535
Weilt; wohl tetot» oder zehnmal, aber Meist nicht laüge, hat et Franzensbad besucht; dreimal, 1821; 1822 und 1823 war er in Marienbad; Teplitz suchte er mehrere Male zur Nachkur auf; 1814 Und 1815 war er in Wiesbaden, 1801 in Pyrmont. Am sNrksten zogen ihn jedenfalls die Böhmischen Bader an Und unter diesen war ihm wieder Karlsbad am liebsten. Ueber die Gründe, ans denen er Karlsbad Wiesbaden vorzog, hat er sich zu dem Kanzler Müller geäußert., „Er fand, daß in Wiesbaden das LebtN zu leicht, zu heiter sei, als daß man nicht verwöhnt würde fürs übrige Leben. Er möge daher nicht zu oft Hinreisen; Karlsbad störe« das innere Gleichgewicht schon weit weniger." Karlsbad Ward ihm überhaupt beim öfteren Besuch immer lieber; er rühmte dem Badeort „etwas wirklich Individuelles, das frappiert, und «eins gewisse Kultur" nach; das mondäne und doch behagliche Leben, die eigentümlichen Gesteinsformationen interessierten ihn lebhaft, NNd von den Quellen gestand er, „daß er ihnen eine ganz andere Existenz schuldig sei". Das Leiden, das Goethe in spateren Jahren zwang, die Bader aufzusuchen, waren Nierensteinkoliken, die sich bisweilen in harten Anfällen äußerten. Brachte er von seinen geologischen Ausflügen blitzende GlimMersteinchen mit, dann sagte er Wohl scherzend: „Diese Steinchen, glänzend wie Silber, sind aber doch ganz unbedeutend, was leider jene Steinchen Nicht sind, woran so viele Kurgäste leiden, zu denen auch ich gehöre." Doch im allgemeinen strebte er, auch während der Kur den Gedanken an eigene und fremde Krankheit zurückzudrängen. Nur selten zog er Aerzie zu Rate; seine Kur bestand zumeist im'Baden und reichlichen Brunnentrinken; vom Sprudel ging er in Karlsbad 1806 zu milderen Quellen über, zuM Schloß,- und dann zum Theresienbrunuen. „Der Kur wegen reise ich nicht in« die Badeörter", sagte er in Marienbad zu seinem geologischen Freunde, dem Polizeirat Grüner. Die Abwechselung und Veränderung in seinen Lebensgewohnheiten, die Anregungen durch die Neue Umgebung, ber Verkehr mit bedeutenden Persönlichkeiten und die ungezwungene Heiterkeit flüchtiger Bekanntschaften, reine Luft und schöne Gegend — das waren hauptsächlich die Elemente, die ihn anzogen, erfreuten und erfrischten. So faßt er den Ertrag seines Karlsbader Aufenthaltes von 1808 in die Worte zusammen: „Alle Zustände von der größten Einsamkeit bis zum größten Lärm und Krängen und jetzt wieder bis zur Einsamkeit habe ich erlebt. Sv ein Badesommer ist wirklich ein Gleichnis eines Menschenlebens. Mit der Witterung war es ebenso. Die schönsten Maitage, Regen«, Hitzp und wieder Nässe, HerbstverMndende Nebelaöende mit den schönsten Mondnächten; das alles geht zwar überall uNs über dem Haupt weg, allein in diesen Gebirgen und Felsklüften emp- sindet man doch jedes bedeutender, weil es sich an solchen Gegen- ftänden charakteristischer ausspricht."
IN deN Jmiitagen, ja häufig schon im Mai, begann Goethe seine Vorbereitungen für die Badereise zu treffen. Da ward von „Serenissimus" die stets freundlich und gern erteilte Erlaubnis tzingeholt; das nötige Geld vom Bankier Elkan oder auch durch Vermittlung Cottas erhoben, der „autorisierte Paß" wird bestellt, der Reisewagen wird in Stand gesetzt und mancherlei anderes«. War dann unter dem feierlichen „Anblasen" einer TrompeteN- fanfare, womit man damals die ankoMmArdeN« Kurgäste ehrte, die Kalesche zum Stadttor hereingerollt, dann konnte man bald daraüf in der Kurliste di« feierliche Eintragung finden: „An- gekomMen seine Exzellenz, der Herr Großherzvglich sächsischswei- Marische Geheimerat und Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe." lind sogleich tauchte auch seine hohe „grade und steife JNpiter-Gestalt" ans, im blauen langen, halb zugeknöpften« Rock, bet weißen, geblümten Weste, den grauen Kniebeinkleidern, ©eiben» strümpfen und Schnallenschuhen« und mit dem' dreieckigen Hut; hie und da bleibt er beobachtend und reflektierend stehen«, erwidert Höflich Grüße Nnd Verbeugungen und hat bald einen kleinen Kreis Nm sich gesammelt. Ueberall wo Goethe hinkam, war er sogleich der Mittelpunkt der Geselligkeit. Besonders in Karls- bad, toto er 1785 zuerst mit dem Herzog, Herder, Frau von Stein «erschien und so „der thüringische Musenhof Nach Böhmen versetzt würde", veranstaltete man glänzende Festlichkeiten zu seinen Ehren. «Polnische Fürsten und Kavaliere wetteiferten Mit dem österreichischen 'Hochadel, ihn zu feiern und mit ihm in «nähere Beziehungen zu treten. Da er gewöhnlich seinen Geburtstag int Bade verbrachte, so würden! ihm unzählige Aufmerksamkeiten dargebracht; er entzog sich ihnen nur selten, wie z. B. an jenem denkwürdigen „still und gleichsam anonym" gefeierten Geburtstage, den der füufundsiebzig- jährige Greis auf einem Ausflug nach Elbogen bei Karlsbad in schmerzlich-süßer Erregung mit seiner „letzten Liebe" Ulrike von Levetzow verlebte. Häufig wurde zu seinen Ehren eine Jllu- Mlnation veranstaltet. Als er 1819 am« Tage seines 70. Geburtstages nach Karlsbad kam, um' jeder Feier auszuweichen, ward er- Noch mit EhrNngen überschüttet. Am rührendsten war ihm die Teilnahme des Großherzogs von Mecklenburg. Dieser hatte eine Uhr gekauft, welche in Goethes Kinderzeit in« seinem elterlichen« Hanse gestanden, und ließ sie «nult in der Wolmung des Dichters am Vorabend des 29. August aufstelleit. Als Goethe um fünf Uhr morgens erwachte und die Uhr zum erstenmal schlagen« hörte, rief er seinem Diener zu: „Ich höre eine Uhr schlagen«, die alle Erinnerungen meiner Kindheit weckt; ist es Traum oder Wirklichkeit?" Tann stand er ans und vergoß beim' Anblick der Uhr Tränen inniger Rührung. In Karlsbad entfaltete sich das herzlich« Verhältnis gegenseitiger Begeisterung und Verehrung, in!
das Goethe zu der edle«N Kaiserin Maria Ludovica von Oester--« reich trat. Zahlreiche Gelegenheitsgedichte, mit denen der Dichter M der Muße des Badeaufenthaltes rasch zur Hand toter, eine ausgedehnte Korrespondenz, die August Sauer, insoweit sie an seiner österreichischen Freunde gerichtet ist, erst kürzlich gesammelt hat, geben Kund« von diesen' freundlich aN'gefangenen und herzlich forh- gichetzten Bekanntschaften«. Auch Goethes wissenschaftliche Studien würden gerade durch Beziehungen, die er in' Badeorten anknüpfte, wesentlich gefördert. «Die bedeutendste dieser Freundschaften war wvhl die zu dem hervorragenden Naturforscher Grasen Kaspar Sternberg, der Goethe für Böhmen erst eigentlich zu interessieren wußte und ihm eine wertvolle Anschauutrg von der Kultur und Natur dieses von Deutschland damals fast vergessenen Landes vermittelte. Ueberall trifft Goethe auch sonst seine wissenschast- nchen Bekannten, in Marienbad Gruner, in Karlsbad den Bergrat Werner n. a.; sie alle fördern ihn in seinen geologischen«, meteorologischen, botanischen Studien.
Goethes Tätigkeit im Bade ist nämlich 'besonders intensiv den Naturwissenschaften gewidmet. Tie vulkanischen Gebirge Um! Karlsbad hat er unermüdlich erforscht und mit dem Reinen; Hammer, den er stets in der Tasche trug, „nach allen Richtungen! abgeklopft". Mit «einem alten treuen Genossen, dem Steinschleifer Müller, stellte er Mustergültige Steinsammlungen« von allen um Karlsbad sich findenden Gesteinsarten zusammen und kommentierte ausführlich in einer eigenen Abhandlung die reiche Kollektiotk Müllers. Während seiner Aufenthalte inj Franzensbad beschäftigte ihn besonders der KaMMerberg bei Eger, dessen „Problem malisches Phänomen" er bald als „vulkanisch", bald als „pseudovulkanisch" 'erklärte. Auch die heißen Quellen und ihr «Gehalt gaben ihm viel zu denken. Eifrig ward botanisiert und sogleich auf der ersten Badereise 1785 leistete ihm der Botaniker Dietrich gute Dienste, dem er zufällig unterwegs begegnet und den er kurzerhand zu sich in den Reisewagen genommen hatte. Viele Stunden üerghtgein mit der Beobachtung' der WolkenbildungeU, die Goethe nach ihren typischen Formen bestimmte und auf» zeichnete. Neben dem Stein- und Pflanzenreich ward aber auch die Region der freien Phantasie nicht vernachlässigt. Wundersame Visionen Und Bilder stiegen' in der Ruhe und Sammlung vor dem Geiste des Dichters auf; sie würden flüchtig skizziert, zunächst gleichsam nur in den Scheuern geborgen«, um bann im Winter eine herrliche Ausgestaltung und Formung zu erfahren«. Daneben wurden „Konzepte korrigiert und munbiert", Ausgaben der Werke vorbereitet und durchgesehen. Doch sind auch zahlreiche Dichtungen während des Badeaufenthaltes entstanden; in Karlsbad z. B. Teile des Wilhelm Meister, die Pandora, Novellen, bedeutende Stücke von „Dichtung und Wahrheit" und aus dem« „Tivan".
Was Goethe von einem angenehmen Kuraufenthalt verlangte«, hat er einmal Zelter aus Marienbad aufgezählt: „Herrliches Quartier, freundliche Wirte, gute Gesellschaft, hübsche Mädchen, musikalische Liebhaber, angenehme Abeudunterhaltung, köstliches Essen, neue bedeutende Bekanntschaften«, alte wiedergefundene, leichte Atmosphäre ufto." Dabei ist aber das wichtigste Element Goethe'scher Badefreuden nur nebenbei erwähnt: Die eigentliche Würze der Kur war ihm stets ein Herzensabenteuer! „Ein Paar frische, junge Augen," mit denen er ein wenig kokettieren! kann, muß er stets um sich haben. „Eine kleine Liebschaft," so drückte er in einem Gespräch mit Soret diese Maxime aus, „ist das einzige, was uns einen Badeaufenthalt erträglich machen kann«; sonst stirbt man vor Langeweile. Auch war ich fast jedesmal so glücklich, dort irgend eine kleine Wahlverwandtschaft zu finden«, die mir während der wenigen Wochen einige Unterhaltung« gab." Er fügt gleich eine luftige Geschichte aus Karlsbad hinzu, wie er mit zwei jungen Damen, die sich verschworen hatten, ihn zu erobern, das artigste galante Komplott geschmiedet und die langweilige Frau von der Recke geärgert habe. Solch eine kleine Verliebtheit ist direkt „kurgemäß", wie er an Schiller schreibt: „Aus alle Fälle habe ich einen kleinen Roman aus dem Stegreif an- geknüpst, der höchst nötig ist, um einen morgens um fünf Uhr aus dem« Bette zu locken. Hoffentlich werden wir die Gesinnungen dergestalt mäßigen und die Begebenheiten« so zu leiten wissen; daß er vierzehn Tage aushalten kann." Bon all diesen leichteren «Amouren scheint ihn NUr die zu einer schönen Polin etwas tiefer verwundet zu haben, denn dieser „allerliebste sarmatische Hanswurst 'voll Verstand, Laune und Frohfimr" ist ihm lange nicht aus dem Kopf gegangen und Nach vielen Jahren hat er noch dem« Kanzler Müller von dieser im Geheimen heiß erglühten Leidenschaft erzählt. Doch jede andere Neigung, das gehalten herzliche Verhältnis zu der Gräfin O'Donnell, die neckisch zärtliche Sehnsucht nach der anmutigen Sylvie von Ziegesar in Franzensbad, alles tritt zurück gegen die letzte, sein Innerstes aufwühlende Liebe Goethes, die fein Marienbilder Sommer mit einer glutvollen Abendröte umgolbet. Auch Ulrike von Levetzow« war eine Badebekanntschaft, aber hier erlag Goethe einem großen Gefühl, dessen er nur nach einem« heldenhaften Seelenkampf Herr werden konnte.
«Abwechslung brachten Goethe im Bade auch vor allem Ausflüge. Dabei ertrug er mit philosophischem Gleichmut die Prellereien als eine Begleiterscheinung des Badelebens. Einmal ist es ihm! aber doch zu viel« geworden, tote ein „ganz gehorsamstes Prvmemvria" beweist, in dem er sich beschwerdesührend an den


