ ihre Pantoffeln vor der Tür stehen.
Es entging ihr nicht, daß Jan ihr etwas verlegen und bedrückt entgegenkam. Nein, so recht geheuer war das nicht mit dem Heiraten. Vielleicht gereute ihn sein Versprechen schon wieder. Anndortjen verstand sich darauf, Menschen von Jans Art zu durchschauen. §ier mußte sie den Knoten eilends fester schürzen, ehe er sich löste.
„Guten Tag, mein Jung," sagte sie. „Sieh mal an, wie groß und schmuck du geworden bist. Ins Sofa foll ich hinein? Nein, das kommt mir als Kleinemannswitsrau nicht bei. Ich setz' mich in den Lehnstuhl, wenn's nicht anders sein kann. Ja, ich bin nun extra herübergekommen von Ramstedt, um hier nach dem Rechten zu sehen. Das war ja eine böse Geschichte. Die Altsche, der gönnte man ja die Ruhe — hat sie ein leichtes Ende gehabt?"
„Ja," sagte Jan — ihm stand der letzte Augenblick per Tante deutlich vor Augen.
„Aber Jak," fuhr die Frau fort, „der hätte ja noch lange leben können; der konnte noch Frau und Kinder haben, und wenn er noch lebte, dann 'hättest du wohl nicht den Hof gekriegt — so leicht nicht — Tine" . . .
„Ja, ich möchte mit Ihnen über Tine sprechen." Jan raffte sich auf.
„Weiß ich all," winkte Anndortjen ab. „Tine hat mir alles gesagt, daß du sie nun freien willst, und" . . . Jan räusperte sich, sie ließ ihn jedoch nicht zu Worte kommen — „eigentlich ist es auch nicht mehr als recht und billig. Eigentlich sollte ich böse sein, daß du nicht ein bißchen auf die Deern aufgepaßt hast und sie gewahrschaut hast, wo Jak so einer war. Er hat sie richtig behext — denn Tine ist ein anständiges Mädchen. Na, du wirst mit ihr nicht betrogen, sie ist arbeitsam und sparsam, und jung und schmuck ist sie doch auch. Was willst du mehr verlaugen? Und du tust deine Pflicht an ihr, daß du sie wieder zu Ehren, bringst, denn mit Geld läßt sich so was nicht gut» machen."
Jan dachte nicht mehr daran, die Frau zu unterbrechen. Er saß, die Hände in der Tasche, schief, in nachlässiger Haltung auf seinem Stuhl und starrte vor sich hin.
„Ja, nun kann ich es endlich auf meine alten Tage auch noch ein bißchen gut kriegen," fuhr sie fort. „Das hab' ich wohl verdient an deine selige Mutter. Wie hab' ich sie gehegt und gepflegt. Ich allein hab' ihr die Augen zugedrückt, als sie eingeschlafen ist, und euch hab' ich mit mir herübergenommen und hab', so arm ich war, mein bißchen Essen mit euch geteilt. Was hab' ich davon gehabt? Nichts als eir.cn behexten Dreigroschenstuten." Bei dem Gedanken an den Stuten übermannte sie die Rührung, sie führte ihren Schürzenzipfel an die Augen.
„Aber nun ist ja alles gut. — Denn wenn du Tine nicht heiraten würdest, dann könnte sie man ins Wasser gehen, anderen Rat wüßte ich nicht."
Jan stöhnte auf. Er hatte mehrmals die Frau unter- brechen wollen; er hatte rufen wollen: „Es ist ein Irrtum; ich kann Tine nicht heiraten, aber ich will etwas für sie


