Ausgabe 
28.7.1909
 
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Es ist jedoch wichtig," sagt nun K(entencectu mit uner­schütterlichem Ernste,daß in einer so streng demokrati­schen Gemeinde irgend jemand von der Regierung. . .'*> Schon erhebt sich Dujardin-Beaumeh:Wenn Sie glauben, Herr Präsident. .Aber mein lieber Freund, Sie würden uns einen großen Gefallen erweisen . . ." Nach der Sitzung hält Clemenceau vergnügt seinen Finanzminister zurück, der sich eiligst empfehlen wollte:Aber mein lieber Caillaux, Sie schulden mir doch 10 Frank." Als er im ver­gangenen Jahre von seiner Karlsbader Kur nach Paris zurückkehrte, ivar Clernenceau in der besten Laune, seinen Sarkasmus an den Kollegen zu erproben.Ach," sagte er zu einem seiner Freunde,ich glaube, ich werde eine neue Schule gründen, die Schule des Erfolges. Ich will mit Briand darüber sprechen. Nie wird eine Schule eine so glänzende Korona von Lehrkräften haben. Briand wird ein Kolleg über die Nützlichkeit der Prinzipien halten."Die Nützlichkeit der Prinzipien?"Aber gewiß. Gäbe es keine Prinzipien, so hätte sich Briand nicht über sie hinwegsetzen können. Barthou wird die Treue für die besiegten Parteien lehren und Picquart die Schönheit des Märtyrers, dem die Dornen­krone durch einen Weißen Federbusch ersetzt wird."Und was soll Chsron lehren?"Choron? O gar nichts. Er wird den ausgewiesenen Schüler spielen . . ." Clernenceau verhehlte, nie sein Mißvergnügen, wenn einflußreiche Wähler ihre Macht dazu verwandten, ihren Günstlingen Staatsstellungen zu verschaffen. Einmal drängte ihn eine ganze Gruppe von Deputierten, einen jungen Mann doch zum Unterpräfekten zu ernennen. Cleinenceau sträubte sich, aber das Korps der Deputierten bestand auf seinem Ver­langen.Aber schließlich", rief Cleinenceau ungeduldig, sagen Sie mir nur, tote geht es zu, daß Sie, die Sie ihrer so viele sind, einem jungen Manne nicht eine Stel­lung verschaffen können, deren er sich weniger zu schämen brauchte?" Nicht selten kehrte Clernenceau die Spitzen seiner Ironie lächelnd gegen sich selbst. Er hatte früher einnkal einem Präfekturrat auf dringendes Verlangen eine Emp­fehlung an den Minister des Innern gegeben. Kaum ivar Clernenceau Minister geworden, als der Bittsteller von einst­mals das Kabinett Clemenceaus betrat, fest überzeugt, das Ministerium zum mindesten als Unterpräfekt zu verlassen. Cleinenceau bedeutete dem Besucher, daß keine Stellen frei wären und sagte, eie müsse erst die Papiere und Empfehlungen des Kandidaten prüfen.O, was das anbetrifft, bin ich -beruhigt, Sie , werden in meiner Mappe eine erstklassige Empfehlung finden."Schön, ich werde sie mir ansehen. Sie erhalten Bescheid." Als der Besucher sich verabschiedet hatte, schüttelte Clernenceau ärgerlich den Kopf.Wen zum Teufel mag er wohl dazu gebracht haben, mir diesen Auf­schneider zu empfehlen?" Er sieht die Mappe durch und findet seinen eigenen Empfehlungsbrief. Eine Weile starrt er verwundert auf seine Schriftzüge, dann diktiert er kurz entschlossen seinem Sekretär:Mein Herr, ich habe Ihr Dossier durchgesehen. Die Empfehlung, von der Sie sprachen, genügt in meinen Augen nicht. Lassen Sie sich voll einer Persönlichkeit empfehlen, die mehr Zeit hat, Ihre Ansprüche ernsthaft zu prüfen . . ." Währerid seiner Karls­bader, Kur blieb er auf feinem Spaziergang einmal stehen, um einige bei der Ernte beschäftigte Bäuerinnen zu beob­achten. Die Frauen sehen den alten Herrn mit dem großen struppigen weißen Schnurrbart, dem runden Schädel und dem scharfen durchdringenden Blick.Sieh mal," fagt die eine Bäuerin zur anderen,man möchte glauben, das ist Bismarck."Dummheit. Man sagt doch, "der wäre schon tot."lind ich sage dir: das ist Bismarck. Paß auf." Sie wendet sich zu Clemenceau:Nicht wahr, Herr, Sie sind doch Bismarck?" Clemenceau aber lüftet höflich den Hut und antwortet lakonisch:Beinahe." Als ihn jetzt nach seinem Sturze einige Journalisten um seine Meinung über die Ministerkrise bitten, antwortet ihnen Clemenceau kurz­weg:Was wollen Sie von mir wissen? Jetzt, da ich wieder Journalist bin, schreibe ich meine Artikel selbst. . ."

vermischtes.

* Wunder moderner Chirurgie. Der Direktor der chirurgischen Abteilung des Rvckefeller-Jnstituts in New- York, Dr. Alexis Carrel, der zurzeit in Paris weilt, hat im Hospital Beauson vor einem Auditorium von Aerzten und Chirurgen in einem Vortrag Bericht erstattet über die außer­

ordentlich interessanten und erfolgreichen Experimente, die er in Amerika mit der Transplantation von Adern und von anderen Organen ausgeführt hat. Es ist ihm gelungen Nieren mehrere Stunden lang und Arterien und Venen sogar Wochen- und monatelang näch der operativen Ent­fernung aus dem Körper mit Hilfe eines konservierenden Serums am Leben zu erhalten. Tie Gewebeteile, die Adern­fragmente werden mit Hilfe von Refriaatoren in luftdichten Glasern verwahrt.Die Adern von Hunden, Katzen Schweinen und'selbst menschliche Adern haben sich auf diese Weise vollcomnieu konservieren lassen. Da mau bei ihnen keine Lebensreaktion beobachten kann, scheinen sie tot. Cie leben in der Kühlzelle ein durch die Erstarrung vermin­dertes Leben, werden vor der Operation dann in heißem Vaseline wieder erweckt und alsbald nach der Transplan­tation zeigt es sich dann, wie die auf den neuen Organis­mus übertragenen Organe ihre Tätigkeit aufnehmen, kurz, Wiederaufleben. Mikroskopische Untersuchungen, die sechs oder acht Monate nach der Transplantation vorgenommen wurden, zeigten keinerlei anatomische Veränderungen. Ich besitze jetzt eine Hündin, der ich vor zwei Jahren die Bauchpulsader entfernte und durch eine Ader ersetzte, die der Kniekehle eines jungen Mannes entnommen ivar, dem der Schenkel amputiert ivurde. Die Kniekehlenader mürbe 24 Stunden lang im Eisbehälter aufbewahrt. Ich habe die Hündin einige Monate nach der Operation ivieder genau untersucht und selbst die Stelle der Adernanfetzung nicht mehr finden können. Dem Tier geht es heute ausgezeichnet. Vom chirurgischen Standpunkte aus glaube ich, daß auch beim Menschen in Fällen von Adernübertragung mit den künstlich konservierten Organen gleich güiistige Ergebnisse erzielt 'werden können wie mit frischen Adern." Ter Chirur­gie eröffnen sich damit weite Gesichtspunkte.Ich will nicht behaupten", so bemerkte der Gelehrte,daß man schon heute mit empfindlicheren Organen wie etwa Drüsen und Nieren die gleichen Resultate erzielen kann. Immerhin kann man eine Niere anderthalb Stunden lang künstlich am Leben erhalten und dann noch auf einen anderen Körper übertragen. Ich habe verschiedene folcher Operationen vor- genommen, die fast alle glückten." Wenn die operative Technik auf diefem Gebiete über weitere Erfahrungen verfügen wird, wird man daran denken können, Fälle von Aneurysma durch Transplantation einer gesunden Ader zu heilen, ja für die Chirurgen der Zukunft rückt selbst der ckühne Gedanke in den Bereich der Möglichkeit, einen zer­schmetterten Schenkel durch einen anderen unbeschädigten zu ersetzen.Chirurgen, wie Crile in den Vereinigten Staaten undDr. Tuffier, haben ein totes Herz durch Blutübertragung wieder zum Schlagen gebracht. Ich glaube sogar", so schloß Dr. Carrel, aber das sind theoretische Hoffnungen, daß man ein Tier oder einen Menschen wieder zum Leben erwecken könnte durch Transplantation eines Herzens. Doch eine solche Operation müßte sehr rasch vollzogen werben, in 810 Minuten: denn die Gehirnmasse, die das Nerven­system beherrscht, verfällt außerordentlich rasch. Crile hat mit derartigen Experimenten Erfolge gehabt; aber die Tiere starben bald nach der Operation und waren während des kurzen künstlichen Lebens stumpfsinnig. Ihr Gehirn war tot."

* Gu t a b g es ch nit t e n.Was ist denn noch aus beut Studenten Süffel geworben, Herr Kommerzienrat?"Mein Schwiegersohn!"

* E i n g u t e r K e r l.Wie bist du eigentlich dazu gekommen, die kleine Camilla zur Frau zu nehmen?"Sie fiel ins Wasser, ich zog sie heraus, sie fror so furchtbar, und da heiratete ich sie!"

* B e i der Fahnen w e i h e. Delegierter: lind

so überreiche ich denn namens meines. Vereins unserem treuen Bruderverein diesen Fahnennagel, mit dem Wunsche, daß er wachsen, blühen und gedeihen möge!"

Ergünzuttgsrätsel.

D.. k..i.e W.r.ch...u." .s. ..ch v.. .ll.n .ü.s.n, . i. . e.. ch. n . n. ck.. m.. s. n, -1. . (I. r. tz.

Auflösung in nächster Nummer,

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brü

Auflösung des Bilderrätsels in voriger Nummert Greif! nur hinein ins volle Menschenleben.

hl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lauge, Gießen.