198
sich vor Lachen. „Na, nun erzähl' wenigstens, wie sieht es aus auf Spätinghof? Wann komiucn die Jungens dahin?"
„Morgen."
„Holt uns Tante mit der Kutsche?"
„Ja, sic holt euch."
„Schuftaar, Mistkäar, Kutsch, Kiejohl!" sang Jak.
„Ist cs da richtig so schrecklich fein, wie die Jungens sagen, Vatter?"
„Na ja, es läßt sich halten. In der Marsch ist es doch allerwegens fein."
„Ja, ja, ich weiß, in der Marsch ist es fein. Da tragen die Dienstdeerns Samtjacken mit kurzen Aerrneln und gestrichenem Rock und 'ne Weiße Schürze dazu. Da gehen alle Leute in Strümpfen und Stiefeln, sogar in gewichsten Stiefeln gehen sie."
Jak und Jan sahen auf ihre Holzpantoffeln. „O weh!"
„Moder, ich möchte auch so furchtbar gern nach der Marsch; ich kann ja Dienstdeern werden," bat Tine schüchtern. „Stieseln hab' ich all."
„Bleib du man hier, mein Seern," sagte der Vater und nahm sie zärtlich vor sich zwischen seine Knie. Er strich ihr über das dunkle, prächtige Haar. „Dn sollst viel was Feineres werden, nicht wahr, Moder? Dn sollst später nähen lernen bei .Greifen Lorenz, und nachher kriegst du eine Maschine und gehst bei den Bauern herum zu nahen als Nähderin. Da hast bn eine warme Stube und gut Essen und Trinken. Das ist 'ne feine Spekulation, was?"
„Ja," pflichtete Anudortjen bei, der die Rede ihres Mannes viel zu lang wurde. „Abends bist du denn bei un». Wenn dir nur nichts passieren tut, wenn du abends im Dunkeln vom Hos gehst. Wenn du nun verbiesterst oder vom Heckbrett abrutschtest rnib in den Graben fällst oder dir ein Bein brichst ! — Es passiert doch heutzutage schrecklich viel in der Welk."
Ein Klopfen au der Tür unterbrach Anndortjens Redefluß. Ein faltiges, von einem grauen Scheitel umrahmtes Gesicht lugte durch die Türspalte; im Hintergründe wurde Niels Wuschelkopf sichtbar.
„Man immer herein. Nasche Schaue, man immer 'rein," rief Gert Klaseu.
„N'abend, Nahwer, n'ubenb, Nasche. Ich wollt bloß mal lauern, wie das geworden ist. Niels erzählt mir vom großen Christoffer, wunder wie großartig es auf Spätinghof zugehen soll."
„Na, es läßt sich halten," meinte Gert bedächtig, ohne aufzusehen.
„Das wollt' ich meinen! Als ich früher bei den alten Goos' kam, da war auf Spätinghof man 'ne simple Wirtschaft. Aber sie haben mir doch immer was abgekauft, und ich kriegte jedesmal meine Tasse Kasfee und mein Stück Stuten. Bei Mamsell komme ich nicht- Die wollte mir für zwei Duppen Zwirn bloß anderthalb Groschen geben, Wo doch das Stück einen Groschen kosten tut. Ich sage, nein, ich laß mich nicht handeln. Ich bin doch kein Jude! Seit der Zeit bin ich nicht aus Spätinghof gewesen. Hab' aber nicht viel Gutes davon gehört."
Gert machte der Sitten ein Zeichen zum Schweigen. „Kleine Mäuse haben auch Ohren!" sagte er, was so viel heißen sollte als: Kinder hören -auch.
„Ach so," lenkte Schaue ein. „Na, reich mag sie ja sein. Es häuft sich mit den Fahren. Ich wollte, ich hätte etwas von ihrem Reichtum."
„Ich nicht, Nasche," sagte Anudortjen. „Bei uns arme Leute ist das Geld ja doch nicht sicher. Dann kommen gleich Diebe und Einbrecher und nehmen einem alles fort und morden einen womöglich noch, wenn man nachts im Bette liegt und schläft. Die reichen Leute können sich auch nicht mehr als satt essen. Aber ivirtschaften möchte ich wohl aus solchem, großen Hofe, da sollte Sie mal sehen, Nasche, wie das alles blitzen und Muttern würde."
„Das glaube ich wohl," sagte Schaue, und ihr Blick glitt über die weißgekälkten Wände, an denen kein Stäubchen hing, und blieb auf dem weißgescheuerten Fußboden haften, auf welchem stellenweise noch der zierlich gestreute weiße Sand sichtbar war.
Mit flinken Händen räumte Anudortjen ab. Gert hatte sich die Pfeife angezündet und legte sich lang ans die Ofenbank.
„Ich koch' uns noch- 'ne Tasse Tee," flüsterte Ann- dortjen Schane ins Ohr, „denn kann Nasche noch mal sehn, tvas im .Teegrund liegt. — Geht zu Bett, Jungens," fuhr
sie lauter fort, „Tine, dn auch. Jak, geh inan mit Niels hinüber; es ist die letzte Nacht."
Die beiden großen gingen, auch Jan Und Tine entkleideten sich imb schlüpften jedes in eines der großen Wandbettstellen. Sie krochen unter die dicken, rotbaumwollenen, tarierten Bettdecken und ließen die Türen offen. Sie bekamen noch jedes einen Schluck süßen Tees; sie hörten auch noch einzelne Worte von der leise geführten Untcr- haltnng, wie: arme Kinder, großes Unrecht, alte Hexe. Dann überfiel sie der Schlaf.
Jak und Niels schliefen nicht sofort; die Ereignisse des Tages spukten noch in ihren Köpfen. Sie schliefen zusammen und rissen sich um die schmale Bettdecke.
Jak malte dem anderen in rosigen Farben seine Zu- knnft aus.
„Du Jak," bat Niels, „sorge doch auch für mich, iöenn du nachher so gräßlich reich bist."
„Ja, wenn du mir mehr Decke abgibst."
Niels gab drei Viertel des Deckbettes hin.
„Du kannst nachher Großknecht bei mir werden," sagte Jak großmütig.
„Bin ich da auch groß genug zu?"
„Na, wachsen mußt du noch."
„Jedes Jahr einen Kopf, ist das genug?"
„Das ist übergenug," sagte Jak gähnend. Dann sprachen sie nicht mehr.
Eine Stunde später erlosch in der Deichkate das letzte Licht.
(Fortsetzung folgt.)
Aufklärung und Aindererziehung.
Von Ludwig Gaughose r.*)
Meine Schwester war Nach Ottobeirern iit die Mädchenschule gekommen und brachte im Kloster Wald mit ihren Streichen die frommen Frauen zur Verzweiflung. Ihren Platz in der Kinderstube zu Weiden hatte mein kleiner Bruder Emil eingenommen, ein lungenkräftiger Schreihals. Meine Mutter erzählte mir in späteren Jahren, daß ich bei der ersten Nachricht von der Ankunft eines Bruders gefragt hätte: „Kann er schon kraxeln?"
Ich führe das an, lueil es zeigt, wie viel ich damals von beit Quellen des Lebens wußte. An der Erscheinung der Mutter war mir keine Veränderung ausgefallen. Ich sah nur plötzlich: der neue kleine Kerl ist da, und die Mutter ist vor Freude krank geworden und dazu ein bißchen mager. An den Bogel mit dem langen Schnabel glaubte ich nimmer — und zwar deshalb, weil es mir schrecklich zu denken war: der dumme Storch hätte sich im Schornstein irren und mich in eilt anderes Haus bringen können - und dann wären Mama und Papa für mich zwei wildfremde Menschen gewesen.
Aber für den Storch, der mir nimmer gefiel, mußte ich einen Ersatz haben. Und so begann der schöne, geheimuisvollei Kindles - brunnen in meiner suchenden Phantasie zu rauschen. Hätte ber Baier diesen Brunnen int Wald gesunden? Immer dachte ich darüber nach. Aber ich sprach zu keinem Menschen davon und fragte niemand — weil mich beim Denken an diese Dinge immer eine, seltsame Angst erfüllte, eine wunderliche, unbezwingbare Scheu —- so ähnlich wie das quälende und dennoch neugierige Zittern, das mich jedesmal befiel, wenn ich in der Weihnachtswoche durch das Schlüsselloch einer verriegelten Türe guckte. Manchmal zweifelte ich awch am Kindlesbrunnen und hatte Ahnungen, die ber Wahrheit na bekamen. Die Lieder, die ich von der Gasse heimbrachte, und was meine Kameraden mit Geschmnnzel schwätzten, und was ich die erwachsenen Burschen in den SpinustUben und ans dem Felde reden hörte, und was man int Dorfe an den Tieren sah - all diese Dinge wurden zu einer unheimlichen Schule des Wissens. Man wußte alles und wußte dennoch nichts. Die Augen sahen, die Ohren hörten: aber das schwül angehauchte Knaben - gehirn zog immer falsche Schlüsse, tat nie einen geraden Sprung, säubern machte immer wieder märchenduselige Hinwege, auf denen die Blumen verzauberter Gärten blühten.
Man soll die Kinder rechtzeitig auf klär en. Ber schleppte lkuwissenheit in natürlichen Dingen ist eine latente Lebensgefahr. Aber einen vielfarbigen Kinderglauben anszu- tauschen gegen eindeutige Lebenswirklichkeiten — das ersehest t mir als 'eine ber schwierigsten Erziehungsküttste. Wie viele Bäte.. Mütter oder Pädagogen gäbt es, die da immer das rechte- Wort zu finden wüßten? Denn ein falsches Wort zerstört da mehr, als es baut. Und wer weiß für solch ein Wort, wenn es schon das rechte ist, auch intimer die rechte Zeit zu finden? Kommt es zu spät, so ist es überflüssig und lächerlstchj. Kommt es zN früh, so wird deut Kinde mehr genommen als gegeben.
Ich glaube, daß vou allen Aufktärnngsm et Hoden jene di- beste, gesündeste und ungefährlichste ist, die sich antl absichts
*) Aus dem „Lebenslauf eines Optimisten", den der beliebt Romanschriftsteller in den „Süddeutschen Monatsheften" erzählt.


