Ausgabe 
29.3.1909
 
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losesten zu geben weis;, keines schwer zu findenden Wortes be­darf und keine Zeit zu wählen braucht das heMj alsv: jene! Aufklärung, die gar nicht nötig wurde. Lügt man dem Kinde, bevor cs zu denken versteht, nicht diesen läppischen Unsinn vom gefähr­lichen Storchenschnnbcl und der gebissenen Mutter vor, so braucht man, wenn das Kind zu denken und zu fragen beginnt, nicht um neue Lügen verlegen 51t werden. Hört ein Kind von Anbeginn nichts anderes, als daß die Menschen geboren werden, so wird es dieses heiligste aller Schöpfungswunder so harmlos hinnehmen wie jede andere, unvcrschleierbare Natürlichkeit seines kleinen Leibes. Freilich darf man dann auch das zarte Schamgefühl, dass die Natur jedem werdenden Geschöpfe mit ins Leben gibt, nicht dadurch verbilden, das; man ihm predigt, sein Hemdchen wäre um anständiger als sein Gassenkleidchen und ein nackter Mensch wäre was anderes als ein bekleideter. .Ist denn die Wahrheit in diesen Dingen nicht tausendmal schöner und reinlicher als jede Lüge, die' ihr für das Kind ersinnen könnt? Märchen, die dem Kinde eine schwerverständliche Harte und Bitternis des Lebens ver­hüllen, sind Wohltaten. Aber es gibt auch Märchen, die für die Entwicklung einer jungen Menschenseele gefährlich und von imbcrechenbarem Schaden sind. Solch ein mörderisches Märchen ist die Storchenfabel. Während der.Jahre, in denen die Liebe zu Vater und Mutter im Herzen eines Kindes Wurzel schlagen soll, unterbindet ihn« diese Lüge den zärtlichsten seiner kindlichen Lebens­triebe, stiehlt ihn; das liebeschaffende Bewußtsein, daß es Blut vom Blute seines Vaters und Fleisch vom Herzen seiner Mukteri ist - und verzerrt ihm die Kindesbiobd zu einer gedankenlosen Gewohirheit, zu einer Utilität, zu einem ablohnenden Danke für Futter und Wärme, für unbegreifliche Opfer und für den Zufall grundloser Liebkosungen. Kommt bent Kinde die Erkenntnis der Wahrheit, so kommt sic in vielen Fällen '31t späh. Ich befürchtet daß unter hundert Elternpaaren ein erschreckender Prozentsatz den Unverstand solcher Lügen mit vorzeitiger Vereinsamung büßen muß, mit einer verfrühten Loslösung ihrer Kinder aus der Blnt- und Seelcngemeinschaft der Familie. 1

Ich erinnere mich mit süßem Zittern eines Tages meiner! Kindheit, an dem zwei Jahre nach der Geburt meines Bruders - eine Kuh int Vatikan des Heiligen Vaters*, kälberte. Ich stand dabei und sah erschrocken dieses nicht sehr reinlich sich voll- ziehende Lebenswunder mit an. Und mußte ratlos fragen:

Wo kommt denn das Kälble her?"

Der Domini mit seinem klugen achtjährigen Lächeln sagte: Aus der Kuch kommt's raus."

Wie isch es denn da hineingekoniiite?"

Narrte, 's isch gwaxe in der Kueh, wie du in deiner Mnedr gwaxe bischt!"

Als ich an jenem1 Tage heim kam, mußte ich die Mutter immer ansehen, lind mußte die Arme um ihren Hals klammern, mußte! sie küssen und liebhaben. Die Mutter fragte immer:Kindle, was hast du denn?" Aber ich konnte nicht antworten, konnte, nur in Freude weinenj, nur küssen in heilster Zärtlichkeit. Und als ich hinaufkam irr die Kinderstube,1, wso das kleine zweijährige, Kerlchen in seinen Kissen lag, da nahm ich dieses winzige Händchen an meine Wange itiib begriss zum erstenmal, was das heißt: ein Bruder, ein Geschwister!

Man rühmt den Familiensinn der Juden, ihre treue, jede Not des Lebens und auch das iGrab überdauernde Kindesliebe. Dieser kostbare Besitz der jüdischen Familie guillt aus keiner Eigen­art der Rasse. Nein! Ich war zehn Jahre Journalist in Wien. Da lernt man Juden kennen. Sehr viele, lind ich habe gefunden', daß in jüdischen Familien alle Wichtigkeiten der Menschwerdung von den Kindern viel natürlicher und verständiger genommen und besprochen werden, als die verkrüppelte Sittlichkeit unsererchrist­lich-arischen Kultur" das zuläßt. Die jüdischen Väter und Mütter genießen in der tieferen Liebe ihrer Kinder die Frucht des Ver­nünftigem.

Die schönen Wunder und Geheimnisse, die seit Ewigkeiten die Entstehung des Lebens umweben, sind ungefährlich für das Kindcr- gcmüt. Gefährlich sind nur die läppischen Tuscheleien, zu denen man. aus falscher Scham dieses ewig Schöne entstellt. Man soll nicht Experimente machen, keinen Versuch unternehmen, dem Kinde ein verfrühtes Verständnis auszwingen, für das es noch nicht reif geworden. Aber man soll das Aufblühen dicfes Ver­ständnisses auch nicht durch törichte Verschleierungen hindern, soll nicht ein Kind durch systematische Lügen aus dunkle Wege führen, au; denen eine schwüle, beklemmende Furcht, die das Resultat eurer Geheimniskrämereien ist, dem Kinde das verwehrt: offen und ehrlich mit, Vater und Mutter zu sprechen, wenn es ein Un- erstandene- bei Menschen und Tieren sieht oder von Wnnder- lichketten seines jungen Leibes befallen lvird.

Nennt vor dem Kinde - schon von der Zeit an, in der e'äl itccl; mcht hört, in der es noch auf euren Armen und an eurc'm Herzen ruht alle natürlichen Dinge des Lebens bei ihrem' rechten Namen! Dann, wird dem Kinde, wenn es zu hören beginnt, alles Natürliche schon eine harmlose Gewohnheit sein, und cs wird nicht llrsnchc zu Fragen finden, die euch verlegen machen, und deren Beantwortung euch widerstrebt. Kommen solche Fragen doch, dann sollt ihr, wMn ihr eine unbedenkliche

*) Spitzname eines Nachbars. Dl R.

Antwort nicht zu finden wißt, statt einer Lüge lieber sagen: Ich weiß bas nicht!" Es ist mir in Erinnerung geblieben, daß mir in der Kinderzeit einmal das unerklärliche Gebaren zweier Hunde anffiel: und ich fragte die Mutter: .Was macht denn das Hundert da?" Sie sagte ruhig:Da mußt du das Hundert fragen! Wie soll ich denn wissen, was ein Hundert tut und will !" Man kann uni die Klippe einer Kinderfrage immer herumkommen, ohne daß män lügenhaften Unsinn sagen muß. Und wachsen die Kinder heran, und redet ihr gelegentlich von Dingen, die man vor Kindern nicht gerne erörtert, so sprecht, meint ein Kind zur Türe hereinkommt, ohne Sorge weiter, ohne Verlegenheitspause, die dem Kinde auffällt und feine Neugier weckt. Hütet euch aber auch, in Gegenwart eines Kindes von Dingen sprechen zu lvollen, bei denen ihr das Kind aus der Stube schicken müßt, weil euch die Nähe seiner Ohren unbehaglich ist. Seid reinlich in euren Worten, reinlich in eurem eigenen Leben, so wird auch euer Kind bei mählich wachsendem Verständnis feine natürliche Reinheit ungetrübt bewahren. Dann ist keine Aufklärung nötig und ihr könnt alles weitere dem Kinde selbst überlassen. Es wird hören, hören und wieder hören, wird fragen oder schweigend denken, wird alles Natürliche mit gesunder Harmlosigkeit hin­nehmen, wird im Verständnis dieser Dinge Schritt halten mit seiner geistigen und körperlichen Entwicklung, und ' wird ohne Gefahr erkennen, was es wissen soll, bevor die Regungen seines Geschlechtes beginnen. >

Freilich, die Offenheit in natürlichen Dingen genügt für sich allein noch nicht, um die Erziehung eines Kindes ojuf gute und gesunde Wege zu führen1. Dazu ist noch manches andere nötigt, Statt dieses Notwendige zu erörtern, will ich ein Wort zitierens, das mir lieb ist. Seit mehr als zwanzig Jahren verbindet mich mit Franz von Defregger eine herzliche Freundschaft, die mir ans Bewunderung für den heiter schaffenden Künstler und aus Verehrung für diesen seltenen Menschen entsprang. Er ist Vater von glücklich gearteten und prächtig geratenen Kindern, die man nur eine Minute zu sehen brauchst, um sie liebzugewinneN. Und da fragte meine Frau einmal:Sagen Sie mir, lieber! Herr Professor, wie machen S-ie das nur, daß! Ihre Kinder soj famos erzogen sind?" Mit einem Lachen in den brumtenklaren Augen sagte er in seiner ruhigen Art:

Das ist sehr «einfach. Vormachen mutz man's ihnen hält!"

Ich glaube, das ist die goldene Regel der Erziehungskunst.

Dar Volkslied in Cberheffen.

Zu der kürzlich veröffentlichten Abhandlung des Herrn Pfarrers Schulte sandte uns Herr Reichstagsabgeordneter1 Köhler einen längeren Hinweis aus den Berbrcitungskreis des LiedesMs unser Herr Jesus zu Tische saß", den. wir an Herrn Pfarren Schulte weitergegeben haben. Bezüglich des von ihm ,s. Zt. mitgeteiltcn Amselliedes macht er uns noch folgende dankens­werte Angaben.

Diese prächtige Volksweise ist nicht nur in Bettenhausen, sondern auch in. Bellersheim, den angrenzenden Dörfern, in der Wetterau, um Berstadt herum bekannt, während in dem nahe- gelegiuen Langsdorf die entsprechende minderwertige Soldatcn- iccife *) die edle Bettenhäufer-Wetterauer Weise längst verdrängt hat. Im weiteren bin ich veranlaßt, das Amsellied in einer ucueren und besseren 9tStation, wie ich sie Herrn Pfarrer Schulte, und früher schon Fran Elsa Laura von Wolzogen cinsandte, zu veröffentlichen. Tie bessere musikalische Ausge­staltung der so überaus schwierigen Weise verdanke ich fast einzig dem musikalischen Talentunsrer lieben Frawe", Fran Dorchen Köhler, geb. Bommcrsheim, einer geborenen Bettenhäuserin, und dereml musikalisch gleichbefähigten Vetter, dem1 Organisten an der Stadt­kirche, Herrn Reallehrer Heinrich Müller zu Friedberg. Denn! nichts ist schwieriger, als so ein Volkslied aus Volkes Mund heraus auf Noten und Takte zu bringen. So mühe ich mich seit mehr als 14 Jahren schon um die richtige Notation des Amsellieds'; und wenn ich meinte; nun aber ist's richtig, dann sand sich's in kurzer! Zeit, daß doch noch gar vieles anders notiert war', als es im Volke wirklich erklang. Meine erste Notation des Amsellie'des sandte ich vor 14 Jähren gelegentlich meiner Mithilfe am Erk-BöhMeschcn Liederhort an Pros. Franz Magnus Böhme, jenen größten von. Deutschlands Volksliederforscheni, der nun seit dem! 18. Oktober 1898 unter der Erde ruht. Und er ant­wortete mir:Nicht herauszukommen! Aber das gleiche Schicksal wie Herr Köhler-Lugge (mein damaliger Unterscheidungs-Name), hätten andere und zwar musikalisch geschulte Leute: Jeder hat anders' notiert: Erk (nicht besonders), Böhme (anders), Audrs in Offenbach (anders), Wolfram: in Dillenburg (anders). Takt- wechscl tritt mehrfach ein; aber wo? Tas ist schwer zu bestimmen."

Der Schwierigkeit der Unterordnung des' Textes unter die Weise und auch des veränderten 5. und 6. Taktes halber gebe ich hierunter nochmals das ganze Amsellied:

*) Erk-Böhmescher Liederhort, Band II S. 346, ausgezeichnet nach meiner Notation vom Jähre 1882 im' Gießener Infanterie- Regiment Kaiser Wilhelm.