Donnerstag den 28. Oktober
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Rheinlandstöchter.
Roman von Clara Visbig.
(Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)
Nelda stand dabei ohne einen Laut, ohne ein Wort der Verteidigung; ihr Kopf neigte sich tiefer und tiefer, als ob ihr einer mit der Faust ins Genick schlüge.
„Uitb die armen Kinder, die kleinen Würmer" jammerte die Rätin weiter; „wenn sie nun keinen Vater mehr haben! Und die arme Frau! Was soll daraus werden, wenn er ihn totschießt?!"
„Dotschießt? — Wen? — Wer?!" Eine namenlose Angst spiegelte sich in Neldas Zügen, sie beugte sich weit vor, ihre Augen hatten ein wildes irres Flackern. „Sag', wer schießt ihn tot — wen? Um Gotteswillen, sag' doch!" Sie rüttelte die Mutter.
,stLaß mich los," ächzte die kleine Frau. „Ja, jetzt -hast du Angst, aber dich bei Zeiten anständig betragen, das kannst du nicht! Du bist es nicht wert, daß ein Mann, wie Xylander, sich deinetwegen totschießeu läßt. Es wäre lächerlich von ihm, sich, zu deinem Ritter auszuspielen, er wäre ein Phantast, ein überspannter Narr, sagt die Zünglein. Aber das ist nur Gerede, sie neidet es dir bei alledem, und ich glaube auch nicht, daß für Milchen und Tonchen" —
„Sag', mit wem er sich schießt! Um Gotteswillen, mach doch, gib doch Antwort!" Verzweifelnd hob Nelda die Hände.
„Kestern —■ beim Herrenfest im Kasino" ächzte die Mutter weiter. „Sie haben sich über dich lustig gemacht, da — ach, wenn ich mir's überlege, ich möchte in den Moden sinken, es ist um den Verstand zu verlieren! Dazu zieht man eine Tochter auf mit so viel Liebe, mit so viel Kosten! Man spart sich's ab, damit sie standesgemäß erscheint, man macht alles mit, Bälle, -Gesellschaften — und sie geht hinter'm Rücken und betrügt einen! Mir ist, weiß Gott, oft genug nicht nach Vergnügungen zu Mut gewesen, aber" —
„Weiter, weiter! Rasch-, was war beim Herrenfest? Sie machten sich über mich lustig, da" —
„Da — ja, da — nein, besonders Leutnant von Rönt- heim — du weißt doch, der flotte kleine Röntheim von der -Garde — erzählte schreckliche Geschichten von dir. Da — es ist nicht auszudenken! Was fangen wir an? Die ganze Stadt spricht über uns, wir sind einfach unten durch, wir" —
„Da" — Nelda packte mit eisernem Griff wieder das Handgelensk der Mutter — „besonders Röntheim, da" —
„So laß mich doch aussprechen! Da, ja da schlug Lylander einfach dem Röntheim ins Gesicht und schrie: „Das ist eine infame Lüge! Fräulein Dallmer ist unschuldig, Ee ist ein Engel!" Und wenn sie nicht dazwischen gesprungen ären, wer weiß, was da geschehen wäre gleich auf der
Stelle. Es soll grausig gewesen sein. Und nun , haben sie sich gefordert, schärfste Forderung. Einer bleibt tot am Platz. Und Tylander wird gewiß tot bleiben, Röntheim ist der beste Schütze in der Garnison. Und wenn der Hauptmann auch den andren totschösse, was hat er davon? Er kriegt Festung, und mit der Karriere, na! Man weiß wirklich nicht, was man -wünschen soll. O Gott, o Gott, daß ich das noch erleben muß!"
„Das darf nicht sein!" Nelda richtete sich grade aus, die alte Entschlossenheit erschien für einen Augenblick auf ihrem Gesicht. „Er hat an mich geglaubt, er hat" — ein krampfhaftes Schluchzen brach ihr die Stimme, sie unterdrückte es mit gewaltsamer Anstrengung — „mich nicht verlassen. Ich gehe hin, er darf sich nicht schießen. Er irrt sich, ich bin nicht unschuldig!" — —
In der Xylanderschen Wohnung war es totenstill. Tie Kinder saßen verschüchtert um ihren Spieltisch, sie lärmten nicht wie sonst; sie duckten sich wie die kleinen Vögel beim Gewitter, die auch nicht wissen, warum es donnert und blitzt.
Buschmann uitb Settchen hatten nicht endenwollende Flüsterunterhaltungen. Der Herr Hauptmann war fort, schon am frühen Morgen mit Hauptmann Kalbshorn weggegangen; Frau Hauptmann nicht wohl, wollte keinen Menschen sehen, hatte sich ins Schlafzimmer eingeschlossen. Dort lag sie auf dem breiten Ehebett, wühlte den blonden Kopf in die Kissen und schluchzte wie eine Verzweifelte.
Zweimal war Fräulein Dalliner schon dagewesen, einmal am Vormittag, das andre Mal -am Mittag; man hatte sie abgewiesen, sie wollte gar nicht Weggehen. Mit ängstlicher Dringlichkeit hatte sie gefragt, wann der Herr Hauptmann zurück käme, ob niemand wisse, tos er sei? Ob denn nicht wenigstens die Frau Hauptinann einen einzigen Augenblick zu sprechen wäre?
Settchen ließ sich erweichen und klopfte an die Tür des Schlafzimmers: „Frau Hauptmann, Fräulein Dallmer macht Sie so gern sprechen — ein Augenblick!"
Drinnen ein unterdrückter Aufschrei, dann: „Ich bin nicht zu sprechen, ich bin krank!"
Settchen war es ordentlich gruselig geworden bei den Augen, die Fräulein Dallmer machte, als sie nach diesem Bescheid langsam, ganz lahm, die Treppe hinunter stieg.
„Ne, so ebbes!" sagte Settchen zu ihrem Vertrauten Buschmann. „Jesses, wat die nur hat! U.n se will Widder kommen!" ,
Richtig, es war Nachmittag, draußen klrngelte es schon wieder! Vor der Tür stand Fräulein Dallmer. Verlegen gab ihr das Mädchen Bescheid: der Herr .Hauptmann noch nicht zu Haus, die Fran Hauptmann noch krank und nicht zu sprechen.
„So — ich muß sie aber sprechen!"
Settchen fühlte sich beiseite geschoben; verdutzt stand sie da, in der Wohnstubentür verschwand eben die schlanke Gestalt.


