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Feldern Menschen und Vieh, winzigklein. Hundert Augen möcht' man haben, das alles zu betrachten. Komm' mal zu uns, Lina, und schau dir's an."

Wer weiß. Wer wunderbar muß es sein. Und wie du alles auslegst. Freilich, wann man als Kind schon so fleißig war wie du."

Die junge Pfarrerin lachte.Schmeichelkätzchen! 's ist wahr, mein Vater hat sich mit mir geplagt. Aber ich hab' viel vergessen. Gück, der Haushalt und das Bubi ver­schlingen gar viel Zeit. Meist komm' ich erst abends dazu, in ein Buch zu seh'n, oder mein Manrh liest mir was vor."

Wie geht's dann dein Herr Pfarrer?"

Er hat sehr viel zu tun. Unser Pfarrbezirk ist groß. Da muß er oft über Land. Ich mächt' ihn mehr bei mir haben. Er ist ein herzensguter Mann. Tat mir am liebsten das Blau vom Himmel herunterholen. So 'nen Mann wünsch' ich dir, Lina. Wie ist's dann mit dir?"

Ich heirat' nicht."

Du machst Spaß."

Nein, ich heirat' nicht."

Wie kannst du nur so sprechen? Da ist gewiß manch einer, der dich nahm' und das Einhorn dazu."

's ist möglich."

Dder hast du, was im Hintergrund und tvillst nicht mit der Färb' heraus?"

Ich hab' nichts," sagte Lina sehr ernst, stand plötzlich toif und trat ans Fenster.

Die junge Frau erhöh sich' gleichfalls, näherte sich! der Zitgendgespielin und schlang vertraulich den Arm um ihre Schulter.

Du hast etwas, Lina'. Warum verschließ'st du dich?"

Das Mädchen wandte sich- um und sagte mit unruhig flackerndem Blick: ;

Ich bitt' dich', Anna, frag' mich Nicht."

Ich will nichts herauspressen aus dir. Gott behüt'. Kch hab' nur gedacht, wir sind Freundinnen, Lina. Und früher haben wir kein Geheimnis voreinander gehabt."

Der Lina traten die Tränen in die Augen-l

Laß ab, Anna, ich bitt' dich vielmals. Tüt' ich dir's sagen, wär's aus mit uns'rer Freundschaft."

Was red'st du da? Aus wär's?"

Jawohl."

Die junge Psarrersfran ergriff Linas Hand-.

Die Probe möcht' ich besteh'», Lina'. Dich drückt etwas. Hab' Vertrauen zu mir. Mach' dir's leicht."

Das Mädchen kämpfte mit sich. Vor der Mutter hielt ie ihr Verhältnis zu Friedmar verborgen. Der Freundin öllte sie's offenbaren? Daß ihr von der Mutter, wenn ie dahinterkam, völlige Verachtung widerfuhr, daran war ' An Zweifel. Würde die Anna sie auch verachten?. Warum Ktte sie sich so verschwatzt, daß sie nicht! mehr los konnte? Nein, nicht verschjwätzt. Tiefinnerst verlangte etwas in ihr nach Aussprache, nach Befreiung. Und die Anna war ärnes Geistlichen Frau. Wenn sie der alles gestand, das wär wie eine Beichte. Und- sie suchte der Freundin Blick, der ihr warm und teilnahmvoll begegnete.

Anna," sagte sie entschlossen,du sollst's wissen."

Da neigte sie sich zu der Freundin undj gestano ihr die leidenschaftliche Liebe zu dem verheirateten Mann. Zuerst stockte ihre StimRie, allmählich sprach. sie klar und frei. Nichts vgrschwieg sie. Wie das über sie gekommen^ sei, rasch lthf> übMvältigend. Wie der Friedmar mit jedem Bluts- Kopsen an ihr hinge. Daß sie an nichts dächten, als daß sie sich so unermeßlich gut feien. Wie sie Kein Ende sehen wollten in ihrer Glückseligkeit.

Die Freundin, die alles andere eher als dieses Bekennt­nis schwerer Vergehung erwartet hatte, wär völlig fassungs- lyK. Schreckeri und Trauer stritten in ihrem erregten Gesicht. Heiß tropfte es von ihren Wimpern. Endlich sand, sie das Wort.

Lina, du armes Geschöpf! Du hast dich unglücklich gemacht für dein Leben lang."

Das Mädchen sah frei zu ihr auf und sagte ruhig:

So sprichst du. So wird die Mutter sprechen und alle Leut'. Aber keiner weiß, wie mir's zumut ist.. Keins! Und was ich getan hab', gereut mich nicht. Das mach' ich mit mir allein ab. Du glaubst, ich bin schlecht. Ich verdenk' dir's nicht. Ich kann's nicht so von mir geben, lind doch sollst du hören, wie ich mir mein Dun ausleg'. Guck, Anna, wie wir als Kinder h'erumgesprungen sind, hab' ich nichts gewußt von der Welt. Du auch nicht. Wer für

dich ist gesorgt worden von klein auf. Erst hat dich der Herr Pfarrer, dein Vdter, viel lernen lassen. Dann bist du in die Stadt zu deiner Ätt' gekommen und hast noch mehr ge­lernt, daß du auftreten konnt'st vor allen Leut'. Und!vie du zwanzig alt warst, hat der Herr Vikar ums dich angehalten. Und alleweil bist du Frau Pfarrerin und hast dein goldig Bübchen und sitz'st im Glück. Jetzt schau' mich an. Als Kind habt ihr mich güt leiden mögen, habt! viel an mir ge­tan. Das dank' ich euch bis an mein' letzten Tag. Gegen daheim wär's hier im Pfarrhaus wie im Himmel. No, jedes an seinem Platz. Ich wollt' weiter nicht! hoch hinaus.' Ich hab' nuch wider meine Eltern nicht aufgelehut. Ich hab' still- meine Arbeit getan. Wer ich halt' auch meine Gedanken. Und immer im Stall stecken müssen und nicht heraus können, das ist bitter, Anna. Die Mutter hat mir nie ein gut' Wort gegönnt. No, der Vater hat halt seine Geschäfte im Kopf gehabt. Dann ist's abwärts mit uns gegangen. Und ich bin von Haus' gekommen. Und hab' geglaubt, draußen müßt' der Wind anders weh^r. Du lieber Gott! Wie ist mir's gegangen. Gessiimpt und ge­stoßen worden bin ich. Und von den Mannsleuten, die um mich herumgestrichen sind, hat's keiner ehrlich gemeint. Und jetzt daheim, Änna, denkst du, hätt' ich nur zuzugreifeu brauchen. Prost die Mahlzeit! Die reichen Burschen treiben ihren Jux mit unsereins. Aus etwas Ernsthaftes lassen die sich nicht ein. Die geh'n nur dem Heiratsgut nach. Und ein' Fabriker wollt' ich nicht. Das sag' ich offen. Da sitzt man nun in der Stickluft, Jahr für Jahr, und ver­zwatzelt schier. Man möcht' auch 'mal 'ne Freud' haben/ so 'ne rechte Freud', wo einem das Herz schlittert. Und! lauern tut man, immer lauern. Auf einmal kommt einer. Wie 'ne Angst befällt dich's. Du spürst's, der ist's. Und getraust dir nicht zu atmen, so artlich ist dir. Und guckst ihn an. Und's reißt dich! fort. Fragst nicht, wohin. Fragst nicht, ob er ledig ist oder vergeben. Weißt nur, der ist's imd kein anderer. Dem schlägst du nichts ab. Und's schwant dir, jetzt kommt die Freud', und merkst nicht, sie ist schon da. Und zitterst und vergehst. Festhalten möcht'st du's. Ja, wem's glückt. Aber wann's noch so kurz ist,- wann nichts ist, wo du drauf bauen und hoffen kannst,'her- nach gereut dich's nicht. Dann deine Freuds hast du ge­habt, und dein Herz hat geschlittert. 's kann gescheh'!!,- was wifl, missen rnöcht'st du sie nimmer | die Freud'. So denk' ich, Anna. Jetzt weißt du's. Und wann du dich! auch von mir abkehrst lügen wollt' ich nicht."

(Fortsetzung folgt.)

Dar Portemonnaie.

Nach dem Französischen frei übersetzt von Josef Marx.

- Großmutter ist frei von allen Gebrechen; sie ist 93 JahrL alt, hat eine frische Gesichtsfarbe, guten Appetit, klaren Verstand und ein noch jugendliches Herz.

Sie behauptet zwar ost, das Gehör sei nicht mehr so gut und! das Augenlicht nehme ab.Ich bin blind!" sagt sie manchmal, ich bin taub!" Glaubet nicht daran! Großmutter hört, was sie hören will und sieht alles, sogar über ihre Brille. i

Ach! Wenn ein Rembrandt sie uns so malen könnte! Welch schelmische und doch zugleich ehrwürdige Miene! Schöne Gesichts- zöge, ein feines Lächeln, ein Blick voll Nachsicht und Güte kenm zeichnen ihren Charakter. Trotz ihres hohen Alters sieht man, daß sie einst sehr schön gewesen sein muß. Sie ist jetzt noch WbsÄ besonders wenn die Hand einer ihrer Töchter ihre letzten schnee­weißen Haare um ihr Gesicht ringelt.

Ist es nötig, hinzuzufügen, daß sie der Stolz, die Freuds und der Abgott der ganzen Familie ist? Sie ist unser großes Kind. Beim kleinsten Schmerz, der sie trifft, ist jeder beunruhigt und betrübt.

Urteilt.doch selbst! Neulich hatte sie einen großen Kummer^ Ich hatte ihr als Neujahrsgeschenk ein Portemonnaie gegeben/ Um ihm Ehre anzutun, hatte sie einen gewissen Betrag hinein-! gelegt. Eines Tages führte sie meine Schwester von einem Spö- ziergange zurück, wir begleiteten sie abwechselnd, sogar zur Musik . . . Ein Vergnügen ist es, sie zu. sehen, wenn sie irgend ein Stück aus einer alten Oper spielen hört, oder eine Gavotte/ ein Menuett, einige alte Stücke von Mozart oder Boieldien, btti sie an ihre Jugendzeit erinnern.

Am Eingänge ihres Hauses bat sie, wie gewöhnlich, ein Bettler um ein Almosen. Sie greift in ihre Tasche ... das Porte­monnaie ist fort! . . . Sie ist ganz verlegen. Man beruhig» sie:Ihr werdet es zu Hause gelassen haben, Großmutter!" Man tritt ein, man sucht und sucht, jedoch ohne Erfolg. Wir' gehen m aller Eile den Weg, den sie gegangen, noch einmal zurück. Nichts! . . . Verloren, vielleicht gestohlen, das Portemonnme findet sich nicht wieder., Großmutter war ganz außer sich-