— 674 —
Nelda schritt hastig an den Kindern vorbei, erstaunt I sahen diese sie an — heute gar keinen Blick? Der älteste, Wilhelm, haschte nach ihrem Kleid. „Du darfst nicht zur Mama, du sollst überhaupt nicht bei uns kommen; heut morgen hat's die Mama gesagt. Ich Hab' es ganz genau I gehört, du sollst nicht!"
„Laß!" Nelda riß ihr Kleid los, sie achtete nicht auf das Geschrei des Knaben. Nun stand sie an der Schlafstuben- tür, nun klopfte sie — kein: herein. Noch einmal und noch einmal kräftiger.
„Wer ist da?" , I
Sie gab keine Antwort; die Knie zitterten ihr, sie i lehnte sich schwer gegen den Pfosten. Da — die Tür ging I auf, Frau Elisabeth streckte ihr verstörtes, rotgedunsenes Gesicht heraus, fuhr mit einem Aufschrei zurück und suchte hastig wieder zu schließen. Nelda drückte mit aller Kraft I gegen, jetzt drängte sie sich hinein.
Sie standen sich gegenüber in dem verdunkelten Raum, I keine fünf Schritt voneinander. Mit tiefem Mitleid sah I Nelda die dick verweinten Augen der jungen Frau, es gab I ihr einen Stich durchs Herz, sie stammelte: „Verzeihen I Sie, o, verzeihen Sie mir! Um Gotteswillen, sagen Sie, wo ist ihr Mann? Ich muß ihn sprechender darf sich nicht duellieren meinetwegen!" Sie hatte leise begonnen, | jetzt hob sich ihre Stimme lant und angstvoll. „Ich muß | ihn sprechen, es darf nicht sein, es kann nicht sein! will's ihm ja sagen, ich will's ihm ja sagen, ich bin nicht I unschuldig. Röntheim hat recht, sie haben alle recht. Sagen Sie mir, wo Ihr Mann ist, rasch, rasch, ich habe Erle, cs ist höchste Zeit — o bitte, sagen Sie nur, wo rann ich ihn sprechen?" ~
„Das ist alles zu spät," sagte die junge Frau finster. Sie lehnte gegen den Bettrand, die Arme über der Brust gekreuzt. „Er muß sich nun schießen, er soll sich nun auch schießen — und wenn sie ihn mir tot nach Hause bringen, das ist das schlimmste nicht!" Sie unterdrückte das Schluchzen, das ihr laut aufstieg. „Nein, ich will nicht weinen, er ist es nicht wert! Für eine Fremde setzt er sein Leben auf's Spiel, vergißt er uns! Zieht ein leichtsinniges Mädchen der Frau vor, die ihm immer, ja immer treu war, \ die ihm fünf Kinder geboren hat, die" — die Tränen kamen ihr doch, sie weinte laut heraus. „Ich habe so gespart, ich habe mich immer so gefreut, wenn ihm was recht war!" Sie konnte nicht weiter sprechen, sie hielt sich das Taschentuch vor's Gesicht und rannte wie eine Wilde rm Zimmer auf und ab.
„Frau Elisabeth, wo ist Ihr Mann? Ich bin in Todesangst — erbarmen Sie sich, sagen Sie rasch, wo ist er? \ Ich will zu ihm. Hören Sie, hören Sie doch, es darf ! kein Duell stattfindeu! Wo ist er? Haben Sie Mitleid!' । Nelda streckte flehend die Hände aus. „Ich bin so unglücklich!"
„Unglücklich?!" Gereizt ließ die junge Frau das Taschentuch fahren, ihre Augen blitzten zornig. „Sie und unglücklich?! Angst haben Sie vor allem, was Sie ungerichtet haben. Sie haben mir meinen Mann genommen, den Kindern ihren Vater! Meinetwegen sollen Sie ihn totfchießen; für mich ist er doch hin! Mag er tot sein oder nicht, ich gehe fort von ihm. Mit den Kindern will ich mich in irgend einen Winkel verkriechen, da will ich drüber liachdenken, wie glücklich ich war und wie unglücklich ich jetzt bin! Er hat mich betrogen, hundertfältig, tausendfältig. Hier," — sie stieß mit dem Fuß gegen die Bettstatt, daß sie krachte — „hier bin ich glücklich gewesen! Was habe ich für ihn getan! Und er wirft das alles weg wie gar nichts, wegen einer verrückten Idee, wegen einer fremden Person! Ich — ich werde hintenan gesetzt!" Sie griff sich mit beiden Händen in die blonden Haare und wühlte darin, in wildem Schmerz warf sie sich fast schreiend über das Bett.
Nelda stand wie erstarrt, sie wollte sprechen und konnte nicht. Instinktiv fühlte sie, da war kein Wort des Verständnisses möglich zwischen ihr und der da; ein brennender Schmerz um den Mann durchzuckte sie — weh, ihre Schuld! Langsam schlich sie dem Bett näher, wie geknickt, und strich mit zitternden Fingern den Rücken der Weinenden. „Sie tun ihm unrecht — wo ist er?" In Verzweiflung bebte ihre Stimme. „Ich will ihm sagen, daß —"
„Unterstehen Sie sich!" Die Liegende schnellte auf Und starrte sie haßerfüllt an. „Sie haben ihm nichts Zu sagen, gar nichts, er ist mein Mann, er geht Sie
nichts an! Was wollen Sie hier?" Sie packte Nelda, bei den Schultern und rüttelte sie. „Giehen Sie, machen Sie, daß Sie fortkommen!" Sie stieß das Mädchen vor sich her. „Ich will allein fein — hören Sie?" Jhrej Füße stampften den Boden. „Allein fein!" Ein Ruck — Nelda stand draußen, krachend flog die Tür zu, der Schlüssel! wurde umgedreht. Drinnen wieder das schreiende Schluchzen. ,
Keine Hilfe! Nelda wankte an den erschrockenen Kindern vorbei; alle drückten sich auf ein Häufchen. Langsam, sich ans Geländer klammernd, tastete sie die Treppe hinunter.
Nun stand sie auf der Straße, ein scharfer Nordost schnob ihr entgegen. Wohin? Nach Hause — •—? „Nem!' Sie schauderte und biß die Zähne aufeinander. Die Mutter, anders wie Frau Xylauder und doch wie eine Rasende; der Water, ganz zusammeugebrochen, kein Wort des Vorwurfs, nur bittere Tränen, die ihm über die Wangen flohen. Zum erstenmal, daß ihn sein Kind weinen sah. Eine wahn- sinnige Verzweiflung überkam das Mädchen — nur nicht nach Haus! Aber wohin---?
Wie eine Irre sah sie um sich. Da war die Chaussee mit ben einzelnen Häusern in den verschneiten Gärten, der Himmel grau, schwer — und hier, hier aus der Brust ein gräßlicher Druck. Er spannte sich ihr um die Mitte wie ein eiserner Reif; kein Atemzug mehr frei und leicht, kein Gedanke mehr, kein besondrer Schmerz mehr, auch keine Tränen mehr. Eine dumpfe Stumpfheit
Der Wind fegte ihr die Haare ins Gesicht und riß an ihren Kleidern; sie schwankte, taumelte und torkelte daun weiter. Ihre Füße glitten aus im weichen Schnee, nun stand sie oben auf der Böschung; so weit war fio schon gegangen?! Ihre seltsam starren Augen blickten zurück; ganz hinten lagen die Häuser. Kein Mensch —
i sie war so allein — eine weite, stille Schneeflache, der schwere Himmel darüber. Utii) unten der Rhein. Ihr war so heiß auf einmal — glühend! Das ivar es kühl!
Vorsichtig, halb kletternd, halb rutschend, kam sie die Böschung hinab; sie stand am Ufer neben den Weideu- büschen, die waren jetzt starr und tot. Ihre Zweige hingen hinab auf die dünne Eiskruste, auf der Schnee lag, den das nagende Wasser schmutzig gefärbt. Der Wind stöhnte über den Strom, er blies ihr ins Gesicht und knisterte in den Eisschollen; leise schoben sie hin und her. Regungslos stand Nelda, die Hände krampfhaft gefaltet. Es kam ihr plötzlich in den Sinn: ,
Packt Sie da nicht auch die Lust, hinab zu springen und sich im Untergehen willenlos treiben zu lassen, Gott soeiß wohin?" Er hatte das gesagt am Ballabend auf der | ^3xü(fc
„Da müßt ich sehr unglücklich sein, so unglücklich, wie ich's mir gar nicht denken kann!" War sie es, die das I erwidert hatte? — — — ■—
Mtda'sagte^es^laut, daß es in den Wind hineinschallte. Und daun kam's über sie wie ein großes Erfreutsern; jetzt wußte ie, wohin. Sie drückte die Augen zu und tappte blind vorwärts, das Eis knackte und spritzte ihr ins Gesicht. | Sw fühlte mit wilder Lust, wie ihr die kalte Lache über die Füße schlug.
° (Fortsetzung folgt.)
Wie ich Gerhart Hauptmann kenne.
Von Else Lehmann.*)
„Von Gerhart Hauptmann soll ich erzählen? Ich kenne ihn nicht, wie man sonst die Menschen kennt oder zu kennen glaubt: wie sie essen und trinken, wie sie gehen und sich kleiden, ivas sie mögen und nicht mögen, und was sie über das Alltägliche denken. .
Mer ich kenne ihn, wie er dichtet, oder doch wenigstens, wie er das Werk vollendet, das er geschaut, das er nieder- geschriebeu hat und dann bei den Proben im Theater noch einmal mit- und umdichtet.
„Ich hab es erdacht,
Du hast es gemacht, Wir waren Genossen in mancher Schlacht."
*) Else Lehmann, die vortreffliche Schauspielerin des Berliner Lessingtheaters, veröffentlichte im Prager Tageblatt aus Äntay des vor wenigen Tagen dort veranstalteten Vortragsabend» on- hübschen Erinnerungen an Gerhart Hauptmann,


