Ausgabe 
28.8.1909
 
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verbittern und mit dem Leben sich nicht entzweien, das war der Sinn seiner Philosophie.

Und als er in die Werkstatt trat, lag ein heiterer Glanz ans seinem Gesicht, und er sagte zu dem Gesellen:Er trinkt aroiver, der kleine Kerl en gehörige Zug, den der hat."

Es wurde ja im Dorf so manches gesagt, weil das Kind so früh gekommen war, und böse Leute undgute Freunde" sorgten auch dafür, daß dem Peter Nockler alles zu Ohren kam, und oft auch noch ein bißchen dicker, als es wirklich gesagt war. Wer das genierte ihn nicht. Es war ihm leid, ja, es schmerzte ihn, aber es machte ihn nicht irr, es verbitterte ihn nicht. Er habe A gesagt, müsse er auch B sagen, sagte er sich, und dann er wisse am besten, wie alles liege und wie's auszufassen sei. Das gehe aber nur ihn an, und ihn selbst wieder nur ganz still und heimlich. Die Leute aber mochten sagen und denken, was sie ivoutett.

Ganz und gar fest und sicher war er jetzt.

Am siebenten Tage war die Taufe. Der Michel Sieben War derPetter". Er war stolz darauf. Er setzte seinen alten Zylinder auf und ließ sich das Sträußchen an die Brust stecken und ging stoltz neben der Amme her in die Kirche. Er stand am Taufstein, den Kleinen auf den Armen, und wartete geduldig auf den Pfarrer. Und da der kleine Petter gehörig schrie, da er das Salz auf die Lippen kriegte, freute sich der Michel Sieben so sehr, daß er beinahe imGlaub'e- Gott-Vatter" einen Fehler gemacht hätte.

Lustig wurde dann die Kindtauf gefeiert, und der Michel Sieben schlug den Kranen in das Fäßchen Neuen Fünf- undsechziger war's, und das war ein feiner Tropfen Und die Köpfe wurden heiß, und die Zungen wurden gelöst und die Männer saßen noch bis in den frühen Morgen, Und ein Kvug nach dem andern wurde leer.

Als sie endlich voneinander gingen, sagte der Peter: Trinke wir jetzt noch -einen, daß er gesund bleibt und brav wird und ehrliche"

Ja, daß er brav wird," sagte die Elise mit tiefem, heißem Ton drin in der Stube. Und sie seufzte.

*

Die Amme hatte es ja vorgesagt. Vorm neunten Dag, das war zu früh. Auf der Kindtaufe hatte sich die Elise verdorben. Sie lag jetzt im Fieber.

Niemand durfte an ihrem Bett bleiben, nur der Peter. Und der Peter saß Dag und Nacht bei ihr und machte ihr Aufschläge. Er war so besorgt für sie. Er überwand alle Müdigkeit. Er wollte alles tun nur gesund sollte sie wieder werden.

Die Elise hatte seine Hand genommen und hielt sie nun immer.

Wenn sie sie einmal verloren hatte, schrie sie auf. Und sie sprach jetzt nur noch in ihrem Odenwälder Dialekt. Ihr Verborgenstes schrie aus ihrer Seele, und sie brauchte ihre eigensten Worte dazu.

Gelt, Peter, verloß mich net! Ich yebb jo net gewißt, was ich dhu, ich war jo ganz von Sinne. Un ich hebb's jo igebießt, ich bieße's jo noch. Un ich Willis jo immer, immer Ließe, mein ganz Lewe lang! Nor verloß mich net!"

' Er redete ihr zu.

Aufschreie und Ruhe wechselten dann ab. Sie litt furcht­bar. Und doch war das Fieber ein Mittel zu ihrer inneren Befreiung. Ihre Natur gab sich frei, alle Rücksichten waren umgestoßen. Die Spannung ihrer Seele löste sich. Das Unterdrückte ihres Wesens hatte die Herrschaft.

Freilich, ihre körperliche Kraft wurde dabei aufs stärkste in Anspruch genommen. Ganz matt lag die Elise am folgen­den Dag da. Ihre Pulse hämmerten. Sie litt den quä­lendsten Dursü

Am Abend würde dann ihr Zustand noch! schlimmer. Das Seelische besiegte zum letztenmal den Körper. Die Elise raste im Fieber, trotz ihrer .körperlichen Schwäche. Sie raufte sich das Haar. Und der Peter war machtlos. Er konnte ihre Hände nicht festhalten.

Es war ein Jammer.

Der Peter machte mit doppeltem Eifer die Aufschläge. Wer sie halfen nicht.

Der Peter zerdrückte eine Dräne.

Gott, wann's nur besser ivär!"

Mer die Kranke tobte mit ungebrochener Kraft weiter. Loß mich, Peter, loß mich! Ich will fort, weit fort. Ich such mer Holz im Wald, do mach! ich! mer Feier, ich such tn-er Beern, un bei de Bauern bettel ich mer e Siickelche Brot. Loß mich, loß mich fort, Peter l

Ich halt's jo nett bei dir, Peter. Du bist gut. Du derfst net so gut sein! Du sollst mich schlage schlage K du mich, ich hebb's jo net Lesser verdient. Äwwer ist zu gut. Du derfst net so gut sein, ich- schäm mich jo! Ich schäm Mich zu Tod, weil du so gut bist !

Jetzt hebb ich! des Kind. Ach! das arme Kind! 's is jo net dein 's is jo fern Blut. Un doch! hpst du's. Un 's Hot dein Name! Schlag mich drum, Peter- ich war jo schlecht!"

Nach einer Weile wurde sie dann etwas ruhiger. Abep bald brach's wieder los. Plötzlich- mitten in ihrem Stöhnen- in ihrer tiessten Ermattung:

Guck," sagte sie,nemm's als deiri. Du host dir's jo verdient. Du host's gehüt un gepflegt, wie's noch net do war, du host gesorgt, daß es lewe un gedeihe Hot können du host's genumme auf dein Arm, wie's kirmme wär, un host em gesunge. Guck, nemm's! Sein is es net net und nimmer. Behält du's, Peter, un sei em sein Vatter du bist der rechte, der e Herz Hot. Verstoß jetzt den arme Worm net un loß en net entgelte, was ich nor schuld hebb. Schlag mich, Peter, un sei grob gegen mich un veracht mich un verstoß mich ich will alles gern trage, nor loß es des Kind, des arme, unschuldige Wermche net entgelte!"

Sie lag jetzt wieder völlig erschöpft in den Kissen.

Der Peter streichelte ihre Hand. Ihm brannte es in der Seele.

Es mochte ihm eine Ahnung aufgehen von dem großen Offenbarer Schmerz, der vom Menschen kündet, was sein! Geheimstes, was sein Bestes und Stärkstes ist. Der aber auch ist wie das Feuer, darin das Eisen ausgeglüht wird' und edel wird, blanker, scharfer, harter Stahl. Es mochte ihm ehrfürchtig geworden sein vor der Leidenschaft der Seele, vor ihrer Größe, wenn das Schicksal seinen schweren Druck auf sie geworfen hat. Dunkle Gefühle blieben's, die den Peter Nockler jetzt erfüllten. Nur, dies wußte er klar ganz anders kam ihm plötzlich die Elise vor. Fast scheu mußte er zu ihr Hinsehen. Bewundern mußte er sie. Nichts mehr von Mitleid war in ihm, aber einer schönen, verehren­den Liebe regten sich feine Stimmen in ihm.

Er nahm ihre Hand und streichelte sie, und seine Stimme! gitterte weich:

Du mußt jetzt alles vergesse. Du sollst dir ja gar nit Sorge machen, Elise. Das Kind ist mein Kind- und ich werd's lieb haben und großziehen. Und ich werd ihm Vater sein, Elise. Nun, dann bin ich sein Vater. Alles ist vergesse und abgetan. Sei ruhig, Elise, werd Widder gesund- daß du auch dein Freud dran hast, du und ich Wir zwei zusammen."

Ganz still lag die Kvanke.

Nach einer Weile ging ein Lächeln über ihre Züge. Und nach einiger Zeit schlief sie ein. Sie schlief die ganze Nacht, fest und tief. Als am Morgen der Doktor kam, fand er sie besfer. Nun sei wieder Hoffnung.

(Fortsetzung folgt.)

Goethe auf der Badereise.

Zum 16 0. Male jährt sich am 28. August der große Tag-, ast deUr Goethe feinem Volke und der Welt geschenkt Witwe; W Kraft seines Einflusses, seine Bedeutung für unser Geistesleben, sie nehmen noch stetig zu, haben noch lauge nicht ihren Höhe­punkt erreicht. Kaum ist es uns schon Möglich!, die Größe diestr ganzen ungeheuren Geistesmacht, dieser unendlich reichen Antenz zu erfassen; Mo wir uns darein versenken, blühen Uns Wunder eines praktisch-idealen Strebens, Vorbilder einer geistig NttuclM Weltbetrachtung entgegen. Wie sich noch im einzelnen Strahl der Sonne Bild buntfarbig spiegelt, so vermag auch ein bescheiden umgrenzter Teil von Goethes Lebensführung die reife Weisheit, den besonnenen Tiefsinn seiner Lebenskunst, seines durch reiche Erfahrungen gefestigten Erdeuwaudels, seine stolze Ueberwindung aller Hindernisse und Unzulänglichkeiten anschaulich erkennen zu lassen. Ja, vielleicht nirgends sonst kann Uns Epigonen Goethe ein so segensreicher Ratgeber sein, als in den alltäglichen T-mgm des Lebens, denen er einen steten Bezug auf das- Geistige,, seelüch Fördernde zU verleihen wußte, die er stets aus dem Individuellen zum Typischen erhoben und- dem großen Gesetz innerlicher düng und Klärung untertänig gemacht hat, das des größten Deutschen -Entwicklungsgang durchwalte-t. Begleiten wir darum Goethe einmal auf seinen -Badereisen, hören wir, was er von diesen UNs heute so notwendigen Unterbrechungen des Werkeltages hielt und wie er sie sich gestaltete.

Goethe hat seit 1785 Badereisen unternommen, seit 1806 fast alljährlich. Am häufigsten, dreizehnMal, ist -er in Karlsbad gtr wesen Und hat dort vier Wochen bis drei Mpnate zur Kur W